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SWR2 Wort zum Tag

Wem gehöre ich, wer gehört mir?
Freedom´s just another word for nothing left to loose, Freiheit ist, wenn man nichts mehr zu verlieren hat, das war ein Song von Janis Joplin. Janis Joplin, für mich die beste weiße Bluessängerin. In ihrem Lied beschreibt Janis Joplin, wie sie mit einem Typen namens Bobby McGee durch Amerika trampt, irgendwie verliert sie ihn aber aus den Augen und sehnt sich jetzt nach der Zeit zurück, als die beiden, mit nichts in der Tasche, frei waren.
Als Janis Joplin dieses Lied sang, war sie schon alles andere als frei, nämlich drogenabhängig. Daran ist sie dann auch gestorben, an einer Überdosis Heroin. Sie hatte noch was zu verlieren, nämlich ihr Leben.
In Sachen Leben geht es schon um Besitzverhältnisse, machen wir uns nichts vor. Wem gehöre ich, wem gehört mein Leben?
Christen sagen: Wir gehören weder unseren Eltern, dem Staat unserem Arbeitgeber noch unseren Lebenspartnern. Wir gehören nicht einmal uns selbst. Wir gehören Gott. Das klingt fast nach Sklaverei. Und ist doch eine ungeheure Freiheit. Freedoms just another word for nothing left to loose. Kein Ding, kein Mensch hat das Recht, mich zu besitzen. Und auch umgekehrt: Ich will niemanden besitzen und beherrschen wollen.
Jeder, der in seinem Leben schon einmal einen geliebten Menschen begraben musste, wird bestätigen, dass es so ist: Wir besitzen keine Menschen, nicht einmal die liebsten Menschen. Sie sind uns, auf Zeit, geschenkt. Und die Zeit ist kurz. Morgen schon ist der Sommer vorbei. Der Herbst beginnt.
Jemand wie Janis Joplin hat das nicht ausgehalten. Drogen sind ja eine Möglichkeit, dem Leben auszuweichen.
Freedom´s just another word for nothing left to loose - Freiheit ist, wenn man nichts mehr zu verlieren hat. Aus dem Song von Janis Joplin klingt eine große Sehnsucht. Unsere Sehnsucht ist ein guter Indikator, dass wir noch nicht das Gefühl für das „mehr" verloren haben. Ich finde: In jeder Sehnsucht steckt die Ahnung von Gottes Wirklichkeit. Und das Wissen um die Endlichkeit von Mensch und Welt.
Wann kann einem das besser deutlich werden als im Herbst.
Die Zeit ist kurz, unsere Lebenszeit. Freedom´s just another word for nothing left to loose.
Sie gehören mir nicht, die Menschen, die ich liebe - gerade so kann ich sie leidenschaftlich lieben, voller Achtung vor ihrer Freiheit. Und umgekehrt die Achtung meiner Freiheit einfordern. Wir haben viel zu verlieren. Und viel zu gewinnen.

