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SWR2 Wort zum Tag

Unterwegssein – ein häufig gebrauchtes Bild für das Leben. Wer sich beruflich auf eine Stelle bewirbt, schreibt einen Lebenslauf. Wir reden vom Lebensweg und davon, dass wir durchs Leben „gehen“. Manche haben auch das Gefühl, durchs Leben zu rennen.
In der Bibel wird das Leben einmal mit einem Wettlauf verglichen. Paulus spricht davon, in einem seiner Briefe: Die Athleten treten im Stadion gegeneinander an. Sie haben trainiert, sich auf ihren Wettkampf vorbereitet. Sie sind sich ihrer Kräfte bewusst. Nun liegt alles daran, einen möglichst guten Lauf hinzulegen. Am Ende winkt der Siegeskranz, die Medaille, der Preis.
Für jeden, der gerne Sport treibt, ein ansprechendes Bild. Es gibt etwas, wofür es sich einzusetzen lohnt, selbst wenn es Disziplin, Anstrengung, Verzicht fordert – das Ziel ist entscheidend. Das will Paulus offenbar sagen. Und für ihn ist das Ziel die ewige Gemeinschaft mit Gott.
Doch genau hier entsteht eine Kluft, die das alte Bild vom Lebens-Wettlauf heute unverständlich macht, ja vielleicht sogar gefährlich werden lässt. Für Generationen konnte das Bild vom Wettlauf eine Ermutigung sein, die eigenen unbefriedigenden Lebensumstände zu ertragen – um eines höheren Zieles willen. Augen zu und durch, durchs „irdische Jammertal“!
Doch wer möchte seinen Lebenswandel heute noch nach dieser Devise verstehen, geschweige denn die eigenen Lebensumstände mit dieser Perspektive überstehen. Wo die hiesigen Lebensverhältnisse widrig sind, müssen sie verändert werden – zum Besseren.
Aus dem Kampf um den Siegeskranz des Paulus wird der Kampf ums gute Leben. Aus dem Lebens-Wettlauf das Rennen ums Leben als letzte Gelegenheit, um ein Leben, in dem man so viel wie möglich erlebt haben will.
Geht’s auch gelassener? Wohl nur, wenn wir die Zielperspektive des Paulus zurückgewinnen. Und möglicherweise geht es Paulus gar nicht so sehr um einen Wett-Lauf als vielmehr um ein Laufen mit Blick auf ein Ziel.
Also, wofür lohnt es sich zu leben? Vielleicht dafür, dass ich im Verlauf meines Lebens einen Menschen glücklich machen konnte. Vielleicht dafür, dass ich etwas von der Schönheit des Lebens entdecken und auch anderen vermitteln konnte. Vielleicht auch nur, um die Zusage Gottes zu hören: „Du gehst nicht allein. Ich begleite dich.“

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Ich lese gern Biografien. Sie geben mir teil am Leben anderer. Ich kann mein Leben ja nur einmal leben und in eine Richtung. Die Biografien anderer zeigen mir ganz und gar andere Optionen – Möglichkeiten, die ich selbst nie verwirklichen kann, die mir bei der Lektüre jedoch auf den Leib rücken.

Das Spannende an Lebensgeschichten ist für mich die Vielzahl ihrer Themen und Wege. Jedes Leben verläuft anders, jedes hat andere Schwerpunkte und Gewichte, verfolgt einen anderen roten Faden. Menschen stellen sich die unterschiedlichsten Lebensaufgaben. Jeder und jede entwirft das eigene Leben auf ganz eigenwillige Weise.

Natürlich finde ich mich in den Lebensgeschichten anderer nicht immer wieder. Manch einer Geschichte kann ich viel abgewinnen, anderen eher weniger. Manche sprechen mich an, ich verspüre Bewunderung oder Respekt vor dem, was geschildert wird. Andere stoßen mich ab, und ich denke vielleicht: Wie kann man sein Leben so vergeuden.

Trotzdem finde ich es spannend, Lebensgeschichten am Ende unter eine Überschrift zu stellen. Und ich frage mich: Was ist eigentlich mein Lebensthema? Welche Überschrift könnte über meiner Geschichte stehen? Welchen Entwurf oder Plan verfolge ich für mein Leben?

