Alle Beiträge

Die Texte unserer Radiosendungen in den Programmen des SWR können Sie nachlesen und für private Zwecke nutzen.
Klicken Sie unten die gewünschte Sendung an.


SWR2 Wort zum Tag

"Der Mensch isst, was er ist." Und wenn der Mensch genug gegessen hat, dann wirft er weg. Zu diesen Ergebnissen kommen aktuelle Untersuchungen: In deutschen Haushalten werden 30 Prozent der Nahrung in den Müll gekippt. Das sind 80 Kilogramm Lebensmittel im Wert von mehreren hundert Euro pro Einwohner jährlich - alles für die Tonne.
Was viele zu wenig haben, haben wenige zu viel. Der tägliche  Lebensmittelcheck im Kühlschrank fällt bei manchen negativ aus: Es wird gnadenlos weggeworfen. Damit soll nun Schluss sein. Das hat zumindest ein deutscher Filmregisseur beschlossen. Er hat eine Internetseite gegründet: "Foodsharing" - Lebensmittel teilen statt wegwerfen - lautet das Motto.
So manche, die gerne einkaufen und essen haben sich schon auf diesem Austauschforum angemeldet. Wie das Ganze funktioniert? Wie alle sozialen Netzwerke: Selbst initiativ werden. Kühlschrank auf. Wieder mal zu viel eingekauft? Fällt die Antwort entsprechend aus, gleich anmelden und fragen: Wer will etwas davon?
Die Botschaft der Internet-Plattform: Wenn dein Appetit größer war als dein Hunger, dann sei nicht geizig, sondern teile.
Eingeladen sind alle - Privatpersonen, Händler, Restaurants, Supermärkte oder Produzenten. Sie alle können hier überschüssige Lebensmittel anbieten: Kostenlos. Was zu viel eingekauft wurde, nach dem Essen übrig bleibt oder nicht verbraucht wurde, wird hier sinnvoll angeboten. Verdorbene Nahrungsmittel sind natürlich ausgenommen. Als Zusatzangebot gibt es Menüvorschläge oder Spendenhinweise. Und: Wer will, kann sich zum gemeinsamen Kochen verabreden. Alles in allem ein überzeugendes Angebot gegen Lebensmittelverschwendung und für ein sinnvolles Kühlschrankmanagement. Danke!

https://www.kirche-im-swr.de/?m=14821

Heute ist Mariä Lichtmess. Früher endete mit diesem Tag die Weihnachtszeit. Ein letztes Mal geht es um das kleine Kind Jesus. Mit diesem Kind kommen Josef und Maria in den Tempel, um Gott zu loben und ein Opfer darzubringen. Im Tempel halten sich zu diesem Zeitpunkt zwei alte Menschen auf. Simeon ist der eine, ein frommer und gerechter Mann. Er ist sich ganz sicher, dass er noch vor seinem Tod den verheißenen Messias zu Gesicht bekommt. Die Prophetin Hannah ist die andere, eine 84-jährige Witwe, die Tag und Nacht im Tempel ist, um zu beten und zu fasten. Hannah und Simeon warten beide auf die Rettung ihres Volkes durch Gott, oder wenigstens darauf, dass jemand diese Rettung ankündigt. Sie selber können dazu nichts beitragen, außer zu warten und zu beten. Und plötzlich betreten Maria und Josef den Tempel. Simeon geht auf sie zu. Er nimmt das Kind in seine Arme und preist Gott. Er sagt: „Meine Augen haben das Heil geschaut, das du geschaffen hast, damit alle Völker es sehen!"Auch Hannah hält es nicht mehr an ihrem Platz, sie kommt dazu, preist Gott und erzählt allen Umstehenden, dass dieses Kind sie erlösen wird.
Erstaunlich, wie diese beiden genau erfassen, dass jetzt der Zeitpunkt gekommen ist, auf den sie gewartet haben. Und dass sie auf dieses Kind gewartet haben.
Wir Christen feiern an Weihnachten, dass Gott in diesem Kind Jesus zur Welt kommt. Wir wissen auch, wie Jesu Leben weitergeht. Irgendwie ist das für uns Geschichte. Trotzdem warten wir noch auf sein Kommen. Damit meine ich nicht den nächsten Weltuntergangstermin. Nein, ich glaube, dass Jesus immer wieder bei mir ankommen will, schon zu meinen Lebzeiten. Aber auch das muss ich erwarten können. Wenn ich bete, dann suche ich von mir aus die Nähe Gottes, aber ich kann sie - wie in jeder guten Beziehung - nicht erzwingen. Ich kann mich bereit halten und warten.
Menschen, die lange genug warten, wissen manchmal ganz plötzlich - und auch ganz sicher: „Das ist es jetzt!" Oder so wie Simeon: „Dieses Kind wird die Rettung bringen!"
Manches Warten sortiert, lässt mein Für und Wider ins richtige Gleichgewicht rutschen oder macht mich sensibler für Hinweise, die von außen, vielleicht sogar von Gott kommen. Vielleicht kommt mir mit einem Mal in den Sinn, was der Freund am Vortag geäußert hat, und ich weiß, stimmt, er hat recht. Vielleicht habe ich im Moment das Gefühl, dass ich einfach gut aufgehoben bin, ohne dass ich darüber nachdenke. Das ist für mich die größte Aufgabe: auf Gott zu warten, ihn zu Wort kommen lassen. Da brauche ich noch Zeit und auch noch Übung

