Alle Beiträge

Die Texte unserer Radiosendungen in den Programmen des SWR können Sie nachlesen und für private Zwecke nutzen.
Klicken Sie unten die gewünschte Sendung an.


SWR2 Wort zum Tag

Nach der Schule geht Max immer gleich nach Hause, seine Mutter wartet schon dringend auf ihn. Auch wenn Max erst acht ist, er wird gebraucht, um seiner Mutter auf die Toilette zu helfen. Allein schafft sie das nicht. Sie ist schwer krank. Oft muss Max auch das Essen kochen. Anderen davon erzählen oder gar Freunde mit nach Hause bringen kann Max nicht, dazu schämt er sich zu sehr. Für ihn ist es schlimm, dass seine Mama nicht so sein kann wie andere Mütter.
Ein wenig hört sich die Geschichte wie Erich Kästners „Pünktchen und Anton" an, wie etwas, das einer Familie zu Beginn des letzten Jahrhunderts passieren konnte. Aber solche Geschichten gibt es  auch heute. Und Kinder als pflegende Angehörige kommen gar nicht so selten vor. Als ich das gehört habe, bin ich erschrocken. Bisher habe ich nie darüber nachgedacht, vielleicht auch weil ich von solchen Kindern fast nichts mitbekomme. Sie haben ja kaum Zeit, auf der Straße zu spielen, sie laufen mir nicht so schnell über den Weg. Wenn ich dann aber von einem solchen Kind höre, dann bin ich sofort sehr berührt von seinem Schicksal, von der Last, die dieses Kind tragen muss, von der Verantwortung, die es übernimmt. Und es macht mich traurig, wenn Kinder kaum als Kind leben und keinen guten Kontakt zu Freunden aufbauen können. Ähnlich geht es mir mit sehr kranken, sterbenden oder mit trauernden Kindern. Sie alle sind viel zu „erwachsen" für ihr Alter, dabei brauchen sie doch eigentlich noch die Unterstützung von uns Erwachsenen.
Es gibt Menschen, die sich um diese Kinder kümmern, in Offenburg beispielsweise der Kinder- und Jugendhospizdienst, aber auch freie Trauerbegleiterinnen. Sie begleiten todkranke und sterbende Kinder. Kindern, die Angehörige pflegen, ermöglichen die Helferinnen eine Auszeit von der Pflege, ein Wochenende mit anderen Kindern oder sonst einen Ausgleich. Und denen, die sich von einem Elternteil, Schwester oder Bruder verabschieden mussten, helfen sie, ihre Trauer zu bearbeiten und neue Wege zu gehen.
„Den Kindern gehört das Himmelreich!" sagt Jesus einmal. Und mein erster Gedanke dazu ist in diesem Zusammenhang: „Wenn Kinder schon in jungen Jahren sterben müssen, dann ist das wohl auch das mindeste!"
Aber Jesus sagt diese Worte natürlich nicht in diesem Zusammenhang. Er sagt das, als die Jünger ihm Kinder und ihre Mütter vom Hals halten wollen. Er sagt das, damit die Kinder die nötige Aufmerksamkeit bekommen.
Und wenn ich bei diesen Worten trauernde oder pflegende Kinder vor Augen habe, dann ist das keine Vertröstung auf späteres Jenseits. Dann höre ich eine Aufforderung an uns alle: „Achtet auf die Kinder, lasst sie nicht allein, helft ihnen, wo Ihr könnt. Kein Kind soll abseits stehen und sich schämen müssen. Lasst die Kinder spüren, dass ihnen der Himmel gehört."

