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SWR2 Wort zum Tag

Was fang ich als vernünftiger Mensch an mit Wundergeschichten?
Das Neue Testament erzählt viele davon.

Jesus heilt im Namen Gottes von Krankheiten. Die Menschen, die gesund werden, erleben das als Wunder. Und leben neu.

‚Naturwunder' werden erzählt: Jesus habe einen Sturm gestillt. Und seine Freunde damit aus tiefer Angst befreit.

Oder da ist die Geschichte, in der 5 Brote und 2 Fische ausreichen und 5000 Menschen werden satt. Was fängt man an mit solchen Wundern?

Für viele sind sie ja ein Grund, die Bibel nicht ernst zu nehmen. Weil sie anscheinend behauptet, hier würden Naturgesetze außer Kraft gesetzt. Und damit werden Bibel und Glaube und vernünftiges Denken unvereinbar.

Ich glaube, sie sind sehr wohl vereinbar. Ich brauche Wundergeschichten sogar als vernünftig denkender Mensch. Gegen die mächtige Vernunft zB. des „Murphyschen Gesetzes".

„Was schief gehen kann, wird auch schief gehen, früher oder später." sagt es. Der Ingenieur Edward Murphy hat beobachtet und formuliert: Wo Menschen im Spiel sind, da gibt es Fehler, und zwar auch schlimme. Darum ist da, wo Menschen im Spiel sind, immer ein Gefälle zur Katastrophe. Selbst wenn etwas lange gut gegangen ist. Auf einmal geht es schief. Im Kleinen und im Großen.

Eigentlich ein Grund pessimistisch zu sein. Wenn ich nur an die Krisen denke, in denen wir stecken: Die Finanzkrise, die Entwicklungen im Nahen Osten, die Krise der Demokratie in Europa, die Klimaerwärmung. Wenn da Murphy Recht hat: „Was schief gehen kann, geht auch schief." Dann muss man mit dem Schlimmsten rechnen.

Und genau darum brauche ich Wundergeschichten.

Sie erzählen von einer fundamentalen Gegenerfahrung in der Welt. Treten an gegen meinen Murphy-Pessimismus.

Wunder sagen: Die Welt ist trotz aller Katastrophen von Gott gehalten. Sogar in Katastrophen. Wenn zum Beispiel wie durch ein Wunder jemand gerettet wird. Das öffnet eine Tür in der Katastrophe. Über sie hinaus. Eine kleine Ahnung von Gott.

Wunder sagen: Nein, das Murphysche Gesetz ist nicht die ganzen Wahrheit.
Sie erzählen, Gott ist im Spiel. Und darum ist vieles möglich, was Murphys Erfahrung widerspricht:

- Aus unseren Fehler kann sogar auch wieder Gutes werden.
- Wunder erzählen, Menschen können gesund werden. Es ist darum richtig, gegen Krankheit zu kämpfen und zu hoffen.
- Und Wunder erzählen, es mag vernünftig sein, Angst zu haben vor vielem.

Aber es ist noch vernünftiger, an Gott zu glauben. Dann kann man die Angst aushalten und ihr entgegen treten und was tun.

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„Wer Ohren zu hören, der höre."
Mehrfach schärft Jesus in der Bibel das seinen Zuhörern ein. Kaum einen Satz hat
Jesus so oft wiederholt. „Wer Ohren hat zu hören, der höre."

Wie wäre das für Sie, wenn ein Redner Sie so ermahnt? Ich würde es wohl erst mal als Unterstellung hören, dass ich nicht richtig zugehört habe.

Aber das könnte ein Missverständnis sein. Denn, ich weiß aus eigener Hörerfahrung, leicht ist hören nicht, zumal heute. Unendlich viele Reize strömen auf einen ein und fordern alle Sinne. Und wie rasch lässt die Aufmerksamkeit des Hörens nach, wenn man etwas sieht oder an anderes denkt. Da wird der Hörsinn leicht überdeckt. Und man hört nur noch nebenbei. Drüberweg. Am Gegenüber vor-bei.

Vielleicht unterstellt Jesus also nichts, sondern formuliert, was an der Zeit ist. Und macht zu Recht aufmerksam auf diesen Sinn. Der so tief anrühren und berühren kann. „Wer Ohren hat zu hören."

Hören: Das könnte auch in den Ferien dran sein. Sie können eine Zeit sein für konzentriertes Hören: Vom Hören zum Hin-hören, vom Hören zum Lauschen. Vielleicht auch vom Hören zum Auf-hören?

