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SWR2 Wort zum Tag

Jetzt habe ich es doch tatsächlich geschafft. Einen neuen Anfang. Das erste Mal in meinem Leben bin ich in einem Fitness-Studio gewesen. Der Rücken zwickt schon länger und immer wieder, der Bauch wächst, die Arme waren auch mal muskulöser. Schon lange ich hatte vor, was zu tun. Und jetzt habe ich es also gemacht. Das erste Mal. Ich war ein bisschen aufgeregt. Aber dann ist es ganz gut gegangen. Ich hatte eine nette Trainerin, die mir bei den Geräten geholfen hat. Und mittlerweile kann ich schon ganz gut selbst damit umgehen. Ich gebe zu, der Anfang im Fitness-Studio ist nichts Besonderes. Alle Welt rennt heute in entsprechende Studios. Schließlich sollen wir ja bis ins hohe Alter hinein fit und vital bleiben. Und weil den meisten heute die körperliche Anstrengung abhanden gekommen ist, müssen wir halt in einen künstlichen Raum gehen, um ins Schwitzen zu kommen.
Trotzdem leistete mein Start im Studio nicht nur Tribut an die gesellschaftliche Forderung, dass ich meine Arbeitskraft und Vitalität erhalten muss. Er war für mich auch ein Neustart. Hat mir gezeigt: Ja, ich kann auch noch in der Mitte des Lebens Neues beginnen. Kann neue Wege gehen und mein Leben verändern.
Das erinnert mich an eine Diskussion, die ich immer wieder führe: Sie kreist um die Frage, ob Menschen sind, wie sie sind. Oder ob sie sich verändern können. Meine Position: Ich bin ziemlich sicher, dass sich Menschen ändern können. Dass ein Neuanfang möglich ist. Dass Menschen auch ihre Gewohnheiten verlassen können. Das Menschen etwas unglaublich Neues sagen, tun oder fühlen können. Aber ich bekomme da immer wieder Gegenwind. „Nein", muss ich hören, „Menschen können sich nicht verändern. Sie sind, was sie sind. Da passiert nicht viel."
Ich halte mit den biblischen Geschichten dagegen. Sie erzählen von Menschen, die anders handeln zu können. Die nicht nur in den eingefahrenen Bahnen leben können. Zum Beispiel die Ehebrecherin. Die Menge will sie steinigen, aber Jesus rettet sie. Und dann gibt es ihr einen Satz mit: „Geh und sündige von jetzt an nicht mehr!" Jesus ist sich sicher: Neuanfang ist möglich.
Natürlich ist mein Anfang im Fitness-Studio weitaus unspektakulärer. Aber er ist immerhin ja auch ein Anfang. Und ich hoffe, dass immer wieder solche Neuanfänge möglich sind - auch bei mir.

 

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Jeden Morgen beginne ich den Tag mit unzähligen Routinen. Noch im Halbschlaf wanke ich ins Bad, putze die Zähne, dusche mich, ziehe mich dann an und mache Frühstück. Ich muss gar nicht hingucken, die Handgriffe sitzen. Selten weiche ich ab von dieser Routine. Vielleicht am Wochenende einmal. Die meisten Menschen machen das ähnlich. Egal ob sie arbeiten oder schon im Ruhestand sind, ob sie große, kleine oder keine Kinder haben, ob sie alleine leben oder mit anderen zusammen. Der Start in den neuen Morgen verläuft meist so, wie der Start in den gestrigen Morgen und den davor.
Ganz ähnlich ist es für viele mit dem Glauben. Auch hier bestimmen Gewohnheiten das Bild - quer durch die Religionen. Bei vielen Christen gehören bis heute die Eiersuche zu Ostern und die Geschenke zu Weihnachten dazu. Das Ende des Ramadans wird bei vielen Muslimen immer gleich gefeiert. Und die jüdischen Feste verfügen über feste Rituale. Solche Riten und Gewohnheiten sind gut. Sie geben Sicherheit. Sie garantieren, dass ein Fest gelingt.  Manchmal aber wird darüber vergessen, dass Glaube sich gegen die Routinen sträubt. Dass Glaube Aufbruch heißt. Gerade im Christentum zeigt sich das deutlich.
Aufbruch, das Sich-auf-den-Weg-Machen, ist eines der zentralen Themen der Geschichte Jesu. Das fängt an Weihnachten an. Hier bricht Gott auf zu den Menschen, indem er selbst Menschen wird. Gott hält es sozusagen im Himmel nicht mehr aus, macht sich auf, um auf der Erde zu landen. Auch Maria und Josef brechen auf, Richtung Betlehem, verlassen ihre Heimat, verlassen, was ihnen lieb und teuer ist. Und später ist es Jesus selbst, der aufbricht. Selten bleibt er länger an einem Ort. Mehrmals zieht er mit seinen Freunden nach Jerusalem. Schließlich sind es nach seinem Tod seine Freunde, die aufbrechen. Sie erzählen in der ganzen Welt weiter, was sie erlebt und erfahren haben mit diesem Jesus. Der Glaube lässt sich nicht in Ruhe. Er drängt sie, aufzubrechen. Ihnen folgen immer wieder Menschen nach, die ihre gewohnten Lebensbahnen verlassen. Die sich auf diesen Glauben an einen liebevollen Gott verlassen - und sich auf den Weg machen. Auf den Weg zu anderen Menschen. Und die dabei ein neues, reiches Leben finden.
Was mich dabei besonders fasziniert: Diese Geschichten erzählen von Menschen, die mit der Routine ihres Lebens brechen. So ganz anders, als ich, der ich Morgen für Morgen und Tag für Tag vielfach auf Routinen und Gewohnheiten zurückgreife. Und ich hoffe, dass ich den Aufbruch, der mit dem Glauben einhergeht, auch für mich trotz aller Routinen entdecken kann.