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Lass die Rechte nicht wissen, was die Linke tut - beim Klavierspielen funktioniert das - aber auch beim Spenden?
Jesus gibt Ratschläge, die einfach nicht funktionieren können: Liebe deine Feinde, bitte für die, die dich verfluchen - das schafft kein Mensch. Und wer hält schon die linke Backe hin, wenn man ihn auf die rechte schlägt. Lass beim Spenden die rechte Hand nicht wissen, was die Linke tut, das ist noch so ein merkwürdiger Ratschlag. Das kann nicht funktionieren. Überhaupt: Es ist schon ganz sinnvoll, dass meine rechte Hand weiß, was die linke tut, sonst könnte das schon beim Tee-Einschenken am Frühstückstisch fatale Auswirkungen haben.
Trotzdem hat sich das jemand gemerkt. Und aufgeschrieben. Dabei hat es doch mit unserer Wirklichkeit - scheinbar - gar nichts zu tun. Oder doch?
Wenn etwas so absurd klingt ist zu fragen, ob es Ausnahmen gibt - und in der Tat: Mir fällt eine Ausnahme ein. Eine Situation, in der es wichtig, ja unabdingbar ist, dass die rechte Hand nicht weiß, was die linke tut. Und umgekehrt. Wer eine vierstimmige Bach-Fuge aus dem Wohltemperierten Klavier spielen möchte, der ist sogar darauf angewiesen, dass jeder einzelne Finger nicht weiß, was der andere tut. Alle Finger müssen unabhängig voneinander agieren, sonst wird die Fuge misslingen. Die Musik ereignet sich nur, wenn die rechte Hand nicht weiß, was die linke tut. Offenbar gibt es eine Schnittstelle zwischen der Bach´schen Musik und den Worten Jesu.
Jesus geht es um das Himmelreich. Und Bach auch. Johann Sebastian Bach komponierte zur Ehre Gottes, soli deo gloria. Das durchdringt seine Musik. Da ist ein Horizont, der weiter reicht als mein morgendlicher Frühstückstisch. Wenn die Rechte, musizierend, nicht darüber nachdenkt, was die Linke tut, ereignet sich Kunst. Und eine Ahnung des Himmelreichs. Ich glaube, so selbstverständlich, göttlich klar ist das Himmelreich, voller klingender Wohltat, ein Ort, an dem ich nicht über Spenden nachdenken muss, weil sich eine Gerechtigkeit selbstverständlich ereignet, weil niemand auf Almosen angewiesen ist und alle genug haben.
Wir sind weit davon entfernt, weiß Gott. Wenn aber die rechte Hand beim Geben nicht weiß, was die linke gibt, weil das Spenden für Bedürftige so selbstverständlich zum Leben dazu gehört wie zu der Fuge die Töne, die von  der linken Hand gespielt werden, dann ist das schon ziemlich himmlisch. Eine himmlische Selbstverständlichkeit gelebten Teilens, gelebter Gerechtigkeit.
Lass deine linke Hand nicht wissen, was die rechte tut. Liebe deine Feinde. Segne, die dich verfluchen. Es klingt absurd, doch nur und gerade so funktioniert es - im Himmel und auf Erden.

https://www.kirche-im-swr.de/?m=16082

An der Leidenschaft erkenne ich das Gottesreich
Schatzsucher am Strand - Im Urlaub habe ich sie täglich beobachtet. Bewaffnet mit Metalldetektoren sind sie auf der Suche nach Münzen und Gold. „Glauben die im Ernst, dass sie was finden" fragt mein Freund. „Zumindest sind sie mit Leidenschaft bei der Sache". Wo Dein Schatz ist, da ist dein Herz. Und den Schatz, den du haben willst, den suchst du mit Leidenschaft, sonst ist es kein echter Schatz. Wenn es nötig ist werden dabei auch krumme Wege beschritten. Jesus erzählt von einem Mann, der einen vergrabenen Schatz in einem fremden Acker findet und daraufhin diesen Acker vom ahnungslosen Besitzer kauft. So ganz legal ist die Sache nicht. Merkwürdig nur: Jesus will mit diesem unmoralischen Gleichnis das Himmelreich erklären.
Neurowissenschaften geben uns zum Verhalten des schatzfindenden Ackerbauern erhellende Erklärungen: Unser Überleben als homo sapiens ist davon abhängig, dass wir Partner und Nahrung erkennen und erreichen, auch wenn diese nicht direkt neben uns stehen - und das ist die Regel! Auf der Suche nach Essen und Lebensgefährten müssen Menschen immer einen Spagat zwischen Risiko und Sicherheit meistern. Sind die Partner und die  Nahrung erreicht, dann erfolgt im Gehirn eine Dopaminausschüttung - und die verursacht Glücksgefühle.
Die Schatzsucher am Strand sind auf der Suche nach dieser Dopaminausschüttung. Der schatzfindende Ackerbauer hat eine Dopaminausschüttung erlebt, als er den Schatz fand.
Auch wenn wir selbst nicht mit dem Metalldetektor am Strand unterwegs sind: Wir können bestimmt alle nachvollziehen, was diese Menschen antreibt. Das bedeutet, dass jeder von uns eine Ahnung vom Himmelreich hat. Mag sein, wir suchen nach Schätzen anderer Art als die Leute am Strand. Leidenschaft ist eine sehr persönliche Angelegenheit, denn das Herz schlägt bei jedem etwas anders. Mag sein, die anderen schütteln den Kopf über das, wofür mein Herz schlägt. Doch: bloß keine moralischen Hemmungen, die hat Jesus auch nicht. Mit keinem Satz tadelt er den SchatzimAckerFinder. Leidenschaft ist hemmungslos. Das Himmelreich kennt keine Grenzen. Wenn ich herausfinde, wann mein Atem sich beschleunigt und die eigene Leidenschaft geweckt ist, bin ich nah dran am Gefühl des Himmelreichs.
Und das ist doch schon was, ein Gefühl fürs Reich Gottes zu haben! Vielleicht bekomme ich ja Lust, nicht nur nach meinem Schatz, sondern auch nach diesem Reich und seinen Schätzen zu suchen. Ich glaube, dass Jesus die Geschichte deshalb erzählt hat, um mich neugierig zu machen.  So dass ich mehr wissen will. Und mehr herausfinden will, über himmlische und irdische Schätze. Kann gut sein, dass auch das zu einer Dopaminausschüttung führt. Eine spannende Angelegenheit!