https://www.kirche-im-swr.de/?m=14657

Wer betet, denkt nicht nur an sich, sondern auch an andere. Vielleicht auch an die, an die sonst kaum jemand denkt. Das ist auch die Idee des „Weltgebetstages der Frauen".
Eingeladen zum gemeinsamen Beten sind nicht nur Frauen, sondern Frauen und Männer. Nur gemeinsam kann man sich einsetzen für Menschen, die es nicht leicht im Leben haben. Genau das ist das Ziel des Weltgebetstages: Solidarisches Gebet mit praktischen Konsequenzen.
Seit dem 2. Weltkrieg gibt es den Weltgebetstag in Deutschland. Weltweit schon seit über 100 Jahren, er ist  ökumenisch, von allen christlichen Kirchen getragen und will Frauen und deren Wertschätzung fördern.Noch immer ist dies nicht selbstverständlich. Auch bei uns nicht.
Vorurteile sitzen fest. Nicht nur in den Köpfen, auch in den Herzen. Das Motto des Weltgebetstages dieses Jahr lautet daher: „Ich war fremd und ihr habt mich aufgenommen".
Es lädt dazu ein, Frauen einzuladen und ernst zu nehmen, wo Frauen nicht willkommen sind. Zum Beispiel viel zu wenige Frauen in den Chefetagen, dafür viel zu viele Frauen in schlechtbezahlten Jobs und viele Frauen, die als Flüchtlinge oft nur eine Heimat auf Zeit haben. Die Gastfreundschaft und das Willkommenheißen anderer gehören zur christlichen Lebenskultur dazu: Einander auf Augenhöhe begegnen. Respekt vor der jeweils anderen Kultur haben.
Das Logo des Weltgebetstages ist ein Kreuz. Wer genauer hinschaut, erkennt darauf Menschen aus allen Himmelsrichtungen, die einander die Hände reichen und gemeinsam beten. Sie bilden eine Gemeinschaft. Sozusagen: Ein lebendiges Kreuz. Für mich steht dieses Kreuz für ein aktives Beten, also Beten und Handeln. Das will das Logo vielleicht auch sagen: Eine Gemeinschaft, die miteinander betet und einander an den Händen hält, kann gemeinsam etwas erreichen. Mit Gottesdiensten und Aktionen machen viele Kirchengemeinden auf das aktuelle Thema des Weltgebetstages aufmerksam und sammeln Spenden für notwendige Frauenprojekte - weltweit.