Ich habe den Beruf des Pfarrers gewählt. Andere sind Ingenieur, Musiker oder Koch geworden. Ist der Beruf mein Lebensthema? Nur deshalb, weil er – rein quantitativ gesehen – einen Großteil meiner Lebenszeit ausfüllt?

Ich denke, dass das Lebensthema mehr noch von einer Grundhaltung zum Leben bestimmt ist, von einer Sinnbestimmung, die ich für mich sehe und die ich wahrnehme. Das kann sich im Beruf verwirklichen, aber ebenso gut auch in ehrenamtlicher Arbeit oder in musischer Tätigkeit.

Was ist mein Lebensthema? Vielleicht kann ich es am ehesten mit dem Wort der „Entdeckerlust“ umschreiben. Ich möchte es durchwandern, beobachten und sammeln, immer wieder in – für mich – neue und unbekannte Regionen vordringen. Ich möchte es kennen und schätzen lernen in seiner Vielfalt und Schönheit, aber auch in seiner Abgründigkeit.

Und ich möchte mir in all diesen Erfahrungen dessen bewusst werden, dass das Leben eine Gabe ist – eine Gabe, hinter der ein Geber steht, der mich einlädt auf Entdeckungsreisen zu gehen.

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Allerheiligen, Allerseelen, Volkstrauertag, Ewigkeitssonntag – an etlichen Tagen erinnert der Monat November an die Vergänglichkeit menschlichen Lebens. Gedenktage, an denen wir uns bewusst werden können, wie kurz und flüchtig menschliches Leben ist. Das hat nichts mit Pessimismus oder Todesverliebtheit zu tun. Es ist schlichtweg realistisch. Und doch sind es Gedanken, denen man mitten im bunten Treiben des Lebens lieber ausweicht. Das geht mir genauso.

Dennoch: das Leben eilt vorbei. Tage um Tage vergehen und niemand kann sie aufhalten. Zwischen Geburt und Tod liegt – vor allem vom Ende her betrachtet – eine vergleichsweise kurze Spanne der Blüte und des inneren Hochgefühls, mitten im Leben zu stehen.

Solche Gedanken passen zum Spätherbst. Menschen nehmen teil am natürlichen Leben auf dieser Erde. Sie teilen die Bedingungen aller anderen Lebewesen. Warum sollte es uns anders ergehen als Tieren und Pflanzen? Auch wir leben und sterben.

In der Bibel finden sich immer wieder Bilder aus der Natur, um das menschliche Leben und seinen Werdegang zu veranschaulichen: „Der Mensch ist wie Gras, das am Morgen blüht und sprosst und am Abend welk wird und verdorrt. Er ist wie eine Blume auf dem Feld, über die der Wind hinwegfegt. Am Ende, wenn er seinen Lebensatem aushaucht, zerfällt er wieder zu Staub, woraus er gemacht ist.“

Die Autoren der Bibel weichen vor der nüchternen Einsicht in natürliche Zerfallsprozesse nicht zurück. Aber es klingt auch kühl, das Leben abwertend. Neben dem Körper ist da ja immerhin noch der Geist: das Denken und die Kreativität, die Unsterbliches erschaffen – die Schönheit einer Sonate von Mozart oder die Ausdruckskraft eines Verses aus der Hand Rilkes.

Doch selbst die Kunst vermag dem einzelnen Leben keine Spanne anzufügen; sie macht es nicht unsterblich. Gott hat dem Menschen nicht ein unendlich fortdauerndes Leben geschenkt, sondern eines, das hier und heute zu leben ist. Ich höre in den biblischen Worten über die Vergänglichkeit des Menschen die Erinnerung, dankbar zu sein für die Tage, die mir geschenkt sind. Ich kann und soll gelten lassen, was ich vor Gott bin: verschwindend klein in Kosmos und Geschichte, aber geliebt von ihm, der einen jeden Menschen geschaffen hat und ihm dieses kurze, aber auch schöne Leben eingehaucht hat

