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SWR2 Wort zum Tag

"Herr, wie du willst, so will ich gehn, und wie du willst, soll mir geschehn.  Herr, wann du willst, dann ist es Zeit, und wann Du willst, bin ich bereit." 
Das ist das Lieblingsgebet von Pater Rupert Mayer. Rupert Mayer ist in Stuttgart geboren, in Ravensburg zur Schule gegangen, er wurde Jesuit und hat später in München als Priester gewirkt.
Zur Zeit des Nationalsozialismus hat er kein Blatt vor dem Mund genommen und öffentlich gepredigt, wovon er überzeugt war.
Seinen Widerstand gegen die schreckliche Politik der Zeit hat er vor niemandem geheim gehalten. Einmal soll er in einer Predigt gesagt haben: "Glaubt ihnen kein Wort, denn sie lügen, dass sich die Balken biegen." Für ihn war klar, dass Christen andere Wege aufzeigen müssen, als die Politik seiner Zeit das tat. Und das in allem die Liebe Christi durchscheinen soll. Er hat gewusst, dass seine Worte nicht bei allen auf guten Boden fallen würden. Sechs Monate Haft hat er abgesessen und später wurde er für fünf Jahre ins Konzentrationslager Sachsenhausen gebracht. Er hat überlebt. Als der Krieg vorbei war, blieb er ein beliebter Seelsorger in München. Die Art, wie er von Gott gesprochen hat, hat bestimmt viele Menschen beeindruckt. Bis heute. Als Priester hat er in Spaichingen während der Zeit seiner Ausbildung viele beeindruckende Spuren bei den Menschen  hinterlassen. Für manche war er schon zu Lebzeiten ein großes Vorbild im Glauben. Vor 25 Jahren, am 3. Mai 1987, ist Pater Rupert Mayer von Papst Johannes Paul II. selig gesprochen worden. In der Rupert-Mayer-Schule in Spaichingen haben Schüler eine Ausstellung über ihn organisiert. Sie haben Bilder gemalt und sogar eine Stola genäht. Auf diesem liturgischen Umhang steht in lila Farbe das Lieblingsgebet des Seligen Pater Rupert Mayer. Ein Mithäftling soll es ihm 1939 geschenkt haben. 

"Herr, wie du willst, so will ich gehn, und wie du willst, soll mir geschehn. Herr, wann du willst, dann ist es Zeit, und wann Du willst, bin ich bereit. Herr, was du willst, das nehm ich hin, und was Du willst, ist mir Gewinn. Herr, weil Du´s willst, drum ist es gut, und weil Du´s willst, drum hab ich Mut."

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Ab heute putzt Elif ihre Zähne wieder ohne Wasser - denn ab heute fastet sie: Beginn des "Ramadan", des Fastenmonats für Muslime. Für Elif ist das eine besondere Zeit: 30 Tage verzichten. Worauf sie verzichtet bekomme ich hautnah mit, denn ich wohne  mit Elif in einer Wohngemeinschaft. Das arabische Wort für Fasten lautet "Saum". Übersetzt bedeutet "Saum" "stillstehen", "ruhen" und "sich enthalten". Und genau das ist für Elif die Fastenzeit: Eine Zeit, in der sie still werden kann, um sich auf Gott zu konzentrieren.
Von Sonnenaufgang bis Sonnenuntergang verzichtet Elif auf Essen und Trinken. Sogar auf das Wasser fürs Zähne putzen. Wenn die Sonne untergeht, so gegen zehn Uhr abends, beginnt Elif zu kochen. Sie macht frisches Brot und Joghurtsuppe, Kichererbsenmus und dazu gibt es Datteln. Weil sie viel und gerne kocht, lädt sie immer auch Freundinnen zum Essen ein. Das ist für sie wichtig, weil Fasten auch Teilen heißt.
Für Elif gehört das Gebet zum Fasten dazu. Sie betet fünfmal am Tag. Auf der Uni sei das nicht immer so leicht, einen ruhigen Raum zu finden, sagt sie. "Früher gab es einen kleinen Meditationsraum, den alle nutzen konnten", erzählt sie mir. Heute sucht sie sich eine ruhige Ecke in der Nähe der Bibliothek oder geht in die benachbarte Moschee, wenn sie betet. Was ich an Elif mag: Sie lebt ihren Glauben ganz selbstverständlich und selbstbewusst. Und sie ist offen und interessiert an anderen Religionen und Kulturen. Wann immer wir zusammen sind, fragt sie mich über meinen Glauben aus. "Wie betest du", hat sie mich neulich gefragt. "Gehst du oft in den Gottesdienst?" Wir erzählen uns, was uns wichtig ist und entdecken dabei immer wieder Neues. Zum Beispiel haben Christen, Muslime und Juden ursprünglich in dieselbe Richtung gebetet - nämlich nach Osten in Richtung Jerusalem. Und es gibt 100 Namen für Gott im Koran, ähnlich wie in der Bibel.
Elif freut sich auf das Zuckerfest genauso wie ich mich nach der Fastenzeit auf Ostern freue. Das Zuckerfest ist bei den Muslimen das sogenannte Fastenbrechen, das Ende des Monats Ramadan. Für Elif heißt das, die Fastenzeit ist vorbei und es gibt als Belohnung Süßigkeiten für alle.