https://www.kirche-im-swr.de/?m=14820

Demut-  das ist eine Tugend, die recht altertümlich daher kommt. Aber ich entdecke sie gerade neu für mich. Zum Beispiel, wenn ich zu einem Abendtermin in den Nachbarort muss und - als Neuzugezogener recht hochmütig - denke, da muss ich nur mit dem Rad auf dem Feldweg einmal über den Berg und in 10 Minuten bin ich da. Im Dunkeln fahre ich querfeldein, dann komme ich wieder am Fuß des Berges an und muss doch die Straße nehmen. Zu meinem Termin komme ich zu spät, abgehetzt, verschwitzt und auch nicht mehr ganz sauber, aber demütig. Ich kann mir meinen Hochmut eingestehen und - in diesem Fall - auch über mich lachen.
Normalerweise fällt mir Demut aber nicht so leicht, weil ich mich nur schwer damit abfinden kann, dass ich nicht perfekt bin. In meinen Wunschträumen bin ich doch viel großartiger. Manchmal habe ich zum Beispiel das Gefühl, dass ich jetzt der einzige bin, der meinen Freund für immer auf den richtigen Weg bringen kann. Doch dann holt mich die Wirklichkeit ein und ich merke, wie vermessen mein Denken ist. Warum soll ausgerechnet ich so genau wissen, was für meinen Freund richtig ist.
Demut hat für mich viel mit der Wirklichkeit zu tun, mit einem realistischen Blick auf mich selbst und meine Fähigkeiten, zum Beispiel wenn ich jonglieren übe. Da merke ich, dass ich nie über drei Durchgänge hinauskomme. Dauernd muss ich mich nach heruntergefallenen Bällen bücken. Das muss ich akzeptieren. Die Demut sorgt dafür, dass ich trotzdem weiter mache, dass ich noch mal etwas ausprobiere, nicht mit dem Üben aufhöre. Ich bin eben noch kein Jonglierkünstler.
Ich gestehe mir ein, dass ich nicht alles kann. Ich lerne, mit dem zufrieden zu sein, was ich zustande bringe. Mit etwas Demut kann ich anderen ihre Aufgaben und ihre Zuständigkeit lassen. Ich bin nicht für alles verantwortlich, ich muss die Welt nicht alleine retten.
Demut ist Realitätssinn und gesunde Selbsteinschätzung. Ich habe meine Fähigkeiten und meine Aufgaben, ich kann was und darf mir einiges zutrauen, oft sogar mehr als ich denke. Aber mir sind auch Grenzen gesetzt, weil mir manche Fähigkeiten fehlen, viele Aufgaben nicht von mir allein gelöst werden können oder ich nicht der richtige dafür bin. Und als Christ glaube ich, vieles darf ich auch Gott überlassen. Nicht weil ich mich rausreden will, sondern weil ich mich nicht mit Wunschvorstellungen und unrealistischen Aufgaben überfordern muss. Mein Vertrauen auf Gott entlastet mich. Oder wie es mal jemand ausgedrückt hat: Ich weiß auch nicht, wie Gott ist, oder wer er ist. Nur eines weiß ich: Ich bin's nicht.
 

https://www.kirche-im-swr.de/?m=14656

„Vergiss mein nicht" - ein fast rührend harmloser Titel für einen so gewagten Film. Ab heute läuft dieser Film im Kino - und der Titel ist gut gewählt!

Der junge Dokumentarfilmer David Sieveking hat einen Film über seine demente Mutter Gretel gemacht. Er hat sie in ihrem zunehmend mühsamen Alltag ein Jahr lang mit Kamera und Mikrophon begleitet. Ein Jahr, in dem Gretel, eine hochgebildete und selbstbewusste moderne Frau, mehr und mehr ihr Gedächtnis verliert, sich selbst vergisst. Der Film war gerade geschnitten, als die Mutter gestorben ist.