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Bei anderen anprangern, was man selber tut, das nennt man Doppelmoral. Doppelmoral gibt's überall dort, wo Menschen mit zweierlei Maß messen. Wo das, was für andere gut sein soll, für einen selbst nicht gilt. Vor allem Politikern wird schnell eine solche Doppelmoral vorgeworfen. Das Vorurteil: Sie fordern zum Verzicht auf, setzen Sparmaßnahmen durch, sichern sich aber selbst große Vorteile. Das sind natürlich Klischees. Und verdecken, dass solche Doppelmoral für fast jeden Menschen gilt. Denn sich selbst an das zu halten, was ich von anderen fordere, das ist oft genug schwer.
Solche Doppelmoral ist gerade in Fragen des Glaubens ein heißes Thema. Weil Glaube immer auch mit dem Handeln von Menschen zu tun hat. Besonders glaubwürdig wird nämlich der Glaube, wenn Menschen das leben, was sie glauben. Ohne wenn und aber. Das zeigt sich gerade an Menschen, die als Vorbilder des Glaubens gelten. Wenn ein Dietrich Bonhoeffer im Dritten Reich an seinem Glauben festhält. Sich nicht durch die Machthaber irre machen lässt. Den Tod in Kauf nimmt. Dann bekommt der Glaube ein besonderes Gesicht. Dann zeigt sich, dass dieser Glaube wirklich lebensverändernd wirkt. Und dass das nicht einfach nur behauptet wird. Oder wenn eine Mutter Theresa mit ihrem Glauben ernst macht. Sich radikal für die Ärmsten der Armen einsetzt. Oder wenn Franz Meurer, Priester in Köln, in den Räumen unter seiner Kirche Kurse anbietet für junge Leute, damit die nicht ohne Ausbildung bleiben und eine Chance auf dem Arbeitsmarkt haben. Oder wenn viele unbekannte Menschen ehrenamtlich in einem Hospiz Menschen begleiten in den letzten Tagen ihres Lebens. Umso größer ist die Fallhöhe, wenn sich Christen eben nicht an die eigenen Maßstäbe halten. Das fängt schon bei den ganz alltäglichen Dingen des Lebens an. Da setze ich mich als Christ für die Bewahrung der Schöpfung ein - und fliege doch in Urlaub, fahre zu oft Auto, wenn ich doch zu Fuß gehen könnte, lasse den Fernseher auf Standby. Da protestiere ich als Christ gegen die Ungerechtigkeit in der Welt, greife aber im Supermarkt immer wieder zu den billigeren Produkten - die eben nicht fair gehandelt sind. Glauben fordert Konsequenzen. Es ist gut, den eigenen Glauben mit Worten zu bekennen. Nachfolge Christi aber heißt, den eigenen Glauben auch in die Tat umzusetzen.

