Alle Beiträge

Die Texte unserer Radiosendungen in den Programmen des SWR können Sie nachlesen und für private Zwecke nutzen.
Klicken Sie unten die gewünschte Sendung an.


SWR2 Wort zum Tag

„Sophie". „Sophie" zählt zu den beliebtesten weiblichen Vornamen in Deutschland. „Sophia" ist griechisch und bedeutet „Weisheit".

Die Liebe zur Weisheit steckt etwa in dem Wort „Philosophie".

Die Weisheit spielt auch in der Bibel eine große Rolle.

Ja, sie „spielt" hier tatsächlich.

Im Alten Testament, dem älteren Teil der Bibel bringt das Buch der Sprichwörter die Erschaffung der Welt in dieses wunderschöne Bild und da spielt die Weisheit von Anfang an im wahrsten Sinne des Wortes mit. Da heißt es: „So spricht die Weisheit Gottes: Als Gott den Himmel baute, war ich dabei, als er den Erdkreis abmaß, als er droben die Wolken befestigte. Als der Herr die Fundamente der Erde abmaß da war ich als geliebtes Kind bei ihm. Ich war seine Freude Tag für Tag und spielte vor ihm allezeit." (Buch der Sprichwörter 8, 22.30)

Die Weisheit wird beschrieben als Quelle der Freude, als Quelle des Lebens und als Kraft für Gottes Handeln. „Ich war seine Freude und spielte vor ihm".

Von Anfang an also ist die spielende und spielerische Weisheit bei der Schöpfung dabei gewesen, als Gottes geliebtes Kind.

Die Weisheit steht auch für die mütterlichen Eigenschaften Gottes. Und sie wird mit dem Heiligen Geist, der Schöpferkraft Gottes, in Verbindung gebracht.

Sie ist inspirierend wie eine spielerische Schöpferkraft.

Bei bildlichen Darstellungen von Gott Vater und Sohn und Heiliger Geist wird der Heilige Geist daher auch als weibliche Gestalt dargestellt.

Der schöpferischen Fantasie sind hier keine Grenzen gesetzt.

So wird in der westkirchlichen und ostkirchlichen Tradition die Heilige Sophie, die Frau Weisheit, mit ihren drei Töchtern dargestellt: „Pistis", „Elpis" und „Agape". Also Glaube, Hoffnung, Liebe.

Weisheit bedeutet also: Glauben, hoffen und lieben. Sophie ist eine Frau, die glauben, hoffen und lieben kann.

https://www.kirche-im-swr.de/?m=15343

Aza weiß genau was sie will. Sie ist acht Jahre alt und kommt aus Russland. Vor ein paar Wochen ist sie zusammen mit ihrer Familie im Asylheim in Stuttgart angekommen. Übergangsweise. Sie wohnen zusammen mit einigen anderen Familien im sogenannten „Übergangswohnheim".
Alle die hier sind, haben ihre Heimat verloren. Aza und ihre Familie ist vor dem Bürgerkrieg in Tschetschenien geflüchtet. Der Vater trinkt viel. Er hadert mit seinem Schicksal, weil die junge Familie alles verloren hat.
Aza ist die Einzige in dem Asylwohnheim, die schon nach ein paar Wochen sehr gut Deutsch spricht.
Deshalb hat sie nur einen Wunsch: Sie will in die Schule gehen. Sie ist ja schon acht und kann ihren Namen schreiben und gut rechnen. Noch fehlt die Erlaubnis dazu. Die Asylbetreuer kümmern sich darum.
Aza hat mir erzählt, sie will hier bleiben, weil in Russland sei es nicht gut gewesen. „Hier ist es gut. Ich will hier zur Schule gehen und studieren und Geld verdienen und meiner Mama alles kaufen, alles alles." Sie macht sich große Sorgen.
Wenn Frau Baumann zum Beispiel auf Besuch kommt, ist Aza es, die sich für ihre Familie einsetzt und übersetzt.
Frau Baumann wohnt in der Nachbarschaft und hat ein Herz für die junge Asylbewerber-Familie. Jeden Tag kommt sie vorbei und fragt, ob die Familie Hilfe braucht. Sie hilft bei den Behördengängen, hilft übersetzen, lernt mit Aza Deutsch und sammelt das Nötigste, was die Familie zum Leben braucht. So hat sie für Azas kleinen Bruder ein Kinderbett besorgt, damit er nicht mehr im Kinderwagen schlafen muss. Sie bringt Kleidung, Möbel, Spielsachen, Bücher. Frau Baumann ist so etwas wie ein Engel für Azas Familie und die rund 30 anderen Mitbewohner in dem Asylwohnheim.
Für sie ist das selbstverständlich. „Ich will den Menschen auf der Flucht hier bei uns ein Stückchen Heimat und Geborgenheit schenken. Egal, ob sie bleiben können oder wieder weiterziehen müssen." Aza will bleiben, das weiß Frau Baumann. Noch ist das Schicksal der jungen Familie unklar. Doch der Leiter des Caritas-Asylheims ist zuversichtlich.
Als ich Aza drei Wochen später wieder besuche, strahlt sie mich überglücklich an. Seit zwei Tagen geht sie zur Schule. Endlich, die Familie darf bleiben.

