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SWR2 Wort zum Tag

Herr: es ist Zeit. Der Sommer war sehr groß.
Leg deinen Schatten auf die Sonnenuhren,
und auf den Fluren lass die Winde los.
Befiehl den letzten Früchten voll zu sein;
gibt ihnen noch zwei südlichere Tage …

Diese Verse von Rainer Maria Rilke sind wie ein Gebet. Sie drücken den Dank für die geschenkte Lebenszeit an Gott aus. Sie sind bestimmt vom Lebensgefühl des Vergehens und der Wehmut. Es geht etwas zu Ende, was ich nicht festhalten kann.
Diese Endlichkeit liegt im Leben selbst, in der begrenzten Zeit des Sommers, des Herbstes, im begrenzten Glück,  im begrenzten Gelingen. Das Leben ist Frist. Lebenszeit ist immer gestundete Zeit.
Herr, lehre uns bedenken, dass wir sterben müssen, auf dass wir klug werden. So heißt es in Luthers Übersetzung im 90. Psalm. Was heißt es zu bedenken, dass wir sterben müssen, um klug zu werden?
Es heißt für mich, den Tod nicht zu verdrängen, ihn nicht aus dem Leben auszusperren, vor ihm nicht sprachlos zu bleiben. Tod und Leben sind aufeinander bezogen. Beide haben ihre Zeit. Wer dies tilgen will, der nimmt sich und anderen eine für das Weiterleben entscheidende Möglichkeit: die Trauer. Trauern heißt: Wege suchen, wie ich etwas von dem bewahren kann, das unwiederbringlich verloren ist. Das ist kein Widerspruch. Nur so komme ich der Mehrdeutigkeit des Lebens nahe: einer Stunde der Geburt folgt eine Stunde des Todes. Das heißt: klug werden. 
Herr: es ist Zeit...
Befiehl den letzten Früchten voll zu sein.
Was hier anklingt, ist der Wunsch nach einem guten Ende.
Aus der Erfahrung, Sterbende zu begleiten, weiß ich, wie ein bewusster Weg zum Tod gelebt werden kann. Zum Beispiel: wenn durch die Möglichkeiten der Palliativmedizin und die Arbeit im Hospiz die Würde am Lebensende gewahrt werden kann. Wenn ich unheilbar krank bin, wünsche ich mir Menschen, die meine Schmerzen lindern, selbst wenn das Leben dadurch verkürzt wird. Ich wünsche mir aber auch Menschen, die mich sterben lassen, die mir den Tod gönnen, wenn meine Stunde gekommen ist, damit ich sagen kann:
Herr: es ist Zeit.

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In einem Gedicht beschreibt Günter Kunert herbstliche Erfahrungen:
Noch ist Sommer. Im Hof
der Baum färbt sich schon gelb.
Wir tanzen. Langsam werden unsere
Schritte schwerer.

In diesen Tagen, wo sich die Natur verändert, wo die Blätter gelb werden und fallen, die Vögel gegen Süden gezogen sind, denken viele Menschen vielleicht über den Herbst in ihrem Leben nach. Wir tanzen. „Noch“ möchte ich hinzufügen. Aber langsam werden unsere Schritte schwerer – ein Bild für Veränderung im eigenen Leben.
Bestimmen mich deshalb Gedanken über den Tod und das Sterben, weil ich mir in diesen Herbsttagen der eigenen Endlichkeit stärker als sonst bewusst werde?
Wenn ich über Sterben und Tod nachdenke, muss ich beim Leben ansetzen.
Je mehr ich das Leben liebe, desto weniger werden mich die Schrecken des Todes bedrängen. Ich weiß mich auch im Tod geborgen, wenn ich mir bewusst bin, wie kostbar das Leben ist.
Im Alten Testament wird diese Geborgenheit in einigen Psalmen ausgesprochen. Sie sind für mich, für mein Denken und Fühlen wichtig. So heißt es in Psalm 139:
 
