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SWR2 Wort zum Tag

Ich gebe zu: Mutig bin ich nicht.

Aber tapfer bin ich. Und wie. Weil ich viel ertragen kann. Und ich kann besonders viel aushalten.  

Zum Beispiel: Ich kann es aushalten, wenn ich weit über meine Grenzen hinaus arbeite und fleißig bin. Wenn ich mutig wäre, dann würde ich öfters mal „Stopp“ sagen.

Ich bin tapfer, wenn ich ertrage, wenn andere mir unhöflich begegnen und im Gespräch nicht den richtigen Ton treffen. Wenn ich mutiger wäre, würde ich sofort sagen: „Ich fühle mich nicht verstanden.“

Mutlos schaue ich zu, wenn andere ihren Ellbogen ausfahren.

Mutlos bleibe ich alleine zurück, wenn andere sich zusammentun und sich gemeinsam auf den Weg machen.

Es ist nicht einfach, dann noch mutig zu sein.

Oder doch?

Ich finde, es gehört viel Mut dazu, seinen eigenen persönlichen Weg zu gehen. Egal, was die anderen dazu sagen oder meinen. Es gehört auch viel Mut dazu, den anderen zu zuhören, auch wenn sie nicht den richtigen Ton treffen. Denn dann blicke ich tiefer und verstehe vielleicht auch, was dahinter steckt. Vielleicht entdecke ich solche Seiten auch an mir. Und dann wünsche ich mir mehr Mut.

Ich freue mich zum Beispiel über Menschen, die Mut haben und ihren Lebens-Mut leben.

Wie zum Beispiel Gisela. Sie hat mich angerufen, während ich an diesem Text gearbeitet habe. Allein, dass sie angerufen hat, fand ich mutig. Und aus ihrer Stimme hat so viel Lebensfreude und Lebensmut gesprüht. Klar, habe ich sie nach ihrem Geheimrezept gefragt. „Meine innere Heiterkeit“, sagt sie. „Ich bin einfach dankbar für mein Leben“, erklärt Gisela und „ich habe großes Gottvertrauen“.

Gisela ist 80 Jahre alt. Auch wenn in ihrem Leben nicht alles glatt gelaufen ist und manches kaputt gegangen ist, wie sie erzählt. Als erstes hat sie immer zu Gott gebetet und darauf vertraut, dass alles gut wird. „Manches habe ich dann leichter angepackt und geschafft“, sagt sie. „Aber ich hatte Glück. Gott war immer dabei.“

Ich finde, es gehört eine Riesenportion Mut dazu, so auf Gott zu vertrauen. Das Gespräch mit Gisela hat mit klar gemacht: Egal, was mein Leben noch mit sich bringen wird. Egal, ob es schwere oder schöne Stunden sein werden. Gott geht mit. Darauf vertraue ich. Ich glaube, dann kann es gar nicht so schwer sein, all meinen Mut zusammen zu nehmen, um das zu tun, was mein Herz mir sagt. Danke Gisela.  

 

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„Selig sind die Sanft-mütigen.“ So beschreibt Jesus in seiner Bergpredigt (Matthäus 5,5). Menschen, die keine Gewalt anwenden. Keine Gewalt in der Sprache, keine Gewalt im Umgang miteinander. Es sind Menschen, die Frieden stiften statt Unruhe und Streit.

Gerne wäre ich selbst so ein sanftmütiger Mensch. Denn ich mag Menschen, die sanftmütig sind, weil sie mir zeigen, wie wichtig der gute und respektvolle Umgang miteinander ist.  

Ich glaube, dass Menschen, die sanftmütig sind, milder sind als andere. Sie gehen mit sich und mit anderen zärtlich um und sie wirken so friedvoll auf andere. Sie haben innerlich ihren Frieden gefunden und sie schenken ihn weiter mit einem Lächeln.

Wer sanftmütig ist, spricht mit anderen auch und einfühlsam. Vielleicht ist so ein sanftmütiger Mensch verständnisvoller, hört dem anderen zu und gibt auch mal nach.