Ferien bieten die Chance, sich Hör-Zeit zu nehmen. Orte zu suchen, die hören lassen: Am Wasser sitzen und den Wellen zuhören: Sie gewissermaßen mit den Ohren sehen. Oder in eine Hörspielkirche gehen: In Sipplingen am Bodensee und in Federow an der Müritz kann man das diesen Sommer. Eine Kirche besuchen und sich dort einem Hörspiel öffnen. In eine andere Welt eintauchen.

„Wer Ohren hat zu hören, der höre." Der Satz rückt mir immer näher. Zumal er mich an eine Geschichte aus dem Alten Testament erinnert, die ich als Kind schon intensiv gehört habe. Auf Schallplatte. Die mich fasziniert und auch ein wenig erschreckt hat. Sie erzählt von Samuel:

Er ist noch ein Junge. Gerade in den Tempel eingetreten als Prophetenschüler. In der Nacht hört er seinen Namen rufen. Er geht zu Eli, seinem Lehrer, und sagt, ‚da bin ich'. Eli sagt: ‚Ich weiß nicht, was Du gehört hast, ich habe nicht gerufen.' Zweimal geht das noch so. Dann erst begreift Eli, der Lehrer, und kann dem Jungen Samuel deuten, wie ihm geschieht. „Es muss Gott sein, den Du hörst", sagt er. Und er rät dem Jungen: „Wenn es wieder geschieht, dann sag; Hier bin ich - ich höre." (1. Samuel 3)

Hören kann sehr tief gehen. Wenn das Gewissen spricht, oder eine Entscheidung ansteht und ich aus vielen Stimmen die Richtige suche. Indem ich erkenne, was mich unbedingt angeht. Da muss ich aufhorchen. Vielleicht mit etwas aufhören. Aus Jesu Worten Gott hören, der es gut mit mir meint. Wolf-Dieter Steinmann, Ettlingen,

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„So könnte es sein zwischen den Jungen und den Alten". Habe ich vor kurzem gedacht. Wenn sie zusammen finden, wie der alte Herr und das kleine Mädchen, vermutlich Opa und Enkelin. Vor ein paar Tagen habe ich sie getroffen in einem tristen Fußgängertunnel unter dem Hauptbahnhof. Mir kam die Szene dort vor wie ein Versprechen:

Zuerst habe ich die beiden nur gehört. Von hinten sind sie näher gekommen. Im Laufschritt. „Da haben es zwei aber eilig," habe ich gedacht. Obwohl sie laufen, steht die Kinderstimme nicht still. Ein bisschen außer Atem plappert sie unentwegt. Als sie mich überholen, wirkt das Bild ganz heiter auf mich. Der Opa, groß, sportlich mit seinen bestimmt über 70. Das kleine Mädchen, vielleicht vier. Dieser Größenunterschied! Die beiden Rucksäcke wippen reichlich asynchron beim Laufen. Aber sie haben dasselbe Tempo gefunden. Dabei, ihre Schritte könnten unterschiedlicher nicht sein. Opa und Enkelin zusammen auf Ausflug.

Das Erstaunlichste aber. Sie halten sich fest an den Händen. Die ganze Zeit. Gar nicht so einfach, im Laufen, bei dem Größenunterschied. Die Kleine redet immer weiter und der Opa hört aufmunternd zu. Bis ich sie nicht mehr sehen kann. Aber ihr Bild ist mir immer noch lebendig.

Eine Szene wie ein Versprechen? Mir jedenfalls sagt sie:

Es gibt eine Kraft, die Menschen anzieht und zusammen gehören lässt. Die über Generationen hinweg das Bedürfnis wachhält, dass wir uns gewissermaßen an den Händen halten. Ich glaube, diese Kraft ist unauslöschlich. Unsere modernen Lebensumstände machen es vielleicht schwierig, so zu leben. Wenn alt und jung kaum Gelegenheit haben, einander zu begegnen, wird das Fremdeln womöglich größer. Aber die beiden im S-Bahn-Tunnel versprechen mir, die Kraft der Anziehung lebt.

Und sie erzählen mir von dem Privileg, das Großeltern oft haben. Gegenüber Eltern. Zwischen Eltern und Kindern bekommt die Liebe ja unvermeidlich ‚Alltagsdellen', sogar ‚Alltagsnarben.' Großeltern können unbelastet vom Alltag mit Kindern umgehen. Ungeniert liebevoll. Mehr vielleicht, als sie es mit den eigenen Kindern geschafft haben. Oma und Opa können so lieben wie Paulus schreibt: „Die Liebe ist langmütig und freundlich, die Liebe eifert nicht, die Liebe treibt nicht Mutwillen, sie bläht sich nicht auf." So kann man über Generationen hinweg erleben: „Die Liebe hört niemals auf."(1. Kor 13,4.7.)

