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SWR2 Wort zum Tag

Rettung gibt es dort, wo die Gefahr am größten ist.
So jedenfalls sehen es die die Fischer auf den Lofoten:
Wenn die großen Stürme kommen, geschieht es immer wieder, dass einige Fischer ihre Boote am Strand vertäuen und sich an Land begeben. Andere aber stechen eilig in See.
Die Boote sind auf hoher See sicherer als am Strand. Auch bei ganz großen Stürmen sind sie durch die Kunst der Navigation zu retten. Und selbst bei kleineren Stürmen werden sie am Strand von den Wogen zerschmettert."
Ich glaube, dass diese Weisheit auf jedes Leben übertragbar ist.
Es werden Stürme kommen, die das Leben durcheinanderwirbeln.
Aber bleib nicht an Land!
Bleib nicht auf dem Boden deiner Ängste und deiner Sicherheiten.
Hab Mut, stelle dich den Schwierigkeiten. So kannst du die Gefahr überstehen.
Ich habe Freunde, die das tun.
Sie mischen sich ein in schwierige politische Auseinandersetzungen.
Sie erleben, wie ein Sturm alte Ordnungen durcheinanderwirbelt.
Das Miteinander von Mann und Frau, traditionelle Vorstellungen von Ehe und Familie sind fraglich geworden. Was viele Menschen als segensreich erfahren, droht unterzugehen.
Wer in diesen Sturm hineingeht, muss sich warm anziehen.
Und er braucht jemanden, der mit im Boot sitzt und ihm den Rücken stärkt.
Noch mehr gilt das für die persönlichen, existentiellen Stürme.
Lebenskrisen, Krankheit, Abschied nehmen, das Sterben: Das sind Erfahrungen, die bedrohen, entwurzeln, Angst machen. Diese Erfahrungen können dazu führen, dass Menschen den Glauben an Gott verlieren. Aber sie können auch dazu führen, dass Menschen Gott begegnen.
Wie in jener Geschichte, in der Jesus mit seinen Freunden im Sturm unterwegs war.
Er saß nicht, nein, er lag und schlief im Boot, und alles schien verloren, dem Unwetter preisgegeben, der Laune des Zufalls. Und doch: Mitten in Todesangst und Gefahr ist er da, steht auf und wendet die Not.
Es ist nicht einfach, das zu glauben: Rettung gibt es dort, wo die Gefahr am größten ist.
Stürme machen Angst.
Aber ich habe es erfahren, Gott ist da, und er ist besonders denen nah,
die vom Leben gebeutelt sind.
Nicht der Sturm ist die Rettung.
Sondern Er, Jesus, ist die Rettung im Sturm.

https://www.kirche-im-swr.de/?m=17023

Gutes zu tun, das ist etwas anderes als Böses zu tun.
Die Wahrheit zu sagen ist etwas anderes als zu lügen.
Menschen mit Schwierigkeiten beizustehen, das ist etwas anderes als einen Bogen um sie zu machen. Den Mund aufmachen für Menschen ohne Stimme,
das ist etwas anderes als zu schweigen.
Ein Wort aus der Bibel drückt es so aus:
„Gerechtigkeit führt zum Leben, aber dem Bösen nachjagen bringt Tod.“ (Spr. Sal)
Gerechtes Handeln wird hier klar vom Tun des Bösen unterschieden.
Maßstab dieser Unterscheidung ist nicht das Handeln selbst, sondern sein Ergebnis.
Das Gute führt zum Leben, das Böse führt zum Tod.
Sehr deutlich wurde mir das bei einem Besuch von Yad Vaschem, der Gedenkstätte für die Opfer des Holocaust in Jerusalem.
Schonungslos die Bilder und die Texte, in denen Bosheit und Grausamkeit der Täter dokumentiert sind.
Klar getrennt davon sind die Steine im Garten. Auf ihnen stehen die Namen derer, die sich dem Bösen widersetzten - auch der Name eines Mannheimer Pfarrers ist dabei: Hermann Maaß. Ben Zadik - Sohn des Gerechten - so der Titel dieser Menschen, deren Tun dem Leben diente.
Das Böse ist der Feind des Guten - und umgekehrt. Was hier so klar und greifbar scheint, muss im Grau des Alltäglichen oft mühsam gelebt werden.
In unserer Stadt lebt eine Gruppe junger Tamilen. Sie gelten in ihrer Heimat als potentielle Terroristen. Sie sind geflohen, um Folter und Tod zu entgehen. Und als jüngst die ersten Abschiebungen drohten, hat sich eine Gruppe aus allen Kirchen dieser Stadt zusammengetan, um zu helfen. Diese Kirchen haben eine gemeinsame Überzeugung:
Gott will, dass seine Menschen leben.
Wir müssen denen helfen, deren Leben bedroht ist. Wir tun es, indem wir sie einladen. Sprachkurse anbieten. Mit Behörden reden.
Ich glaube, dieses Tun ist richtig und gut, auch wenn man es sicher noch besser machen könnte.
Und doch - Es gibt viel zu viel Ungerechtigkeit, die keiner sieht oder sehen will.
Ein Grund mehr, genauer hinzusehen. Und das Gute zu tun, so gut es halt geht. 