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«Wir können lebendige Steine sein, die etwas bewegen: Gewissermaßen Rolling Stones im Namen des Herrn», so Kirsten Fehrs, evangelisch-lutherische Bischöfin in Hamburg. Schon der Anlaß für diese Worte war bewegend: Die Einweihung der ökumenischen Kirche im neuen Hamburger Stadtteil Hafencity vor knapp vier Wochen. Eine Kapelle und ein ganzes Zentrum, getragen von 19 Konfessionen, und bei der Einweihung spielte der jüdische Musiker Giora Feidmann. Schon seit 2008 gab es in der Hamburger Hafencity eine provisorische ökumenische Kapelle in einem Container. Denn die Kirchen wollten von Anfang an präsent sein, während dieser neue Stadtteil gebaut wurde. Hier sollen ca. 12000 Wohnungen und über 40000 neue Arbeitsplätze entstehen.
An der neuen Kapelle ist draußen ein grünes kreuz, innen finden sich Zeichen der einzelnen Konfessionen, so etwa eine Reliquie des heiligen Laurentius als römisch-katholische Gabe, drei Ikonen, Bibeln in den Sprachen der Russisch-Orthodoxen, der Anglikaner und der dänischen Seemannskirchen. Der Altar besteht aus einer Schiffsplanke. In der Hafencity wächst die Stadt aufs Wasser zu, und die Kirchen haben angedockt. Mit der Kapelle und mit dem sie umgebenden mehrstöckigen Gebäude. Hier ist z.B. ein Zentrum mit Informationen zu allen Hamburger Kirchen, ein Café mit fair gehandelten Waren, außerdem gibt es hier bezahlbare Mietwohnungen. Und hier leben 30 Menschen in einer ökumenischen Gemeinschaft zusammen. Paare, Singles, Menschen verschiedenen Alters. Sie beten täglich zusammen, essen möglichst gemeinsam, teilen ihr Einkommen und nehmen Gäste auf, für kürzere oder längere Zeit. Und sie leben mit denen, die hier wohnen, arbeiten oder als Touristen flanieren und tun das erkennbar als Christen. Sie suchen auch das Gespräch mit Firmen und Unternehmen, die sich hier ansiedeln. Sprechen über Arbeitsbedingungen in Hamburg und in Übersee. Jemand hat diese Kirche zwischen Baukränen, Kiesbergen und Luxuswohnungen eine Zukunftswerkstatt genannt. Weil hier eine Kirche in einem gemeinsamen Haus lebt. In lebendiger Vielfalt. Weil sie Menschen zu Gebet und Gottesdienst einlädt. Und sich mitverantwortlich fühlt für das, was um sie herum passiert. Das dient jetzt den Menschen, und es wird auch manchen Stein ins Rollen bringen.

