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SWR2 Wort zum Tag

Morgen am 9. Dezember ist der „Weltweite Gedenktag für Verstorbene Kinder". Um 19 Uhr werden auf der ganzen Welt Kerzen entzündet für Kinder, die viel zu früh verstorben sind.
Eine lange Lichterkette rund um die Welt leuchtet für alle „Sternenkinder".
Jedes Licht steht für ein Kind, das diese Welt mit seinem Leben erleuchtet hat, das das Leben anderer Menschen hell gemacht hat und so nicht vergessen wird. Das weltweite Kerzenleuchten - „the worldwide candle lighting day" - will Familien unterstützen, die um ihre verstorbenen Kinder, Enkel oder Geschwister trauern.
Eine leuchtende Solidarität, die Familien, Häuser, Städte und Länder miteinander verbindet. Im Internet habe ich eine Seite gefunden, die der Trauer einen Raum geben will. Hier können Familien Gedenkseiten für verstorbene Kinder einrichten und damit in Liebe und Dankbarkeit an sie erinnern. Dort habe ich auch ein Gebet gefunden, das mich sehr berührt. Eine Mutter schreibt an ihr Kind, das sie früh verloren hat.

Wo bist du?" frage ich das kleine Licht.
„Hier bin ich! Mama, spürst du mich nicht?"
„Ich spüre dich, doch sehe ich dich nicht",
entgegne ich dem Licht,
und höre, wie es spricht:
„Es zählt nicht, was du siehst oder nicht,
wichtig ist nur, du spürst mein Licht -
 in dir, Mama,
Ich bin bei dir, ich leuchte dir,
niemals mehr sollst du trauern um mich -
ich bin geborgen,
du wartest auf mich und ich auf dich!
Ich liebe Dich!"

 Quelle: Text von Sandra Lüttschwager. In: http://www.veid.de/thema-trauer/leseecke0/gedichte.html

https://www.kirche-im-swr.de/?m=14300

Heute ist in meinem Heimatland Österreich der „Tag des Honigs". Und das hängt mit einem Heiligen zusammen: Dem Heiligen Ambrosius von Mailand. Heute ist sein Gedenktag.
Ambrosius lebte im 4. Jahrhundert und war ein beliebter Bischof. Und er ist der Schutzpatron der Imker, der Wachszieher und der Lebkuchenbäcker. Oft wird er auf Bildern mit einem Bienenkorb dargestellt. Dazu gibt es eine Geschichte aus der Kindheit des Heiligen. Ein Bienenschwarm hat sich auf seinen Lippen  niedergelassen. Sie haben Ambrosius mit süßem Honig genährt. So zumindest  erzählt es die Legende. Gerne wird mit dieser Geschichte die Klugheit und Weisheit des Ambrosius hervorgehoben.
Denn Honig gilt als besonders wertvolles Nahrungsmittel. Honig steht für Süße, Milde und Güte. Und die Bienen stehen für Wissen und Weisheit. Eine gute Kombination, die dem Bischof Ambrosius damit zugeschrieben wird. Es wird überliefert, dass er sehr mutig war und überzeugt für seinen Glauben eingetreten ist. So wurde er bestimmt für viele Menschen zum Vorbild.
Der süße Honig steht auch für die Fülle des Lebens.
Ich habe gelesen, dass es am Anfang des Christentums üblich war, bei der Taufe Honig zu verwenden. Während des Taufritus wurde dem Täufling Honig auf die Lippen gegeben. Das sollte ein Zeichen dafür sein, dass Gott den Menschen die Fülle des Lebens schenkt.  
In der Bibel steht Honig auch für die guten Geistesgaben, die Gott den Menschen anvertraut. Das sind zum Beispiel Weisheit und Stärke. Kein Wunder, dass Honig ein Symbol für Gottes Wort ist. Gottes Wort will ähnlich wie Honig den Menschen gut tun und sie von außen wie von innen stärken.
So lobt der Beter im Psalm 119 das Wort Gottes so: „Wie süß sind deine Reden meinem Gaumen, ja mehr als Honig in meinem Mund."

