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SWR2 Wort zum Tag

21JUN2014
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Kopfüber steckt ein menschlicher Körper in einem Tank. Flüssiger Stickstoff umschließt ihn. Es ist kalt. Sehr kalt. Unter minus 130°. Der Mensch ist tiefgefroren. Er wartet darauf eines Tages wieder zum Leben erweckt zu werden.

Was wie der Beginn eines Science-Fiction-Films klingt, ist in den USA bereits Realität. Das Verfahren heißt Kryonik. Kryos ist griechisch und bedeutet Eiskälte oder Frost. Menschen lassen sich direkt nach ihrem Tod präparieren und einfrieren. Die Kälte soll ihren Körper vor dem Verfall schützen. Wenn die Medizin in der Zukunft soweit ist, so ihr Plan, werden sie aufgetaut, wiederbelebt und können ihr Leben fortsetzen. Auferstehung dank Kryonik.

Als ich das erste Mal davon lese, denke ich spontan: Das ist was für Spinner. Dann stell ich mir vor, wie es wäre, wenn es tatsächlich klappt? Irgendwann Jahrzehnte oder Jahrhunderte nach meinem Tod fange ich wieder neu an zu leben. Vielleicht ist es dann sogar möglich, ewig zu leben. Aber will ich das überhaupt? Ehrlich gesagt: je konkreter ich mir das vorstelle, desto unbehaglicher wird es mir.

Irgendwie seltsam. Ich glaube doch auch an Auferstehung und ewiges Leben. Auch ich wünsche und hoffe, dass mit meinem Tod für mich nicht alles aus und vorbei ist. Und dennoch gibt es da einen Unterschied. Ich sehne mich nicht danach, dass es für mich auf dieser Erde irgendwann einmal immer weiter geht: Jahrzehnt um Jahrzehnt, Jahrhundert um Jahrhundert endlos leben, klingt für mich nicht erstrebenswert. Vielmehr hoffe ich darauf, dass der Tod auch jetzt schon kein endgültiges Ende ist, sondern der Übergang zu einer neuen, anderen Dimension.

Zugegeben meine Vorstellung wie das, was dann kommt, genau sein wird, ist eher vage. Aber ich vertraue darauf, dass mein Leben hier nicht ins Nichts fällt. Anstatt auf die medizinischen Möglichkeiten zukünftiger Generationen zu setzen, teile ich eine uralte Vorstellung der Menschheit. Vielleicht bin ich ja auch ein Spinner. Aber die Hoffnung trägt mich. Sie gibt meinem Leben nochmal einen tieferen Sinn. Und vielleicht hilft sie mir auch, es irgendwann loslassen zu können.

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20JUN2014
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Ich blicke in die weit aufgerissen Augen eines Achtjährigen. Für einen Moment starrt er mich an. Dann schleudert er eine rote Plastikkugel in meine Richtung. Sie trifft mich mitten auf den Brustkorb. Auf der Stelle sinke ich nieder. Ich bin ein Monster - betäubt durch die Kugel eines Kindes. Natürlich ist das Ganze nur ein Spiel. Es ist Freitagnachmittag, Abschluss der Gruppenstunde. Wie immer wird getobt. Wer den Raum betritt ahnt vermutlich nicht, was die Handvoll lachender und kreischender Kinder verbindet. Jedes von ihnen trauert – Jeder Junge und jedes Mädchen hat ein Elternteil verloren. Und trotzdem wird in dieser Gruppe viel gelacht und herumgealbert. Das Projekt heißt Trauer-Power. Der Name verrät viel über die Idee, die dahintersteckt: die Kindern sollen eigene Kraftquellen entdecken –Kraftquellen, die ihnen helfen sollen, besser mit ihrer Trauer klarzukommen. Daher richtet sich der Blick nicht nur auf den Verlust. Wir reden nicht ständig über Tod, Abschied nehmen und den damit verbundenen Schmerz. Stattdessen lesen wir Geschichten, spielen Kooperations- und Abenteuerspiele oder basteln. Dabei geht es immer auch darum zu entdecken, was tut mir gut? Welche Schätze trage ich in mir? Phantasie, Kreativität, Neugierde, Mut.

Als ich angefangen habe, die Gruppe zu begleiten, war meine eigene Mutter erst vor wenigen Monaten gestorben. Irgendwann wurde mir klar, dass Trauer selbst kein Gefühl ist. Trauer ist ein Zustand, in dem viele Gefühle vorkommen: Selbstverständlich Traurigkeit und Schmerz, aber auch Freude und Dankbarkeit; manchmal war ich niedergeschlagen, manchmal auch heiter. Vielleicht besteht die Kunst ja darin, jedem diese Gefühle einen angemessenen Platz zu geben.