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Wegsein wollen – unbeobachtet und unerreichbar für Andere.
Ganz Für-sich-sein. Weg von allen Anfragen und allen Ansprüchen.
Das ist eine tiefe Sehnsucht. Ein Mensch hat sich das im Gebet so ausgemalt, im Psalm 139: Auf den Flügeln der Morgenröte auf und davon.
Bis ans äußerste Meer. Bis ans Ende der Welt.
Und dann: Da bleiben.
Der so betet, will auch von Gott weg. Seine Nähe bedrückt ihn.
Er denkt: „Gott sieht mich, Gott kennt mich, er versteht alle meine Gedanken von ferne.“ Und genau das ist ihm eine lästige Vorstellung von Gott.
Nur zu verständlich: Denn wenn ich ständig unter Beobachtung stehe,
überwacht und ausspioniert werde, beengt mich das, bedrückt mich das, verliere ich meine Unbefangenheit, beschleicht mich Angst. Ein Mann, der früher einmal von der Stasi ausgespäht wurde, hat mir gesagt, wie sehr er sich an dieser Vorstellung von Gott reibt. Einen Gott, dem nichts verborgen ist, so einen Gott möchte er loswerden, abschütteln.
Doch irgendwie geht das gar nicht.
Schon dem Betenden ist das eine unmögliche Möglichkeit.
Resigniert stellt er fest: Und „nähme ich Flügel der Morgenröte und bliebe am äußersten Meer - so würde auch dort deine Hand mich führen und deine Rechte mich halten.“
Doch dann schlägt sein Empfinden um. Plötzlich und überraschend:
Was ihm unfassbar und belastend erschien - Gott ist überall, er durchschaut mich - , das wird ihm mit einem Mal zum Trost, zur Zusage von Treue.
Er entdeckt: Es kommt ja sehr darauf an, wer zuschaut, wer hinhört,
wer meine Gedanken erforscht - und mit welcher Absicht.
Wer bei mir ist und bleibt – bis ans Ende der Welt, bis ans Ende der Zeit.
Ich entdecke daran: Wie sehr kann sich eine Vorstellung von Gott – mit einem Mal – in einem Gebet –  verwandeln. Ausgelöst durch eine einzige Erinnerung:
Mensch, der hat mir mein Leben geschenkt hat, der bleibt bei mir.
der ist da, wo immer ich bin, der nimmt mich immer wieder an.
Vor dem Gott muss ich gar nicht weglaufen, vor dem muss ich mich nicht verstecken.
Mich ermutigt das, immer wieder neu hin zu spüren:
Wie aus einem dunklen Überwacher, ein Gott wird, der mich tragen will.
wie aus bedrückender Nähe - liebevolle Zuwendung wird.
Gott sei Dank weiß nur Gott meine Gedanken.
Gott sei Dank kennt der mich besser als alle Anderen.

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Fremdwörter im Krankenhaus – das ist so eine Sache.
Ein Mediziner erzählte unlängst in einem Vortrag von einer solchen Erfahrung:
Im Krankenzimmer eröffnet ein Arzt seinem Patienten: „Ihre Krankheit ist nun in einem Stadium, da schlagen wir eine palliative Therapie vor.“
Der Patient – ganz offensichtlich ein Lateinkenner – , ahnt Schlimmes und erwidert darauf: „Wie bitte, Herr Doktor? Sind Sie mit ihrer Kunst am Ende? So viel Latein verstehe ich noch. „Palus“, der Pfahl, der Stamm. Soll ich nun den Gnadenstoß bekommen? Final?“ Der Arzt erklärt: „Nein – „palliativ behandeln“, kommt von lateinisch „pallium“, der Mantel. Wir wollen etwas für ihr Wohlbefinden tun. Schmerzen lindern. Sie begleiten. Sie beschützen. So weit das in unseren ärztlichen Möglichkeiten steht. Heilen können wir sie allerdings nicht.“ Ob dem Patienten diese Erklärung geholfen hat? Wo er doch einerseits erfahren hat – es gibt keine Heilung – und andererseits: Es ist eine Behandlung in Aussicht, die ihm hilft und dient.
Ich selber möchte von Ärzten die Grenzen ihrer medizinischen Möglichkeiten erfahren (was geht und was geht nicht.) Die Palliativmedizin scheint mir eine ehrliche Medizin zu sein. (Für mich ist sie kein Scheitern ärztlicher Bemühungen). Sie steht im Grunde auch nicht erst am Ende – nicht nur für alles das, was kommt, wenn es heißt „austherapiert“. Im Gegenteil: Was mit Zuwendung, mit medizinischer Hilfe begonnen hat, das geht weiter. Ein Pallium – einen schützenden Mantel haben Mediziner immer wieder für uns bereit. „Schutzmantelmedizin“ nenne ich die „Palliativmedizin“ darum gern. Genau genommen erfahren wir sie immer wieder, von Kindesbeinen an.
Und auch Gottes Zuwendung zu Menschen hat etwas Palliatives.
Das beginnt schon bei Adam und Eva. Die müssen zwar den Garten Eden verlassen, wo sie alles hatten, was sie brauchten – ohne Mühe, ohne Schweiß und Tränen. Aus  d i e s e m  Paradies müssen sie raus in die Härte und Kälte dieser Welt.
Nicht dass ihnen Gott diese Widrigkeiten aus dem Weg räumt. Das nicht. Aber wie Gott Adam und Eva aus Fellen Kleider macht, sie quasi mit einem Schutzmantel umhüllt, das wirkt auf mich wie Palliativmedizin.
Mir geht an der Palliativmedizin auf: Es geht im Leben im Grunde nicht um ein Besiegen von Krankheit oder Sterblichkeit – sondern immer wieder um Begleitung, um Zuwendung, um ein Bedecken von Wunden, um ein Bestärken in Nöten. Darin sind wir alle einander so etwas wie Palliativmediziner. Und Gott ist es schon längst.

