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SWR2 Wort zum Tag

Ein Morgen ist angebrochen wie viele andere auch. Ein Samstag beginnt, wie viele andere. Ein Tag zwischen der Arbeit der Woche und der Ruhe am Sonntag. Nicht mehr bestimmt durch die alltägliche Routine, und noch nicht durch die Art und Weise, wie der Sonntag die Unterbrechung markieren soll. Ein Tag wie eine Atempause.

Heute ist der Samstag noch mehr als sonst ein Tag des Innehaltens. Es ist Karsamstag. Zwischen dem Karfreitag, an dem wir des Prozesses gedenken, an dessen Ende die Kreuzigung und der Tod des Jesus von Nazareth stehen, und dem Ostersonntag, an dem wir die Auferstehung dieses selben Jesus von Nazareth feiern, ist der Karsamstag ein eigenartig leerer Tag!

Es ist wie wenn jene, denen Jesus Christus etwas bedeutet, den Atem anhalten.

Es ist ein Tag, an dem kein Ereignis so wichtig zu sein scheint, dass es die Lähmung der Welt durch den Tod Jesu von Nazareth überdecken könnte. Es ist ein Tag, an dem die christlichen Kirchen dem Schmerz über den Tod Jesu Raum geben. Einem Schmerz, von dem keine Worte, kein irgendwie erleichterndes Handeln ablenken dürfen. Es ist wie wenn die christlichen Kirchen an diesem Tag die Größe dieses Schmerzes ehren. An diesem Tag, an dem die Zeit still zu stehen scheint, stimmen die Kirchen ein in die Stille und tun nichts, was von der maßlosen Ratlosigkeit, der Leere, die der Tod Jesu hinterlassen hat, ablenken könnte. Sie kennen keine Feier, keinen Gottesdienst an diesem Tag, bis zum Sonnenuntergang.

Es herrscht Stille seit der Feier, in der am Karfreitag des Leidens und Sterbens Jesu von Nazareth gedacht wurde. Dieser Mensch fehlt. Wahrscheinlich hat niemals ein Mensch so sehr gefehlt. Jedenfalls für diejenigen, für die Gott in keinem Ereignis und keinem Menschen je so nahe gekommen war wie in Jesus von Nazareth.

Karsamstag ist der Tag des Fehlens. Des Fehlens des wichtigsten Menschen und der Abwesenheit Gottes. Karsamstag ist der Tag, der ganz und gar unter dem Eindruck des Vermissens steht - und damit ist er der Tag, der Menschen die Gelegenheit gibt, sich darüber klar zu werden, ob und in welcher Weise sie Jesus Christus vermissen, wer er für sie ist. Fehlt uns dieser Mensch? Fehlt er so, wie uns ein Mensch fehlt, den wir lieben?

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Tut dies zu meinem Gedächtnis
So heißt es im Mittelpunkt des Gottesdienstes
dann, wenn Brot und Wein erhoben werden.
Es erinnert an die Worte
beim letzten Abendmahl.
Heute an Gründonnerstag
wird an dieses Ereignis erinnert.
Als Jesus mit seinen Jüngern zusammen war,
nahm er das Brot und den Wein,
sprach dann den Segen.
Seit Jahrhunderten werden
seine Worte immer wiederholt.
In allen Sprachen.
Nehmt und esst, nehmt und trinkt.
Das ist mein Leib.
Das ist mein Blut.
Geheimnis des Glaubens,
heißt es dann.
Das ist wirklich geheimnisvoll.
Ein Schluck Wein, ein bisschen Brot.
und dann diese Bedeutung.
Als Kind hab ich schon gelernt,
mit diesem Geheimnis
besonders ehrfürchtig umzugehen,
als Theologe habe ich Bücher gewälzt
und viel Kluges darüber studiert,
als Priester so oft selbst diese Worte nachgesprochen.
»Tut dies zu meinem Gedächtnis.«
Besser oder tiefer verstanden
hab ich diesen Satz vor vielen Jahren.