Wir trauern ja nicht nur, wenn ein geliebter Mensch stirbt. Öfters ist es eine verpasste Chance, der wir nachtrauern oder eine Beziehung, die zerbrochen ist. Einfach darüber hinweggehen, wäre unmenschlich. Es ist wichtig, den Schmerz zuzulassen und traurig zu sein. Wichtig ist es aber auch, den eigenen Stärken zu vertrauen und mit Mut, Phantasie und Kreativität, die Lust am Leben zurückzugewinnen. Dann kann ich erfahren, dass Trauer ist kein Monster, das ich besiegen oder betäuben muss, sondern dass in der Trauer auch viel Power stecken kann: Kraft, um Abschied zu nehmen und Kraft, um Neues zu wagen.

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Ruth Pfau

„Ein verrücktes, ein abenteuerliches und immer wieder in Frage gestelltes Leben“ habe ich geführt. Das sagt die Ordensschwester und Ärztin Ruth Pfau. Vor kurzem verlieh ihr die Universität Freiburg die Ehrendoktorwürde – nach vielen anderen Auszeichnungen, die diese bewundernswerte Frau im Laufe ihres langen Lebens erhalten hat. Dabei war ihr Lebensziel sicher nicht, berühmt zu werden; sie will mehr Menschlichkeit.

Ruth Pfau wurde 1929 in Leipzig geboren. Ursprünglich Atheistin, fand sie als Medizinstudentin zum christlichen Glauben und trat 1957 in den Orden der „Töchter vom Herzen Mariä“ ein. Als sie 1960 in Indien ihren Dienst als Frauenärztin antreten sollte, blieb sie bei einem unfreiwilligen Zwischenstopp im pakistanischen Karatschi hängen und wurde von einer Mitschwester in die Leprakolonie mitgenommen. Die Begegnung mit diesen Elendesten unter den Elenden der asiatischen Gesellschaften wird für sie zum alles entscheidenden Erlebnis: „Ich wusste plötzlich: Hier, hier musste es geschehen. Wie? Gleichgültig. Jetzt! Es war, wie wenn man seine große Liebe trifft: ein für alle Mal.“

Aus bescheidenen Anfängen in den Slums von Karatchi wurde später eine große Klinik. 1980 wurde Ruth Pfau zur nationalen Lepraberaterin im Rang einer Staatssekretärin ernannt. Sie wird pakistanische Ehrenbürgerin. Ihre Arbeit weitet sich nach Afghanistan aus. Ruth Pfau sorgt sich um Menschen mit schweren Behinderungen in den Slums. Der Friedensdialog mit den Muslimen liegt ihr am Herzen. Unmittelbare Hilfe und der Kampf für Menschenwürde und Menschenrechte gehören für sie untrennbar zusammen.

Welchen Sinn hat das Wirken eines einzelnen Menschen angesichts des unermesslichen Elends weltweit? Ruth Pfaus Antworten sind sehr einfach und doch so überzeugend, wie sie nur sein können, wenn sie beglaubigt sind durch das eigene Leben. Dass es nie und nirgends ein Leben ohne Leid gibt – sie weiß es sehr wohl. Das ist für sie kaum zu ertragen und stellt ihren Glauben schmerzlich in Frage. „Vielleicht ist es unsinnig, etwas zu tun“, sagt sie. „Aber nichts zu tun wäre noch unsinniger.“ Und: „Wenn etwas den Menschen gut tut, dann ist es auch ‚sinnvoll‘. […] Mein Glaube, meine Hoffnung, meine Entscheidung, sie sind trotzig. Ich halte sie fest, obwohl so viel dagegen spricht. Mein Glaube an den Sinn ist ein Glaube ‚trotz allem‘.“[i]


[i] Zitate: Ruth Pfau, Leben ist anders. Lohnt es sich? Und wofür? – Bilanz eines abenteuerlichen Lebens, Freiburg 32014; Rudolf Walter, Das Leben ist anders. Die Nonne, Ärztin und Menschenfreundin Ruth Pfau wird mit der Ehrendoktorwürde der Theologischen Fakultät der Universität Freiburg ausgezeichnet, in: Badische Zeitung, 7. Mai 2014, S. 3.

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Edith Raidt

20 Jahre sind vergangen, seit in Südafrika das menschenverachtende Apartheidsystem zu Ende gegangen ist. Was dieses Land heute dringend benötigt, sind hoch qualifizierte und ethisch motivierte Führungspersönlichkeiten.

Edith Hildegard Raidt hat sich von dieser Aufgabe herausfordern lassen. Die aus Rottenburg am Neckar stammende Ordensschwester gründete 1997 in Johannesburg das St Augustine College, die bis heute einzige katholische Hochschule im südlichen Afrika. 64 Jahre alt war Edith Raidt damals. Sie startete, wie sie heute lachend erzählt, „mit absolut nichts, ohne Land, ohne Gebäude, ohne Geld, aber mit Gottvertrauen“. Weltweit haben Menschen die Hochschule unterstützt. Vor allem war Edith Raidt als Gründungsrektorin erstaunlich durchsetzungsfähig. So wurde aus dem unscheinbaren Start eine Erfolgsgeschichte. Hunderte Masterabsolventen und promovierte Wissenschaftler aus unterschiedlichen Disziplinen sind seither aus dieser Hochschule hervorgegangen. Zum Konzept gehört auch, dass der Priesternachwuchs qualifiziert ausgebildet wird. „Wir brauchen dringend eine Theologie in Afrika und für Afrika, eine afrikanische Theologie“, betont Edith Raidt. Wie sonst kann die Kirche auf dem schwarzen Kontinent mit seinen zahllosen Sprachen und Kulturen Wurzeln schlagen?

