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SWR2 Wort zum Tag

Sich zu nichts nutze fühlen - das ist schwer auszuhalten. Weil man keine Arbeit hat, weil man alt oder krank ist und das Gefühl hat, den anderen nur noch eine Last zu sein, weil alles, was man anpackt zu misslingen scheint... 

Wir haben ein tief in uns wurzelndes Bedürfnis, nützlich zu sein und gebraucht zu werden. Wir wollen etwas geben, tun oder bewirken können. Erst das - so glauben viele - gibt ihnen eine Existenzberechtigung. Und wir sind auch einigermaßen erfinderisch, wenn es darum geht, zumindest den Schein der Nützlichkeit aufrecht zu erhalten. 

Einfach nur da zu sein, scheint uns zu wenig. Erfülltes Leben ist ein Dasein „für" - für ein Ziel oder für andere Menschen - so denken viele. 

Ganz anders bei einem kleinem Kind. Das  muss sich dieser Rechtfertigung nicht stellen. Es ist einfach da - schläft oder ist wach, trinkt, schreit, gluckst oder lächelt... Es kann ein Lebensgefühl vermitteln, das uns Erwachsenen meistens fremd geworden ist: ein tiefes, fragloses Dasein - ein Zustand, dem wir in der Meditation wieder nahe zu kommen versuchen: nichts zu wollen, sondern einfach da zu sein, offen für das, was gegenwärtig ist. Diese spirituelle Haltung nähert uns Gott an, den Urgrund und das Geheimnis von allem Sein. Der Name Gottes in der jüdisch-christlichen Tradition  heißt Jahwe, übersetzt: Ich bin da, der ich da sein werde.  

Gott muss sich nicht begründen, rechtfertigen, seinen Nutzen beweisen: Ich bin da. Und als seine Geschöpfe dürfen wir daran Anteil haben. Wir müssen nicht nützlich sein, um unsere Existenz zu verdienen. All unsere Nützlichkeit, unser Schaffen und Machen kann unsere Existenz nicht rechtfertigen. Sie ist im Tiefsten Geschenk. Wer sich also nicht mehr nützlich machen kann, der trägt deswegen genauso zum Sinn der menschlichen Existenz bei.
Auch wenn es oft schwer auszuhalten ist. 
„Was ist der Mensch, dass du seiner gedenkst, des Menschen Kind, dass du dich seiner annimmst?" so fragt der Beter des 8. Psalms im Alten Testament. Und er fährt fort: „Du hast ihn nur wenig geringer gemacht als Gott, hast ihn mit Herrlichkeit und Ehre gekrönt." Was für eine wunderbare Zusage!

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- Hoffnungen auf den Pontifkat von Papst Franziskus

Franziskus I. heißt das neue Oberhaupt der katholischen Kirche. Diesen Namen hat Jorge Mario Bergoglio, der bisherige Erzbischof von Buenos Aires, angenommen, den die Kardinäle am Mittwochabend zum Papst gewählt haben.

Zum ersten Mal ist mit ihm ein Repräsentant der außereuropäischen Kirchen an die Spitze der Weltkirche berufen worden. Mit der Berufung auf den heiligen Franz von Assisi, dessen Namen noch nie zuvor ein Papst angenommen hatte, hat er seinem Dienst eine Programmatik verliehen, die herkömmliche Vorstellungen in Frage stellen könnte. In der Ansprache am Abend der Wahl hat er sich als Bischof von Rom ausdrücklich in die Gemeinschaft seiner Mitbischöfe eingereiht. All dies lässt aufhorchen und gibt Anlass, Hoffnungen in diesen Pontifikat zu setzen. 

Was von dem neuen Papst erwartet wird, übersteigt freilich das Menschenmögliche. Vielleicht hängt dieses Übermaß auch damit zusammen, dass der Dienst an der Einheit der Kirche mit einer zentralistischen Allzuständigkeit verwechselt wird. Ich möchte daher an Papst Franziskus nicht in erster Linie Erwartungen richten, sondern ihm zunächst einmal ein Geschenk wünschen: Gott schenke ihm „ein Herz, das hört". Der biblische König Salomo, der nicht umsonst als weise gilt, hatte sich dieses „hörende Herz" von Gott erbeten. Ich erbitte für den neuen Papst diese Haltung, dieses Geschenk eines offenen, eines hörenden Herzens.