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Vergesst das Beste nicht.
So hat Dorothee Sölle einen Brief an ihre Kinder überschrieben. Sie sagt darin, was ihr im Leben wichtig war und was sie ihren Kindern weitergeben möchte. Vergesst das Beste nicht. Ich meine damit, dass Ihr Gott manchmal lobt, wenn Ihr sehr glücklich seid, so dass das Glück ganz von selbst in die Dankbarkeit fließt.    
Was würde ich in einem solchen Brief schreiben?
Was ist mir im Leben so wichtig geworden, dass ich es weitersagen möchte?
Vielleicht würde ich von der Hoffnung sprechen, ohne die niemand leben kann, von der Hoffnung, dass ich behütet und bewahrt mit anderen leben kann, mit ihnen Freud und Leid wie das Brot teile. Diese Hoffnung gibt mir Kraft, mit offenen Augen das Leben zu leben.
Vielleicht hat auch Jesus gesagt: Vergesst das Beste nicht und hat dann vom Reich Gottes gesprochen. Was er wollte, was er gelebt hat, das ist das Reich Gottes.
Im Vaterunser ist es die Mitte, um die alle anderen Bitten kreisen. Wenn ich bete Dein Reich komme, dann bitte ich darum, dass die Welt nicht bleiben muss, wie sie ist. Sie kann anders werden. Von dieser Hoffnung lebe ich.  
Die Vision vom friedlichen Miteinander hat eine lange Tradition. Beim Propheten Jesaja ist sie eindrücklich beschrieben:
Da werden die Wölfe bei den Lämmern wohnen und die Panther bei den Böcken lagern... Kühe und Bären werden zusammen weiden... und ein Kleinkind wird seine Hand stecken in die Höhle der Natter. (Jes. 11, 6ff.)
Das hier beschriebene Bild ist keine Idylle, sondern ein Protestschrei. Es ist der Schrei nach einer Welt, in der es  nicht mehr Tod und Gewalt gibt, sondern eine versöhnte Welt, eine Welt des Friedens.
Wer betet Dein Reich komme, der will, dass dieser Wunsch Wirklichkeit wird.
Denn das Reich Gottes ist offen für einen neuen Himmel und eine neue Erde. Diese Hoffnung festzuhalten, heißt, das Beste nicht zu vergessen.
Das Reich Gottes ist da nahe, wo zum Beispiel Menschen Trost und Hilfe erfahren, wo Alte nicht allein sind, wo Kinder eine Zukunft haben. Es ist nahe, wo Menschen mit anderer Hautfarbe und Herkunft, mit anderer Weltanschauung und Religion nicht diskriminiert werden. Es ist nahe,  wo Menschen das leben können, was ihrem Leben Sinn und Halt gibt. Deshalb: Vergesst das Beste nicht.