Damals, am 1. Advent,
starb plötzlich eine gute Freundin von mir.
Birgit.
Sie war einer von den Menschen,
die einem wichtig sind wie Brot und Salz.
Wir, ihre Freunde,
vor allem natürlich ihre Familie,
vermissen sie bis heute.
Es war ein trauriger Advent damals.
Dann, an Weihnachten,
besuchte mich ihr Mann
und brachte mir ein Weihnachtsgeschenk.
Einen wunderschönen Leuchter.
Ein Geschenk von Birgit.
Den hatte sie schon besorgt und eingepackt.
Bis zum 1. Advent wollte sie immer mit allem fertig sein.
Und er brachte eine kleine Dose.
Mit selbstgebackenen Plätzchen.
Die hatte sie auch schon gebacken.
Ich weiß nicht, wie viel Gebäck ich in den letzten Jahren
bei ihr gegessen habe.
So nebenbei. So selbstverständlich.
Die kleine Dose öffnete ich ganz langsam.
Und genauso langsam hab ich eins von den Plätzchen gegessen.
Eins. Das mag sein, dass es von außen besehen ein bisschen eigenartig
klingt, aber es war für mich mehr als ein Stück Gebäck.
Ich sah sie in der Küche, ich sah sie beim Backen,
ich erinnerte mich an Gespräche. Ich sah, ich hörte ihr Lachen.
Birgit war irgendwie wieder da. Und doch natürlich nicht.
»Tut dies zu meinem Gedächtnis.« Diesen Satz versteh ich seitdem noch besser.

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Es gibt Menschen, die sagen, dass sie Gott erfahren haben. Sie sprechen nicht darüber, ob Gott existiert oder nicht, sondern sagen, dass sie seine Nähe erfahren haben, unmittelbar, unerwartet, ganz persönlich; eher wie nebenbei, nicht so, dass sie danach gesucht hätten. Sie sprechen darüber, ohne sich anderen aufdrängen zu wollen. Sie sprechen aber dennoch und schweigen nicht, weil sie der Überzeugung sind, dass das, was ihnen widerfahren ist, sich im Leben jedes Menschen ereignen kann. 

Um die Wende vom ersten zum zweiten Jahrtausend spricht in Kleinasien ein Mönch und Theologe namens Symeon von seiner Gotteserfahrung in einem Gedicht und Lied. 

In der ersten Strophe sein freudiges Erstaunen:

Wieder strahlt mir das Licht.
Wieder schaue ich das Licht in Klarheit.
Wieder öffnet es den Himmel,
wieder vertreibt es die Nacht.  

In der zweiten Strophe verbindet der Mönch seine freudige Erfahrung mit dem, was er von Gott weiß:

der über allen Himmeln ist,
den keiner der Menschen je erblickte,
der kehrt aufs Neue in meinen Geist ein,
ohne den Himmel zu verlassen. 

Das Neue, für ihn so Entscheidende - so fährt Symeon fort - kam nicht von außen auf ihn zu. Es hat sich in seinem Innern ereignet, ohne dass sich die äußeren Lebensumstände verändert hätten:

ohne die Nacht zu zerteilen,
ohne das Dach des Hauses einzuschlagen,
ohne irgendetwas zu durchdringen. 

In der abschließenden Strophe sagt Symeon, was Menschen zuletzt immer sagen müssen, wenn sie von Gott sprechen: Auch da, wo Gott sich zeigt, und die Erfahrung seiner Nähe eine geradezu überschwängliche Freude in ihm weckt, ist und bleibt Gott ein Geheimnis, nicht fassbar, nicht beweisbar - und dennoch wirklich wie anderes im Leben. In meinem äußeren Leben - so sein Resümee - hat sich nichts verändert, doch in die Mitte meines Herzens ... stürzt mir das Licht und hebt mich über alles empor. 

Mir ist es wichtig, Beispiele wie das des Symeon weiter zu erzählen, denn es gibt auch heute im Leben von Menschen solche Augenblicke. Da ist nicht die Frage bestimmend, ob Gott existiert oder nicht, sondern da zeigt sich Gott, oft überraschend und mit großer Gewissheit.

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„Fürchtet euch nicht!" Einer der markanten Sätze in der Bibel. Er bringt ihre Botschaft auf den Punkt. Die Wochenzeitung ‚Die Zeit' (2012, Nr. 52, S. 64) hatte vor kurzem fünf Theologen eingeladen, sie sollten sagen, was ihnen spontan einfällt, wenn sie diesen Ruf lesen und hören:„Fürchtet euch nicht!". „Rechnet mit der Liebe", sagt der eine. Die anderen sagen: „Geht einfach los", „Bleibt kirchenkritisch", „Habt Vertrauen" „Hofft das Richtige". Ihnen fallen vielleicht ähnliche oder auch ganz andere Worte ein bei dem „Fürchtet euch nicht!", eigene Gedanken auf dem Hintergrund der jeweils eigenen Lebenserfahrungen. 