Ich sitze oder stehe auf, so weißt du es, Gott.
Du verstehst meine Gedanken von ferne.
Ich gehe oder liege, so bist du um mich und siehst alle meine Wege…
Von allen Seiten umgibst du mich und hältst deine Hand über mir.
Alter und Tod sind nicht nur das ferne Ende. Nein, es gibt nicht nur den fernen Tod, sondern er ist immer auch der nahe Tod. Der kleine, alltägliche Tod, der Teil des Lebens ist, den ich sterbe, gerade da, wo ich glücklich bin. Er gehört zu meinem Leben. Jeder muss täglich ein Stück hergeben. In der Erfahrung des Glücks ist jede unerfüllte Hoffnung, ist jede Enttäuschung ein Stück Sterben. 
Leben und Sterben sind miteinander verwoben. Tausende Tode kann ich erfahren, tausend Leben werden mir geschenkt. Als Lebender sterbe ich, und im Bewusstsein des Todes lebe ich. Das ist der Rhythmus des Lebens. Er muss mich nicht beunruhigen, wenn ich ihn von der Kostbarkeit des Lebens her begreifen lerne. Dazu kann helfen, was die Bibel über Leben und Tod sagt: dass ich in Leben und Tod nicht verloren, sondern geborgen bin.

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Sie nannten ihn den Prediger von Buchenwald. 1937 war Paul Schneider in dieses Konzentrationslager gekommen, weil er an Hitlers Geburtstag den Gruß verweigert hatte. Wenn die Mithäftlinge draußen zum Appell antreten mussten, wenn sie geschunden wurden und nur noch das Ende vor sich sahen, dann rief Paul Schneider aus dem Fenster hinaus: Leute, hier wird gefoltert und gemordet. Aber Jesus sagt: Ich bin die Auferstehung und das Leben.
Weiter kam er nicht, weil Wärter auf ihn einschlugen. Aber viele haben diese Botschaft gehört und daraus Kraft bekommen. Und weil er sich nicht entmutigen ließ, weil er immer wieder Botschaften aus dem Fenster rief, wurde Paul Schneider ermordet, vor 75 Jahren.
Die KZ-Schergen mussten ihn zum Schweigen bringen.
Sie spürten, welche gefährliche Kraft in seiner Botschaft steckte.
Worte, die Hoffnung machten, Worte, die sich gegen die Angst stemmten.
So wurde Paul Schneider zum Märtyrer; er bezahlte das Bekenntnis zu Christus mit seinem Leben.
Ich bin dankbar, dass ich in einer anderen Zeit lebe, in einer offenen Gesellschaft, in der es z.B. möglich ist, im Radio über den christlichen Glauben zu sprechen.
In anderen Ländern, im Nordirak oder in Teilen Syriens werden Christen bedroht, sitzen in Gefängnissen oder werden ermordet. Und auch Jesiden und Kurden. Viele verschwinden spurlos, aber von anderen kennt man auch Namen und nähere Umstände. Da finde ich es im Sinne von Paul Schneider, an diese Menschen zu denken und etwas für sie zu tun, z.B. indem man Petitionen unterschreibt oder Angehörige unterstützt. Worte sprechen, die Hoffnung machen, die sich gegen die Angst stemmen. Menschen, die am Verzweifeln sind, wissen lassen, dass sie nicht vergessen sind. Auch Minderheiten anderer Religionen brauchen diese Hilfe, mittlerweile geraten sie sogar in unserem Land unter Druck. Hier wäre es wichtig, die Menschen aufzusuchen, etwa in den Asylunterkünften. Ganz schnell kann hier Vertrauen wachsen.
Das ist die Kraft, die ich mit dem Namen Jesus verbinde. Sie wirkte bei Paul Schneider, und sie wirkt überall dort, wo Menschen Unrecht beim Namen nennen und etwas dagegen tun.
Deshalb wünsche ich mir, dass Christen und Nichtchristen denen beistehen, die wegen ihres Glaubens unterdrückt und verfolgt werden.
Möglichkeiten dazu gibt es viele.