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Vor wenigen Wochen habe ich ein so genanntes Sterbehaus der Mutter-Teresa-Schwestern in der indischen Sechs-Millionen-Stadt Pune besucht. Dort habe ich unmittelbar erlebt, was Nächstenliebe, menschliche Zuwendung zu den Ärmsten der Armen bedeutet. Und ich habe zugleich einen neuen Blick dafür bekommen, wie Freiheit aussehen kann -  eine Freiheit, die es vielleicht überhaupt erst möglich macht, Nächstenliebe so vorbehaltlos zu leben.
Wir möchten mit den Armen und wie die Armen leben, betont Schwester Chris, die Oberin der „Missionarinnen der Nächstenliebe" in Pune. Sie hat selbst keinerlei persönlichen Besitz - außer zwei Saris. Einen trägt sie am Leib, der andere wird morgens gewaschen, damit er bis zum nächsten Tag trocken ist. Das Haus, in dem die sechs Schwestern und die zumeist behinderten Bewohnerinnen leben und in dem viele auch sterben, ist gepflegt und freundlich. Man spürt keinen Mangel. Die fast 100 Menschen müssen jeden Tag essen und trinken, sie brauchen Kleidung, und die Medikamente, die viele von ihnen benötigen, sind nicht billig. Wie geht das? Gezielt um Spenden zu bitten, sei ihnen nicht erlaubt, sagt Schwester Chris. Dennoch hätten sie genug für jeden Tag. Jemand bringt einen Sack Reis vorbei, ein anderer Gemüse oder Fisch und ein Dritter wieder etwas anderes. Zwei Ärzte arbeiten ehrenamtlich mit. Und immer wieder kommt unerwartet eine Geldspende. Aber nichts lässt sich voraus planen oder gar berechnen. 
Wie kann sie mit dieser Unsicherheit leben, wo sie doch für so viele Menschen Verantwortung trägt? Schwester Chris lacht und winkt zum Himmel: „Was wir brauchen, kommt von der göttlichen Vorsehung. Es fehlt uns an nichts." 
Das biblische Wort von den Vögeln des Himmels wird hier sehr anschaulich: Sie säen und ernten nicht und werden doch vom himmlischen Vater ernährt. Das Wort von den Lilien auf dem Feld, die nicht arbeiten und keine Kleider für sich weben, und die doch schöner gekleidet sind als der legendäre König Salomo in all seiner Pracht. Die quälenden und das Leben behindernden Sorgen um die Bedürfnisse des Alltags sind die Sache von Menschen ohne Gottvertrauen, sagt dieses Bibelwort. Gott weiß, was wir brauchen. Uns aber muss es darum gehen, zu suchen und sichtbar zu machen, was Gottes Liebe bedeutet. 
Ein anspruchsvolles Wort. Es lässt mich eine große Freiheit ahnen. 
Solche Freiheit, gegründet im Vertrauen auf Gott, durch nichts gebunden als durch die Liebe zu den Armen - ich habe sie bei den Mutter-Teresa-Schwestern in Pune erlebt - mit größter Hochachtung. Ich weiß, dass ich selbst nicht so leben kann. Aber ich nehme doch die Frage mit: Habe ich so viel Vertrauen, dass ich den Sorgen und Problemen des Alltags gelassen und mit dem richtigen Augenmaß begegnen kann? Bin ich so frei, dass ich sehe, was mich unnötig bindet und mich hindert zu leben?