Ein Bild für die Angst, die Menschen überfallen kann, ist in den Psalmen der Bibel häufig die Angst der Seeleute bei Wind und Wetter auf dem Meer. Psalm 107 malt dieses Bild aus und spricht von den Wogen, „die zum Himmel emporsteigen und in die tiefste Tiefe hinab fahren, so dass die Seele in der Not verzagt. Menschen wanken und schwanken wie betrunkene, sie sind am Ende mit all ihrer Weisheit. In ihrer Bedrängnis schreien sie zu Gott, und er entreißt sie ihren Ängsten. Er machte aus dem Sturm ein Säuseln, so dass die Wogen des Meeres schweigen. Die gerade noch von Angst erfüllten Seeleute können sich freuen, und Gott führt sie zum ersehnten Hafen." 

Es wäre schön, wenn die im Psalm so eindrücklich geschilderte Erfahrung immer zuträfe und für alle. Doch wie viele schreien in ihrer Not, und Gott kommt offensichtlich nicht zu Hilfe? Erfahrung steht gegen Erfahrung. Doch schon das Nicht-Verschweigen beider kann ein erster Schritt sein, weiter zu gehen, in der jeweils eigenen Erfahrung nicht gefangen zu bleiben. 

Im Blick auf die heutigen Lebensumstände erläutern die befragten Theologen das „Fürchtet euch nicht" in der Bibel mit einer Mahnung: „Glaubt denen nicht, die sich eurer Ängste bedienen, um euch klein zu machen". Und mit dem Zuspruch: „Schaut euch nach Hoffnungszeichen um, selbst da, wo ihr keine erwartet." „Rechnet mit dem Unmöglichen". „Gott hat Gutes mit euch im Sinn". „Die Liebe setzt sich durch". „Das Schönste, was ein Mensch einem anderen sagen kann: Hab keine Angst! Geh weiter!

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Die Stadt Jerusalem spielt in der Bibel eine zentrale Rolle. Diese Stadt im Vorderen Orient ist gleichzeitig Sinnbild für die ‚Stadt der Menschen', das Zentrum der Macht eines Volkes, ökonomisch und politisch, kulturell und religiös. Sie ist Stadt der großen Erwartungen und Hoffnungen und der immer neuen Enttäuschungen; geprägt von der Widersprüchlichkeit der Menschen: ihrer Sehnsucht nach Frieden und ihrer Feindschaft, ihrer Größe und ihrem Elend; hier wird im Tempel Gott verehrt und hier wird sein Name gelästert durch Unrecht und Gewalt. Und: Jerusalem ist in der Bibel immer auch, so wie sie ist, die Stadt, die Gott liebt und erwählt hat, damit an ihren Toren Recht gesprochen wird (Ps 86), damit sie Sitz der Gerechtigkeit sei und Friede in ihren Mauern herrsche (Ps 121). Von dieser unbeirrbaren Hoffnung und Zuversicht sprechen die Gebete der Psalmen. 

Im Evangelium des Lukas ist Jerusalem, diese von Gott geliebte Stadt der Menschen, das Ziel des Lebensweges Jesu. Lukas erzählt das Leben Jesu als einen einzigen konsequenten Weg dorthin. „Und er zog von Stadt zu Stadt und von Dorf zu Dorf und ... nahm so seinen Weg nach Jerusalem. (Lk 13,22). „Er rief die Zwölf zu sich und sagte zu ihnen: Wir ziehen jetzt hinauf nach Jerusalem, und es wird alles vollendet werden, was durch die Propheten über den Menschensohn geschrieben worden ist. (Lk18, 31). „Und als er näher kam und die Stadt sah, da weinte er über sie und sprach: Wenn doch an diesem Tag auch du erkenntest, was zum Frieden führt." (Lk 19, 41f) 

Jerusalem, die Stadt der Menschen, die Gott liebt, ist zu einem besonderen Symbol der Hoffnung geworden durch den Tod, den Jesu dort gestorben ist; durch seinen Tod, in dem er den Kreislauf von Hass und Gegenhass, von Gewalt und Gegengewalt durchbrochen hat. „Gewalt muss erlitten werden, soll sie zu Ende kommen" - sagt der Theologe und Pfarrer Jörg Zink. Und: „... es wäre gut, wir erkennten heute diesen Aspekt an der Passionsgeschichte neu für die tausend Formen unserer Auseinandersetzung mit Unrecht und Gewalt. ... Noch immer ist das Kreuz der Anfang des Friedens, und es gibt keinen anderen Weg. ... Die Welt kommt anders nicht in Ordnung als durch die Gewaltlosigkeit des mahnenden und überwindenden Leidens." (Dornen können Rosen tragen, Stuttgart 1997, 176ff)

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