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SWR2 Wort zum Tag

Sie strahlt, auch wenn ich sie nur selten anzünde. Unsere Hochzeitskerze. Sie steht bei uns zu Hause an einem Platz, wo mein Mann und ich sie gut sehen können. Vor drei Jahren haben wir geheiratet und seitdem ist diese Kerze bei uns. Und immer dann, wenn ich sie besonders lange anschaue, kommt es mir vor, als würde sie mir sagen wollen: „Brennt füreinander! Eure Liebe soll heiß und stark sein. Sie soll euch wärmen in schönen Augenblicken und sie soll euch trösten, wenn ihr mal nicht weiter wisst.“

Mir tut diese Kerze gut, weil sie mir Hoffnung macht.

“Es ist ganz einfach, wenn dir die Worte fehlen oder es mal brenzlig wird, dann – einfach anzünden“ – , hat mir mal jemand empfohlen.
Das macht mir Mut. Vor allem freue ich mich, dass es Menschen gibt, die uns begleiten und uns durch ihr Gebet unterstützen. Denn wenn wir die Kerze entzünden und sie brennt, dann können wir reden, weil wir uns getragen fühlen. Wir schütten uns unser Herz aus und erzählen uns nicht nur, was uns wichtig ist, sondern auch was wir uns wünschen, was uns weh getan hat und dass, wonach wir uns sehnen. Wir denken über einen Weg nach. Schön, wenn wir einander verstehen – manchmal auch ganz ohne Worte.

„Bleibt Feuer und Flamme füreinander,“ hat uns jemand zur Hochzeit gewünscht. Aber Achtung, nicht verbrennen. Wenn wir genügend Raum zwischen uns lassen, uns Freiheiten für eigene Hobbies und Freundschaften schenken, dann rücken wir auch immer wieder gerne näher zusammen. Unsere Liebe wird dadurch, wie ich finde, tiefer und weiter. Daher will ich die Kerze, unsere Hochzeitskerze, immer dann anzünden, wenn es etwas zu feiern gibt. Sie soll brennen an unserem Hochzeitstag, beim festlichen Essen in der Familie, wenn wir uns nach einem Streit wieder versöhnen oder wenn wir gemeinsam lachen und fröhlich sind.

Heute will ich die Kerze ganz bewusst anzünden und an die Menschen denken, denen es nicht so gut geht in ihrer Beziehung. Ich denke an die Menschen, die an ihrer Liebe zweifeln, die traurig sind oder enttäuscht, oder sogar wütend, die sich alleine und verlassen fühlen und einen Menschen ganz besonders vermissen.

Ich wünsche ihnen, dass das Licht einer Kerze ihnen immer wieder Mut macht und sie tröstet. Denn ich bin mir sicher: die Liebe ist da – mit Feuer und Flamme.

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Als mein früherer Professor zur Tür hereinkommt und ich seine beiden Gehstöcke sehe, erkenne ich ihn fast nicht mehr. Ich habe nicht gewusst, dass er krank ist.

Er hat mich zu seiner Emeritierung, seinem Abschied als Professor von der Universität eingeladen. Über 30 Jahre hat er sich mit den Grundfragen des Glaubens beschäftigt. Also mit Fragen wie: was glaube ich eigentlich? Was trägt und hält mich? Und wie bringe ich Glauben und Denken zusammen?

Und dann kommt er auf mich zu und kann sich kaum auf seinen Beinen halten. Ich habe einen großen Kloß im Hals. Und ich glaube, er hat es mir angesehen.

„Am Anfang wollte ich sie einfach nicht wahrhaben, diese Krankheit“, erzählt er mir später. Parkinson im fortgeschrittenen Stadium. „Ich habe dagegen angekämpft und so getan, als wäre nichts. Ich dachte, dann verschwindet die Krankheit vielleicht.“ „Aber jetzt“, sagt er, „ist sie da und das ist schlimm für mich. Aber“, sagt er weiter, „ich war 60 Jahre lang gesund, ich will nicht jammern.“ Während er versucht mir in die Augen zu schauen, hält er mit seiner Hand seinen Kopf fest. Es tut mir so weh, ihn so zu sehen. Und doch höre ich noch ganz genau den sanften Klang seiner Stimme, die theologische Brillanz aus jedem seiner Worte. Und ich spüre seinen Lebensmut. Seine Frau ist nun die Starke an seiner Seite. Obwohl – er kann es nicht ganz lassen. Er lässt ihr immer noch den Vortritt. Er steht auf, um ihr seinen Sitzplatz anzubieten, obwohl er kaum stehen kann.

