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SWR2 Wort zum Tag

Ich sitze in meinem Lieblingscaféund beiße hungrig in ein Croissant. Vor mir steht eine Tasse Cappuccino. - Wohl etwas mehr als nur das notwendige tägliche Essen und Trinken. Und doch sind es Dinge, die mir gut tun. In der Bibel heißt es: „Der Mensch lebt nicht vom Brot allein.“Und genau so fühle ich mich in diesem Moment: Manchmal braucht es noch etwas mehr, als nur ein trockenes Brot.

Die evangelische Theologin Dorothee Sölle hat einmal dazu aufgefordert, die „Psalmen zu essen“. Sölle schreibt über die Psalmen: „Ich esse sie, ich trinke sie, ich kaue auf ihnen herum, manchmal spucke ich sie aus und manchmal wiederhole ich einen mitten in der Nacht. Sie sind für mich Brot.“

Es beeindruckt mich, von dieser Erfahrung zu lesen. Sie greift eine Gebetsform auf, die in der Kirche seit frühester Zeit geübt wurde. Die sogenannte „Ruminatio“- das heißt, Gebete zu Kauen und zu Schmecken. Man kann sie murmeln oder meditieren, sie verinnerlichen und zu eigen machen. Dabei muss ich nicht alles verstehen. Die Idee der „Ruminatio“ist, durch ständiges Wiederholen mit Gott in Kontakt zu treten. Dabei kann es passieren, dass ich Verse finde, die mir Kraft und Freiheit geben.

Ich habe das schon ausprobiert. Ich habe einen Psalm morgens vor dem Frühstück, in der Mittagspause und abends als Bettlektüre gelesen. Ein paar Verse davon habe ich mir gemerkt und den Tag über immer wieder mal vor mich hingedacht: Unter der Dusche, im Auto, beim Essen.

Ich finde es entlastend, bei dieser Art von Gebet nicht immer eigene Worte finden zu müssen. Einen Psalm kann ich als Formular verstehen. Ein Formular ist etwas, in das ich meinen Namen reinschreiben kann. Und in einen Psalm kann ich eben auch meinen Namen eintragen. Und nicht nur das. Meinen Schmerz und meine Trauer, mein Glück und meine Freude. Mein ganzes Leben kann ich mit hineinlegen. Wenn mir das von Zeit zu Zeit gelingt, merke auch ich beim Murmeln eines Psalmverses, dass er mir zur Nahrung werden kann - genau wie Brot. Oder auch: eine Tasse Cappuccino und ein Croissant.

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Ein Tag „fast“wie jeder andere. Die Sonne brennt vom wolkenlosen Himmel, die Luft flirrt, es ist heiß. Ein Hirte führt seine Schafe durch die Wüste. Plötzlich sieht er einen dürren Busch. Der Busch steht in Flammen. Er brennt, aber verbrennt nicht. Aus den Flammen hört dieser Hirte nun die Stimme Gottes.

Eine Geschichte aus der Bibel. Sie erzählt, wie Gott mit dem Propheten Mose spricht. Ich finde stark, mit welchem Namen sich Gott hier vorstellt. Er nennt sich „Jahwe“. Das kann man in etwa so übersetzen: „Ich bin der, der für dich da ist.“Der Name Gottes ist also ein Versprechen an uns Menschen. Und dieses Versprechen gilt immer und überall.

Wenn ich das viele Leid in der Welt sehe - Kriege, Hunger, Naturkatastrophen, Krankheiten - dann frage ich mich schon immer wieder, wo Gott nun ist. Was ist aus seinem Versprechen geworden, immer für die Menschen da zu sein? Ist der Name Gottes nur ein leeresVersprechen?

Der amerikanische Franziskaner Richard Rohr hat den Namen Gottes, also „Jahwe“, etwas genauer unter die Lupe genommen. Und dabei hat er Interessantes entdeckt.

Wenn ich diesen Namen hebräisch ausspreche; Jahwe,, kann ich währenddessen nicht die Lippen schließen und auch nicht die Zunge benutzen. Richard Rohr und andere Wissenschaftler sind der Meinung, dass der Gottesname dem Geräusch des Ein- und Ausatmens ähnlich ist. Und das soll kein Zufall sein. Denn jedes Mal, wenn ich atme, spreche ich den Namen Gottes aus. Oder anders ausgedrückt: Ich atme den Namen Gottes.

