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SWR2 Wort zum Tag

Ein Gebet- ein zartes Etwas aus Worten, muss weder neu sein, noch besonders originell. Hauptsache, man kann  es zur Not auch auswendig.  Zum Beispiel dieses:

 „Komm, Herr Jesus, sei unser Gast, und segne, was du uns bescheret hast. " Ein altes, schlichtes Tischgebet. In Gedanken rückt man ein wenig zur Seite, macht Platz für Jesus. Und dankt ihm dafür, dass der Magen nicht leer bleiben muss. Was immer auf den Tisch kommt, ist und bleibt eine Gabe: von Menschen gebacken, gekocht und gebraten - aber trotzdem sollen wir uns immer daran erinnern, dass das Sattwerden ein Geschenk und alles andere als selbstverständlich ist.
Ein altes Gemälde bringt das auf den Punkt: Jesus steht leibhaftig in der guten Stube einer Bauernfamilie, das Familienoberhaupt begrüßt ihn ehrfürchtig, der Tisch ist gedeckt, die Hausfrau serviert gerade die Suppenschüssel, und die Kinder schauen mit großen Augen und großem Hunger teils auf den Gast, teils auf den Tisch. Und scheinen genau zu wissen: bevor der nicht Platz genommen hat, bekommen wir nichts auf den Teller.  

„Komm Herr Jesus, sei du unser Gast..." Von Generation zu Generation weitergegeben, auch in die Zeit, als es Brot und Milch schon längst im Supermarkt gab und Tischgebete immer weniger selbstverständlich wurden. Als ich das Gebet gelernt habe, war ich ungefähr acht Jahre alt und begeisterte Kirchgängerin. Beten bei den Mahlzeiten war bei uns zuhause nicht üblich. Also  habe ich eindringlich die Einführung des Tischgebets gefordert - wenigstens am Sonntagmittag. Meine Mutter war sofort dafür, mein Vater hielt sich bedeckt, aber mein Bruder tat das einfach ab als peinlichen „Mädchenkram".  

Missionarisch war ich gescheitert. Aber dass es unverzichtbar blieb, dieses Tischgebet auswendig zu wissen, davon hat mich kurze Zeit später Erich Kästner überzeugt. Und zwar mit seinem Kinderroman vom „Doppelten Lottchen", der Geschichte von den beiden kleinen Zwillingsmädchen, die durch die Scheidung der Eltern getrennt wurden.
Nach langem Hin und her hatten die beiden Mädchen es fertig gebracht hatten, die Eltern wieder zusammenzuführen. Wenigstens miteinander reden sollten sie. Aber was weiter? Den Zwillingen bleibt nur das Warten vor der geschlossenen Tür, die Hoffnung, dass die Eltern sich wieder versöhnen - und das Beten.  Doch in der Aufregung fällt ihnen nur ein einziges Gebet ein: „Komm, Herr Jesus, sei du unser Gast, und segne, was du uns bescheret hast." Das passt nun ganz offensichtlich nicht. Aber es macht, dass die beiden in der Warte-Qual nicht völlig stumm und ausgeliefert dasitzen.
Das alte, überlieferte Gebet hilft: Wir müssen nicht zu Dichtern werden, wenn uns vor Angst, vor Aufregung, im Schmerz und im Glück die Worte fehlen.

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So schön das Erben ist - den wenigsten Menschen bekommt es gut. Wir waren arm, nun sind wir reich. Ohne dafür auch nur einen Finger gerührt zu haben. Wir sind beschenkt mit etwas, das wir nicht verdient haben. Wir sind Erben. „Wir sind Erben Gottes und Miterben Christi", schreibt der Apostel Paulus im Römerbrief. Wir dürfen uns an etwas freuen, für das wir nicht arbeiten mussten. Erben eben. Ein wunderbares Bild für das, was mit dem Glauben geschenkt wird. „Wir sind Erben des Himmelreiches." Christen sind Erben, allerdings mit allem was auch sonst zum Erben  dazugehört.