Mit einem Lächeln beobachte ich das alles. Und dann tritt er nach all den Gastrednern und den vielen klugen Worten ans Rednerpult und hält seine letzte Vorlesung. Es wird ganz still im Raum. Seine Rede ist kurz, sehr kurz. Er habe immer versucht, seine Theologie an die Studierenden weiterzugeben. Dass Gott uns liebt, bedingungslos. Das ist ihm wichtig. Dann entschuldigt er sich dafür, dass er aus gesundheitlichen Gründen jetzt nicht mehr so kann, wie er will. Und er bedankt sich für die Treue seiner Freunde, seiner Kollegen und zuletzt bei seiner Frau. Ich schlucke. Und dann zitiert er seinen Lieblingssatz aus der Bibel: „Seid stets bereit jedem Rede und Antwort zu stehen, der nach der Hoffnung fragt, die euch erfüllt
(1 Petrus 3, 15).“ Bei diesen Worten muss er sich am Pult festhalten. Laut und klar sagt er dann: „La vita è bella – trotzdem“, „das Leben ist schön, trotzdem“. Er geht vom Pult ab – die beiden Gehstöcke fest in der Hand. Danke, Herr Professor!

 

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Am Ende gewinnen halt doch die üblichen Verdächtigen. Das ist beim Fußball so, beim Nobelpreis oder beim Emmy.

Die Emmys sind vor wenigen Tagen verliehen worden. Mit dem Emmy Award werden herausragende Fernsehproduktionen in den Vereinigten Staaten ausgezeichnet. Emmy lässt sich mit dem Oscar für Kinofilme und dem Grammy für Musikproduktionen vergleichen. Und so geht der Emmy an die besten Fernsehserien, an Schauspielerinnen und Schauspieler, zeichnet die beste Regie und das beste Drehbuch aus.

Und wieder gehen vor allem die üblichen Verdächtigen als Sieger aus dem prestiegeträchtigen Rennen hervor. Das ist auch bei vielen anderen Preisen so. Überraschungen bleiben weitestgehend aus. Klar, auch bei den Emmys gibt es im Vorfeld immer wieder Kandidaten, die als unkonventionell gepriesen werden, die als jung, frisch, neu und anders gelten. Aber am Schluss räumen die Arrivierten die meisten Preise ab. In der Regel setzen sich die Favoriten durch.

Preisverleihungen wie der Emmy spiegeln das richtige Leben wider. Auch da setzten sich zumeist die Favoriten, die Starken durch. Die Leute mit den besten Seilschaften, den guten Kontakten, dem meisten Geld oder der größten Raffinesse. Ganz egal, ob es darum geht, eine Stelle zu besetzen, den Klassensprecher zu wählen, den Vereinsvorstand neu zu bestimmen. Überraschungen bleiben auch hier in der Regel aus.

Diese Tatsache bürstet ein biblischer Text gegen den Strich. Das sogenannte Magnifikat, das Lied, das Maria singt, nachdem sie erfahren hat, dass sie ein Kind bekommen wird. Hier sagt sie von Gott: „Er stürzt die Mächtigen vom Thron und erhöht die Niedrigen. Die Hungernden beschenkt er mit seinen Gaben und lässt die Reichen leer ausgehen.“ (Lk 1, 46-55) Ein frommer Wunsch? Ja. Aber auch mehr. Das Lied der Maria besingt die Hoffnung, dass sich die Welt ändert.  Dass auch die, von denen niemand redet, dass die an den Rand gedrängten und die Mittellosen gesehen werden. Gott, das sagt dieser Text, sieht genau diese Menschen. Er sieht auf die Verlierer, auf die Außenseiter.

Für mich ist das ein Aufruf gegen das Übliche, das Erwartete. Ein Aufruf, den Blick zu weiten – und mehr zu sehen als die üblichen Verdächtigen und Helden.

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(Gerhard Richter 3)

„Verkündigung nach Tizian“, so lautet der Titel einer Serie von Bildern des Malers Gerhard Richter. Als Richter das Bild des italienischen Renaissancemalers Tizian in Venedig sah, war er so begeistert davon, dass er es für sich haben wollte. Und weil das nicht möglich war, hat er es kopiert und in weiteren Variationen immer mehr ins Abstrakte verändert.