Ich finde das passt zu Gott, so wie die Bibel ihn beschreibt. Gott ist wie die Luft, wie der Atem, der uns füllt. Das zeigt mir auch, wie grenzenlos Gott ist. Denn Atem, Luft aber auch Geist gehen immer über mich hinaus. Wir alle atmen die gleiche Luft, wenn auch auf je eigene und persönliche Weise. Ganz egal welcher Religion oder Überzeugung - im Atmen sind wir gleich. Oder auch: Vor Gott sind wir gleich.

Der Name Gottes - wie mein Atem. Dieser Gott ist da. Vom ersten bis zum letzten Tag meines Lebens, vom ersten Schrei eines Babys bis zum sprichwörtlich letzten Atemzug. Wenn ich daran denke, finde ich es großartig, einfach nur - zu atmen.

 

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Die Welt als Gottes Garten – davon singt in vielen Strophen Paul Gerhardt, Theologe und Dichter im 17.Jahrhundert. Er hat die Pest erlebt, den Dreißigjährigen Krieg und Hungersnöte. Das macht sein freudiges Sommerlied um so kostbarer. Trotz schlimmer Unwetter und auch an unfreundlichen Sommertagen hat dieses Lied seine Wahrheit:

Geh aus mein Herz und suche Freud
In dieser schönen Sommerzeit
An deines Gottes Gaben
Schau an der schönen Gärten zier
Und siehe wie sie mir und dir
Sich ausgeschmücket haben

Die Bäume stehen voller Laub
Das Erdreich decket seinen Staub
Mit einem grünen Kleide
Narzissen und die Tulipan
Die ziehen sich viel schöner an
Als Salomonis Seide

Die Lerche schwingt sich in die Luft
Das Täublein fliegt aus seiner Kluft
Und macht sich in die Wälder
Die hochbegabte Nachtigall
Ergötzt und füllt mit ihrem Schall
Berg Hügel Tal und Felder

Die Glucke führt ihr Völklein aus
Der Storch baut und bewohnt sein Haus
Das Schwälblein speist die Jungen
Der schnelle Hirsch das leichte Reh
Ist froh und kommt aus seiner Höh
In´s tiefe Gras gesprungen

Die Bächlein rauschen in dem Sand
Und malen sich an ihrem Rand
Mit schattenreichen Myrten
Die Wiesen liegen hart dabei
Und klingen ganz vom Lustgeschrei
Der Schaf´ und ihrer Hirten

Die unverdroßne Bienenschar
Fliegt hin und her, sucht hier und da
Ihr edle Honigspeise
Des süßen Weinstocks starker Saft
Bringt täglich neue Stärk’ und Kraft
In seinem schwachen Reise

Der Weizen wächset mit Gewalt
Darüber jauchzet jung und alt
Und rühmt die große Güte
Des, der so überflüssig labt
Und mit so manchem Gut begabt
Das menschliche Gemüte

Ich selber kann und mag nicht ruhn
Des großen Gottes großes Tun
Erweckt mir alle Sinnen
Ich singe mit, wenn alles singt
Und lasse was dem Höchsten klingt
Aus meinem Herzen rinnen

Ach denk ich bist Du hier so schön
Und läßt Du’s uns so lieblich gehn
Auf dieser armen Erde
Was will doch wohl nach dieser Welt
Dort in dem reichen Himmelszelt
Und güldnen Schlosse werden?

Welch hohe Lust, welch heller Schein
Wird wohl in Christi Garten sein!
Wie wird es da wohl klingen?
Da so viel tausend Seraphim
Mit unverdroßnem Mund und Stimm
Ihr Halleluja singen

Oh wär ich da, o stünd ich schon
Ach süßer Gott vor Deinem Thron
Und trüge meine Palmen!
So wollt ich nach der Engel Weis’
Erhöhen Deines Namens Preis,
Mit tausend schönen Psalmen

Doch gleichwohl will ich weil ich noch
Hier trage dieses Leibes Joch
Auch gar nicht stille schweigen.
Mein Herze soll sich fort und fort
An diesem und an allem Ort
Zu Deinem Lobe neigen

Hilf mir und segne meinen Geist
Mit Segen, der vom Himmel fleußt,
Daß ich Dir stetig blühe;
Gib, daß der Sommer Deiner Gnad
In meiner Seele früh und spat
Viel Glaubensfrücht erziehe

