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SWR2 Wort zum Tag

„Siehe, ich mache alles neu." Große Buchstaben in bunter Farbe. Wenn ich in der S-Bahn sitze, fällt mein Blick gelegentlich auf eines dieser Werbeplakate der anderen Art. Ein Bibelspruch in Großdruck, darunter noch die Bibelstelle, an der sich dieser Satz findet. Das ist alles.
Ich weiß nicht, wie es Ihnen mit diesen Botschaften geht. Der eine oder die andere kommt vielleicht ins Nachdenken über diese besondere Art der Plakatwerbung. Die meisten ignorieren die Plakate wohl einfach - oder schütteln den Kopf.
Ich muss zugeben: Mich persönlich sprechen diese Plakatbotschaften auch nicht an. Denn so ein einzelner Satz aus der Bibel bleibt mir meistens rätselhaft. „Siehe, ich mache alles neu"? Wer, Gott? Und wenn ja: wann, und wie, und vor allem: warum?
Dabei wird mir klar: Für mich war es gut, dass ich als Kind und Jugendliche - in der Jungschar und im Religionsunterricht - zuerst Menschen begegnet bin, die mir vom christlichen Glauben erzählt haben, nicht Büchern oder Plakaten.
Sicher gibt es Menschen, die das anders erlebt haben. Die erst einen Zugang zum Glauben gefunden haben, als sie ganz alleine und ungestört in der Bibel lesen konnten. Und es ist eine große Errungenschaft der Reformation, dass wir die Möglichkeit dazu haben.
Aber auch der Bibelübersetzer Luther selbst hat Wert darauf gelegt, dass das Evangelium eigentlich nur von Mensch zu Mensch weitergegeben werden kann: „Darum hat Christus selbst nichts geschrieben, sondern nur geredet, und seine Lehre ... gute Botschaft oder Verkündigung genannt, die nicht mit der Feder, sondern mit dem Mund verbreitet werden sollte.", schreibt er 1522 in der Einleitung zu einer Predigtsammlung. (Ein kleiner Unterricht, was man in den Evangelien suchen und erwarten soll, 1522, WA 10,1,1;8-18)
Ich selbst brauche auch beides: Die Worte und Geschichten aus der Bibel - und die Menschen, die sie mir nahe bringen. Menschen, die mich mit ihrem Reden und Handeln erleben lassen, was es heißt, wenn Gott sagt: „Ich mache alles neu". Dass das keine Zukunftsphantasie ist, sondern mit meinem Blick auf mein Leben hier und heute zu tun hat. Ich brauche Menschen, bei denen ich spüre: Die glauben, was sie sagen, und leben, was sie glauben. Die strahlen etwas aus von diesem Aufbruch, weil sie ihn selbst immer wieder erleben. Und ich brauche Menschen, bei denen ich auch meine Zweifel anmelden kann - ob es nicht doch nur ein frommes Wunschdenken ist, das da Gott im Spiel ist? - und die sich auf die Diskussion darüber einlassen.
Und ich merke: Es tut gut, immer wieder die Gelegenheit zu solchen literarischen und menschlichen Begegnungen zu suchen. Denn der Glaube wächst am ehesten im Gespräch.

