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SWR2 Wort zum Tag

Ich kann ganz schön viel Zeit damit zubringen, über mich selbst nachzudenken. Es geht darum, wie ich mich bei einem kommenden Gespräch am Besten verhalte, oder was alles schief gehen kann. Vor allem denke ich aber immer wieder darüber nach, was ich nicht gut gemacht habe, wo ich mich irgendwie unpassend  benommen habe. Ich beschäftige mich viel mit Dingen, die in der Vergangenheit liegen oder in der Zukunft noch geschehen werden.
Roger Schutz, der Gründer der Brüdergemeinschaft von Taizé, fordert mich auf, „im gegenwärtigen Augenblick zu leben". Er sagt, es nütze nichts, wenn ich mir Sorgen mache. Und er fragt: „Warum solltest du dich mit dem aufhalten, was dir weh tut - bei dir selbst und bei den anderen?"
Ja, warum eigentlich? Warum mache ich das so oft? Warum beschäftigen mich die Dinge noch so lange? Ich kann nachträglich nichts mehr ändern. Und die Zukunft kann ich auch nicht steuern.
Roger Schutz spricht in diesem Zusammenhang von der „schlichten Umkehr des Herzens". Um das zu erklären zitiert er einen Vers aus der Bibel. Dort heißt es im ersten Johannesbrief: „Denn wenn das Herz uns auch verurteilt - Gott ist größer als unser Herz."
Wenn ich das richtig verstehe, besteht die „Umkehr des Herzens" darin, mich für das Vergangene nicht selbst zu verurteilen, sondern auf Gott zu schauen. Nicht ich allein muss für mich sorgen. Ich kann mich Gott anvertrauen, ihm meine Fehler überlassen. Das hört sich zwar einfach an. Aber vielleicht ist es so einfach, nur fehlt mir das Vertrauen, dass Gott ohne wenn und aber hilft.
Eines leuchtet mir auf jeden Fall ein: Es ist hilfreich für mich, Probleme und Sorgen oder Fehler, die ich gemacht habe, nicht krampfhaft festzuhalten und bearbeiten zu wollen. Es ist gut, sie loszulassen, sie vielleicht konkret zu benennen und jemand anderem zu erzählen.
Frère Roger sagt: Das entlastet mich. Das macht mich frei, im gegenwärtigen Augenblick zu leben. Da ist schon was dran: ich hänge mit meinen Gedanken viel in der Vergangenheit und träume mir so oft die Zukunft zu recht. Die Gegenwart bewusst zu leben, das geht darin fast unter. Das, worüber ich mich in der Vergangenheit ärgere, das, was mir in der Zukunft Sorgen macht, kann ich gut bei Gott lassen. Roger Schutz meint, sein Verzeihen kann mir Leben ermöglichen. Leben in der Gegenwart.
Johannes Varelmann aus Offenburg von der katholischen Kirche.Johannes Varelmann aus Offenburg von der katholischen Kirche.

 

Samstag, 11. Februar

Gegenwärtig leben

Teaser: Vergangenheit und Zukunft beschäftigen mich sehr, dabei kann ich nur die Gegenwart gestalten.