Wenn es nicht so traurig wäre, wäre es fast komisch zu beobachten, wie Menschen sich verändern, wenn sie erben  Kaum ist der Verstorbene bestattet, geht es nur noch um die Frage: Wer bekommt was? Die eigene Schwester, die man immer für einen vernünftigen, liebenswerten Menschen gehalten hat, kämpft nun auf einmal um den Besitz einer silbernen Suppenterrine. Der Bruder, der immer großzügig gewesen ist  und  in jungen Jahren auf jedes Eigentum gepfiffen hat, weil er es als bürgerliche Lebensformen verachtete, ist nun davon überzeugt ist, dass er eigentlich all die Jahre zu kurz gekommen sei. Nichten, die sich seit Jahren nicht mehr haben blicken lassen, möchten zumindest ein Andenken an den Verstorbenen, am liebsten in Gestalt einer gewissen Summe, die auf ihrem Bankkonto landen soll. Auf einmal rechnen alle sich gegenseitig vor, was sie für den Verstorbenen getan haben, wie oft sie ihn besucht haben, was sie von ihm wann bekommen haben, was ihnen einfach zusteht. Erben - das ist auch der Inbegriff von Streit, der bis aufs Blut gehen kann. Hier zeigt sich die dunkle Seite von Eifersucht, Neid, Konkurrenz, und eben die Unsicherheit, wen der Verstorbene wohl am liebsten hatte. Es zeigt sich das pure Habenwollen,  auch wenn es nur um einen wertlosen Ölschinken geht, den niemand an der eigenen Wand sehen möchte. 

Viele finden selbst hässlich, was dann abläuft. Sie leiden darunter und sehen sich selber zu wie Fremden, wenn sie sich auf einmal um die Meißner Blumenvase streiten.

Kann man das verhindern? Selbst wir Erben des Himmelreichs, wir Christen, haben uns im Laufe der Jahrhunderte benommen wie eine zu tiefst zerstrittene Geschwisterschar. Wir haben uns darum gezankt,  wer dem Erblasser am nächsten gestanden hat und wem das beste Stück zusteht.  Dabei sind wir reich, ohne einen Finger gerührt zu haben. Für glückliche Erben gibt es doch eigentlich nur eines: Normalerweise sagt man, wenn man etwas geschenkt bekommt, einfach: danke!


https://www.kirche-im-swr.de/?m=16258

Mit Sterbenskranken über den Tod reden - darf man das? Eine alte Krankenakte legt das nahe. Denn darin heißt es: Ein Mann wurde von einem Schmerz im rechten und kurz darauf im linken Arm ergriffen. „Danach erschien auf dem oberen Teil des Brustbeins ein Tumor. Er wurde angewiesen, ernsthaft und fromm an seinen Abschied von diesem sterblichen Leben zu denken, der unmittelbar bevorstand und unausweichlich war."

Das war 1761. Heute hätte man den Mann mit Blaulicht ins Krankenhaus befördert Doch auch die Fortschritte in der Medizin garantieren ja keine Unsterblichkeit. Aber jemanden so geradewegs darauf ansprechen, nun sei es an der Zeit, ernsthaft und fromm Abschied zu nehmen - wer traut sich das? Mut gehört dazu, der Wille, sich nicht über das Unausweichliche hinweg zu schummeln und der Wirklichkeit unseres „sterblichen Lebens" ins Auge zu schauen.

Über den Tod reden - von ihm schweigen bis zuletzt - das bleibt die Frage. Manchmal würde ich gerne Patienten und ihren Angehörigen  sagen: „ Machen Sie einfach mal den Fernsehapparat aus. Auch die Kreuzworträtsel können Sie beiseite legen. Es hat ja wenig Sinn, das nun zu verdrängen. Lassen Sie uns über den Tod reden." Doch Sterbenskranken dieses Thema aufs Auge drücken - das widerstrebt mir zu tiefst. Denn wer schaut schon rein in so einen Menschen? In den schlaflosen Nächten denkt er möglicherweise an nichts anderes als an dieses „sterbliche Leben". Und nimmt sich einfach das Recht, das allein mit sich auszumachen, sich abzulenken, um es zu ertragen.

Manche Patienten reden auch über ihren bevorstehenden Tod- aber erst, wenn ihre Angehörigen wieder aus dem Krankenzimmer gegangen sind. Sie sprechen dann von ihrer Angst vor diesem Abschied, vor dem, was nun unausweichlich ist, das niemand von uns kennt. Manche sagen auch: Ich bin froh, wenn alles vorbei sein wird.  