https://www.kirche-im-swr.de/?m=14052

„Von schönen Gegenständen und ihren Besitzern", so lautet der Untertitel eines Buches, das ich wieder mal in die Hand genommen habe. Die „schönen Gegenstände" werden seit 1906 im jüdischen Museum in Prag gesammelt. Sie stammen zunächst aus zwei abgerissenen Synagogen später auch aus dem privaten Besitz deportierter Juden und aus geschlossenen jüdischen Einrichtungen. Und sie erzählen ganz natürlich von ihren Besitzern, von jüdischen Gemeinden und Familien im 19. Jahrhundert.
Im Herbst 1941 sind die ersten Juden aus Prag deportiert worden, drei Tage dauerte jeweils die bürokratische Abwicklung: Zunächst wurden die Menschen zu einer Nummer. Dann wurde diese Nummer zu verschiedenen Schaltern gerufen: „Bei einem wurden die Wohnungsschlüssel abgegeben, beim nächsten die Lebensmittelkarten, beim dritten das restliche Geld, beim vierten Wertsachen, beim fünften Personaldokumente, und beim sechsten mussten verschiedene Fragebögen und Formulare ausgefüllt werden." Eine Treuhandstelle mit mehreren hundert Beschäftigten hat sich dann um die verlassenen Räume gekümmert. Das Inventar wurde sortiert, geschätzt und eingelagert, aber auch repariert und gereinigt. Man hat Inschriften und Monogramme entfernt. In 54 Lagerräumen in der Stadt wurden die Objekte fein säuberlich sortiert aufbewahrt, wie zum Beispiel 13.207 vollständige Küchen- oder Zimmereinrichtungen oder 603 Klaviere.
Aus den eingesammelten Schätzen haben Kunsthistoriker und Museumsfachleute Ausstellungen erstellt, die in verschiedenen Synagogen aufgebaut wurden, allerdings nur von der SS besucht werden konnten. Eine erste Ausstellung hat sich mit hebräischen Büchern und Handschriften befaßt, eine zweite mit jüdischen Festtagen und eine dritte mit der Geschichte der Prager jüdischen Gemeinde. Eine vierte Ausstellung sollte sich mit dem Leben der Juden in Böhmen beschäftigen, sie wurde jedoch nicht vollendet. Denn man hat Fachleute, die sie erstellen sollten, währenddessen deportiert.
Immer wieder erschreckt mich, wie bürokratisch und gründlich die Vernichtung von Menschen geplant und durchgeführt wurde. Und die absurden Geschichten, die sich in diesem Zusammenhang abspielen, bedrücken mich. Da wird ein Museum mehr und mehr erweitert, das mit Hilfe von schönen Gegenständen von Menschen und ihrer Kultur erzählen soll, während diese Menschen gleichzeitig mit der gleichen Sorgfalt verschleppt und getötet werden? Lebendige Menschen werden in den Tod geschickt, und tote Objekte sollen von einem vergangenen Leben erzählen.
„Von schönen Gegenständen und ihren Besitzern" - mit der Geschichte im Hintergrund wird der Titel sehr sperrig. Und zum wiederholten Male wünsche ich mir: „Wie schön wäre es doch, wenn Gegenstände und Besitzer noch da wären, wo sie hingehörten! Wenn beide - ganz selbstverständlich - ein lebendiger Teil unseres Lebens und unserer Kultur wären!

https://www.kirche-im-swr.de/?m=14051

Kirche bei Nacht? Das kennen die meistens höchstens von nächtlich angestrahlten Kathedralen und Domen. Wenn starke Lichter die Fassaden erhellen. Einmal in Jahr aber öffnen viele Kirchen nachts ihre Türen. Wenn es wieder heißt: Nacht der offene Kirchen. In vielen Städten und Gemeinden in Deutschland hat diese Nacht schon Tradition. Christliche Gemeinden laden bis Mitternacht oder sogar darüber hinaus zu Veranstaltungen, Konzerten, Andachten und Gottesdiensten ein. Da eröffnen sich in altbekannten Kirchenräumen neue Einblicke und Ausblicke. Denn viele Gemeinden gestalten in dieser Nacht ihre Kirchen ganz neu: Lichtspiele erhellen die dunklen Winkel, Wasser fließt durch den Mittelgang, Kerzen auf dem Boden legen Spuren in unbekannte Ecken der Kirche.
Mich hat die Nacht der offenen Kirchen an einen Kinofilm erinnert. »Nachts im Museum« heißt er. Er spielt in einem Naturkundemuseum. Tagsüber ist das ein ganz normales Museum, nachts aber werden die ausgestellten Tiere lebendig, das Dinosaurierskelett rast durch die Gänge, die Nachbildungen der Römer, Indianer und Piraten verlassen ihre Glasvitrinen und ziehen durch die Säle. 
In der Nacht der offenen Kirchen passiert ähnliches. Sicher, die Heiligenfiguren bleiben in aller Regel auf ihrem Sockel steht. Aber sonst kommt hier vieles in Bewegung. Vor allem in einem selbst. Ich habe das erlebt. Die Kirche, die ich gut kenne, sie sieht plötzlich ganz verwandelt aus. Das Licht verändert sie. Die Decke verschwindet im Dunkel - und dafür sehe ich zum ersten Mal, wie der Raum an der Orgel aussieht. Ich werde ruhig, setze mich in eine Bank, fange an nachzudenken. Über mein Leben, meinen Glauben. Bei Nacht sieht beides anders aus. Ich sehe die Schattenseiten und die hellen Momente deutlicher vor mir. Kein Wunder: Die Nacht, das Dunkel ist ein wichtiger Raum für Entscheidungen, für Veränderungen. In der Nacht reifen Erkenntnisse, Träume werden ausgesponnen. In der Nacht stirbt der alte Tag - und der neue kommt.
Mir tut diese Nachtmeditation gut. Auch wenn sie nicht unbedingt den Kirchenraum braucht. In der Nacht zu sich zu kommen, das gelingt auch unter einem Sternenhimmel, beim nächtlichen Spaziergang im Wald, zu Hause in einer dunklen Ecke. Und immer ist am Horizont der neue Morgen zu sehen.