Mach in mir Deinem Geiste Raum,
Daß ich Dir werd ein guter Baum,
Und laß mich Wurzeln treiben;
Verleihe, daß zu Deinem Ruhm,
Ich Deines Gartens schöne Blum
Und Pflanze möge bleiben

 

Erwähle mich zum Paradeis,
Und laß mich bis zur letzten Reis
An Leib und Seele grünen;
So will ich Dir und Deiner Ehr
Allein und sonstern Keinem mehr
Hier und dort ewig dienen

( Paul Gerhardt - 1656, (1607 - 1676)

Aus Paul Gerhardts Sommerlied vom Garten

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Der indische Philosoph und Dichter Tagore hat einmal gesagt: „Narren hasten, Kluge warten, Weise gehen in den Garten.“ Was ist so weise daran, in den Garten zu gehen? Was kann man dort sehen und erfahren? Vielleicht zuerst einmal, dass es schön ist, dass es wohl tut, sich einem Garten aufzuhalten, darin zu arbeiten, zu sitzen, spazieren zu gehen ihn zu bestaunen. In einem Garten kommen Geschenke der Natur und menschliche Arbeit zusammen.

Ich kenne Menschen, die gern auch am Sonntag in den Garten gehen und dort tätig sind. Ich sage bewusst nicht: arbeiten. Sie mähen nicht den Rasen und beschneiden keine Bäume, machen keinen Lärm. Aber sie pflanzen und pflegen mit Freude und durchaus auch mit Muße und Andacht. In der Erde wühlen, Gras und Blumen riechen, Farben sehen, Tiere beobachten. Das Wachsen erleben, abhängig von Sonne, Wind und Regen.

„Narren hasten, Kluge warten, Weise gehen in den Garten“, hatte Tagore gesagt. Wohl, weil wir dort etwas vom Geheimnis des Lebens verstehen, besser noch erfühlen und erspüren können. Weise Menschen gehen beim Garten in die Schule. Dort wird mir nichts erklärt, muß ich zunächst einmal nichts verstehen, sondern darf mich darin bewegen. Der Garten ist durchaus eine Lebensschule, hier ereignet sich das „Stirb und Werde“, hier ist die Kraft zu erleben, die in dem Kleinen liegt, das groß wird. Wer selber gärtnert, wirkt darin mit und lernt, dass er Leben und Wachsen nicht machen kann, aber sehr wohl behindern oder begünstigen.

Noch etwas anderes scheint mir wichtig. Ein Garten ist nicht einfach dasselbe wie „die Natur“ oder ein Wald. Garten ist ein Stück Natur, das mit Mühe der Natur auch abgerungen wird, gerodet, angelegt, bepflanzt und oft auch künstlich bewässert. Und: umzäunt. Das deutsche Wort Garten kommt von Gerte, weil man vielfach aus Gerten (mit e) also aus biegsamen Zweigen die Zäune geflochten hat. Garten, also ein geschützter, abgetrennter Raum, ein Ort der Geborgenheit. Geschützt vor fremden Menschen, fremden Blicken, wilden Tieren. Trotzdem fallen auch in unsern Breiten manchmal die Wildschweine in Gärten ein, ganz zu schweigen von den hungrigen Schnecken!

Die Bibel erzählt, daß die ersten Menschen in einem Garten gelebt haben. Sie müssen ihn verlassen, aber sie vergessen ihn nie. So können wir uns bis heute in jedem Garten hoffnungsvoll an das Paradies erinnern.