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Was bringt eigentlich Glaube? Manche halten diese Frage für unzulässig. Glaube ist doch nichts, was einem etwas bringt! Glaube darf nicht nach Nutzen und Leistung gemessen werden, sagen sie. Eine sympathische Haltung. Heute muss nämlich fast alles etwas bringen. Fast alles dient nur Zwecken. Ich rede mit jemandem, weil er mir eine Information geben kann. Ich habe mit jemandem zu tun - damit der mich unterstützt. Und so weiter. Dass etwas ohne Zweck geschieht, einfach nur, weil es schön ist, gut tut, das gibt es nur selten.
Aber das Leben wird reicher durch all die Dinge, die nichts bringen. Die Sonne am Abend versinken zu sehen, das bringt so gesehen nichts. Verliebt zu sein bringt auch nichts. Die Vögel singen zu hören - zwecklos. Ein Spiel spielen um des Spielens willen, auch das bringt nichts. Und trotzdem: ich will auf all das nicht verzichten. Ich brauche das zum Leben, die vielen Dinge, Situationen, Menschen, die mir nicht direkt etwas bringen. Auch der Glaube gehört zu diesen zweckfreien Aspekten des Lebens. Ähnlich wie die Liebe. Liebe ist da, macht mich lebendig, verändert mich, bringt neue Saiten in mir zum Klingen. Es geht nicht darum, was sie bringt, sondern was sie mit mir macht. Ähnlich ist es mit dem Glauben. Aber wenn Glaube ‚zwecklos' ist, wofür ist er dann da? In den Ferien habe ich das ganz hautnah gespürt. Wir waren ein paar Tage mit dem Fahrrad unterwegs. In Norddeutschland. Fast 100 Kilometer sind wir jeden Tag gefahren. Das Wetter war meistens gut, die Fahrradwege ließen sich auf Anhieb finden, es war alles super ausgeschildert. Und das Beste: Fast die ganze Strecke hatten wir Rückenwind. Manchmal nur ein bisschen, manchmal etwas mehr. Und immer hat es meinen Tritt leichter gemacht. Sicher: in die Pedale treten musste ich immer noch. Und am Ende jeder Tour waren meine Beine ziemlich wackelig. Aber ich hab mich unterstützt gefühlt. Durch den Rückenwind. Wie wichtig der ist, konnten wir an einem Tag erfahren. Da hatte nämlich der Wind gedreht. Wir kämpften uns vorwärts. Jeder Tritt fiel schwer. Für mich haben der Rückwind und der Glaube viel gemeinsam. Glaube, das ist für mich der Rückenwind durchs Leben. Leben muss ich selbst. Das nimmt mir keiner ab. Und ich muss selbstständig meinen Weg durchs Leben finden. Aber der Glaube an einen Gott, der mich begleitet, der tut gut - wie Rückenwind auf dem Fahrrad. Dieser Glaube lässt mich weiter durchs Leben gehen, er schiebt mich an. Lässt mich mein Leben immer wieder neu leben, jeden Tag.

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Feueralarm. Das erste Mal in meinem Leben habe ich echten Feueralarm erlebt. Ich hatte etwas zu erledigen in dem Bürogebäude, plötzlich ertönt ein Heulen. Wie von einer Diebstahlanlage bei einem Auto. Erst konnte ich das gar nicht einordnen. Dann aber strömten viele Menschen  ins Treppenhaus Richtung Ausgang. Der Ruf „Feueralarm" macht die Runde. Und dann stehe ich schon auf der Straße - in einer großen Menschentraube. Unten im Haus ist ein Supermarkt untergebracht. Darüber ein Fitnessstudio, Arztpraxen, ein Fortbildungsunternehmen, Büros. Und so stehen plötzlich Angestellte in Anzug und Krawatte, Verkäufer in ihrer Dienstkleidung, Sportbegeisterte in T-Shirts und Turnschuhen und ein Ärzteteam in weißen Kitteln bunt gemischt auf dem Bürgersteig - und warten. Alle sind verunsichert. Fehlalarm? Aber die Feuerwehr kommt mit Blaulicht, stürmt ins Haus. Unterdessen holen sich einige bei einem nahe gelegenen Bäcker einen Kaffee. Ich komme mit einer Frau ins Gespräch. Sie kämmt sich die nassen Haare. Als der Feueralarm losging, stand sie unter der Dusche. Dann verlässt die Feuerwehr wieder das Haus. Es gibt die erhoffte Entwarnung. Die Gruppe löst sich auf, jeder geht seiner Tätigkeit nach.
Nachher wurde mir klar: Mit dem Alarm hatte ich überhaupt nicht gerechnet. Beim Fahrradfahren bin ich vorsichtig, passe mich dem Verkehr an. Auf dem Bahnsteig halte ich immer Abstand von den Gleisen. Beim Rechtsabbiegen gucke ich immer zweimal. Aber in einem normalen Bürogebäude, da habe ich mich bisher sicher gefühlt. Hier habe ich mich völlig unbeschwert verhalten.
Der Feueralarm hat mich aus diesem Glauben gerissen. Hat mir deutlich gemacht: Das Leben ist gefährdet. Sicher, zum Glück war nichts. Aber das ist ja nicht immer so. Plötzlich kann das Leben in Gefahr sein. Auch dort, wo ich mich eigentlich völlig sicher fühle. Aber kann ich leben mit dem ständigen Wissen um die Gefahr? Ich merke, dass ich zwei Aspekte des Lebens in eine Balance bringen muss. Das eine ist das Wissen: Leben kann jederzeit zu Ende sein. Ich kann aufpassen, wie ich will, trotzdem komme ich an der grundsätzlichen Sterblichkeit nicht vorbei. Ein Beispiel: Wenn ich auf der Autobahn aufpasse, kann mir niemand garantieren, dass mich nicht doch ein anderes Auto erwischt. Es liegt nicht in meiner Hand. Das andere aber ist die Erkenntnis: Ich kann nur leben aus der Hoffnung, dass dieser Augenblick, den ich gerade erlebe, eben nicht mein letzter ist. Dass ich weiterleben darf. Sterben zu müssen und weiterleben zu dürfen - daran hat mich der Feueralarm erinnert