 

https://www.kirche-im-swr.de/?m=15342

Der 1940 verstorbene Maler Paul Klee hat immer wieder Engel gemalt. Eines seiner Engelbilder trägt den Titel „Angelus Novus". 1920 hat er es geschaffen. Nach einer wechselhaften Geschichte hat das Bild seinen Platz in einem Jerusalemer Museum gefunden.

Eine Engelfigur steht mir vor mir - Körper und Gesicht sind mir zugewandt, Augen und Mund weit geöffnet, die Arme wie Flügel ausgebreitet.

„Angelus Novus" - „Engel des Neuen", so könnte man etwas frei übersetzen. Vielleicht auch: „Fortschrittsengel". Strahlt dieses Werk Hoffnung aus oder Skepsis?  Der „Fortschritt" ist ja zwiespältig: Für die einen bedeutet er, dass wir durch vielfältige Anstrengungen einer helleren Zukunft entgegen gehen. Andere erfüllt der so genannte Fortschritt mit tiefem Misstrauen. Ist über die Zeiten hinweg wirklich etwas besser geworden, und kann uns das, was wir Menschen gestalten und was uns oft auch über den Kopf wächst, nicht eher das Fürchten lehren?

Skepsis oder Hoffnung? Paul Klees „Angelus Novus", der „Fortschrittsengel", ist       geradezu zum Symbolbild für diese Frage geworden. Sein erster Besitzer, der jüdische Schriftsteller Walter Benjamin, hat in ihm den Engel der Geschichte gesehen, der auf die Vergangenheit zurückblickt und darin ein unablässiges Fortschreiten von Katastrophe zu Katastrophe sieht. Der Engel möchte retten, heilen - aber er kann es nicht, weil ihn der Sturm unwiderstehlich immer weiter vom Paradies wegtreibt in eine unheilvolle Zukunft hinein. Dieser Sturm der Zerstörung ist für ihn der Fortschritt.

Skepsis oder Hoffnung - gibt es überhaupt eine Antwort auf diese Frage, wenn wir das Leben und die Geschichte der Menschen betrachten? Entspricht Walter Benjamins Sicht nicht weithin dem, was uns die Geschichte lehrt und was wir weltweit tagtäglich um uns herum erleben? Seine Deutung begleitet Klees Bild des „Angelus Novus" bis heute.

Aber ist nicht auch eine andere Sicht möglich? Vielleicht entfernt sich dieser Engel ja nicht von mir, sondern kommt auf mich zu? Vielleicht laden seine ausgebreiteten Flügel mich ein, mich auf Neues und Unbekanntes einzulassen? Überlasse ich der Resignation das letzte Wort, oder kann ich einen Hoffnungsboten in ihm sehen - trotz des vielfachen Scherbenhaufens der Geschichte, den ja niemand leugnen kann? Das ist die Frage, die Klees „Angelus Novus" unausweichlich stellt: Was dürfen wir hoffen? Könnte es sein, dass die Verheißung des Schöpfungsmorgens noch lange nicht zu Ende gesprochen ist, die lautet: „Alles ist gut."

https://www.kirche-im-swr.de/?m=15328

Im Jahr 1939, wenige Monate vor seinem Tod, hat der Maler Paul Klee ein Bild geschaffen mit dem Titel: „Engel, noch tastend". In vielen Engelbildern hat sich der schwer kranke Künstler in seinen letzten Jahren mit seinem Sterben und seinem Tod auseinander gesetzt, mit Fragen, Hoffen und Zweifeln. Dieses Bild vom tastenden Engel rührt mich besonders an.

„Engel, noch tastend". Ich sehe vor einem rosa-beigen Hintergrund in feiner Strichzeichnung ein Kind mit hell kolorierten Haaren, einem nach vorne geneigten Gesicht und weit offenen Augen. Es trägt ein blaues Kleid mit einem angedeuteten Engelsflügel. Mit ausgestreckten Armen tasten Kinderhände am Rand des Bildes entlang. Dieser Rand verwehrt, auf das auszublicken und auszugreifen, was sich jenseits dieser Grenze verbirgt. Dunkle Schleier sind über das Bild gelegt und erinnern daran, dass dieses Kinderbild auch ein Todesbild ist.