Ich kann ganz schön viel Zeit damit zubringen, über mich selbst nachzudenken. Es geht darum, wie ich mich bei einem kommenden Gespräch am Besten verhalte, oder was alles schief gehen kann. Vor allem denke ich aber immer wieder darüber nach, was ich nicht gut gemacht habe, wo ich mich irgendwie unpassend  benommen habe. Ich beschäftige mich viel mit Dingen, die in der Vergangenheit liegen oder in der Zukunft noch geschehen werden.
Roger Schutz, der Gründer der Brüdergemeinschaft von Taizé, fordert mich auf, „im gegenwärtigen Augenblick zu leben". Er sagt, es nütze nichts, wenn ich mir Sorgen mache. Und er fragt: „Warum solltest du dich mit dem aufhalten, was dir weh tut - bei dir selbst und bei den anderen?"
Ja, warum eigentlich? Warum mache ich das so oft? Warum beschäftigen mich die Dinge noch so lange? Ich kann nachträglich nichts mehr ändern. Und die Zukunft kann ich auch nicht steuern.
Roger Schutz spricht in diesem Zusammenhang von der „schlichten Umkehr des Herzens". Um das zu erklären zitiert er einen Vers aus der Bibel. Dort heißt es im ersten Johannesbrief: „Denn wenn das Herz uns auch verurteilt - Gott ist größer als unser Herz."
Wenn ich das richtig verstehe, besteht die „Umkehr des Herzens" darin, mich für das Vergangene nicht selbst zu verurteilen, sondern auf Gott zu schauen. Nicht ich allein muss für mich sorgen. Ich kann mich Gott anvertrauen, ihm meine Fehler überlassen. Das hört sich zwar einfach an. Aber vielleicht ist es so einfach, nur fehlt mir das Vertrauen, dass Gott ohne wenn und aber hilft.
Eines leuchtet mir auf jeden Fall ein: Es ist hilfreich für mich, Probleme und Sorgen oder Fehler, die ich gemacht habe, nicht krampfhaft festzuhalten und bearbeiten zu wollen. Es ist gut, sie loszulassen, sie vielleicht konkret zu benennen und jemand anderem zu erzählen.
Frère Roger sagt: Das entlastet mich. Das macht mich frei, im gegenwärtigen Augenblick zu leben. Da ist schon was dran: ich hänge mit meinen Gedanken viel in der Vergangenheit und träume mir so oft die Zukunft zu recht. Die Gegenwart bewusst zu leben, das geht darin fast unter. Das, worüber ich mich in der Vergangenheit ärgere, das, was mir in der Zukunft Sorgen macht, kann ich gut bei Gott lassen. Roger Schutz meint, sein Verzeihen kann mir Leben ermöglichen. Leben in der Gegenwart.

https://www.kirche-im-swr.de/?m=15273

Heute vor 80 Jahren, am 10. Mai 1933 wurden in vielen Städten Deutschlands Bücher verbrannt. Davor lief über einen Monat lang die groß angelegte „Aktion wider den deutschen Ungeist". Zwei nationalsozialistische Studentenbünde bildeten zusammen mit  anderen „Kampfausschüsse". Sie boykottierten Professoren, weil sie Juden waren, weil sie kommunistischen Organisationen angehörten, oder weil sie einfach zu liberal oder pazifistisch redeten.
Dann begannen sie, so genannte „zersetzende Bücher" für die Bücherverbrennung zu sammeln, bei sich selber, bei Angehörigen und Freunden, in öffentlichen Bibliotheken und Buchhandlungen. Am 10. Mai wurden diese Bücher dann in vielen Städten nach dem gleichen vorher genau festgelegten Zeremoniell verbrannt. Dazu gab es Festreden von Professoren, Schriftstellern oder Politikern.
Von Heinrich Heine stammt der Satz: „Das war ein Vorspiel nur, dort wo man Bücher verbrennt, verbrennt man am Ende auch Menschen."
Dieser Satz hat sich als traurige Realität erwiesen und ist deshalb auf vielen Gedenktafeln zu diesem Anlass zu lesen. Im weiteren Verlauf ist Grausames und Unfassbares geschehen. Die Bücherverbrennung war nur der Anfang. Und obwohl es „nur der Anfang" war, finde ich das schon sehr beklemmend. Mich erschreckt, wie anmaßend und selbstgerecht Leute darüber geurteilt haben, was deutsch ist und damit gut, und was als undeutsch ausgetilgt gehört. Und auch wenn ich nicht weiß, wie ich damals gehandelt hätte, mich erschreckt der Gedanke, dass jemand solchen Unsinn wie die „12 Thesen wider den undeutschen Geist " ernst nehmen konnte, Sätze wie: „Der Jude kann nur jüdisch denken. Schreibt er deutsch, dann lügt er."
Und dann bedrückt mich, wie persönlich die Nationalsozialisten geworden sind, wie selbstverständlich sie in Privatbereiche eingedrungen sind. Wenn ich mir vorstelle, dass da jemand aus meinem Bekanntenkreis meinen Bücherschrank durchforstet, mir Bücher wegnimmt, die mir wichtig oder lieb geworden sind! Bücher sind für mich als Leser etwas sehr persönliches. Wie sehr sind sie es dann erst für die Autoren! Und wie sehr wollten die Nazis diese Autoren auch tatsächlich persönlich treffen. Ihre ätzend-theatralischen Aufführungen sollten die Autoren fertig machen.
Doch eigentlich offenbaren die ganzen Nazi-Aktionen nur eines: Angst. Schließlich lassen Bücher die Menschen eigene Wege in die Welt finden. Sie fordern vom Leser, dass er sich Gedanken macht, eine Meinung bildet. Und bei Büchern entscheide ich tatsächlich selbst, wie weit ich noch lesen möchte - und wann ich sie weglege. Sie lassen mir meine Freiheit. Ich hoffe, dass ich dieser Freiheit nie mehr beraubt werde.