Wenn jemand mit einer zärtlichen Stimme mit mir spricht, dann berührt das meine Seele – ganz tief drinnen. Und ganz sanft wächst in mir die Sehnsucht nach Frieden.  

Genau so einen Frieden wünsche ich mir. Ich wünsche mir Frieden da, wo er dringend gebraucht wird. Zum Beispiel in Familien, wo es schon lange kein friedvolles Wort mehr füreinander gibt. In Beziehungen, wo der Frieden schon längst begraben worden ist. in Ländern, in denen jetzt Krieg herrscht.

Ich weiß, dass Frieden Zeit braucht. Ich weiß aber auch, dass Frieden wachsen und reifen kann.Ich möchte gerne damit anfangen, Frieden weiter zu schenken.

Übrigens ich kenne ein Gebet, das Franz von Assisi zugeschrieben wird. Es beschreibt genau diesen Friedens-prozess. In eigenen Worten lautet es so:

 

„Guter Gott mach mich zu einem Werkzeug deines Friedens
dass ich liebe, wenn die Liebe fehlt und dass ich Frieden weiterschenke, wo Menschen miteinander streiten. Gib mir die richtigen Worte, mit denen ich andere sanft und zärtlich berühren kann.

Guter Gott schenke mir die Kraft, immer dann für andere wie ein Licht zu sein, wenn es dunkel ist. Lass mich andere froh und fröhlich machen. Lass mich trösten, wenn andere Kummer haben. Mach mich zu einem zärtlichen Werkzeug deines Friedens und lass mich sanftmütig sein. Amen.

 

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In wenigen Tagen startet die Fußballweltmeisterschaft der Männer in Brasilien. Für die einen die beste Zeit des Jahres, für die anderen ist das einfach nur fürchterlich. Aber sicher ist: Um den Fußball kann man einfach nicht herumkommen. Fahnen in jedem Geschäft, Fußball total im Fernsehen. Und jetzt auch im Radio: Fußball.

Fußball und Religion verbindet vieles. Schon die Sprache verrät das: Die Fans pilgern ins Stadion, das Stadion ist eine Kathedrale des Sports, Anhänger eines Clubs tragen das Trikot wie eine Kutte. Und viele Fans verhalten sich im Stadion wie im Gottesdienst. Auf der Tribüne gibt es Wechselgesänge und wenn der Mannschaftskapitän den Pokal in den Abendhimmel reckt, sieht das aus, wie ein Priester, der einen Kelch hochhält.

Fußball und Religion haben ganz enge Beziehungen. Liegt die eigene Mannschaft zurück, hoffen die Fans auf ein Wunder, Bastian Schweinsteiger ist ein Fußballgott und der Spieler, der das Spiel noch rumreißt, ist der Messias.

Kein Wunder bei all den Parallelen, dass für manche der Fußball eine Religion ist. Manchmal sogar ein Religionsersatz. Da gibt es für Fans in Schalke oder Hamburg nichts Besseres, als sich auf dem clubeigenen Friedhof beerdigen zu lassen. Da wird das »Vater unser« in ein «Fußball unser« umgeschrieben.

Aber es gibt auch Unterschiede. Die Welt des Fußballs ist letztlich eine beschränkte Welt. Fußball spielt sich im Stadion ab, vor dem Fernseher, an bestimmten Tagen in der Woche. Klar, Fußball kann mich den ganzen Tag beschäftigen, aber mein Leben muss ich auch jenseits des grünen Rasens Tag für Tag auf die Reihe kriegen. Da hilft mir der Fußball wenig, der Glaube aber umso mehr. Glaube will nämlich gerade durch das ganze Leben begleiten. Er will helfen, das Leben zu bewältigen und zu gestalten. Das kann ich immer wieder spüren, wenn ich vor schwierigen Entscheidungen stehe. Die Hoffnung, dass mich Gott begleitet und bei mir ist, hilft mir dabei. Mehr, als mein Lieblingsverein. Als ich vor wenigen Jahren meinen Arbeitsplatz gewechselt habe oder bei Konflikten mit den Kindern, da denke ich nicht an Fußball. Da baue ich auf das Vertrauen, das ich in Gott setze. Dass es gut gehen wird. DasGott bei mir ist – auch wenn es Schwierigkeiten gibt.