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Das Wort Kirche leitet sich her vom griechischen Kyriake. Das heißt, wörtlich übersetzt: Dem Herrn gehörend.
Wer dem Herrn gehört, wer also – in der Sprache der Bibel – an Jesus Christus glaubt, ihn bekennt, ist Kirche. Die Frage nach der Konfession ist da nicht so wichtig. Die Gemeinschaft im Gottesdienst, das Aushalten anderer Meinungen, die Solidarität mit den Armen: Das macht Kirche aus. Und vor allem: Die Hoffnung auf eine neue Welt, in der Gott regiert, eine Welt ohne Tod, ohne Terror, ohne Hunger.
Ich finde: Unsere Gesellschaft braucht die Kirche. Sie braucht Menschen, die im Namen Jesu Gutes tun, die aber zugleich über diese Welt hinaus hoffen. Sie braucht Diakonie, den Dienst am leidenden Mitmenschen. Und sie braucht die Botschaft von Jesus Christus, dass er den Tod überwunden hat.
Ich bin dankbar, wenn Menschen dieser Kirche verbunden bleiben, sei es in kritischer Distanz oder durch aktives Mitmachen. Beides erlebe ich, z.B. Wenn in unserer Stadt Menschen Geld spenden, damit für traumatisierte Flüchtlinge Sprachunterricht und Ausflüge organisiert werden können. Oder wenn meine Konfirmandengruppe sich an der Aktion 5000 Brote beteiligt und in der Bäckerei vor Ort Brote bäckt.
Immer wieder gibt es auch negative Schlagzeilen. Da treten Dinge zutage, die Kirche unglaubwürdig machen. Kirche ist nicht "kyriake", wenn Geld verschwendet oder Macht missbraucht wird, oder wenn Geschiedene vom Sakrament ausgeschlossen bleiben. Und es ist schlimm, wenn dann die ganze Kirche, die engagierten Menschen und auch die Botschaft Jesu mit dieser entstellten Kirche gleichgesetzt werden.
Deshalb ist es mir wichtig, genau hinzuschauen. Kirchliche Strukturen, Verwaltung und Finanzen sind nötig – aber sie sind auch besonders anfällig für Eigensucht und Missbrauch. Ein Blick auf die Geschichte zeigt, dass es immer wieder zu schlimmen Entwicklungen kam. Aber es gab immer wieder Impulse, von denen Erneuerung ausging, z.B. die Reformation Martin Luthers. Oder die Erweckungsbewegung im 19. und 20 Jahrhundert. Ich glaube: Gott kümmert sich um seine Kirche. Sie ist nicht nur ein menschlicher Verein, sondern auch Gottes Werkzeug. Er wird die Welt erneuern.
Er wird Terror, Krieg und Hunger beenden. Auch durch die Kirche. Durch alle, die dem Herrn, gehören.

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Bei den Ausgrabungen im antiken Olympia hat man die Werkstatt des berühmten Bildhauers Phidias gefunden. Und da lag unter vielen anderen Scherben auch der Boden eines Bechers. Auf seiner Unterseite waren zwei Worte eingeritzt: EIMI PHIDIOY – „ich gehöre dem Phidias“.
Noch die Scherbe trägt den Namen ihres Besitzers und Herrn.
Ich finde, diese Scherbe ist ein schönes Bild für mich und meine Existenz.
Auch sie trägt den Namen des Künstlers, der sie geformt hat. Der Künstler, das ist für mich der Gott der Bibel. Der Schöpfer, der den Menschen aus Erde formt und mit seinem Atem beseelt. Auch, wenn nicht jeder Mensch das von sich sagen würde. Auch, wenn der Name des Künstlers vielleicht unleserlich geworden ist und vergessen wurde. Für mich ist dieser Gedanke tröstlich: Ich gehöre nicht mir, sondern meinem Schöpfer. Und selbst, wenn mein Leben einmal zu Bruch geht, wenn es in Scherben zerfällt  unter den Hammerschlägen des Todes, dann bleibt meine Identität bestehen, für immer und ewig: EIMI CHRISTOU.
„Ich gehöre Christus. Ich bin sein Eigentum.“
Auf einem Grabstein las ich neben dem Namen den Satz: Dieser war auch mit dem Jesus von Nazareth. Das gefällt mir. Dieser Spruch ist ein Zitat aus der Bibel. Aber keines, das den so Angesprochenen ins beste Licht stellt. Denn er enthält indirekt das Bekenntnis, dass der hier bestattete Mensch seinen Schöpfer durchaus nicht immer treu war. Wie Petrus, der ja seinen Herrn verleugnete, und dann eben diesen Satz zu Ohren bekam. Und trotzdem, trotz seiner Schuld darf er zu Christus gehören.
Du bist ja auch einer von diesen Christen, die so viele Fehler machen – so etwas bekomme ich immer mal zu hören. Ich freue mich: Andere nehmen wahr, wessen Namen ich trage, meine Herkunft bleibt nicht verborgen. Ich gehöre mit vielen anderen zu seiner Familie. Ich stehe unter seinem besonderen Schutz. Und keine Schuld, kein Scheitern, ja nicht einmal der Tod kann das auslöschen. „Leben wir, so leben wir dem Herrn. Sterben wir, so sterben wir dem Herrn“, sagt Paulus.
Das hilft mir, wenn ich an den Tod denke. Und ich glaube: einmal wird Gott aus den Scherben meines Lebens etwas Neues formen.

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