Die erste Kopie, die für Richter nicht einmal „halbwegs ansehnlich“ gelungen war, zeigt in einem Raum in Renaissance-Architektur eine im Gebet versunkene Maria. Sie kniet vor einem Lesepult mit aufgeschlagener Heiliger Schrift. Ihr Gesicht und ihre vor der Brust gekreuzten Hände werden von einem Lichtstrahl aus der Höhe erhellt. Ihr gegenüber ist eine der Maria zugewandte schwebende Engelsgestalt zu sehen, in wehendem roten und weißen Gewand, von demselben Licht von oben erleuchtet. In der linken Hand hält der Engel Lilien, mit der rechten Hand weist er die kniende junge Frau auf das Licht aus der Höhe hin. Über allem liegt ein Schleier von Unschärfe und Geheimnis. Trotz Richters Selbstkritik: ein wundervolles Bild.

Warum hat ein Maler der Gegenwart dieses alte Bild aufgegriffen, das die Verkündigung der Empfängnis des göttlichen Kindes durch Maria darstellt? Gerhard Richter selbst sagt dazu: „Das Thema der Verkündigung faszinierte mich; ich stellte mir das einfach wunderbar vor, wenn man etwas verkündigt bekam.“ Er deutet damit an, was Kunst überhaupt ist: eine Botschaft aus einer Welt, über die wir nicht verfügen können; ein Licht der Freiheit, das uns zeigen kann, dass das Wesentliche im Leben nicht zu berechnen ist und nicht in unserem Zweck- und Nutzendenken aufgeht.

Richters Bild leitet meine Gedanken noch weiter: Es ist etwas Wunderbares in meinem Leben. Es ist nicht machbar, sondern es wird mir geschenkt. Liebe ist Geschenk, meine Begabungen sind Geschenk, die Freiheit, die mich denken und handeln lässt, ist Geschenk. Das Leben selbst ist Geschenk. Ich kann über all das nicht verfügen, es wird mir zugesprochen. Gewiss: Es ist mir aufgegeben, zu gestalten, etwas zu leisten, aus meinem Leben etwas zu machen. Aus nichts kommt nichts. Oder doch? Kommt nicht letztlich alles aus einer Welt, in der Nichts und Fülle eins sind und die nichts von mir verlangt als offen zu sein? Kommen auch das Schwere und das Leid aus dieser Welt?

In Richters Variationen zu Tizians Verkündigungsbild löst sich alles Gegenständliche auf; und doch bleiben die Gestalt Marias und die Gestalt aus der lichten, göttlichen Welt in Andeutungen präsent. Es geht um eine Lebenswahrheit, die sich der Darstellung und den erklärenden Worten letztlich entzieht; und die dennoch eine heilsame Gegenwart ahnen lässt – und sei sie noch so verborgen.

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(Gerhard Richter 2)

 In einer Ausstellung des Malers Gerhard Richter in Riehen bei Basel sind auch 15 Bilder des so genannten „Baader-Meinhof-Zyklus“ zu sehen. Sie rufen den „Schwarzen Herbst“ des Jahres 1977 in Erinnerung. Nach einer Serie von Terrorakten, von Morden an führenden Persönlichkeiten in Deutschland und nach einer gescheiterten Flugzeugentführung haben sich damals drei Mitglieder der so genannten „Roten Armee Fraktion“ im Gefängnis in Stuttgart-Stammheim erhängt: Gudrun Ensslin, Andreas Baader und Jan-Carl Raspe. Eineinhalb Jahre zuvor bereits hatte sich die Mitbegründerin der RAF, Ulrike Meinhof, in ihrer Zelle erhängt.

Es sind schockierende, verstörende Bilder, denen Polizeifotos zugrunde liegen. Richter hat sie in einer mehr oder weniger verschwommenen Malweise gestaltet, weil er so vielleicht die quälenden Rätsel ausdrücken wollte, die den Ereignissen von damals anhaften. Das Anliegen, das ihn dabei geleitet hat, wird deutlich, wenn ich seine Bilder von Ulrike Meinhof herausgreife. Da ist auf der einen Seite das Jugendbildnis eines Mädchens mit großen, etwas verträumt wirkenden Augen. Und gegenüber stehen drei Bilder der toten, auf dem Boden ihrer Gefängniszelle liegenden Ulrike Meinhof – trotz der räumlichen Nähe in respektvoller Diskretion gemalt.