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Wenn im November die Schatten länger werden, dann spüre ich, wie auch die Schatten meiner Erinnerungen länger werden. Ich blicke dann häufiger zurück.
Auch auf Dinge, mit denen ich mich schwer getan habe im vergangenen Jahr - die mich bis heute nicht loslassen. Versäumte Begegnungen, die mir auf der Seele liegen. Briefe, die ich beiseite gelegt habe - wo ich mich mit einer Antwort schwer tue. Oder Dinge, die noch weiter zurück liegen und mich belasten.
In der Bibel wird erzählt, wie einer in einer einzigen Nacht die Schatten seiner Vergangenheit hinter sich lassen konnte. Allerdings nicht ohne Mühe, nicht ohne Kampf und auch nicht ohne Verletzungen. Von Jakob, wird erzählt, wie er sich vor der Rache seines Zwillingsbruders fürchtet. Aus gutem Grund. Betrogen hat er ihn. Jahrzehnte zuvor. Morgen nun soll er ihm begegnen. Alle seine Angehörigen hat er weggeschickt. Es ist Nacht - er ist ganz allein und er findet keine Ruhe. Alles in ihm rumort und rebelliert.
Dann, so heißt es in der Bibel, kämpft er in der Finsternis mit einem Mann und mit Gott. Mir kommt das vor wie ein innerer Kampf: mit seinem Bruder, mit seinem eigenen Leben – mit seinen belastenden Erinnerungen – und mit Gott, der ihn bis hierher geleitet hat. Jakob kommt nicht unversehrt aus dieser Nacht: Der Kampf hinterlässt Spuren. Er verrenkt sich die Hüfte. Er hinkt. Doch: Jakob empfängt Gottes Segen - seine Zusage: „Ich gehe weiter mit dir.“
Mich ermutigt diese dunkle Nacht des Jakob:
Überwinde dich! Schieb deine belastende Erinnerungen nicht einfach beiseite!
Leg sie nicht länger weg. Mach dich dran – auch unter Mühen.
Briefe schreiben, das Gespräch suchen, hingehen, wo etwas offen geblieben ist.
Im Sinn habe ich dabei auch den Schluss der Geschichte. Es heißt in der Bibel: „Für Jakob ging die Sonne auf...“. Und so hinkt der Gesegnete auf seinen Bruder zu –
der ihm verzeiht, der ihn umarmt, der ihn küsst und in Tränen ausbricht.
Ja, „Jakob ging die Sonne auf...“ Wie zum Zeichen – für ihn persönlich!
Nach durchwachter Nacht oder schweren Träumen, nach der Angst vor dem neuen Morgen, den ersten Strahl der Sonne vernehmen. Da sage ich nur, nehmen Sie´s persönlich: „Dir geht die Sonne auf!“, wie einst Jakob. Ein Sonnenstrahl im November, das ist ein Gnadenglanz Gottes. Eine Ermutigung auch: Mach dich auf, geh auch schwierige Wege. Gott geht mit dir.

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