https://www.kirche-im-swr.de/?m=17022

Ich glaube, ich habe eine Seele. Sie verbindet mich mit meinem Schöpfer, mit Gott.
Und sie macht mich zu dem, was ich bin. Ich muss schon ein wenig achtgeben auf meine Seele. Es wäre schlimm, wenn sie verkauft würde - oder verloren ginge.
Kann man das überhaupt: die Seele eines Menschen kaufen oder verkaufen?
Angeblich aus Langeweile hat ein Student aus Seattle seine Seele bei Ebay zum Verkauf angeboten und dafür immerhin 400 Dollar erzielt. Doch dann hat Ebay den Handel gestoppt. Aus rechtlichen Gründen: Sollte es keine Seele geben, wäre die Versteigerung ungültig. Und sollte es eine Seele geben, wäre der Verkauf auch ungültig, weil Ebay den Handel mit menschlichen Organen verbietet.
Für mich ist freilich die Seele kein sichtbares Organ, sondern die Mitte meines Lebens.
Im AT sitzt die Seele im Atem, genauer: in der Kehle des Menschen. Sie wird dem Menschen von Gott eingehaucht. Alles, was den Menschen ausmacht, sein Denken, die Gefühle, seine Lieder haben hier ihren Ursprung. Die Seele besingt die Größe Gottes. Sie sieht und erkennt Gottes Wirken, sie redet mit ihm und redet mit mir.
Gott wiederum kümmert sich um jede Seele; befreit sie von Angst, schenkt ihr neuen Atem und damit neue Lebenskraft.
Hüte dich und bewahre deine Seele gut, heißt es in der Bibel.
Und noch stärker zeigt sich die göttliche Seel-Sorge bei Jesus: Was hilft es dir, wenn dir die ganze Welt gehört, aber deine Seele dadurch Schaden nimmt?
Was hilft dir die Gesundheit, dein Geld, der Erfolg, die gute Altersvorsorge, wenn das verloren geht, was dich mit Gott verbindet?
Also achte ich auf meine Seele.
Auf die Bilder, die ich ihr vorsetze, auf Worte, die sie zu hören bekommt. Arbeit ohne Pause - das tut ihr nicht gut. Gewalt im Fernsehen oder im Internet - nie kann sie es vergessen.
Ein Körper ohne frische Luft und Bewegung - sie wird traurig und krank.
Gute Worte stärken sie - ich finde sie in der Bibel.
Gute Musik macht sie fröhlich - die finde ich auch auf SWR 2.
Und wenn ich mich ausspreche, mein Unglück klage oder meine Schuld bekenne - dann atmet sie auf.
Ja, ich glaube es: Ich habe eine Seele. Sie verbindet mich mit Gott.
Deshalb achte ich auf meine Seele und spreche freundlich mit ihr.
Du, meine Seele, singe. Wohlauf und singe schön. Dem welche alle Dinge zu Dienst zu Willen stehn.

https://www.kirche-im-swr.de/?m=17021

Es läuft etwas falsch in unserer Gesellschaft. Reuelos sei sie geworden. Meint die Juristin und Psychotherapeutin Rotraud Perner in ihrem Buch „Die reuelose Gesellschaft.“ Und wenn ich an die vielen Skandale in den letzten Jahre denke: Sie scheint Recht zu haben.
Sünder gibt es viele, aber Reumütige? Es wird viel mehr Kraft und Energie aufgewandt, sich selbst zu rechtfertigen, anstatt ohne Ausflüchte seine Verfehlung einzugestehen, sich selbst und anderen gegenüber. Und diese um Entschuldigung zu bitten.
Allerdings; so neu ist das Phänomen der Reuelosigkeit doch nicht.
Von Rudolf Otto Wiemer gibt es ein älteres Gedicht. „Gegen Ausflüchte“ heißt es. Ein Gebet, in Gedichtform. Dafür, dass man sein Ego nicht mit Ausflüchten und reuelos versucht, sauber zu waschen. Stattdessen:

Klebe mir, Gott, den Mund nicht zu mit Unmut oder kindischem Trotzen, öffne …ihn der geläufigen Rechtfertigung nicht,
lass mich sagen unter allen, die schuldlos sich wähnen,
die hinter den Argumenten wie hinter Liguster, der ständig nachwächst, dreist sich verstecken,
lass mich…  heraustreten aus dem Gestrüpp,
lass mich nicht sagen: Gesellschaft
nicht: Vater und Mutter, nicht Verführung,
lass mich sagen, Gott: Ich bin schuld.

Ja, wenden Sie vielleicht ein: Reue zeigen vor Gott, das ist womöglich einfach. Bei Gott kann man auf Vergebung hoffen, wenn man an ihn glaubt. Aber kann man das heutzutage auch bei Menschen?
Es ist etwas daran an diesem Einwand, glaube ich. Unsere Gesellschaft ist vielleicht nicht nur reuelos, sie hat auch etwas Gnadenloses. Und wahrscheinlich sind das zwei Seiten derselben Medaille: Wenn ich fürchten muss, dass meine Reue gnadenlos beantwortet wird, dann suche ich vielleicht mein Heil hinter Ausflüchten und einer scheinbar sauberen Fassade.
Wie es anders geht, erzählt eine Geschichte aus der Bibel, ausgerechnet am Beispiel der Pharisäer(Joh 8):
Sie haben eine Frau beim Ehebruch erwischt und zerren sie vor Jesus. „Auf Ehebruch steht Steinigung. Was sagst Du dazu?“ fordern sie Jesus heraus. Und er: „Wer von Euch ohne Sünde ist, der werfe den ersten Stein.“ Und dann: Als sie das hörten, gingen sie weg, einer nach dem anderen, die Ältesten zuerst.“ Die Jungen wären wohl gnadenlos geblieben. Aber die Älteren erinnern sich ihrer eigenen Fehler. Und wissen: Wenn nicht mehr vergeben wird, wird das Leben heillos. Jeder Mensch braucht die klugen Anderen, die vergeben. Auch öffentlich. Vielleicht öffnet das auch denen den Mund, die etwas zu bereuen haben.

https://www.kirche-im-swr.de/?m=17061

Der christliche Glaube ist heiter und lebensbejahend.
Auch wenn man das Christenmenschen nicht immer ansieht. Da hat Nietzsche schon recht mit seinem Hinweis, dass die Christen „erlöster“ aussehen müssten. Etwa so wie Hanns Dieter Hüsch es ausgedrückt und auch gelebt hat:

"Ich bin vergnügt, erlöst, befreit,
Gott nahm in seine Hände meine Zeit,
mein Fühlen, Denken, Hören, Sagen,mein Triumphieren und Verzagen,

das Elend und die Zärtlichkeit.
Was macht, dass ich so fröhlich bin?
Ich sing und springe her und hinvom Kindbett bis zur Leich.
Was macht, dass ich so furchtlos binan vielen dunklen Tagen?
Es kommt ein Geist in meinen Sinnwill mich durchs Leben tragen.
Was macht, dass ich so unbeschwertund mich kein Trübsinn hält?Weil mich mein Gott das Lachen lehrtwohl über alle Welt."