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Der ‚Isenheimer Altar' in Colmar mit den Gemälden von Matthias Grünewald ist vielen bekannt. Er entstand in der Zeit um 1512, also vor rund 500 Jahren. Das Unterlindenmuseum in Colmar erinnert daran mit einer Sonderausstellung, mit Vorträgen und Lesungen. Sie beziehen sich vor allem auf die berühmte Darstellung der Kreuzigung. Grünewald hat sie für das ehemalige Johanniterkloster, also für ein Krankenhaus geschaffen.
Im Zentrum dieses Bildes steht, vor dunklem Hintergrund, der von Wunden entstellte Leib des gekreuzigten Christus; festgenagelt an roh behauenen Holzbalken. Der Kopf des Getöteten ist nach unten gesunken; die Hände sind, wie ein Schrei, nach oben gereckt. Diesem 500 Jahre alten Gemälde stellt die Ausstellung in Colmar ein Kunstwerk aus unseren Tagen an die Seite. Es besteht aus vier Christusfiguren des 1971 geborenen Künstlers Adel Abdessemed. Er hat diese Christusfiguren aus Stacheldraht geflochten, sie hängen jetzt an der weißen Seitenwand der Kapelle, in der sich auch Grünewalds Altarbilder befinden - und sie wirken hier wie Vervielfältigungen des von Grünewald gemalten Christus; gleich groß und mit ähnlicher Haltung von Körper, Kopf und Händen. Adel Abdessemed stammt aus Algerien; er verließ sein Land 1995, nachdem der Direktor der Kunstakademie, an der er studierte, im Bürgerkrieg ermordet wurde. Bald nach seiner Ankunft in Frankreich, besuchte er das Museum in Colmar und verbrachte Stunden vor dem Gemälde von Grünewald. Viele Jahre später erst schuf er in den USA die vier aus Stacheldraht geflochtenen Körper. Jetzt ist sein Werk im selben Raum vereint mit dem alten Gemälde und stellt eine ungeheure Spannung zu ihm her.
Das Altarbild von Grünewald gehört zu den Kunstwerken, die man zu kennen glaubt. Auch wer noch nie in Colmar war, meint, das berühmte Gemälde zu kennen. Nun wird es auf aufregende Weise fremd, in der Nähe der vier Körper an der Wand. Sie greifen in den Raum hinein. Geformt, nicht gemalt rücken sie uns unweigerlich näher als das Bild. Aber der Stoff, aus dem sie geformt sind, ist Stacheldraht, kein anderer Stoff könnte abweisender sein. Er reißt Wunden, er reißt Menschen auseinander.
Vier Körper - es sind viele in aller Welt, die einander gleichen in dem zerreißenden Schmerz ungerechter Gewalt, die sie erleiden. Hier in Colmar hängen sie ganz nah bei dem, der vor 2000 Jahren gekreuzigt wurde und von dem einer unter dem Kreuz gesagt hat: „Dieser ist wahrhaft Gottes Sohn".

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„Ich bin der Weg, die Wahrheit und das Leben; niemand kommt zum Vater, es sei denn durch mich". Dieser Satz aus dem Johannesevangelium scheint den christlichen Glauben in wenigen Worten auf den Punkt zu bringen. Er klingt eindeutig, abschließend, so als ob er keine weiteren Fragen mehr zuließe. Wahrscheinlich reagieren gerade deshalb Menschen so unterschiedlich, sogar entgegengesetzt auf diesen Satz.
Die einen weisen ihn zurück, weil er in ihren Augen einen unerträglichen Absolutheitsanspruch enthält und Anders-Denkende, Anders-Glaubende abwertet: „Ich bin der Weg, die Wahrheit und das Leben. Niemand kommt zum Vater, es sei denn durch mich". Manche unterstreichen diesen Satz gerade deswegen gerne, weil er so eindeutig klingt und einen Halt verspricht, den sie anderswo vermissen: ‚Es gibt ihn also doch, den einzig richtigen Weg, die alleinige Wahrheit, und das allein richtige Leben'.
Ablehnen und Hervorheben - beides scheint mir vorschnell. Man wird diesem Satz eher gerecht, wenn man fragt: Wer spricht hier, zu wem, in welcher Situation, mit welcher Absicht?
Der Verfasser des Johannesevangeliums spricht zu einer Gemeinde, die nicht mehr die unbedenkliche Freude der christlichen Anfänge kennt. Fast ein Jahrhundert ist vergangen, seit Jesus gelebt hat, gestorben und auferstanden ist. Die Christen sind mutlos und kraftlos geworden. Es gibt Christenverfolgungen und die Konkurrenz anderer Weltanschauungen. Auch innerlich breiten sich Zweifel aus. Der Glaube der Christen ist angefochten, weil er ein Weg ist, der sich erst im Gehen als richtig erweist, weil seine Wahrheit sich erst im Tun erschließt. Glaube zeigt sich erst allmählich in seiner Leben schaffenden und das Leben stärkenden Kraft. In diese Situation hinein will der Verfasser des Johannesevangeliums Mut zusprechen. Sein Jesus-Wort: „Ich bin der Weg, die Wahrheit und das Leben" hat für die Hörer und Leser seines Evangeliums die Botschaft: Ihr könnt euch dem Weg, den Jesus gegangen ist, anvertrauen; ihr könnt euch auf die Wahrheit seines Lebens verlassen. Ein Leben in seinen Spuren führt zum Ziel, zu Gott, den er Vater nennt, und der der Vater aller ist.
Im Sinne dieser Botschaft ermutigt der anstößige Satz die Menschen, die der Wahrheit Jesu auf der Spur bleiben wollen, zum Ausharren. Diese Worte trennen nicht, sondern sammeln alle, die nach gangbaren Wegen suchen und nach einer Wahrheit, die dem Leben dient.

