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SWR2 Wort zum Tag

Es gibt Dichter, die in der eigenen Person Glauben und Unglauben vereinen. Manche gehen zugleich naiv und reflektiert mit der Bibel um. So schreibt Arnold Stadler im Jahr 2008 einen Roman „Salvatore“ und verarbeitet hier den Film des italienischen Regisseurs Pier Pasolini über das Matthäusevangelium. Er erzählt eine Geschichte der Sehnsucht, verkörpert in Salvatore, der Hauptfigur des Romans.

Salvatore schaut durch Zufall an einem Himmelfahrtstag Pasolinis Film „Das Evangelium nach Matthäus“ an. „Mit dem Versprechen ‚Ich bin bei euch alle Tage bis zum Ende der Welt‘ im Ohr verlässt Salvatore den Saal. Als er herauskam, war er ein anderer.“ (84)

Das Versprechen: ,Seid gewiss. Ich bin bei euch alle Tage bis zum Ende der Welt‘, das Jesus den Verzagten, Armen, Unterdrückten, den Habenichtsen gibt, ist das Wort, das eigentlich jeden hätte umhauen müssen – so Stadler (62) „Da erscheint einer, der sich des armen Menschen erbarmt hat; und zwar zu Lebzeiten. Und darüber hinaus. Das mag man, wenn man religiös unmusikalisch ist, fragwürdig finden. Man kann sich aber auch ergreifen lassen. Dass der Mensch dem Menschen ein Wolf ist, das ist eine römische Weisheit, die aber laut Evangelium nicht der Weisheit letzter Schluss ist, wenn man ihn, den Menschen, im Lichte dieser Botschaft sieht. Salvatore weiß, was das für ein Jesus ist, einer der nicht vorrechnet und verbucht, sondern vergisst und vergibt und gekommen ist, zum Zeichen, dass sich ein Raum auftut, dass die Hilfe von außen kommt.“ (vgl. 193)

In den Evangelien – so Stadler – haben wir die Partitur der Hoffnung des Menschen, dass es nicht aus ist mit ihm. Und zwar wortwörtlich, Wort für Wort. Im Matthäusevangelium, das Pier Pasolini derart zu Herzen ging, dass er es in unerhörte Filmsequenzen übersetzte, sagt Jesus ganz zum Schluss: ‚Seid gewiss: Ich bin bei euch alle Tage bis zum Ende der Welt‘. Das ist sein Schlusssatz. Den schönsten Satz, den Menschen hören können, solange sie leben, hat sich der Evangelist als letzten aufgespart.“ (189)

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Ingmar Bergman war einer der großen Theater- und Filmregisseure des 20. Jahrhunderts. Er lebte von 1918 bis 2007. Vor kurzem wurde aus seinem Spätwerk erneut der Film „Die Treulosen“ im Fernsehen ausgestrahlt.

Die zentrale Figur darin ist ein alter Mann – Bergman mit Namen – der eine Lebensgeschichte ersinnt und aufschreibt. Es ist die Lebensbeichte einer Frau, die in ihm einen Menschen gefunden hat, dem sie ihr ganzes Leben erzählen kann, weil er zuhört. Als junge Schauspielerin war sie glücklich mit ihrem Mann, einem erfolgreichen Dirigenten, und mit ihrer Tochter. Wie im Spiel beginnt sie ein Verhältnis zu einem Kollegen. Und nun beginnt wie grundlos eine Bewegung, in der glücklich liebende und geliebte Menschen als treulose zu Tage treten und ihre Beziehungen zerstört werden.

In der Folge zerbricht die Familie der Schauspielerin und zerbricht das Leben aller Beteiligten. Es ist wie wenn ein Spiel die Ausmaße eines Verhängnisses bekommt und wie wenn ein Verhängnis so grundlos seinen Lauf nimmt wie ein Spiel. All das erzählt die Schauspielerin, alt geworden, dem schreibenden Autor. Beide sehnen sich in ihrem Gespräch nach Heilung des zerstörten Lebens, nach Verstehen und Verstanden werden, nach Vergebung über das Ende ihres Lebens hinaus.