Vielleicht haben Sie ja in diesen Ferien die Gelegenheit, dieses Privileg zu erleben. Wie die beiden im Bahnhofstunnel. Vielleicht erleben Sie, dass es wahr wird, das Versprechen der Liebe.

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Der Großvater von Thomas Bernhard, dem österreichischen Dichter, hatte ein ganz spezielles Verhältnis zu Krankenhausseelsorgern, meinem Berufsstand. Als er im Sterben lag, und morgens um halb sechs an der Tür der von ihm gehasste Krankenhauspfarrer erschien um ihm die letzte Ölung zu geben, sagte er mit letzter Kraft, aber doch sehr deutlich: „Hinaus!" Woraufhin sich der Geistliche unverzüglich aus dem Krankenzimmer des Großvaters entfernte.

Heute läuft das alles sehr viel dezenter ab. In der Regel werden die Patienten bei ihrer Aufnahme nicht nur gefragt, ob sie vegetarische Speisen bevorzugen, oder eine Psychologin sich um sie kümmern soll, sondern auch: ob sie den Besuch eines Krankenhausseelsorgers wünschen. Und immer wieder sagen Patienten uns: Schön, dass es sie gibt, aber: Ich hoffe, noch ist es nicht soweit. Krankenhausseelsorge - das hört sich immer noch an nach: Jetzt hilft keine Medizin mehr. Jetzt geht's zu Ende.

Sicher, dafür sind wir ja auch da: für die letzten Stunden. Wie bei dem Patienten, mit dem ich eine Stunde das Vaterunser gebetet habe, das Gebet seiner Kindheit, dass er noch auswendig konnte, als er schon keinen Menschen mehr erkannt hat. Und nach einer Stunde begann er zu singen: „Geh aus mein Herz und suche Freud". Ein Patient übrigens, der schon lange aus der Kirche ausgetreten war.

Oder die Patientin, die wusste, dass sie nicht mehr lange zu leben hatte, die auf der Suche war und mit der ich in die Kapelle gegangen bin. Wenige Stunden vor ihrem Tod ließ sie sich taufen.

Oder bei dem jungen Mann, kurz vor seinem Tod, der etwas so schlichtes brauchte wie: einen kühles Tuch auf die Stirn und jemanden, der ihm die Hand hält. Seine Frau konnte das alles nicht mehr ertragen: die Krankheit, das schnelle Sterben, vor allem ihre eigene Hilflosigkeit.
Oder bei der alten Frau, deren Selbsttötungsversuch missglückt war, die nun einsam auf der Intensivstation lag, nicht mehr sprechen konnten.

Man kann durchaus „Hinaus" rufen, wenn der Krankenhausseelsorger in der Tür erscheint. Oder „Nein" ankreuzen, wenn man gefragt wird.  Aber man kann sich diesen Menschen auch erst einmal anschauen. Das Miteinander Reden fällt einfach leichter, wenn man sich eine Weile kennt. Und ich bin - wie meine Kollegen und Kolleginnen - für alle da im Krankenhaus: für die Pfleger, die Ärzte, die Schwestern, die Angehörigen - die Kranken und die Gesunden.

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Ein Traum in weiß, der Hochzeitsmarsch, kleine Mädchen, die Blumen streuen, die selbst entworfenen Trauringe - und dann die Frage: „Wollt ihr im Vertrauen auf Gottes Güte und Treue in der Ehe einander annehmen und füreinander da sein, solange ihr lebt, so antwortet: Ja.. Gott helfe uns". Und die Antwort: „Ja!" - oder sollte man doch lieber: „Nein!" Sagen?

Warum heiraten? Warum Kinder und Familie? Martin Luther war überzeugt davon: Diesen Schritt muss man sich gründlich überlegen. Luther wusste, was Männer vom Heiraten abhält. Nämlich 1. „die wunderliche Weise der Weiber", 2. das Geschrei der kleinen Kinder, 3. die größeren Ausgaben.  Sollte man sich, so fragt er, der „Knechtschaft solcher Übel" tatsächlich unterwerfen? Das Kindergeschrei - Luther selbst hatte sechs Kinder - war ja vor 450 Jahren nicht leiser. Merkwürdig waren „Weiber" in den Augen der Männer auch damals. Sie redeten immer dann, stellte Luther fest, wenn sie besser schweigen sollten. Heute könnte man ergänzend hinzufügen: die Männer schweigen immer dann, wenn es besser wäre zu reden. Und schließlich: Familie kostet Geld: Kleider, Essen, Trinken, Wohnen, das alles will ja erst einmal finanziert werden.