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Im Oktober war ich mit einer Gruppe in Indien. Besonders eindrucksvoll war für mich das unvoreingenommene Miteinander der Religionen. Trotz allem, was man gelegentlich von Übergriffen und Gewalt liest und hört: Indien ist ein sehr tolerantes Land, und die Christen in Indien suchen und leben in staunenswerter Offenheit den Dialog mit den Gläubigen der anderen Religionen. Und - das macht den Dialog glaubwürdig - sie sind für die Armen da, unabhängig von deren Religion. Jeder Mensch ist Schwester und Bruder, das Geheimnis Gottes ist in ihm gegenwärtig - das alleine zählt.  
In den Gottesdiensträumen von Ordensschwestern hängen links und rechts vom Kruzifix Buddha und Shiva, im Hinduglauben die höchste Manifestation des Göttlichen. Darunter liegen neben der Bibel der Koran und die Bhagavad Gita der Hindus. In vielen Konventen habe ich Poster gesehen, auf denen kreisförmig die Symbole der in Indien vertretenen Religionen angeordnet sind. „Unsere ewigen Kraftquellen" steht darüber, und genannt werden etwa die Selbsthingabe und die Vergebung im Christentum, die Überlebenskraft des Judentums, die Mitleidsfähigkeit des Buddhismus, der Geist universaler Verbundenheit im Hinduismus, die Gewaltlosigkeit des Jainismus und - ja, auch das - die Werte von Gleichheit und Frieden im Marxismus. Im Zentrum eine brennende Öllampe, umgeben von den Worten: „Getrennt fallen wir, vereint stehen wir." 
Diese Darstellung lässt eine bewundernswerte Grundhaltung erkennen: An erster Stelle steht nicht der Wahrheitsanspruch, mit dem sich Religionen von einander abgrenzen. Im Vordergrund steht vielmehr die Frage: Worin bestehen die spirituelle Tiefe, die menschliche Kraft einer Religion? Was ist das Wertvollste in den jeweiligen Religionen, durch das sie gemeinsam zu einer humaneren Welt beitragen können? 
Es gibt keine Vielzahl von Wahrheiten, das habe ich von christlichen Ordensleuten in Indien gelernt; es gibt nur die eine Wahrheit des unfassbaren göttlichen Geheimnisses. Aber dazu haben die Menschen in den verschiedenen Kulturen und Religionen unterschiedliche Zugänge gefunden. Und auch das habe ich oft gehört: Je mehr ich in meinem eigenen Glauben nach diesem göttlichen Geheimnis suche, desto offener und freier kann ich dem Glauben anderer begegnen. Desto größer wird meine Achtung vor dem, was ihnen heilig ist. Nur so können sich Kräfte für eine menschlichere Welt entfalten. 
Auch eine andere Wandinschrift in einem indischen Schwesternkonvent ist mir in Erinnerung geblieben: „Ist Gott so klein, dass er von einer einzigen Religion besessen werden kann?"

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„Wertschätzung" - das ist eine der Erfahrungen, die ich von einer Indienreise im Oktober mitgenommen habe. Überall sind wir, fremde und unbekannte Menschen, mit großer Offenheit aufgenommen und angenommen worden. Am stärksten habe ich diese unmittelbare Herzlichkeit bei Menschen wahrgenommen, die zu den Ärmsten gehören. 
Unvergesslich ist für mich der Besuch in einem Dorf von so genannten Adivasi, von Ureinwohnern. Sie leben außerhalb der indischen Gesellschaft, als Kastenlose, als Unberührbare und Rechtlose. Sie sind Kleinbauern oder Tagelöhner oder ziehen mit ihren Familien außerhalb der Monsunzeit als Ziegelbrenner von Großbaustelle zu Großbaustelle am Rande der Millionenstädte. 
In dem kleinen Dorf, einige Kilometer abseits der Hauptverkehrsroute und nur über unbefestigte Straßen zu erreichen, wurden wir zu einem Gottesdienst erwartet. Als wir eintrafen, empfingen uns vor ihren Hütten in kleinen Gruppen die Frauen in farbenprächtigen Saris und - etwas mehr abseits - festlich gekleidete Männer. Wie überall umringten uns sofort Scharen von Kindern und wollten fotografiert werden. Und dazwischen Hunde, Ziegen, Schafe, Kühe. 
Den Gottesdienst haben wir auf dem Platz vor der kleinen Kirche gefeiert. Die Dorfbewohner lagerten auf Decken auf der Erde, für uns Gäste waren als Zeichen der Gastfreundschaft Stühle bereitgestellt worden. Dann begrüßten junge Frauen jeden von uns persönlich mit einer Segensgeste, malten uns einen Punkt auf die  Stirn, behängten uns mit Blumen. Und als wir uns einzeln mit Namen vorstellten, gab es herzlichen Beifall. 
Von der heimischen Sprache Maharati, in der der Gottesdienst gefeiert wurde, verstanden wir nichts. Aber ich glaube, wir alle spürten eine wortlose Verbundenheit. Die Dorfbewohner sangen wunderschöne, rhythmische Lieder, von einem Trommler begleitet. Am Schluss baten sie uns, ein deutsches Lied zu singen. Anschließend wurden wir mit einer süßen Reisspeise bewirtet, für jeden eine Schale voll. Später haben wir gehört, dass sie uns die doppelte Menge von dem angeboten haben, was sie selbst morgens zum Essen haben und was dann für den ganzen Tag reichen muss. 
Warum erzähle ich das? Weil es mich tief bewegt hat, wie diese Menschen uns in ihre Mitte hinein genommen haben - uns, die Weißen, die Fremden aus einem unbekannten Land. Wie sie uns sehr offen und zugleich mit Würde begegnet sind, Wir konnten uns auf einander einlassen, einander verstehen, ohne die Sprache der Anderen zu kennen. Ich habe erlebt, wie ethnische und soziale Unterschiede völlig in den Hintergrund treten, wenn Menschen einander unvoreingenommen wahrnehmen. Wenn an erster Stelle die Frage steht: „Wer bist Du?"