Ostern lehrt den Glauben dieses Lachen. Darum ist der höchste christliche Feiertag auch nicht Fastnachtsdienstag und schon gar nicht der Aschermittwoch. Beide sind letztlich „Aussichtspunkte“ auf Ostern. Und sogar der Karfreitag oder Weihnachten, ihren tiefen Sinn und Glanz erhalten sie erst, wenn man in ihnen das Osterlachen durchhört.
So wie es schon Jesus in der Bibel seinen ängstlichen Freunden gesagt hat: „Nach drei Tagen werde ich auferstehen. Dann habt ihr so viel Grund zum Lachen, wie nie. Ostern macht sogar den Tod lächerlich.“
Insofern sind jeder Tag und jede Erfahrung – auch schlimme - für Christen Aussichtspunkte auf Ostern. Und es gibt auch morgen keinen Grund, über die Maßen traurig zu sein. Auch Aschermittwoch geht vorbei. Und das schöne Ostern kommt.
Darum gibt es auch keinen Grund, so schlecht von Fastnacht zu denken wie manche ernste Christenmenschen das tun. Als sei der Ernst an Ostern auferstanden und nicht das Lachen.
Ich weiß schon, mancher Narr schießt an Fastnacht übers Ziel hinaus. Aber wie sagt schon der alte Lateiner: Abusus non tollit usum.
Missbrauch hebt den rechten Gebrauch nicht auf.
Und das lateinische Sprichwort geht sogar noch weiter. Missbrauch hebt den Gebrauch nicht auf, sed confirmat substantiam. „Er bestätigt sogar das wahre Wesen“. Und zum wahren Wesen der Fastnacht gehört mindestens zweierlei:
Ich bin kein besserer Mensch als die ausgelassenen und heiteren,
bloß weil ich ernst bin.
Und: Keine menschliche Narretei kann so schlimm sein, dass sie nicht von Gottes Osterlachen aufgehoben werden könnte.
Darum halte ich mich an Hanns Dieter Hüsch:
Was macht, dass ich so unbeschwertund mich kein Trübsinn hält?Weil mich mein Gott das Lachen lehrtwohl über alle Welt."

https://www.kirche-im-swr.de/?m=17060

Eigentlich bin ich ja ein ziemlicher Fastnachtsmuffel. Aber den Rosenmontagsumzügen, denen kann ich doch etwas abgewinnen, vor allem den politischen Motivwagen. Wenn sie „protestantisch“ werden. Nicht im Sinn von „ernst“ oder „humorlos“. Sondern im Sinn von protestlerisch-frech, im Blick auf hohe Herrschaften. Ich bin gespannt, wie unsere „Angela“, ihr Vize „Sigmar“ oder „König Horst“ aus München heute in Mainz, Köln und Düsseldorf aufs Korn genommen werden.
Satirisch-humorvoller Protest auf politisch Mächtige wie bei den Rosenmontagszügen, Vorbilder dafür gibt es sogar schon in der Bibel. Literarische jedenfalls. Im Alten Testament steht eine wunderbar bittere Satire gegen das Königtum. Verpackt in die Form einer Fabel. Jotham heißt der satirische Machtkritiker und seine Kritik ist fundamental. Fast anarchistisch. Tenor: Was soll man als Volk von einem König schon erwarten können?
Folgende Szene malt er seinen Zuhörern vor Augen: Eines Tages hätten die Bäume beschlossen, sich einen König zu wählen, erzählt Jotham.
Erster Kandidat: Der Ölbaum. Sei unser König, sagen die anderen. Aber der Ölbaum hat keine Lust auf Macht:
„Soll ich meine Fettigkeit lassen, die Götter und Menschen an mir preisen, und hingehen, über den Bäumen zu schweben?“
Dann halt nicht. Zweiter Kandidat: Feigenbaum, spinnt Jotham seine Satire weiter. Aber auch dem Feigenbaum steht der Sinn nicht nach Höherem: Soll ich meine Süßigkeit und meine gute Frucht lassen und hingehen, über den Bäumen zu schweben? fragt er rhetorisch.Als dritten bitten sie den Weinstock.Aber auch der gibt ihnen eine Abfuhr und will lieber weiter Götter und Menschen fröhlich machen, als in höheren Machtsphären zu schweben. Aber sie lassen nicht locker und tatsächlich, einer findet sich, die herrschaftsfreie Not endlich zu beenden: Der Dornbusch. Generös stellt er sich vor seine prachtvollen Mitbäume und hebt auch gleich fulminant an zu seiner Inthronisationsrede: Ist's wahr, dass ihr mich zum König über euch salben wollt, so kommt und bergt euch in meinem Schatten; wenn nicht, so gehe Feuer vom Dornbusch aus und verzehre die Zedern Libanons.(Richter 9,7ff) Ich vermute, das Antikönigsgelächter war groß, angesichts der Leistungen, die die Einführung der Königtums verheißt.
Soweit die fabelhafte Satire aus biblischen Zeiten. Durchgesetzt haben die Königskritiker sich damals nicht. Auch Israel hat das Königtum eingeführt. Bis es wieder untergegangen ist. Aber Jothams freche Satire auf die Macht ist in der Bibel immer noch lebendig. Gut, wenn ein bisschen was davon auch in Rosenmontagszügen lebt. Das erdet Mächtige.

https://www.kirche-im-swr.de/?m=17059