Ich glaube, dass es in der derzeitigen Krise der katholischen Kirche nicht darum geht,  für alle anstehenden Probleme unmittelbar die richtigen Lösungen zu finden - seien diese konservativ oder progressiv. Solche eindeutigen Lösungen gibt es wahrscheinlich auch gar nicht. Aber was ein großer Teil der Menschen in der Kirche und außerhalb der Kirche erhofft, ist mehr Weite und Offenheit bei ihren Verantwortungsträgern. Dass diese auf die Stimme der Armen in den Ländern des Südens hören; dass sie die Vielfalt der Weltkirche anerkennen und das Eigenständige, das sich in den jeweiligen Ländern und Kulturen entwickelt. Und dass sie offen dafür sind, wie Menschen heute leben, was sie bewegt und bedrängt, worauf sie hoffen und wonach sie sich sehnen. Sicher muss sich die Kirche aus Treue zum Evangelium auch kritisch mit dem so genannten Zeitgeist auseinander setzen. Aber könnte es nicht sein, dass der Geist Jesu Christi auch im Geist der Zeit zu uns sprechen will, in der wir leben und in der wir uns als Menschen bewähren müssen? 

Offenheit, ein „hörendes Herz", das erhoffe ich von dem jetzt beginnenden Pontifikat. Und ich meine damit nicht nur die persönliche Haltung von Papst Franziskus - das auch -, sondern ich denke - unter seiner Führung - an eine neue Qualität der Leitungsverantwortung in der katholischen Kirche insgesamt. Eine Bereitschaft zu hören, aus der Weite und Dialogfähigkeit erwachsen, das wäre ein großes Geschenk - für den neuen Papst und für die ganze Kirche.

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aus aktuellem Anlass geändert!

Dieser Mann lässt hoffen. Alles was der neue Papst Franziskus gestern Abend gesagt und getan hat, lässt hoffen, dass die Katholische Kirche endlich neue Wege geht. Wege, die wieder näher auf ihren Ursprung, ihre Quelle zurückführen. Schon der Name des neuen Papstes ist Programm. Denn der heilige Franziskus steht für Bescheidenheit, Einsatz für die Armen und Verbundenheit mit der Schöpfung. Dass sich Jorge Mario Bergoglio so nennt lässt hoffen, dass er reformbereit ist. Denn der Heilige Franziskus wusste sich von Christus beauftragt die marode Kirche seiner Zeit wieder aufzubauen. Der neue Papst galt in seiner Heimat Argentinien als Bischof der Armen. Das lässt hoffen, dass er, nachdem Papst Johannes Paul II. wesentlich zur friedlichen Lösung des Ost-West-Konflikts beigetragen hatte, nun den Nord-Süd-Konflikt angeht. Dass dieser Papst aus der armen Südhälfte unserer Erde dazu beiträgt, dass die Globalisierung nicht nur eine wirtschaftliche und technische bleibt, sondern auch eine soziale, sozial gerechtere wird. Papst Franziskus hat gestern Abend Gesten von beeindruckender Schlichtheit gezeigt. Zu allererst hat er die 100.000 auf dem Petersplatz eingeladen mit ihm zu beten. Auch das zeigt, wo er den Focus sieht. Nicht in ihm, sondern in dem an den die Christen glauben. Und er, der neue Papst lässt sich von den Gläubigen segnen und bittet sie den Weg mit ihm in Liebe zu gehen. Schöne, vielversprechende Gesten eines Mannes, der sich in seiner Heimat nicht in einer großen Limousine chauffieren lässt und auch nicht in einem Palais wohnt. Große Hoffnungen auf einen einzelnen, 76 jährigen Mann. Möge Gott ihm die Kraft und die Jahre schenken einige dieser Hoffnungen zu erfüllen.