Gerhard Richter wurde seinerzeit wegen dieser Arbeiten angegriffen. Für viele waren sie eine Provokation, die traumatische Erinnerungen wach rief. Ich verstehe ihn  so: Er wollte die fertigen Urteile von Schwarz und Weiß, von Gut und Böse aufbrechen und den Blick frei machen für existenzielle menschliche Fragen: Wie konnte es geschehen, dass junge Menschen, mit deren Zukunft sich sicher sehr viele Hoffnungen verbunden haben, ein so trauriges Ende nehmen? Wie konnten sich ihre Ideale von einst so sehr in Verblendung, in hasserfüllten Fanatismus und schließlich in ausweglose Verzweiflung verwandeln? Hatten nicht auch Sie Eltern, Menschen, die sie liebten, und die an all dem Geschehenen ebenso verzweifeln mussten wie die Angehörigen der Opfer? „Kunst hat immer mit Not, Verzweiflung und Ohnmacht zu tun“, hat Richter einmal gesagt. Er wollte mit diesen Bildern kein politisches Statement abgeben, sondern menschliche Tragik ausdrücken. „Es ist Trauer“, sagt er, „aber ich hoffe, man sieht, dass es Trauer um Menschen ist, die so jung und so sinnlos gestorben sind, für nichts.“

Was mich an diesen Bildern Gerhard Richters bewegt, das ist eine Sehweise des Erbarmens, die letztlich stärker ist als das Verurteilen. Das zu sagen ist problematisch, ich weiß es; denn das Leid der Opfer darf nie vergessen werden. Aber vielleicht hilft uns der Maler, in unserem Urteil gelegentlich innezuhalten und auch dort, wo es uns schwer fällt, immer noch den Menschen wahrzunehmen.

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(Gerhard Richter 1) 

„Betty“ – so heißt ein Bild des Malers Gerhard Richter. Zurzeit ist es in der Fondation Beyeler in Riehen bei Basel zu sehen. 1988 hat Richter dieses Bild seiner Tochter nach einem Foto gemalt.

Das Bild zeigt Kopf und Oberkörper der sitzenden Betty. Sie dreht sich vom Betrachter weg und stützt sich dabei mit dem linken Arm nach hinten ab. Was sie trägt, könnte ein Morgenmantel sein, mit Kapuze, leicht geöffnet, weiß mit roten Blumenmustern. Das Gesicht ist abgewandt. Sie zeigt ihre Wange und einen Teil des Halses. Lange blonde Haare sind im Nacken lose zusammengesteckt; eine Haarsträhne fällt über das halb verdeckte Ohr. Von oben scheint Licht auf die Haare und lässt sie hell schimmern – fast wie ein Heiligenschein. Eine leichte Unschärfe verstärkt das Zarte. Alles an dem Bild wirkt sehr vertraut – liebevoll in seinen Details und doch von respektvoller Diskretion. Fast ehrfürchtig.

Betty ist als Person ganz nahe, präsent und unverwechselbar. Und doch bleibt sie auch unnahbar und fremd. Der Hintergrund ist grau – eine Farbe unbestimmt zwischen hell und dunkel. Mit ihrem Blick, mit ihrer ganzen Person wendet sie sich etwas Offenem, Unbekannten zu, das mir verborgen bleibt.

Ein Gleichnis des Menschseins ist dieses Bild; ein Gleichnis dessen, was wir meinen, wenn wir von menschlicher Personalität und menschlicher Begegnung sprechen. Es ist immer beides: Nähe und Distanz, vertraut sein und fremd sein. Wege, auf denen wir einander begleiten und die doch jeder letztlich selber gehen muss – seine Wege gehen, seine Erfahrungen machen, zum eigenen Ich-selbst finden. Kinder sind ihren Eltern seit der Geburt vertraut und wachsen doch in ihr eigenes und anderes Leben hinein. Ehepaare sind einen langen gemeinsamen Weg gegangen, und das vertraute und geliebte Du enthält doch immer einen Rest, der unbekannt ist und mir fremd bleibt. Ja vielleicht nehme ich das Verborgene, das Andere im Du umso deutlicher wahr und achte es umso mehr, je näher ich ihm bin. Mit einem Menschen vertraut sein und ihn lieben heißt: diese Frau, dieser Mann, dieses Kind ist für mich in seinem Tiefsten ein Geheimnis, das ich achte. So wie auch ich in einem unverfügbaren Anteil meiner selbst geachtet werden will. Es ist etwas am Du, das mir verborgen bleibt; und es ist auch etwas in mir, das Dir und selbst mir verborgen bleibt.

Das meinen wir wohl, wenn wir sagen: der Mensch, jeder Mensch, ist ein Ebenbild Gottes.

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