Vielleicht liegen Kinderbild und Todesbild hier näher beieinander, als man meinen möchte. „Noch tastend" - das begleitet uns durch das ganze Leben. Ein Kind muss suchend und tastend seinen Weg ins Leben finden, immer wieder an Grenzen stoßen und Grenzen überwinden, hinter denen sich Neues, Unbekanntes, Offenes verbirgt. Später legt sich der Grauschleier des Erwachsenwerdens darüber. Enttäuschungen stellen sich ein, Verluste, Versagen. Der unbefangene Kinderglaube geht verloren, manchmal wird der Glaube reifer, manchmal bleiben nur Unsicherheit und Zweifel zurück. „Als ich ein Kind war", sagt der Apostel Paulus, „redete ich wie ein Kind, urteilte wie ein Kind, dachte wie ein Kind. Als ich ein Mann wurde, legte ich ab, was Kind an mir war." Wir werden erfahrener, wissender - und in vielem auch unwissender. Wir kennen kaum uns selbst, geschweige denn, dass wir uns die eigentlichen und letzten Fragen nach dem Sinn von Leben und Sterben und nach Gott selbst beantworten könnten.

„Noch tastend." Das bleibt uns ein Leben lang. Das Kind in uns will immer noch wissen, was jenseits der Grenzen liegt. Der Engel in uns bleibt immer auf der Suche und hält die Ahnung eines anderen, neuen Lebens in uns wach. Aber auch die Grenzen, das Nichtwissen, das Nichtsehen bleiben. Jetzt erkennen wir nur unvollkommen, sagt Paulus, sehen nur schattenhafte Spiegelungen. Aber vielleicht genügt es ja auch, gerade so viel zu wissen, um vertrauensvoll die Hand auszustrecken und darauf zu vertrauen, dass jenseits der Grenze jemand in Liebe auf mich zukommt. Und dann, sagt Paulus, „werde ich ganz erkennen, so wie auch ich ganz erkannt bin".

https://www.kirche-im-swr.de/?m=15327

„Engel sind in der heutigen Kunst ‚in'", sagte mir neulich ein Kunsthistoriker. Haben die Menschen heute ein besonderes Bedürfnis nach dem, was Engel symbolisieren: eine Zwischenwelt zwischen dem, was wir täglich sehen und erleben, und dem Unsichtbaren und Unsagbaren? Ein Reich, von dem wir ahnen, dass es dort um die eigentlichen Fragen nach dem Sinn unseres Lebens geht?

Der Maler Paul Klee wusste sich diesem „Zwischenreich" nach eigener Aussage immer verbunden, und er wollte mit seiner Kunst das Unsichtbare sichtbar machen. Wohl deshalb hat er viele Engel gemalt - einige bereits in jungen Jahren, aber die meisten zwischen 1938 und seinem frühen Tod im Jahr 1940. Darunter sind suchende und zweifelnde Engel, kämpfende und weinende, hörende und hoffende, diesseitige und solche von einem anderen Stern, ein Engel vom Kreuz und auch ein Todesengel - eines von Klees letzten Werken.

Engel haben in der Glaubensgeschichte von Juden und Christen eine lange Tradition, die auf die Bibel zurückgeht. Sie sind Bilder für die Gegenwart des unsichtbaren und unsagbaren Gottes, der bei den Menschen ist und in ihrem Leben wirkt. Paul Klees Engelbilder knüpfen an diese Tradition an - wie anders könnte sonst ein anrührendes Schutzengelbild dazu gehören, in dem ein Kind von einem großen, besorgten Engel behütet wird und bei ihm geborgen ist?

Aber Klees Engel fordern kein Glaubensbekenntnis. Sie sprechen - zumindest vordergründig - nicht von Gott, sondern von den Menschen. Sie machen das Unsichtbare sichtbar, das in den Menschen verborgen ist; sie sprechen von dem, was uns bewegt, für das wir oft keine Worte finden und wo es doch um die wirklich wichtigen Fragen geht: um das Unfertige in uns, den Zweifel, die kleinen und großen Hoffnungen; um das, was uns glücklich macht und um das Tragische, mit dem wir ringen. „Bei den Engeln", sagt Paul Klee mit dem feinsinnigen Humor, der aus vielen seiner Bilder spricht, „bei den Engeln ist alles wie bei uns, nur englisch."

Aber sprechen diese Bilder nicht vielleicht doch auch von Gott und von unserer Beziehung zu ihm? Könnte es sein, dass sich in diesem geheimnisvollen „Zwischenreich" das Unsichtbare und Unsagbare unseres menschlichen Lebens und der unsichtbare und unsagbare Gott begegnen? Lassen uns diese Bilder ahnen, dass Gott in uns lebt und wir in ihm?

https://www.kirche-im-swr.de/?m=15326