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Die kleine Paula bleibt im Religionsunterricht in der zweiten Klasse an einem Satz in ihrem Buch hängen: „Kann denn eine Mutter ihr Kind vergessen? Selbst wenn sie es vergessen würde: ich vergesse dich nicht." Ganz bewegt gestaltet sie mit diesem Satz eine Karte, sie schreibt und malt ganz eifrig. Paula kommt aus Kolumbien und ist von deutschen Eltern adoptiert worden. Sie hat zwar Fotos von sich als kleinem Kind und auch von ihrer -  wie sie es nennt - „Bauchmama", aber viel mehr  ist nicht mehr da. Und sie fragt sich oft, ob ihre Mama sie vergessen haben könnte.
Der Satz, der Paula so bewegt hat, stammt aus der Bibel. Er gehört in die folgende Geschichte: Das Volk Israel ist aus seinem Land verschleppt worden. Sie befinden sich im Exil und sind frustriert. Durch einen Propheten verspricht Gott ihnen in schönsten Bildern, dass er sich um sein Volk kümmert: Die Heimat wird wieder hergerichtet, das Land ist fruchtbar, das zerstörte Jerusalem prachtvoll wieder aufgebaut. Die Menschen finden überall Nahrung. Hunger und Durst sind kein Thema mehr. Gott führt sie zu sprudelnden Quellen. Er tröstet sie und kümmert sich um die Armen. Doch die Israeliten lassen sich nicht überzeugen, sie können es nicht glauben, weil ihre Situation in der Fremde so aussichtslos erscheint. Sie sagen: „Der Herr hat uns verlassen. Gott hat uns vergessen." . Und fast scheint es so, als sei Gott über die Reaktion der Israeliten enttäuscht. Etwas entrüstet antwortet er mit dem Versprechen, das Paula so berührt hat: „Kann denn eine Mutter ihr Kind verlassen? Und selbst wenn, ich verlasse Euch nicht."
Ich kann gut verstehen, dass es dem Volk Israel schwer fällt, dieser Botschaft zu glauben. Und auch heute gibt es genug Situationen, in denen Menschen nicht glauben können, dass ein Gott für sie da ist: wenn zu der einen schweren Krankheit noch eine weitere dazu kommt; wenn aus der ersehnten Festanstellung schon wieder nichts geworden ist, die Arbeitssuche wieder von vorn beginnt. Menschen haben es schwer, oft werden Pläne über den Haufen geworfen und Hoffnungen zunichte gemacht. Wie soll man da den Verheißungen Gottes glauben, das ist doch viel zu weit weg, utopisch.
Aber vielleicht ist es gut, sich an Paula zu orientieren: Das Versprechen ernst nehmen und fest damit rechnen, dass Gott mich nicht verlässt - auch wenn es manchmal so scheint. Für Paula war dieser Satz aus der Bibel ein Trost, den sie gut annehmen konnte, und so wichtig, dass sie auch noch in der nächsten Stunde an ihrer Karte weiter malen wollte: Gott vergisst mich nicht, er ist wie eine Mutter für mich da, ich bin sein geliebtes Kind.

https://www.kirche-im-swr.de/?m=14909

Der Prophet Ezechiel erzählt in der Bibel von einem Traum, der mir sehr gefällt. Darin wird er in den Jerusalemer Tempel geführt und sieht eine Quelle. Unter der Schwelle des Tempels strömt Wasser hervor, das später am Außentor hervorrieselt und ein Rinnsal bildet. Daraus wird langsam ein Fluss, der immer größer wird. An diesem Fluss wachsen Bäume, es gibt viele Fische im Fluss und viel Leben drum herum. Das Besondere daran: Der Fluss fließt ins Tote Meer und macht es „gesund", so dass wieder Tiere darin leben können. Und die Bäume am Ufer sind auch nicht gewöhnlich: die Blätter welken nie, und die Bäume tragen in jedem Monat frische Früchte. Die Früchte können die Menschen ernähren, die Blätter haben Heilkraft.
Mir gefällt dieses Bild der blühenden und der grünen Bäume, die voller Früchte am Flussufer stehen. Da steckt so viel Leben drin, so viel Frühling und Sommer, wie ich ihn mir jetzt auch langsam herbeisehne. So viel Leben, so viel Fülle wünsche ich mir überhaupt viel öfter. Meistens ist der Alltag doch eher das Gegenteil davon, eine Quelle, ein Fluss, der neue Lebenskraft schenkt, das wäre was.
Vielleicht ist es gut, das Bild vom Wasser im Tempel noch mal genauer anzuschauen. Das Wasser ist nicht auf Anhieb ein großer Strom. Wie jeder Fluss beginnt auch dieser ganz klein. Und erst am Ende seines Weges macht er das salzige Tote Meer gesund.  Zuerst ist da nur ein kleiner, aber überraschender Anfang: Das Wasser strömt unter der Tempelschwelle hervor, nicht gerade ein Ort, an dem man mit Wasser rechnen muss. Vielleicht gibt es in meinem Alltag auch solche kleinen überraschenden Lebensquellen? Die Blumen, die plötzlich an der Hecke blühen, obwohl ich da gestern noch gar nichts gesehen habe. Das Vogelgezwitscher, das ich wieder wahrnehme. Ein unerwartetes Lob für etwas, das mir gar nicht so besonders erschien.
Im Traum des Ezechiel läuft das Wasser später unten am Tempel herab und es rieselt an der Seite eines Tores hinunter. Das hat etwas Unbeobachtetes, Beiläufiges. Manchmal merke ich gar nicht, dass in meinem Alltagstrott schon so viel Leben ist. Zu sehen ist das oft erst im Rückblick: wenn die drei Menschen, die ich längst anrufen sollte, der Reihe nach bei mir vorbeischauen und wir dann von Angesicht zu Angesicht sprechen können. Wenn ich einen schweren Tag hatte, froh bin, dass er geschafft ist, und dann höre, dass jemand an mich gedacht hat.
Das volle Leben, das mir die Vision von Ezechiel schildert, ist nicht von heute auf morgen da. Das wächst nur sehr langsam. Ich möchte mich gern auf die Suche machen nach den kleinen Lebensquellen in meinem Alltag.