Der Erzähler gesteht, dass ihn in dieser Geschichte „die Wirklichkeit auf Tod und Leben“ selbst „eingeholt und stumm gemacht habe“. „Alles kann geschehen, alles ist möglich und wahrscheinlich“.

Der Film klagt nicht an und urteilt nicht. Er folgt einfühlsam den Lebensgeschichten seiner Figuren in ihrer Tragik bis zum Ende. Er lässt ihnen ihre Rätsel, ist in allen Höhen und Tiefen wie ein aufmerksamer, teilnehmender, ja mitleidender Zuhörer.

Ingmar Bergman hat wohl auch in diesem Film nach dem Bild eines anderen Gottes gesucht, der nicht straft und die Rätsel eines menschlichen Lebens nicht auflöst, so dass am Ende gesagt werden könnte, was richtig und was falsch ist. Der alte Mann, der eine Geschichte von Schuld und Scheitern aufschreibt, hört sie an und bezieht sich zugleich selber mit ein. Er wird Teil dieser Geschichte, die einen Menschen mit seinem Leben, so wie es geworden ist, aufnimmt, liebevoll, geradezu zärtlich, in eine unbedingte Vergebung hinein.

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Gelegentlich muss er sich sogar als der „Ungläubige“ bezeichnen lassen – der Apostel Thomas. Thomas, der Zweifler oder Thomas, der Skeptiker trifft die Sache schon eher. Heute feiert die katholische Kirche seinen Gedenktag

Thomas hat seinen Ruf dem Johannes Evangelium zu verdanken. Demnach ist Thomas nicht dabei gewesen, als der auferstandene Jesus einem engsten Kreis von Jüngern erschienen ist. So kann Thomas auch einfach nicht glauben, was ihm die anderen begeistert erzählen: Wir haben den Herren gesehen. Thomas muss ihn selbst sehen! Und so sagt er zu anderen: Ich kann an die Auferstehung Jesu nicht glauben, bis ich die Nagel-Wunden des Gekreuzigten gesehen  und meine Finger in seine durchbohrte Seite gelegt habe.

Und dann erscheint der auferstandene Jesus nach einer Woche zum zweiten Mal seinen Jüngern. Dieses Mal ist Thomas dabei. Und er sieht Jesus mit eigenen Augen! Eindrücklich ist seine spontane Reaktion: Mein Herr und mein Gott, ruft Thomas aus!

Und Jesus? Er sagt: „Weil Du mich gesehen hast, glaubst Du. Selig, die nicht sehen und doch glauben!“ Oft genug wurde dieser Satz als Tadel aufgefasst. Für mich klingt darin aber auch viel Verständnis mit. Jesus nimmt Thomas ernst.

Mir jedenfalls ist dieser Thomas, der zweifelt, sehr vertraut. Es entlastet mich: Wenn sogar so einer seine Zweifel hat!

Ich finde es aber auch entlastend, dass die Kirche diesen und auch andere Zweifler in ihrem Heiligenkalender stehen hat. Offenbar kann ein Heiliger auch sein, wer zweifelt. Oder umgekehrt: Zweifeln gehört unvermeidlich zum Glauben dazu. Niemand zweifelt aus böser Absicht oder hat sich einfach nur nicht genug angestrengt.

Gott hat sich den Menschen als Gegenüber, als Partner ausgesucht: genau den Menschen, der in seiner Freiheit eben auch nachdenklich und skeptisch ist, der in seinem Glauben tastet und sucht, irrt und zweifelt. Gott lässt sich darauf ein.

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„Weniger als die Hoffnung auf  ihn“  - so beginnt das Gedicht, und es folgt eine Leerzeile, um den Satz zu unterstreichen. Wer soll das wohl sein, auf den so wenig Verlass ist? Wer  verspricht derart mehr, als er halten kann ? „Weniger als die Hoffnung auf ihn // das ist der Mensch/einarmig/immer“  Auch nach diesem Satz  des Gedichts  stoppe ich  irritiert. Habe ich nicht zwei Arme und zwei Hände?  Bin ich nicht, Gott sei Dank, einigermassen vollständig?  Die Folgestrophe gibt den entscheidenden Kontrast: „nur der gekreuzigte./  beide Arme/weit offen / der Hier-Bin-Ich“.  Ohne Schlusspunkt stehen die Verse von Hilde Domin  im Raum, wie ab- und aufgebrochen. Das Gedicht trägt die Überschrift  „Ecce homo“. Das ist bekanntlich ein Zitat aus der Leidensgeschichte Jesu. Da sagt Pilatus zum Volk fast entschuldigend: „schaut, was für ein Mensch“.