Wenig ermutigend sei der Blick auf andere Ehepaare. Die Ehen waren damals nicht besser als heute. „Es findet sich allezeit Zank und Hader im Ehebett." Neben „Zank und Hader" sei es die Untreue, die dunkle Schatten auf die Ehe wirft. Seitensprünge sind keine moderne Erfindung. Luther erklärte klipp und klar: „Der mehrere Teil derer, die ehelich sind, lebt im Ehebruch." Die meisten Eheleute sind eben nicht lieb zueinander und nicht einmal treu. Das verdirbt das Zusammenleben von Grund auf. Warum?

Eine Frau und ein Mann sind leicht genommen, schreibt Luther, aber stets liebzuhaben, das sei schwer. Auch wenn wir Treue versprechen, Liebe schwören, mit unserer quecksilbrigen, unbeständigen Natur  können wir uns kaum auf uns selbst verlassen. „Wenn's übel gerät, so ist's die Hölle", schreibt Luther.

Und trotz alldem heiraten? Ja doch. Heiraten ist kein „Scherz oder Kinderspiel". Und Ehe nicht immer der Himmel auf Erden. Wenn es aber gut geht, - so viel kann ich nach über 30 Jahren sagen - dann ist es einfach wunderbar, nach Hause zu kommen und hören: „Schön, dass Du wieder da bist."

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Frieden, das ist ein Zustand, in dem gewissermaßen nichts los ist. Auf den Parkbänken in der Stadt sitzen alte Damen, den Rollator neben sich. Mütter und Väter plaudern munter in das Handy, während ihre Kinder in der Sommerwärme die Schuhe ausziehen, am Brunnenrand sitzen und ihre nackten Füße ins Wasser baumeln lassen. Herren in Anzügen gönnen sich eine Riesenportion Eis. Ein Pärchen auf der Parkbank knutscht sich gerade ab. In den Vorgärten blüht der Lavendel. Und wer von Mannheim nach Berlin mit dem Zug fahren will, kommt heile und - mal abgesehen von einigen Verspätungen, dort auch nach ein paar Stunden an.

Warum mir der Friede immer lieber sein wird als der Krieg? Das kann ich mit einem Satz sagen: „Ich liebe das Leben um der Löcher willen, die ich in die Luft starren darf." (Botho Strauß) Ich liebe das Leben - und ganz besonders eines, in dem ich Zeit habe. Friedliche Zeit. Ungenutzte Zeit, Zeit einzig dafür, da zu sein, privat zu sein. Mehr nicht. Das kann man nur, wenn man nicht befürchten muss, dass man gleich um sein Leben rennen muss. Das kann man nur, wenn nicht das ganze Leben durchorganisiert ist und der Staat glaubt, besser zu wissen, womit ich meine Zeit zu verbringen habe. Das kann man nur, wenn man satt ist. „Ich liebe das Leben, um der Löcher willen, die ich in die Luft starren darf." - draußen im Sommer, unter einem Sonnenschirm bei einer Tasse Eiscafe. auf der Wiese im Park, auf dem Balkon, wenn man aufschaut und tatsächlich nichts anderes macht als friedlich Löcher in die Luft zu starren.     

 „Friede sei mit euch." „Der Friede Gottes regiere eure Herzen." „Gott ist ein Gott des Friedens." In der Bibel wird an vielen Stellen der Frieden beschworen - trotz aller Metzeleien, von denen dort auch genügend die Rede ist. Und wie sieht er aus, der Frieden? Am schönsten und schlichtesten wird er beschrieben bei dem Propheten Sacharia (8,4)  „Es sollen hinfort wieder sitzen auf den Plätzen alte Männer und Frauen, jeder mit seinem Stock in der Hand vor hohem Alter, und die Plätze der Stadt sollen voll sein von Knaben und Mädchen, die dort spielen." Frieden meint, dass Menschen überhaupt alt werden können und nicht schon mit 18 Jahren ein Gewehr in die Hand gedrückt bekommen und um ihr Leben kämpfen müssen. Frieden meint, dass niemand einen Wehrlosen, der auf den Stock in der Hand angewiesen ist, erschlägt. Frieden meint, dass draußen Kindergeschrei zu hören ist und Kinder spielen können. So einfach ist das mit dem Frieden. Eigentlich.

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