 Ihr Wirken am St Augustine College ist das dritte wissenschaftliche Leben von Edith Raidt. Ursprünglich wollte sie ja Modezeichnerin werden. Aber unmittelbar nach der Gesellenprüfung – das war 1952 – trat sie in die Schwesterngemeinschaft ein und wurde nach Südafrika entsandt. 15 Jahre lang lehrte sie an der Johannesburger Universität als international renommierte Professorin für Afrikaans, damals die zweite Landessprache Südafrikas. Später gründete sie ein Institut für christliches Unternehmensmanagement und war in diesem Bereich eine sehr produktive Autorin. Aber Edith Raidt ist nicht nur Wissenschaftlerin und erfolgreiche Hochschulpolitikerin, sie ist auch ein spiritueller Mensch. Die Marienverehrung, die in ihrer Gemeinschaft ein besonderes Gewicht hat, ist für sie keine spezielle Nischenfrömmigkeit. Sie drängt vielmehr zu der Frage, wie in einer von Männern dominierten Kirche das Weibliche viel mehr zur gestaltenden Kraft werden kann.

 Vor fünf Jahren hat sie die Leitung ihrer Johannesburger Hochschule in jüngere Hände gelegt. „So lange Kraft und Gesundheit reichen“, sagte die damals 76-Jährige, wolle sie sich für die Zukunft der Menschen in Südafrika einsetzen. Sie tut es bis heute.

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Elke Mildner

Worin besteht der Urtraum meines Lebens? Ich weiß gar nicht, ob ich diese Frage spontan beantworten könnte. Elke Mildner in Rottenburg am Neckar, die ich seit Jahren kenne, nennt  ihren „Urtraum“, ohne zu zögern: Obdachlosigkeit bekämpfen. Seit 35 Jahren ist Elke Mildner Vertrauensperson, Rettungsanker für Menschen, die gestrandet sind – jedenfalls nach herkömmlichen Maßstäben. Alkoholiker, Obdachlose, Strafentlassene mit zerstörten Lebensgeschichten und quälenden Alpträumen. Menschen, die von sich sagen: „Keiner will mich mehr“: Sie machen bei der kleinen Person mit den strahlenden Augen, dem großen Herzen und dem eisernen Willen eine völlig neue Erfahrung: Ich bin willkommen. „Was heilt, ist die Beziehung“, davon ist diese Frau überzeugt.

Elke Mildner hat im Schatten des Rottenburger Doms viele Wohnungen und Häuser gekauft oder gepachtet, die sie mit ihren Freunden zusammen renoviert und wohnlich macht. Manchmal hatte sie sich so verschuldet, dass sie sich nicht einmal die Schuhe neu besohlen lassen konnte. Sie hat eine Stiftung gegründet, therapeutische Wohngemeinschaften, einen Förderverein – sie ist ungemein kreativ und durchsetzungsfähig. Was sie im Tiefsten motiviert, das machen Erlebnisse deutlich, die sie eher am Rande erzählt. So etwa die Begegnung mit Alfred, einem Mörder, der zehn Jahre im Knast verbracht hat, oft gefesselt in einer Beruhigungszelle, weil er so gewalttätig war. Alfred kommt eines Tages zitternd am ganzen Leib zu Elke Mildner. Er habe in einer Resozialisierungseinrichtung fast den Pfarrer erwürgt, sagt er. „Pfarrer erwürgt man nicht“, hat Elke Mildner geantwortet und ihn bei sich aufgenommen. 14 Jahre lang, bis zu seinem Tod ist Alfred bei ihr geblieben und wurde einer ihrer treuesten Helfer. „Zu erleben, dass Menschen wieder Menschen werden, das ist Glück“, sagt sie.
Elke Mildner gehört zu den starken Frauen, von denen die Kirche lebt. Allerdings sieht die studierte Theologin und ehemalige Religionslehrerin vieles in ihrer Kirche sehr kritisch. „Die Armen kommen in unseren Gemeinden nicht vor“, sagt sie. „Das ist ein großes Problem. Und sie erwarten von der Kirche nichts mehr, sie haben kein Vertrauen mehr.“ Die Kirche müsse wieder Zeichen und eine Sprache finden, mit denen sie gerade den Armen nahe sei. Und: neben jedes Ordinariat und jeden Dom gehöre ein Armenhaus. „Wenn wir zu verstehen versuchen, dass uns in diesen Menschen wirklich Christus begegnet, dann sind wir auf einem guten Weg, dann liegt ein Segen drauf.“ Aus dieser Quelle schöpft Elke Mildner ihre Kraft.

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