Hilde Domin hat dieses Gedicht geschrieben, die deutsche Jüdin  aus Köln, die vor den Nazis ihr Leben ins Exil retten konnte. Von da bekommt der illusionslose Eingangssatz  seine Wucht.  Schonungslos markiert der Vers  das Risiko Mensch, irgendwie  amputiert  und hin und her eiernd zwischen gutem Wollen und bösem Tun. Wer seine Hoffnung, seine letzte vor allem, auf ihn setzt, gerät auf ganz dünnes Eis.  Das Gedicht stellt ein Wesen in den Mittelpunkt, das wir alle sind: vielversprechend  oft, aber wie oft auch enttäuschend.

Umso erstaunlicher ist es, dass die Dichterin mitten in diese  doch  enttäuschende, freilich erschreckend realistische Szenerie  einen anderen stellt. Dass auch der ein Mensch ist, wird gar nicht gesagt, so anders ist er: gekreuzigt und  doch mit offenen Armen für alle und alles, „weit offen“.  In diesem Gekreuzigten, bewusst klein geschrieben, geraten alle  Gekreuzigten und  Erniedrigten  dieser Erde  vor unser  Auge. Dieser Eine steht stellvertretend für sie alle, die Ausgeschlossenen und Vernichteten – er mit den weit offenen  beiden Armen: „der Hier-Bin-Ich“. In der Bibel ist das  ein Schlüsselname : Gott sagt das zum Menschen  und der Mensch sagt es vor Gott und zu ihm: „hier bin ich für dich und mit dir“. Wie nackt steht der gekreuzigte da, aber weit offen, bereit zur Umarmung.

So lässt sich das Gedicht auch als Spiegel verstehen, in dem wir unser wahres Gesicht sehen. Traurig grüßt der, der ich bin, den , der ich sein könnte und sein sollte. Und doch mit größerer Hoffnung: denn der einarmige , der ich bin, sieht sich immer schon dem gegenüber, der „beide Arme/ weit offen“  hat   und  uns umarmt , wie wir sind. Ob dieser  „Hier-Bin-Ich“  uns nicht einlädt, es ihm dann gleich zu tun ?

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Den richtigen Riecher zu  haben – das hilft bekanntlich am meisten im Leben. Oft ist das erste spontane Gefühl, aus dem Bauch heraus, der entscheidende Wink und der goldene Tip.. Deshalb sind Tiere so wichtig, denn von ihnen ist dazu viel  zu lernen. Denken wir nur an die instinktsichere Weisheit der Zugvögel. Fatal ist es deshalb, wie unsereiner die Tiere am liebsten nur zum Schlachten oder Domestizieren braucht, in Funktion also zu menschlichen Nutzinteressen und bestenfalls noch im Zoo zu besichtigen.

Hören wir auf das Gedicht von Hilde Domin mit der Überschrift: „Im Regen geschrieben“,  in ziemlich schwierigen Zeiten übrigens, wo die  vertriebene jüdische Dichterin  wortwörtlich im Regen stand. Also der  kleine Text : „Wer wie die Biene wäre,/die die Sonne/auch durch den Wolkenhimmel fühlt,/die den Weg zur Blüte findet/und nie die Richtung verliert,/ dem lägen die Felder in ewigem Glanz, /wie kurz er auch lebte,/ er würde selten/ weinen.“So weit das Gedicht. Dem Mensch, der sich darin äußert, ist offenkundig zum Heulen zumute; ausweglos ist seine Situation, und das Gedicht ist „im Regen geschrieben“. Umso auffälliger ist die Trostquelle, freilich  wie aus unerreichbarer Ferne und nur im Irrealis beschrieben, der Sprache der schieren Unmöglichkeit: „Wer wie die Biene wäre...“  Ja, der hätte es gut, denn er hätte den richtigen Riecher, und „es lägen die Felder im ewigen Glanz“. Aber leider ist es meist nicht so.