„Ernsthaft und fromm" an den Abschied denken - das ist auch eine Aufforderung, zu ertragen, was man nicht mehr ändern kann. Akzeptieren, dass es nun keine Chemo, keine OP, ja überhaupt keine Therapie mehr gibt. Eine Aufforderung, die letzte Chance zu nutzen, alten Streit zu begraben, um Verzeihung zu bitten und zu verzeihen.


https://www.kirche-im-swr.de/?m=16257

„Schau mal, eine Drillings-Karotte!" Wer im Garten Gemüse für den eigenen Bedarf anbaut, kann sich oft an ganz einzigartigen Formen freuen: Gurken in U-Form, Kartoffeln mit Knollennasen und herzförmige Tomaten sind nicht nur für Kinder ein besonderer Spaß.
Wo Obst und Gemüse allerdings für den Verkauf produziert wird, da ist für die Launen der Natur in der Regel kein Platz. Was nicht der Norm entspricht, wird teilweise sogar vernichtet. In die die großen Läden kommt es jedenfalls nicht.
Eine Supermarktkette in der Schweiz hat jetzt begonnen, etwas dagegen zu tun. Unter dem Label „Ünique" (sic!) - einzigartig - bietet sie individuelles Obst und Gemüse mit kleinen Macken an. Auch mit solchen, die zum Beispiel von einem Hagelschaden herrühren. Und siehe da: Geschmacklich und qualitativ einwandfrei und zum günstigen Preis kommt das „Obst und Gemüse mit Charakter" - so der Werbeslogan - bei der Kundschaft gut an.
Ich finde diese Initiative sehr nachahmenswert. Nicht nur, weil sie dazu beiträgt, dass wertvolle Lebensmittel nicht verschwendet werden. Sondern auch, weil es ein kleiner Beitrag gegen den Zwang zur Perfektion ist. Ja, Karotten mit drei Beinen sind unpraktisch und schwer zu putzen. Aber trotzdem schmecken sie prima - und sehen einfach lustig aus.
Und ich glaube: Sich wieder an so unpraktischem, aber einzigartigen Gemüse zu freuen, kann vielleicht noch weiterführen. Kann ein erster Schritt sein. Ein Schritt dazu, auch toleranter zu werden gegenüber anderen Dingen - und auch Menschen - die vielleicht unbequem, aber eben besonders sind. Und vielleicht sogar toleranter gegen mich selbst, wo ich selbst meine Macken habe, innerlich und äußerlich krumm bin und nicht der Norm entspreche.
„Ich danke dir dafür, dass ich wunderbar gemacht bin, wunderbar sind deine Werke; das erkennt meine Seele" (Psalm 139,14) sagt einer in einem Psalmgebet der Bibel zu Gott. „Ich danke dir, dass ich wunderbar gemacht bin" - seine eigenen Mängel und Macken zu kennen und trotzdem so beten zu können, das ist nicht leicht. Nicht immer „erkennt meine Seele", dass ich wunderbar bin.
Aber vielleicht hilft es, im Kleinen anzufangen. Bei den krummen Zucchini und den verhagelten Äpfeln. „Wunderbar sind deine Werke?". Ja, wunderbar. Einzigartig. Und manchmal eben: Einzigartig krumm.

https://www.kirche-im-swr.de/?m=16207

Neulich auf dem Schulhof. Ein Achtjähriger diskutiert mit seinem muslimischen Mitschüler über Religion. Wir haben nicht denselben Gott, sagt er. Die Klassenlehrerin ist verunsichert. Sind solche Gespräche unter Kinder o.k.? Soll sie den Eltern Bescheid geben?
Ich finde: Es besteht kein Grund zur Besorgnis. Im Gegenteil. Auch wenn ich persönlich mit dem theologischen Urteil des Jungen nicht übereinstimme: Dass Grundschüler auf dem Schulhof solche Fragen diskutieren, finde ich völlig in Ordnung. Mehr noch: Ich finde es sogar wichtig. Denn solange wir ein einer Gesellschaft leben, in der religiöse Überzeugungen für viele Menschen eine Rolle spielen, müssen wir auch in der Lage sein, miteinander darüber zu reden. Und je früher Kinder das üben, desto besser.
Immerhin haben die Jungs ihre Meinungen ausgetauscht, ohne sich darüber in die Haare zu kriegen - und hatten dabei die Gelegenheit, die Sicht des anderen kennenzulernen. Uns Erwachsenen fällt es oft schwer, andere auf ihre religiösen Überzeugungen anzusprechen. Religion gilt als heikles Thema, man will ja niemanden verletzen. Kinder sind da manchmal unbefangener. Und ich denke, es ist eine echte Chance, wenn sie nicht nur schulterzuckend zur Kenntnis nehmen - oder es insgeheim blöd finden - dass die einen kein Schweinefleisch essen und die anderen ein Kreuz um den Hals tragen, sondern wenn sie nachfragen. Und ihren Freunden die Gelegenheit geben, zu erklären - so gut sie können. Auch wenn die Verständigung vielleicht noch stockend ist - es ist der Anfang zum interreligiösen Dialog. Wenn sie älter sind, können sie vielleicht daran anknüpfen.
Deshalb glaube ich: Es ist wichtig, Kinder und Jugendliche zu ermutigen, mit Interesse auf Menschen anderer Religionen zuzugehen. Und unterschiedliche Ansichten friedlich und respektvoll, aber auch ohne Scheu zu diskutieren. Dazu müssen sie aber auch fähig sein, die eigenen Überzeugungen und Traditionen, die in der Familie oder zumindest in der Gesellschaft eine Rolle spielen, für andere verständlich zu erklären. „Seid stets bereit, jedem Rede und Antwort zu stehen, der nach der Hoffnung fragt, die euch erfüllt" (1. Petrus 3,15), werden in der Bibel die ersten Christen in Kleinasien ermutigt. Damit schon Kinder das lernen, gibt es bei uns heute den Religionsunterricht. Aber wenn Religion auch beim Abendessen zu Hause oder beim Ausflug am Wochenende kein Tabuthema ist, dann hilft das, die nächste theologische Diskussion auf dem Schulhof kompetent zu führen.