Ich gebe zu: Ich werde mit Vergnügen die Spiele der Weltmeisterschaft gucken. Aber ich weiß genau, dass das Leben mehr ist, als nur Fußball.

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 Jetzt tobt Godzilla, die riesige Monsterechse, wieder durchs Kino. Seit über 60 Jahren gibt es immer wieder Filme über das riesige Ungetüm. Der erste Godzilla-Streifen stammte aus Japan, in den letzten Filmen aber treibt das Monster vor allem in Amerika sein Unwesen. Aktuell verwüstet es im Film San Francisco – im Kampf mit anderen gigantischen Urzeitmonstern. Die Kreatur im Film ist riesig. Selbst Hochhäuser macht es platt. Die ganze Stadt wirkt angesichts der gewaltigen Monster wie eine Miniaturwelt.

Nun kann nicht jeder etwas wie solchen Filmen anfangen. Monster und Zerstörung, wildes Rumgeballer und Riesenwellen, das ist nicht nach jedermanns Geschmack. Aber neben den Monstern gibt es auch noch Menschen in diesem Film. Und mit ihnen wird in faszinierender Art und Weise umgegangen: Sie werden nämlich als ohnmächtige und hilflose Gestalten gezeigt. Die Monster fegen durch die Stadt, thronen wie Götter auf Hochhäusern, die Welt der Menschen ist da nur noch Staffage.

Selten hat das Kino für die Winzigkeit des Menschen solche starke Bilder gefunden. Denn alles, was die Menschen gegen die Monster unternehmen, fruchtet nichts. Keine Düsenjäger und auch keine Atombomben. Stattdessen zerstören die phantastischen Kreaturen die Stadt, den Raum des Lebens in der modernen Welt. Den Menschen bleibt nur zu hoffen, dass sich Godzilla und die anderen Monster gegenseitig an die Gurgel gehen.

Das ist eine ungewohnte Perspektive – im Kino wie im realen Leben. Dabei steckt schon im Begriff Monster eine wichtige Einsicht. Monster kommt vom lateinischen monstrum, demMahnzeichen, dem Zeigen. Das Monster zeigt also, was Leben eigentlich ist und soll. Denn wenn etwas monströs ist, dann muss ich eine Idee davon haben, was eigentlich normal, was richtig ist. Das Monster Godzilla zeigt vor allem, dass der Mensch viel ohnmächtiger ist, als er immer meint. Angesichts eines solchen monströsen Tieres erweist sich alles Wissen, alles Können als klein und beschränkt. Godzillamacht beispielhaft deutlich, dass die Natur, die Erde, viel größer ist als der Mensch. Und dass der Mensch letztlich ohnmächtig ist.Das bietet wiederum dem Leben eine neue Perspektive. Mich fordert es auf, demütiger mit seinen Fähigkeiten und meiner Ohnmacht umzugehen.

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Meine Mutter wurde während deszweiten Weltkriegs aus ihrer Geburtsstadt Köln evakuiert. Die Alliierten bombardierten die Stadt. Mein Oma und ihre fünf Kinder, darunter meine Mutter, wurden in Züge verfrachtet.Ohne Vater, der war im Krieg. Und niemand wusste, wo es hinging. Quer durch Deutschland fuhr der Zug. Richtung Osten. Tagelang. Zwischendurch wurde der Zug von Tieffliegern angegriffen.

Meine Mutter erzählt, dass sie in Schlesien auf einem Rittergut landeten. Niemand wollte die evakuierte Kölner Familie bei sich haben. Wochenlang hausten meine Mutter mit ihren Geschwistern in zwei winzigen Zimmern. Sie hatten nur das bei sich, was sie am Leib trugen.In Schlesien war zu der Zeit vom Krieg nichts zu merken. Das in Köln bei den Bombenangriffen die Luftschutzbunker erzitterten, hielten die Ostdeutschen für Ammenmärchen. Aber das erste Mal seit Monaten konnte meine Mutter ohne Angst abends einschlafen.