 Fast habe ich mich vor dem Anschauen dieses Filmes gefürchtet. Und ich habe mich gefragt: Durfte David Sieveking überhaupt einen solchen Film über seine Mutter drehen, in einer solchen Lage? Die Frage hat sich für mich am Ende des Filmes erledigt. Nicht nur, weil der Film durchaus seine heiteren, hellen Momente hat. In diesem Film wird viel gelacht: gelacht über die manchmal überraschend schlagfertigen Kommentare der Mutter, oder über die Selbstironie des Vaters und Ehemanns, der seine Frau bis zur totalen Erschöpfung pflegt. Natürlich wird auch geweint in diesem Film.

Vor allem aber ist dieser Film kein Film über das Vergessen, sondern ein Film über das Erinnern -  ein Film über eine große Liebe, die neu entdeckt wird. Während Gretel Sieveking ihr Gedächtnis, ihre Erinnerung verliert, beschäftigt sich der Sohn immer intensiver mit dem Leben seiner Mutter. Genauso wie der Vater - am Ende legt  er fast so etwas wie eine Lebensbeichte ab. In ihrem Erinnern entdecken beide, Vater und Sohn ganz neu ihre Liebe zu  Gretel.

 In seinem gleichfalls gerade erschienenen Buch schreibt David Sieveking über seine Gefühle und Gedanken zum Film. Darin schreibt er: „Gretel lebt nur noch für uns, die wir noch Erinnerungen an sie aufbauen." Und der Vater, Mathematiker, Philosoph und sicher kein gläubiger Mensch im strengen Sinn, spricht von seiner Hoffnung: dass Gretel in seiner Erinnerung fortleben wird.

 Wer geliebt ist, wird nicht vergessen, selbst wenn er sich selbst vergisst. Mir gingen nach diesem so eindrucksvollen Film die Worte aus dem Buch Jesaja durch den Kopf: Darin klagt das Volk Israel, dass Gott es bestimmt vergessen habe. Der Prophet antwortet darauf: Kann denn eine Frau ihr kleines Kind vergessen, eine Mutter ihr eigenes Kind! Selbst wenn sie es vergessen würde, Gott vergisst es nicht.

 Wenn ich die Worte der Bibel ernst nehme, Wie groß muss dann diese Liebe Gottes sein!

https://www.kirche-im-swr.de/?m=14675

Sie erleben die Kirche als Heimat. Das sagt fast die Hälfte der über 3.000 Katholiken in der Diözese Rottenburg-Stuttgart, die in einer empirischen Untersuchung nach den Motiven befragt wurden, was sie an die Kirche bindet oder aber warum sie sich von ihr abwenden. Das heißt aber auch: mehr als die Hälfte erlebt diese Heimat in der Kirche nicht oder nicht mehr. Das trifft für diejenigen zu, die nie daran denken, aus der Kirche auszutreten, und ebenso für die deutlich kleinere Zahl derer, die dies ernsthaft erwägen. 
Es ist ein tief in den Menschen verankertes Bedürfnis, beheimatet zu sein. Viele leiden darunter, dass sie sich ungeborgen fühlen, ohne schützende Nähe. Heimat heißt: wo meine Wurzeln sind, wo ich hingehöre, wo ich mich sicher fühle. Heimat gibt Vertrauen, Heimatlosigkeit macht Angst. Wir sehen uns so vielen gesellschaftlichen, politischen, wirtschaftlichen Prozessen ausgesetzt, die anonym und abweisend sind, die wir nicht überblicken und die uns doch existenziell betreffen. Gehört nicht auch die „transzendentale Obdachlosigkeit" dazu, von der der Philosoph Georg Lukács schon vor 100 Jahren gesprochen hat - verloren gegangenes Vertrauen, weil wir unter einem verschlossenen Himmel uns selbst überlassen sind? Wenigstens in der Kirche suchen deshalb viele Heimat und Geborgenheit.
Sich angenommen zu wissen in Freude und Hoffnung, in Trauer und Angst, das wünschen sich viele von ihrer Kirche. Dass ihnen das Evangelium so nahegebracht wird, dass sie in ihrem Glauben und in ihrem Leben gestärkt werden. Dass sie gestützt werden, wenn sie den Halt zu verlieren drohen. Worte und Lehren alleine reichen dafür nicht aus. Es bedarf dazu der mitmenschlichen Nähe. Nähe ist ein anderes Wort für Heimat. Beides gehört zu den Leitmotiven der genannten Untersuchung. 
Vielleicht hilft es, den Blick über den eigenen Kirchturm hinaus zu wagen; offen zu werden und zu lernen von dem, was bei Christen anderer Länder und Erdteile an Neuaufbrüchen, an Glaubensfreude, an unmittelbar gelebter Mitmenschlichkeit zu sehen ist. Ich hatte mehrfach Gelegenheit, in den jungen Kirchen anderer Länder zu sehen, wie lebendig kirchliches Leben sein kann, wo Christen in Basisgemeinden, in überschaubaren familiären Gemeinschaften, den Glauben und das Leben miteinander teilen. Und ich konnte erleben, wie ihr Glaube die Menschen menschlich sein lässt. Obwohl sie oft kaum auf Strukturen und Sicherheiten zurückgreifen können, wirken sie in ihre Gesellschaften hinein und lassen ihre Mitmenschen eine Nähe erfahren, die ihnen Halt gibt. 