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Sommerzeit, Gartenzeit. Da erschließt sich vielleicht auch das Bild von Gott als Gärtner leichter als sonst im Jahr. Dieses Motiv begegnet z. B. im Jesajabuch im Alten Testament. Der Prophet Jesaja beschreibt in Bildern vom Garten, wie zwischen Gott und seinem Volk etwas wächst. Gott als Gärtner, wir Menschen sein Garten oder sein Weinberg. Liebevoll legt Gott den Weinberg an, aber statt der erhofften süßen Trauben bringt der erstmal nur saure Beeren hervor. (Jes5) Was hätte ich denn noch tun können für meinen Weinberg?! klagt und schimpft der frustrierte Gärtner. Obwohl er so gute Vorarbeit geleistet hat – das Wachstum hat er nicht in der Hand. Der Weinberg verfällt, doch dann ersteht er neu, von Gott bewässert und bewacht. Das Volk „schlägt wieder Wurzel, blüht und gedeiht, und der Erdkreis füllt sich mit Früchten“, so Jesaja in Kapitel 27. (27,6). Und auch die große Hoffnung und Verheißung, dass einmal alles gut sein wird, begegnet im Bild eines Gartens, der in der Wüste entsteht: „Die Wüste und das trockene Land sollen sich freuen, die Steppe soll jubeln und blühen. Sie soll prächtig blühen wie eine Lilie... In der Wüste brechen Quellen hervor, und Bäche fließen in der Steppe. Der glühende Sand wird zum Teich und das durstige Land zu sprudelnden Quellen“ ((35). In diesem Garten wachsen und gedeihen schließlich auch fremde Gewächse, Menschen aus anderen Völkern kommen dazu. „Statt Dornen wachsen Zypressen, statt Brennesseln Myrten“ heißt es dann noch, und auch die Freude über diesen Garten wird von der Natur ausgedrückt: „Berge und Hügel brechen bei eurem Anblick in Jubel aus, alle Bäume auf dem Feld klatschen Beifall.“ (55) Wo die Menschen gerecht handeln und Nächstenliebe üben, gleichen sie einem bewässerten Garten (58, 11), und von Gott getröstet werden sie aufblühen wie frisches Gras (66,14). (vgl. Simone Paganini, Der Gartentraum des Jesajabuches. In: Bibel heute 2/2008, S.8f.)

Bilder, die gut tun können, an die ich vielleicht wieder denke, wenn ich in einem Garten bin. Mich fühlen als eine Blume oder ein Baum in Gottes Garten, mich fühlen wie ein bewässerter Garten. In Wüstenzeiten auf die Quellen hoffen, die aus mir hervorbrechen können. Beim eigenen Gärtnern ahnen, wie Gott mit uns Menschen verbunden ist.

Im Jesajabuch tut der Gärtner alles für seinen Garten, aber allmächtig ist er nicht. Manches geht ein, was er gesetzt hat, manches kommt wie von selbst hervor. Wie wenn es auch für Gott Überraschungen geben könnte.

https://www.kirche-im-swr.de/?m=17973

In diesen Tagen habe ich das Medaillon wieder in die Hand genommen. Es muß jetzt über 100 Jahre alt sein. Mein Großvater hat es aus dem 1. Weltkrieg mit nach Hause gebracht. Er musste im Elsaß kämpfen, und hat mit einer elsässischen Familie Freundschaft geschlossen. Beim Abschied haben sie ihm das Medaillon mit der Muttergottes geschenkt, für seine Frau, meine Großmutter. Sie hat es zu besonderen Anlässen getragen – ich sehe sie noch vor mir, und irgendwann habe ich es geerbt. Es bedeutet mir viel.

Da haben Menschen den äußeren Zwang, Feinde sein zu müssen, unterlaufen, indem sie sich als Menschen begegnet sind. Der deutsche Soldat hat die elsässische Familie erlebt, und die hat in ihm den Mann gesehen, der getrennt ist von seiner Familie und seiner Frau, die er liebt. Das Bild der Muttergottes auf dem Medaillon weist darauf hin, daß sie wohl auch der Glaube verbunden und diese Rollen als Feinde außer Kraft gesetzt hat.

Als mein Großvater schon lange tot war, habe ich den Hartmannsweilerkopf besucht, jenen Vogesengipfel zwischen Freiburg und Basel, auf dem mehr als 20000 Soldaten gestorben sind. Auf einer Fläche von wenigen Hektar haben sich hier Franzosen und Deutsche belauert und bekämpft, oft nur wenige Meter voneinander entfernt. Heute noch sind die Gräben und Unterstände zu sehen. Menschenfresserberg wird er deshalb auch genannt, der Hartmannsweilerkopf.

Am 3. August, am kommenden Sonntag also, wollen Staatspräsident Francois Hollande und Bundespräsident Joachim Gauck dort gemeinsam den Grundstein zu einer deutschfranzösischen Gedenkstätte legen. Hier soll über die Kriegsgeschichte dieses Ortes aus beiden Perspektiven informiert werden. Die Nachkommen der Kriegsparteien sind hier verbunden in Trauer, Schrecken und Scham.

Für mich gibt es dieses Medaillon. Erinnern hat viele Facetten.

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