https://www.kirche-im-swr.de/?m=16206

„Was ist dein einziger Trost im Leben und im Sterben?" Was für eine Frage! „Einziger Trost", im „Leben und im Sterben" - auf solche umfassend gestellten Fragen antworte ich normalerweise eher zurückhaltend und abwägend.
Bei dieser Frage allerdings liegt mir die Antwort sofort auf der Zunge. Ohne Nachdenken oder Nachschlagen, zu jeder Tages- und Nachtzeit:

„Was ist dein einziger Trost im Leben und im Sterben?
Dass ich mit Leib und Seele im Leben und im Sterben nicht mein, sondern meines getreuen Heilands Jesu Christi eigen bin, der [mit seinem teuren Blut für alle meine Sünden vollkömmlich bezahlt und] mich aus aller Gewalt des Teufels erlöst hat und also bewahrt, dass ohne den Willen meines Vaters im Himmel kein Haar von meinem Haupt kann fallen, ja auch mir alles zu meiner Seligkeit dienen muss..."

Was ist dein einziger Trost im Leben und im Sterben - das ist erste Frage des Heidelberger Katechismus. 450 Jahre alt wird dieses Frage- und Antwortbuch zu den Grundlagen des christlichen Glaubens in diesem Jahr. Die Antwort auf die Frage 1 habe ich als Konfirmandin auswendig gelernt. Seitdem begleitet sie mich.
Nicht, dass das meine Sprache wäre. So ein Bekenntnis könnte ich nicht selbst formulieren. Und der Trost im Leben und im Sterben - der wird mir selbst auch immer wieder fraglich. Aber diese Antwort, die bleibt mir trotzdem: Dass ich mit Leib und Seele, im Leben und im Sterben, nicht mir, sondern Jesus Christus gehöre... Eine Antwort, die andere für mich aufgeschrieben haben. Und die auch in Situationen spricht, in denen ich selbst überfordert bin und mir oder anderen nicht helfen kann. Die mir dann sagt: Denke daran, du lebst und stirbst nicht für dich selbst. Dein Leben ist nicht allein in deiner Hand. Du kannst nicht alles alleine bestimmen und musst auch nicht alles allein verantworten. Im Leben nicht - und im Sterben erst recht nicht. Dein Leben liegt in anderen - in guten Händen.
Deshalb bin ich dankbar, dass es Theologen vor 450 Jahren im Auftrag von Kurfürst Friedrich III. gewagt haben, ganz grundsätzliche Fragen zum christlichen Glauben ganz grundsätzlich zu beantworten.  „Was ist wahrer Glaube?",Warum wirst du ein Christ genannt?". Das heißt nicht, dass ich alles, was in diesem Katechismus steht, heute auch selbst noch so sagen würde. Die Aufgabe, daran theologisch weiterzudenken, auch kritisch, und den eigenen Glauben selbst zu verantworten, bleibt bestehen.
Aber ich glaube: Es gibt Situationen im Leben, da ist nicht der Moment für kritische Reflexion. Da ist es gut, wenn die Antwort schon da ist.

https://www.kirche-im-swr.de/?m=16205