https://www.kirche-im-swr.de/?m=14056

Heute ist endlich klar, wer der neue Präsident der USA sein wird. Die Wahl ist entschieden.  Auch wenn dabei viel Geld im Spiel ist, auch wenn das amerikanische Wahlrecht mich nicht so recht überzeugt, auch wenn ich weiß, dass viele Wahlversprechen schon morgen vergessen sein werden: Ich finde die Demokratie eine der besten Erfindungen des Menschen. Auch und gerade aus christlicher Sicht.
Für manche mag das nicht zusammenpassen. Sie haben den Verdacht, dass sich der christliche Glaube nicht mit Demokratie verträgt. Über Gott lässt sich schließlich kaum abstimmen. Das ist richtig, aber was nur wenige wissen: Wahlen gehören von Anfang an zum Christentum dazu. Das fängt schon nach dem Tod Jesu an. Die Bibel erzählt, dass Judas, der Jesus verraten hatte, sich selbst tötet. Judas aber war einer der Apostel, der engsten Freunde Jesu. Und jetzt wählen die verbliebenden elf Apostel einen Nachfolger aus. Matthias wird es.
Später pflegen vor allem die Klöster die Tradition des Wählens. Der Abt, also der Vorsteher einer Klostergemeinschaft, wird stets gewählt. Im Idealfall ohne Wahlkampf, ohne Versprechungen, ohne Geschenke. Und schließlich entscheidet sich auch in einer demokratischen Wahl nach dem Mehrheitsprinzip, wer der nächste Papst wird. Der weiße Rauch über dem Petrusdom signalisiert bei jeder Papstwahl das Ende dieses demokratischen Verfahrens.
In all diesen Wahlen herrscht ein wichtiges Prinzip: Eine Stimme pro Kopf. Egal, wie mächtig jemand ist, wie viel Geld oder Einfluss er besitzt, jeder kann nur eine Stimme abgeben. Dieses Prinzip entspricht einer zentralen theologischen Einsicht: Der Einsicht, dass alle Menschen gleich sind, gleichrangig, gleich wertvoll. In den Schöpfungserzählungen ist das grundgelegt. Gott schafft den Menschen nach seinem Bild. Der Mensch trägt also göttliches Antlitz - und jeder ist ein Ebenbild Gottes. Da gibt es keine Über- und Unterordnung.
Leider belehrt uns die Kirchengeschichte, dass diese Einsicht oft nur theoretischer Natur war. Praktisch haben sich mächtige Kirchenfürsten mit Geld, Korruption oder sogar Mord ihre Ämter gesichert. Freie und faire Wahl? Fehlanzeige. Aber die grundsätzliche Idee ließ sich nicht ausrotten: Dass jeder Mensch eine Stimme besitzt, auch bei Wahlen. Und dass jede Stimme gleich viel wiegt.
Und ich hoffe, dass sich auch Präsidenten, Äbte und Päpste immer wieder daran erinnern: Dass sie von Menschen gewählt worden sind, die ihnen gleichrangig sind.