Ich selbst habe das zum Glück nie durchmachen müssen: Bomben und Gewalt, Hunger und Tod. Aber viele Menschen erleben heute das, was meine Mutter vor siebzig Jahren erlebte. Sie müssen fliehen. Allein in den ersten drei Monaten 2014 haben über vierzigtausend Menschen versucht, nach Europa zu kommen. Auf der Flucht vor dem Bürgerkrieg in Syrien, vor unmenschlichen Lebensbedingungen in vielen afrikanischen Ländern. Vierzigtausend Menschen: So viele Einwohner haben Rottenburg am Neckar oder Primasens.

Weltweit sind über dreißig Millionen Menschen auf der Flucht. Sie flüchten vor allem innerhalb ihres eigenen Landes vor Krieg und Gewalt: In Syrien, in Kolumbien oder in Nigeria. Dreißig Millionen: So viele Einwohner hat ganz Kanada.

Wenn ich an die Erlebnisse meiner Mutter denke, dann ist mir klar: Die Menschen auf der Flucht haben ein Recht darauf, bei uns unterzukommen. In Europa herrscht, trotz der Konflikte in der Ukraine, zum Glück Frieden. Und es müsste eigentlich selbstverständlich sein, dass wir das viele, was wir in Deutschland und Europa haben, mit denen teilen, die nichts besitzen, als das nackte Leben. Dass wir die aufnehmen, die heimatlos und auf der Flucht sind. Die Generation meiner Mutter hat erfahren dürfen, wie gut es tut, aufgenommen zu werden. Aus dieser Geschichte dürfen wir lernen.

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Seit einiger Zeit gehen meine Frau und ich Tanzen. Das haben wir noch nie gemeinsam gemacht und es macht riesigen Spaß.Nur ein Thema sorgt immer wieder für Schwierigkeiten: Wer führt? Klar, manchmal verheddern sich auch unsere Füße. Auch die richtigen Schritte müssen gelingen. Aber schwieriger ist doch die Frage, wer die Richtung bestimmt. Wenn es nach dem Tanzlehrer geht, ist das alles ganz einfach. Sein ständig wiederkehrenderSatz lautet: Der Mann führt. Basta. Nur wie das geht, das Führen, das sagt er uns nicht.

Manche machen aus dieser Frage ein Grundsatzproblem. Da geht es um Geschlechterkampf und die Vorherrschaft in der Beziehung. Meine Frau und ich sehen das entspannter. Für uns geht es darum, gut miteinander zu tanzen. Aber dafür muss einer führen und einer geführt werden. Und bei Standardtänzen ist es üblich. dass der Mann führt.Gut. Aber wie führt man?Das hab ich noch nicht richtig raus. Wie deutlich muss ich meiner Tanzpartnerin machen, dass wir anfangen, dass wir jetzt zur Seite tanzen, dass jetzt eine Promenade kommt und dann die Drehung. Gebe ich zu früh Impulse, dann weiß meine Frau nicht, was ich will. Mache ich zu spät deutlich, was Sache ist, dann finden wir nicht mehr zueinander. Timing, der richtige Zeitpunkt, ist da alles. Und die richtigen Impulse.

Tanzen spiegelt für mich das Leben wieder. Auch hier muss ich manchmal Impulse geben – und oft genug tue ich das, was andere wollen. Ich gebe Impulse: Ich habe eine Idee für das Wochenende, was wir mit der Familie machen können. Oder ich engagiere mich in meiner Kirchengemeinde in Sachen Musik. Aber ich lasse mich auch führen: Das Aufgabengebiet in meinem Beruf ist vorgeschrieben, ich habe bestimmte Rollen in der Familie, ich muss die Steuererklärung machen.

Ich merke deutlich: Leben ist wie Tanzen. Es kann gelingen, wenn ich führe und wenn ich mich führen lasse, wenn ich mit anderen im gleichen Takt bin und wenn wir uns auf einen gemeinsamen Tanz einigen. Und dann stellt sich manchmal dieses unbeschreibliche Gefühl ein: Wir schweben, gemeinsam, über das Parkett.

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