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In der Bibel werden ja ganz schöne Versprechen gemacht. Im Buch des Propheten Jesaja steht zum Beispiel: „Seht, ich erschaffe einen neuen Himmel und eine neue Erde." Das sagt Gott seinem Volk zu, vor allem denen, die ihm treu sind. Und weiter heißt es: „Was früher war, wird vergessen, nur noch Freude und Jubel soll sein. Es soll kein Weinen und Klagen mehr geben. Kein Kind muss mehr sterben, alle Menschen erreichen ein hohes Alter. Wer als Hundertjähriger stirbt, gilt als jung."
Ich bin mir nicht ganz sicher, ob ich wirklich hundert oder älter werden möchte, mit allem anderen wäre ich sofort einverstanden. Viel Freude, kein Leid mehr - das klingt verlockend. Aber dann frage ich mich: Hätte Gott die Welt nicht gleich so erschaffen können? Warum muss es so viel Umwege geben, warum immer wieder einen neuen Anfang? Wann werden die Versprechen endlich eingelöst?
Ich habe keine richtige Antwort, eher noch mehr Fragen. Ist Gott vielleicht nicht mächtig genug? Zumindest probiert er es nicht mit Macht, er setzt sie nicht ein.
Oder: Gibt es eine Gegenkraft, die das Böse in die Welt bringt, den Teufel? Das überzeugt mich nicht so recht, vielleicht, weil mir die Erklärung zu einfach erscheint.
Oder: Will Gott etwa selber das Böse? Das mag ich mir auch nicht vorstellen, auch weil ich nicht weiß, wozu das gut sein soll.
Mir leuchtet ein, dass Gott nicht erzwingen kann und will, dass wir Menschen ihn lieben und ihm vertrauen. Er nimmt uns als Gegenüber ernst und nimmt dabei in Kauf, dass wir uns anders entscheiden, selbst wenn das für uns nicht gut ist. Die Bibel beschreibt Gott oft als einen, der uns Menschen liebt, als einen, der um unser Vertrauen wirbt. Deshalb ist auch immer wieder zu spüren, dass er enttäuscht ist von den Menschen. Doch er fängt immer wieder neu an und verspricht, dass er es noch mal probiert.
Wenn ich so auf die Weltgeschichte schaue, dann sehe ich zwar immer wieder Neuanfänge, z. B. nach einem Krieg oder nach dem Fall der Mauer. Aber es ist kein Neuanfang, wie Jesaja ihn ankündigt, also nie wieder Leid. Ist das alles noch Zukunftsmusik? Oder sind wir nur nicht bereit, Gott alles neu machen zu lassen. Das kenne ich von mir selbst. Ich fange auch immer wieder neu an, manchmal erbitte ich sogar Gottes Hilfe dazu. Trotzdem bin ich immer wieder auf alten Gleisen unterwegs. Ich gestalte mein Leben so, wie ich es kann, wie ich es gelernt habe. Wege zu gehen, die ich nicht kenne, das macht mich unsicher. Genau darauf muss ich mich aber einlassen, wenn in meinem Leben wirklich Neues werden soll. Für mich persönlich hoffe ich immer, dass ich irgendwann dazu bereit bin, dass Gott mein Leben erneuert. Und wer weiß, vielleicht fängt das, was bei Jesaja versprochen wird, der neue Himmel und die neue Erde ganz langsam an, bei mir und bei Ihnen.

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