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Vater unser im Himmel. Geheiligt werde dein Name.
Wenn ich diese alten Worte des Vaterunsers spreche, dann nehme ich eine Beziehung auf, dann rede ich zu einem Du. Das Gebet, das Jesus zu beten gelehrt hat, richtet den Blick auf Gott: Vater unser. Das klingt vertrauensvoll. Und es bringt mir Gott näher. Das sagt die Anrede Vater. Wenn ich Gott als Vater anrede, hole ich ihn aus weiter Ferne und sehe ihn mir gegenüber.
Und das erste, was ich zu ihm sage, ist: Geheiligt werde dein Name.
Wie kann ich den Namen Gottes heiligen? Heilig ist etwas, was mir ganz wichtig ist, das ich bewahren will, was unantastbar ist. So ist es auch mit Gottes Namen. Wenn ich Gott heilige, dann ist für mich jedes Leben etwas Besonderes, das ich nicht antasten oder verletzen darf, wo ich Schönes bewahre und mit dem, was einem Menschen wichtig und wesentlich ist, sorgfältig umgehe. In einer solchen Welt ist Gottes Name heilig.
Die Jüdin Etty Hillesum hat ein ergreifendes Zeugnis ihres Gottvertrauens angesichts des bevorstehenden Todes hinterlassen, das zeigt, wie Gottes Name geheiligt wird. Sie wurde 1943 nach Auschwitz deportiert und dort ermordet. Ihr Tagebuch ist 1983 in Deutschland unter dem Titel „Das denkende Herz der Baracke" veröffentlicht worden.
Darin schreibt sie: Es sind schlimme Zeiten, mein Gott. Ich verspreche dir etwas, Gott: ich will meine Sorgen um die Zukunft nicht als beschwerende Gewichte an den jeweiligen  Tag hängen. Ich will dir helfen, Gott, dass du mich nicht verlässt. Es wird mir immer deutlicher, dass du uns nicht helfen kannst, sondern dass wir dir helfen müssen, und dadurch helfen wir uns letzten Endes selbst. Es ist das einzige, auf das es ankommt: ein Stück von dir in uns selbst zu retten, Gott. Und vielleicht können wir mithelfen, dich in den gequälten Herzen der anderen Menschen auferstehen zu lassen.
Über die Zeiten und in veränderten Lebenssituationen lese ich in diesen Worten: Gottes Name wird nicht mit Worten geheiligt, sondern durch die Lebenspraxis jedes einzelnen Menschen. Wie ich lebe, leugne oder heilige ich den Namen Gottes. Deshalb möchte ich so leben können, wie es Kurt Marti in seinem Vaterunser umschreibt:  
dein name werde geheiligt
dein name möge kein hauptwort bleiben
dein name werde in jeder zeit konjugierbar
dein name werde tätigkeitswort

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unser vater
der du bist die mutter  
die du bist der sohn
der kommt
um anzuzetteln
den himmel auf erden
Ganz schön verwirrend, diese erste Strophe aus dem Vaterunser. Sie stammt von dem  Schweizer Pfarrer und Schriftsteller Kurt Marti. Warum ist das so verwirrend, was Kurt Marti mit dem schönen alten Vaterunser macht?
Er überträgt die alten Worte in unsere Zeit und in unsere Denkweise. Die vertraute Fassung des Vaterunsers Vater unser im Himmel und Kurt Martis Worte wollen keine Gegensätze sein. Sie schließen sich nicht aus. Sie bewahren das Alte und durchbrechen es zugleich, indem sie es in unser Leben  übersetzen.
unser vater / der du bist die mutter 
Marti will, dass ich neu darüber nachdenke, was ich meine, wenn ich „Gott" sage, denn unser Denken hat sich verändert, so dass Gott mindestens ebenso Mutter wie Vater ist. Unsere Beziehung zu Gott neu denken heißt, ihn vom Himmel auf die Erde holen, meint, kritisch mit überlieferten Vorstellungen umgehen, die durch Zeit und Geschichte bedingt sind. Wer Gott in unendlicher Ferne und Höhe über der Welt thronen sieht, will keine Veränderungen. Aber ein Gott, der kommt / um anzuzetteln / den himmel auf erden wird Ausgangspunkt weltlichen Handelns.  
Ich möchte kein Paradies ausmalen, aber: dass reich und arm einander nicht so ferne bleiben wie heute; dass zum Beispiel die Satten nicht die in Syrien und im Gazastreifen vergessen, wo Brot und Wasser knapp werden; dass Kriegsgeschrei den Frieden nicht übertöne, dies nicht nur zu wollen, sondern dafür zu handeln: das heißt  in unserer Welt an Gott glauben.
Wenn ich frage: wo ist Gott? Dann lautet die Antwort für mich: Gott begegnet mir in meinem Leben in ganz alltäglichen Beziehungen, dort, wo mir und anderen etwas vom himmel auf erden gewährt wird.
Jesus hat so von Gott erzählt, von seiner Liebe, seiner Zuwendung. Durch ihn habe ich Gott anders sehen gelernt. Als den, der sich mit Menschen solidarisiert, als den, der mit Hungernden, Kranken und Geknechteten leidet. Er hat gezeigt, dass Gottes Reich bei den Menschen auf der Erde ist und dass Gott menschlich begegnet, niemals anders.

https://www.kirche-im-swr.de/?m=16067