https://www.kirche-im-swr.de/?m=15272

Der jüdische Religionsphilosoph Martin Buber wurde 1887 in Wien geboren. 1965 ist er in Jerusalem gestorben. Mit seinen Gedanken und Anregungen ist er für viele lebendig bis heute. „In ihm fand ich einen, der" den eigenen Glauben „auf eine solche Weise lebte und verwirklichte, dass man durch alle Türen ins Vertraute kam." - so schrieb der Schriftsteller Albrecht Goes einmal über Martin Buber. Durch unterschiedliche Türen und Zugänge ins Vertraute kommen. Damit ist das angesprochen, was den Dialog der Weltanschauungen und Religionen so kostbar macht. Wer sich auf den jüdischen Philosophen und Theologen Martin Buber einlässt, der kann das Vertraute in anderer Gestalt und mit neuen Augen sehen lernen. Buber führt ihn zu dem eigenen hin, gleich, woher er kommt. Bubers Leser lernen sich im anderen selber besser zu verstehen.

Martin Buber erläutert die Gründe für seine Offenheit so: „Mit jedem Menschen ist etwas Neues in die Welt gesetzt, was es noch nicht gegeben hat. ... Das Einzige und Einmalige ist es, was jedem vor allem auszubilden und ins Werk zu setzen aufgetragen ist. ... Alle Menschen haben Zugang zu Gott, aber jeder und jede einen anderen. ... Gott sagt nicht: „Das ist ein Weg zu mir, das aber nicht", sondern er sagt: „alles, was du tust, kann ein Weg zu mir sein, wenn du es nur so tust", wie es dir und keinem anderen entspricht. ... „In jedermann ist etwas Kostbares, das in keinem andern ist." (16ff)

Martin Buber erzählt einmal, wie ein Rabbi von seinem Schüler gebeten wird: „Weise mir einen allgemeinen Weg zum Dienst Gottes". Der Rabbi antwortet: „Es geht nicht an, dem Menschen zu sagen, welchen Weg er gehen soll. ... Jedermann soll wohl achten, zu welchem Weg ihn sein Herz zieht, und dann soll er sich diesen mit ganzer  Kraft wählen."

https://www.kirche-im-swr.de/?m=15247

Von Rainer Maria Rilke stammen die folgenden Zeilen:

„Man muss Geduld haben

gegen das Ungelöste im Herzen

und versuchen die Fragen selbst lieb zu haben

wie verschlossene Stuben und wie Bücher,

die in einer fremden Sprache

geschrieben sind. ...

Es handelt sich darum, alles zu leben.

Wenn man auch die Fragen lebt,

lebt man vielleicht allmählich

ohne es zu merken,

eines fernen Tages in die Antwort hinein."