Ich bin froh, dass mir dieser neue Blick auf die Kirche möglich geworden ist. Er bestärkt mich darin, dazu gehören zu wollen. Auch dies ist eine Erfahrung von Heimat.

https://www.kirche-im-swr.de/?m=14638

Zu den Motiven, die Menschen an die katholische Kirche binden oder sich von ihr abwenden lassen, hat die Diözese Rottenburg-Stuttgart eine empirische Untersuchung in Auftrag gegeben und vor wenigen Tagen der Presse vorgestellt. Über 3.000 Katholiken des württembergischen Bistums wurden befragt, außerdem etwa 1.000 Nichtkatholiken. Sie hätten noch niemals ernsthaft daran gedacht, aus der Kirche auszutreten, haben über drei Viertel der Befragten angegeben. Das ist die eine Seite der Medaille, die ermutigende. Die Kehrseite heißt aber: Fast ein Viertel der Katholiken hat schon einmal ernsthaft erwogen, die Kirche zu verlassen. Das muss für jeden Verantwortlichen ein Alarmsignal sein, und auch für alle, die kein Amt haben und dennoch sagen: Wir sind Kirche. 

Die Gründe dafür, die Kirche zu verlassen, sind unterschiedlich. An erster Stelle steht: Entfremdung. Manche geben finanzielle Gründe an, andere äußern Unverständnis über die Moral- und Sittenlehre. Negative persönliche Erfahrungen spielen eine Rolle, auch Glaubenszweifel. Viele sind über den sexuellen Missbrauch erschüttert. Aber der Hauptgrund ist: Die Kirche ist ihnen fremd geworden. 

Die Kirche sei ihnen vor allem fremd geworden, weil sie zu abgehoben und zu lebensfern kommuniziere, sagen viele. Sie solle in ihrer Kommunikation viel offener sein und ihren Mitgliedern besser zuhören.

Gewünscht wird eine Kirche des Dialogs. Dialog nach innen und Dialog nach außen, in die Gesellschaft hinein. Nicht der Glaube steht in der Kritik, sondern die Art, wie er oft vermittelt wird. Die Menschen wollen nicht belehrt und bevormundet werden, sie wollen dass man ihnen zuhört und sie ernst nimmt. Sie sind - vielleicht mehr denn je - darauf angewiesen, dass sie in ihren Hoffnungen bestärkt und in ihren Sorgen verstanden werden. Viele sind dann vielleicht wieder eher bereit, ihrerseits zuzuhören. 