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Gebt den Menschen Würde, solange sie leben": Schwester Chris hat das gesagt, die 45-jährige Oberin eines „Mutter-Teresa-Heims" in der indischen Stadt Pune. Mit einer Gruppe war ich im Oktober dort. Besuch eines „Sterbehauses" der „Missionarinnen der Nächstenliebe", so stand es für diesen Tag auf dem Reiseprogramm.
Wie den Anderen in der Gruppe war auch mir etwas beklommen zumute, was mich dort erwarten würde. Umso überraschter war ich, viel eher ein Haus des Lebens als ein Sterbehaus anzutreffen. Im Hof des einfachen, freundlichen Gebäudes begrüßte uns eine fröhliche Schar jüngerer und älterer Frauen, die meisten mit geistiger oder körperlicher Behinderung. In der noch angenehmen Sonne des frühen Tags waren sie damit beschäftigt, Wäsche zu waschen, das Mittagessen vorzubereiten, oder sie schauten einfach einer älteren Ordensschwester beim Klöppeln zu. 
Nicht immer war ihr Leben so unbeschwert. Oft, so erzählt uns Schwester Chris, werden behinderte oder alte Menschen einfach auf der Straße ausgesetzt. Sie wissen nicht, wie sie an Trinkwasser oder etwas zu Essen kommen können; niemand kümmert sich um sie, wenn sie krank sind. Wenn die Schwestern erfahren, dass irgendwo jemand am Verdursten oder Verhungern ist, fahren sie los, bringen ihn in eine Klinik oder in eines ihrer Heime, sorgen für medizinische Betreuung, für regelmäßige Ernährung, für Pflege, Hygiene, Kleidung. Manche erholen sich. Manche gehen dann wieder fort - vielleicht nach Hause, vielleicht auch wieder auf die Straße. Viele kennen nicht einmal ihren Namen. Die meisten wissen nicht, woher sie kommen und wo sie  hingehören. Sie bleiben hier. 85 Menschen kann dieses Heim, eines von dreien in Pune, aufnehmen. „Ein Tropfen im Ozean" sei dies, sagt Schwester Chris. Aber es ist ein starkes Zeichen der Menschlichkeit in einer oft erbarmungslosen Umwelt. 
Auch das Sterben gehört zu diesem Haus, wir haben es selbst erlebt. Aber niemand stirbt hier alleine und vereinsamt. Wenn das Leben eines Menschen zu Ende geht, bleiben alle anderen aus seiner kleinen Wohngruppe bei ihm bis zum Schluss. Ein muslimisches Bestattungsunternehmen in der Nachbarschaft wäscht später die Toten, verbrennt sie und bestattet die Asche - unentgeltlich. Mehr an Ritual erlaubt der Staat nicht. Auch dies ist ein letzter Dienst an der Würde dieser Menschen. Ein Dienst über die Grenzen der Religionen hinweg. 
„Wir sind keine ‚die area', keine Todeszone", sagt Schwester Chris. Nein, hier erfahren Menschen, vielleicht zum allerersten Mal, was Leben bedeutet: ein Leben in Würde und Geborgenheit. „Gebt den Menschen Würde, solange sie leben." Das schließt auch ein Sterben in Würde und Geborgenheit ein.

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