„Geduld haben gegen das Ungelöste im Herzen", „die Fragen selbst lieb haben", wie Türen, die noch verschlossen sind, wie Bücher in einer fremden Sprache - und so „vielleicht allmählich ... in eine Antwort hineinwachsen". Als ich das Buch „Geduld mit Gott" des tschechischen Theologen Tomás Halík in der Hand hielt, dachte ich an diese Zeilen von Rainer Maria Rilke. Bei Halik geht es darum, dass diejenigen, die angesichts des Geheimnisses, das Gott ist, geduldig warten und im Fragen nicht aufgeben und so an ihn glauben, - dass also die geduldig Glaubenden diejenigen Zeitgenossen als ihre Geschwister wahrnehmen können, die ebenso redlich und geduldig sind im Blick auf das Geheimnis, das Gott ist - und die nicht an ihn glauben.

Das Buch „Geduld mit Gott" wirbt um die Sympathie der einen für die anderen, es wirbt um eine ‚Koalition' all der Menschen, die im Angesicht des Geheimnisses Gottes in ihrem Fragen nicht müde werden und geduldig damit sind, dass sie keine Antwort finden. Das Buch wirbt im Grunde darum, in der Geduld die entscheidende Gemeinsamkeit zu sehen, und nicht Menschen einzuteilen in Glaubende und Nichtglaubende. Die Geduldigen unterscheiden sich viel deutlicher von denen, die „fertig sind mit dem Geheimnis, das wir Gott nennen" und nicht wartend das Fragen aushalten, egal, ob sie sich „gläubig" oder „ungläubig" nennen.

Den religiösen Fundamentalisten, wie auch den selbstsicheren Atheisten rät der Theologe Tomás Halík: „man muss geduldig an der Schwelle zum Geheimnis ausharren und in ihm verweilen". (10) „Mit einem Geheimnis darf man nie ‚fertig sein'." „Ein Geheimnis lässt sich ... nicht fassen". (ebd.)

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Die Evangelisten Markus und Matthäus erzählen eine bemerkenswerte Heilungsgeschichte. Darin lässt Jesus selbst sich korrigieren. Er lernt, dass Gottes Zuwendung alle Menschen umfasst und niemanden ausschließt. Er lernt die Lektion von der grenzenlosen Liebe Gottes ausgerechnet in der Begegnung mit einer Frau, die zu einem anderen Volk mit einem anderen Glauben gehört. Die Frau aus Kanaa war Heidin, und sie begegnet Jesus im Gebiet von Tyrus und Sidon. Sie bittet Jesus, ihre Tochter zu heilen, die lebensbedrohlich erkrankt war. (Mt 15,21-28; Mk 7,24-30)

Jesus kümmert sich zunächst nicht um die Bitte dieser Frau. „Ich bin nur zu den verlorenen Schafen des Hauses Israel gesandt", erklärt er seinen Jüngern. Der Frau aus Syrien jedoch geht es um Leben und Gesundheit ihrer Tochter. Sie lässt sich nicht abweisen. Sie weiß es besser. Sie hält geduldig und unbeirrt daran fest, dass Gottes Liebe nicht an die Grenzen einer Nation oder Religion, oder überhaupt an eine Grenze gebunden sein kann. Und dass darum auch Jesu heilende Zuwendung zu ihrer Tochter die Grenzen seines Volkes überschreiten darf, ja muss. Deshalb bleibt sie hartnäckig. Schließlich sagt Jesus zu ihr: „Ja, dein Glaube ist groß. Was du willst, soll geschehen. Und: „von dieser Stunde an" - so schließt die Erzählung, „war die Tochter geheilt."

Ausgerechnet eine heidnische Frau erinnert Jesus an die grenzenlose Güte Gottes. Markus und Matthäus erzählen diese Geschichte in ihren Evangelien. Das zeigt, wie gewichtig diese Frage von Anfang an im Leben der Gemeinden und Kirchen war. Das Evangelium Jesu steht auf dem Spiel, wenn Christen nicht zeigen, dass Gottes Liebe allen gilt, bedingungslos und ohne Unterschiede.

https://www.kirche-im-swr.de/?m=15245