https://www.kirche-im-swr.de/?m=14055

Vor ein paar Tagen saß wieder ein Zimmermann auf Wanderschaft im Bahnhof. Ein Bündel neben sich, ein Stock, schwarze Klamotten, ein großer Hut. Es gibt eine alte Tradition, dass ausgelernte Handwerker sich auf den Weg machen. Ihre Siebensachen packen und losziehen. Und dann ein oder zwei oder drei Jahre in der Fremde arbeiten. Dort bleiben, wo es was zu tun gibt. Und dann wieder weiterziehen. Eine spannende Tradition, lebendige Tradition.
Kein Wunder, dass sich auch heute noch Handwerker auf Wanderschaft begeben. Traditionen liegen schließlich derzeit im Trend. Da freuen sich Menschen ein ganzes Jahr lang aufs Oktoberfest, da kommen die Stoffe aus den 50er-Jahren wieder, da gibt es Handyhüllen, die das Mobiltelefon wie eine gute alte Kassette aussehen lassen. Auch in der Kirche gibt es das: Am besten soll alles so bleiben, wie es die meisten gewohnt sind. Nur keine Veränderung.
Traditionen sind deshalb gefragt, weil sie gut tun. Sie sorgen dafür, dass ich mich zu Hause fühle. Sie geben mir einen Platz in einer Welt, in der sich dauernd vieles verändert. Traditionen sagen mir, wo ich hingehöre. Wie der Zimmermann, der sich einem bestimmten Beruf zugehörig fühlt - und deshalb auf die Wanderschaft geht, wie viele vor ihm.
Tradition ist aber mehr als sich im Gewohnten einzurichten. Der junge Zimmermann am Bahngleis erzählt auch davon. Seine Tradition heißt nämlich: Aufbruch. Er bricht von zu Hause aus auf, bleibt immer nur eine zeitlang an einem Ort - um dann wieder loszuziehen.
Auch der christliche Glaube kennt dieses Tradition des Aufbruchs, des Neuanfangs. Die ersten Juden brechen aus Ägypten aus, aus der Sklaverei. Dieser Aufbruch prägt bis heute den jüdischen Glauben. Und da sind die Männer und Frauen, die Jesus nachfolgen. Sie lassen ihre Familien und ihren Beruf zurück, weil sie dieser Mann so fasziniert.
Auch im Laufe der Kirchengeschichte treten immer wieder Menschen auf, die diesen Aufbruch, diesen Neuanfang fortsetzen. Ich erinnere nur an Franz von Assisi. Ein reicher Kaufmannssohn, der eines Tages merkt, dass sein Leben hohl und leer ist. Und der daraufhin alles verlässt, auf alles verzichtet, um ein armes Leben zu leben. Ein Leben, wie es Jesus gelebt hat. Franz eckt damit an. Und sorgt für einen Aufbruch. Bettelorden entstehen, in der Kirche setzt ein neues Nachdenken über Armut und Reichtum ein.
Theologisch heißt das: »ecclesia semper reformanda«, die Kirche ist eine immer wieder zu reformierende. Die Reform, die Veränderung, der Aufbruch gehören zur Kirche und zum Glauben dazu. Bei aller Sehnsucht nach dem, was bleibt: Auch der Aufbruch kann eine gute Tradition sein.

https://www.kirche-im-swr.de/?m=14054

 Blasphemie heißt, den Glauben von Menschen lächerlich machen. Das provoziert. Und fordert Reaktionen heraus.
Wie soll in einem modernen, aufgeklärten, säkularen Staat mit Blasphemie umgegangen werden? Diese Frage sorgt für Streit. Eine bemerkenswerte Antwort findet sich im Neuen Testament. In der Apostelgeschichte. Sie erzählt, wie die Freunde und Anhänger Jesu dessen Botschaft weitertragen. In alle Welt. Und so erzählt die Apostelgeschichte auch, wie Paulus nach Athen kommt und dort seinen Glauben verkündet. Die Reaktionen? Manche sagen: „Was will denn dieser Schwätzer?" (Apg 17,18) Und als Paulus gar von der Auferstehung spricht, da wird er ausgelacht (Apg 17,32). Ganz schön harter Tobak. Paulus wird als Person und bezüglich seiner Botschaft, seiner Gottesvorstellung, beleidigt und verspottet. Radikaler kann nur mit körperlicher Gewalt das Subjekt und sein Glaube angefragt werden.
Ich finde bemerkenswert, wie Paulus in dieser Situation reagiert. Mit einer bemerkenswerten Souveränität. Paulus mobilisiert keinen Mob für die Straße. Er lässt auch nicht Athen in Schutt und Asche legen. Und er strengt auch keinen Prozess vor Gericht wegen persönlicher Verunglimpfung oder Blasphemie an. Die Apostelgeschichte berichtet vielmehr lapidar: Paulus „ging aus ihrer Mitte weg." (Apg 17,34) Damit aber endet die Episode nicht. Ihm schließen sich nämlich auch einige Männer und Frauen an und werden gläubig. Für mich liegt der Verdacht nahe: Die Botschaft des Paulus überzeugt - und vor allem die Art und Weise, wie er den Spott erträgt.
Den Spott ertragen, das geht nur mit einer Haltung: Mit der Haltung der Liebe. In einem berühmten Gedicht schreibt eben dieser Apostel Paulus: „Die Liebe erträgt alles" (1 Kor 13,7). Ein Gegenkonzept zur Antike. Die kennt nämlich nur das stoische, das fatalistische Ertragen. Paulus aber fordert dazu auf, das Ertragen zu einer positiven Haltung zu machen. Es ist eine Haltung, die das Anderssein und Andersmeinen des Anderen bewusst erträgt und mitträgt.
Wie kann diese Haltung auf die Diskussion um die Blasphemie übertragen werden? Zum Beispiel, indem der positive Kern von Kritik, Spott und Blasphemie wahrgenommen wird. Ich kann fragen, was in der abwertenden und auch der herabwürdigenden Haltung des anderen an Wahrheit steckt. Kann im Spott mehr über mich, über Gott und die Welt entdecken. Das kann mir helfen, die eigene Position klarer und entschiedener zu formulieren und zu vertreten.
Wie Paulus mit Blasphemie umgeht, könnte deshalb heute für Glaubende aller Couleur Vorbildcharakter haben.

https://www.kirche-im-swr.de/?m=14053