Die poetische Würdigung der Biene nimmt  das Wunder in den Blick, wie dieses Tierchen von Natur aus weiß, wo  es lang geht. Derart sonnengepolt ist die Biene, dass sie  nie die Richtung verliert – selbst wenn der Himmel verhangen ist und alles im Regen steht. Ach, wäre das schön, genau zu wissen, wo wir hingehören  - selbst dann wenn es zum Heulen ist.  Aber unsere Instinkte sind irritiert und durcheinander – und nicht zufällig sind auch die Bienen inzwischen fast vom Aussterben bedroht.  In letzter Minute wird nun gegengesteuert. Die Dichterin  bewundert  den  unbeirrbaren Richtungssinn des Tieres: Vorbild und Anstoß für den richtungslosen, verzweifelten Menschen.  Dessen verkümmerter Orientierungsinn bedarf des Nachdenkens und der Vernunft. Am wichtigsten  aber ist der   richtige Riecher, die Sonnen- und Gottesrichtung. „Wer wie die Biene wäre,/ die die Sonne/auch durch den Wolkenhimmel fühlt,/die den Weg zur Blüte findet/und nie die Richtung verliert, /dem lägen die Felder in ewigem Glanz,/wie kurz er auch lebte,/er würde selten/weinen.“

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Auch in der schönsten Sommerzeit kann der Wochenbeginn mühsam sein. Nicht nur wer früh raus muss, kämpft vielleicht noch mit der Müdigkeit. Manch einen  plagt ja auch  den Tag über  das Gefühl der Erschöpfung. Das Gespür, nicht mehr gebraucht zu werden und irgendwie zu nichts nutze zu sein, kann einen gar lebensmüde machen. In solche Stimmungen hinein höre ich  dieses wunderbare Gedicht von Hilde Domin, die ja als Jüdin nach Santo Domingo fliehen mußte und dann zeitlebens ihren Exilsnamen beibehielt. „Nicht müde werden/sondern dem Wunder/leise/wie einem Vogel/die Hand hinhalten.“  Ein  einziger Satz wie um sich selbst aufzumuntern; der  Satzanfang bildet ausdrücklich auch die Überschrift, so steht er  dringlich und verdoppelt  da : „Nicht müde werden“. Da spricht ein starker Wille zum Durchhalten, aber groß muss die Versuchung  sein zu resignieren oder gar zu verzweifeln. Der  Ratschlag, ja die Bitte nicht aufzugeben kommt offenkundig von weit her..

Die Dichterin spricht  vom Wunder. Mit dem ist stets zu rechnen. Der Glaube ist ein  Möglichkeitssinn, ein realistischer.   Die Wende zum Guten, zum Besseren ist immer möglich. Man muss nur bereit sein und darauf hoffen: „leise wie einem Vogel die Hand  hinhalten“ – diskreter und zärtlicher kann man es kaum sagen. Ich  erinnere mich an eines Morgens am See Genesareth. Die Sonne war gerade im Aufgehen,  ganz nah  am Ufer  ragte ein Ast aus dem Wasser.  Völlig überraschend  setzt sich wippend ein Eisvogel darauf,  aus irgendeinem Wunderland hergeflogen. Noch heute sehe ich mich jubelnd und wie zur Salzsäule erstarrt ganz still stehen, nur offen für die farbige Lebendigkeit  dieses kleinen Fliegers. Und  der fühlt sich tatsächlich sicher: dreimal hintereinander taucht er ins Wasser  und macht  seine Morgentoilette, die Flügel schüttelnd  im  werdenden Sonnenlicht.

Natürlich  sind solche Höhepunkte wie am See Genesareth nicht der Alltag.  Aber wenn etwas von dieser Überraschungslust auch  heute im Spiel wäre, und morgen, wärs nicht schlecht. Was bisher nur selbstverständlich war, kann ja neu entdeckt und geschmeckt werden. „Nicht müde werden/sondern dem Wunder/leise/wie einem Vogel/ die Hand hinhalten.“

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