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Gerechtigkeit wird im Schweigen geübt? Eine sonderbare Vorstellung. Gerade Gerechtigkeit braucht doch das Sprechen: jemand muss laut anklagen, wenn Menschenrechte verletzt werden. Jemand muss Recht sprechen, und jemand muss die verteidigen, denen Unrecht angetan wird! Und doch: „Die Übung der Gerechtigkeit ist das Schweigen." Dieser Satz steht am Ende der kurzen Ordensregel der Karmeliten, und der niederländische Karmelit Carlos Mesters hat dazu eine kleine Schrift verfasst, über die „Praxis des Schweigens". Carlos Mesters ist in Brasilien als Bibeltheologe tätig, und er selbst kann sprechen wie kaum jemand. Immer wieder bringt er das Wort der Bibel zusammen mit dem Wort des Lebens, des Lebens vor allem der armen Bevölkerung am Rand der brasilianischen Gesellschaft. So ermutigt er Menschen zum Sprechen, die an die Kraft ihres eigenen Wortes oft nicht mehr glauben. Ausgerechnet dieser Carlos Mesters schreibt über das Schweigen.
Schweigen, so gibt er zu bedenken, ist nicht gleich Schweigen. Es kann die unterschiedlichsten Qualitäten haben: „Das Schweigen in einer Bibliothek; ... das Schweigen der Natur - vor einem Sturm etwa; das Schweigen der Angst; das Schweigen eines Volkes unter einer Diktatur; ... das Schweigen der Verliebten; ... das Schweigen Gottes".
Welches Schweigen ist es also, durch das Gerechtigkeit geübt wird? Welches Schweigen bereitet uns darauf vor, den stummen Schrei unterdrückter Menschen zu hören und darin auch den Ruf, die Bitte Gottes zu vernehmen, der in ihrem und in unserem Alltag spricht? Welches Schweigen lässt uns solidarischer werden und macht uns fähig, Worte zu sagen, die Mutlose trösten? Es ist ein Schweigen, in dem sich Mensch und Gott gewissermaßen entgegenkommen. Menschen können es einüben; und es wird zu einer Kraft, in der Gott schöpferisch wirkt. Aber eine solche Übung kostet Mühe. So viele Stimmen drängen dazu, eine Situation in einem bestimmten Licht zu sehen: so, wie es einem selbst und der eigenen Gesellschaft nutzt.
Es ist nicht einfach, all diese Stimmen in sich selber zum Schweigen zu bringen. Es braucht Mut, zur herrschenden Meinung Nein zu sagen. Es braucht Geduld, bis sich nach und nach eine andere als die herrschende Sicht der Dinge öffnet. Mit ihr, mit dieser neuen Sicht beginnt die Übung der Gerechtigkeit.

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