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Mütter. Jeder Mensch hat eine. Sie ermöglichen einem das Leben. Bringen einen zur Welt. Ohne meine Mutter gäbe es mich nicht. Trotzdem ist »Mutter« zu einem problematischen Begriff geworden. Zum einen, weil immer weniger Frauen Mütter werden, zum anderen, weil »Mutter« oft genug abwertend klingt. Wie, du bist ‚nur' Mutter? Mit der Betonung auf ‚nur'. Nur Mutter zu sein, nur für Kinder da zu sein, das gilt heute nicht mehr viel. Und umgekehrt wollen viele Frauen eben nicht nur ihr Leben lang allein Mutter sein. Das Leben bietet schließlich mehr als nur das.
Ich kann das gut verstehen. Ich bin schließlich ja auch nicht nur Vater. Ich will einen Beruf ausüben, will ehrenamtlich tätig sein, will als Mann wahrgenommen werden. Warum also sollten Frauen nur auf eine Rolle festgeschrieben werden, nur Mutter sein?
Vor allem die Kirchen haben mit diesen veränderten Rollenbildern ihre Probleme. In der Katholischen Kirche etwa können Frauen nicht alle Ämter ausüben - und lange Zeit wurden hier Frauen ausschließlich als Mutter gesehen - und als billige ehrenamtliche Kraft. Meine Mutter etwa musste mit ihrer Heirat ihren Beruf aufgeben. Sie war Kindergärtnerin in einem katholischen Kindergarten. Da durften in den 60er Jahren nur unverheiratete Frauen arbeiten.
Doch es geht auch anders. Heute zum Beispiel denken die christlichen Kirchen an eine besondere Frau: Monika, die Mutter des berühmten Theologen und Bischofs Augustinus von Hippo. Ihr Leben ist alles andere als das einer Klischeemutter. Aber der Reihe nach. Monika lebt im 4. Jahrhundert. Sie stammt aus Algerien, heiratet, kriegt ein Kind. Ihr Leben: Unspektakulär. Was es besonders macht: Sie ist Christin, ihr Mann und ihr Sohn aber haben mit diesem Glauben zunächst nichts am Hut. Monika kann aber ihren Mann von ihrem Glauben überzeugen: Nicht durch Worte, sondern durch ein christliches Leben, durch ihr Handeln als Christin. Ihren Sohn beeindruckt das nicht. Augustinus wird ein Mann der Worte, wird Anwalt, macht Karriere. Dafür lässt er sogar seine Frau im Stich.
Aber Monika lässt nicht locker. Sie reist ihrem Sprössling hinterher, zeigt Augustinus, was der Glaube zu bieten hat. Und Augustinus lässt sich überzeugen. In seiner berühmten Autobiographie, den »Bekenntnissen«, setzt er seiner Mutter ein Denkmal. Dankt ihr, dass sie an ihn geglaubt, dass sie nicht locker gelassen hat, dass sie ihr Mutter-sein ernst genommen hat.
Trotzdem bleibt ein Ärgernis: Monika ist eine der wenigen Mütter, die heiliggesprochen wurden. Dabei hätten es viele andere Mütter ebenso verdient - dass sie als besondere Zeuginnen des Glaubens wahrgenommen werden.

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