Deutlich tritt in der Untersuchung auch das Bedürfnis zutage, in der Kirche authentischen Menschen zu begegnen - Menschen also, denen man abnimmt, was sie sagen, weil sie zu leben versuchen, was sie glauben. Ich habe vieler solche Menschen in der Kirche hierzulande und auch in anderen Ländern kennen gelernt. Sie müssen den Dialog nicht eigens betonen und üben, sie leben ihn. Sie stimmen mit sich überein und können deshalb auf Augenhöhe mit ihren Mitmenschen sein. In ihnen hat die Kirche ein glaubwürdiges Gesicht. Ich weiß freilich: das ist auch eine Anfrage an mich selbst. Denn auch ich bin Kirche.

https://www.kirche-im-swr.de/?m=14637

Was bindet Menschen an die Kirche?, was erwarten sie von ihr? Was stört sie an der Kirche?, warum kehren sie ihr den Rücken? Dazu hat die Diözese Rottenburg-Stuttgart vor wenigen Tagen die Untersuchung eines externen Instituts vorgestellt. Über 3.000 Katholiken aus der Diözese wurden befragt, außerdem etwa 1.000 Nichtkatholiken. Die Ergebnisse sind sehr aufschlussreich. Nicht nur für das schwäbische Bistum, und auch nicht nur für die katholische Kirche.

 Wie sehr diese Fragen die Menschen bewegen, zeigt sich daran, dass aus manchen Telefoninterviews zweistündige Gespräche wurden. Das ist verständlich, denn 80 Prozent der Befragten sagen, der Gottesglaube sei für sie persönlich sehr wichtig; fast die Hälfte gibt an, täglich zu beten oder zu meditieren.

 Anders als vielleicht vermutet, sagen Dreiviertel der Gesprächsteilnehmer, sie hätten noch nie ernsthaft darüber nachgedacht, aus der Kirche auszutreten. In der Kirche zu sein gehöre für sie zu ihrem Glauben. Der Gottesdienst tue ihnen gut, auch die Begegnung mit Menschen, die überzeugen. Die Kirche gebe ihnen Orientierung in Wertefragen.

Und was erwarten sie von der Kirche? Zuallererst erwarten sie, dass sich die Kirche stärker öffentlich einbringt, wenn es um soziale Fragen und Nöte geht, um Lebenshilfe, um die Zukunft von Kindern und Jugendlichen. Das Christentum bleibe das Fundament der Werte unserer Gesellschaft, darin sind sich fast 90 Prozent der Befragten einig. Dass die Kirche sich mit sich selbst, ihren Strukturen und Binnenproblemen beschäftigt, steht für die wenigsten Kirchenmitglieder im Vordergrund. Noch weniger akzeptieren sie, dass sie sich in die Gestaltung ihrer Ehe und ihrer Sexualität einmischt.

 Am wichtigsten ist für Katholiken wie Nichtkatholiken die Toleranz. Nahezu alle betonen das. Toleranz ist geradezu ein Leitwert. Toleranz als Offenheit, als Respekt gegenüber dem, wie Andere denken und fühlen, wie sie ihr Leben gestalten, was ihnen wichtig und heilig ist.

 Diese wenigen ausgewählten Aspekte berühren mich in meinem eigenen Selbstverständnis als katholischer Christ. Das Evangelium, in dessen Dienst die Kirche steht, ist für den sozialen Zusammenhalt unserer Gesellschaft und für die Orientierung des Einzelnen eine Kraft, die nicht fehlen darf. Die Kirche muss sich Gehör verschaffen. Das erwarten viele von ihr. Der Rückzug in die Sakristei, in die selbst gewählte Isolation ist nicht ihr Weg. Aber sie muss dies tun in einer Haltung der Offenheit gegenüber dem, wie Menschen heute leben und was sie bewegt. Nicht unkritisch, aber mit der Bereitschaft zu verstehen.

 Ermutigende Aussagen. Und eine starke Herausforderung.

https://www.kirche-im-swr.de/?m=14636