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„Es geht darum, Ihrem Gesprächspartner ein gutes Gefühl zu vermitteln." Ob in der Samstagsausgabe der seriösen Tageszeitung oder in der Frauenzeitschrift beim Zahnarzt: Ständig bekomme ich Tipps, wie ich im alltäglichen Smalltalk bestehen kann. Besonders im beruflichen Bereich. „Das Wetter ist nicht schlecht, um ein Gespräch zu beginnen. Themen wie Krankheit, Religion oder Politik dagegen ungeeignet."
Neu sind sie nicht, die Ratschläge für alltägliche Plaudereien, und auch nicht besonders überraschend. Trotzdem: Umso öfter ich sie lese, desto zweifelhafter werden sie mir. Was wäre, wenn wir sie alle konsequent beherzigen würden? Was bedeutet es für meine Beziehung zu den Menschen, denen ich begegne, wenn ich ständig überlegen muss, ob ich gerade „positiv ankomme"? Und warum muss das Thema Religion am Kopierer Tabu sein?
„Freut euch mit den Fröhlichen und weint mit den Weinenden" (Römer 12,15) - legt der Apostel Paulus den Christen in Rom nahe. Und es geht ihm dabei nicht nur um Familienangehörige und enge Freunde. Ich finde das eine bemerkenswerte Haltung. Nicht, weil ich das in jeder Kaffeepause eins zu eins umsetzen wollte. Aber es ist doch ein heilsamer Gegenentwurf zur gängigen Smalltalk-Doktrin. Weil es den Gesprächspartner als Menschen wahrnimmt - nicht nur als Handelspartner bei der Vermarktung der eigenen Persönlichkeit. Weil es echte Begegnung ermöglicht, nicht nur gewinnbringende Kontaktaufnahme.
Schon klar: Es ist eine Frage der Vernunft, im Gespräch mit der Chefin nicht das Herz auf der Zunge zu tragen. Und ja, es ist im beruflichen Alltag nicht immer Raum für private Sorgen und es kann erwartet werden, dass ich ein Gespür dafür habe.
Trotzdem möchte ich auch beim Betriebsausflug oder bei einer Fortbildung mit Kollegen echte Gespräche führen können - und nicht nur Scheinkonversation.
Ich möchte gerne ihre ehrliche Meinung zu politischen Fragen hören - auch wenn es nicht meine ist. Ich finde es nicht anstößig darüber zu sprechen, worauf jemand hofft oder woran er glaubt - auch wenn wir nur eine Mahlzeit lang nebeneinander sitzen. Und ich kann es auch aushalten, wenn der andere dann nicht nur auf schöne Erlebnisse, sondern auch auf traurige Erfahrungen zu sprechen kommt.
Und ich glaube: Es schadet der Karriere nicht, wenn man natürlich und offen miteinander redet und Anteil nimmt an den Sorgen anderer. Im Gegenteil: Es tut gut, verbessert das Klima - und macht das Leben außerdem interessanter.
Ich zumindest werde auch weiterhin die Ratschläge der Beruf-und-Karriere-Seiten ignorieren und mich nicht immer um süßliches Wohlfühlgeplauder bemühen. Ich halte mich lieber an den biblischen Rat eines Paulusschülers: „Eure Rede sei immer freundlich - doch mit Salz gewürzt." (Kolosser 4,6)

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Ich mag das Gluckern und Plätschern. Und das fast Zeitlupenhafte der Bewegung. Wenn bei der Taufe das Wasser aus einem Krug langsam ins Taufbecken gegossen wird, ist das für mich immer ein besonderer Moment. In diesem kurzen Ritual steht das Element Wasser ganz im Zentrum - und für einen Moment erschließt sich mir seine existentielle Bedeutung: Wasser erquickt.
Heute ist Weltwassertag. „Wasser und Ernährung" haben die Vereinten Nationen dieses Jahr als Thema gewählt, und die Fakten sind klar: Sieben Milliarden Menschen auf der Erde brauchen ausreichend Nahrung. Die Produktion von Nahrungsmitteln aber braucht Wasser. Viel Wasser. Für ein Kilo Weizen 1500 Liter - für ein Kilo Rindfleisch sogar das Zehnfache. Wasser ist eine knappe Ressource, und ob sie ausreichend und gerecht verteilt wird, liegt auch an uns. Zum Beispiel daran, was wir essen und wie viel davon. Ob wir nur kaufen, was wir brauchen oder die Hälfte wegwerfen. Und ob wir uns dafür interessieren, wie es hergestellt wird.
Allerdings: Das zu wissen ist eine Sache. Sicher, weil ich das weiß, versuche ich - so wie Sie wahrscheinlich auch - das Wasser nicht sinnlos laufen zu lassen, keine Lebensmittel wegzuwerfen und Fleisch bewusst und in Maßen zu essen. Das ist eine Frage der Vernunft.
Aber: Ein wirkliches Gefühl dafür zu entwickeln, was Wasser eigentlich bedeutet, wie wertvoll Wasser wirklich ist, fällt mir schwer. Aufgewachsen in einer Welt mit Wasserhähnen und Schwimmbädern fehlt mir im Alltag ein Bewusstsein dafür, welches Potential in jedem Tropfen Wasser steckt. Um das zu spüren, brauche ich Gelegenheiten, in denen ich Wasser nicht nur als Mittel zum Zweck wahrnehme, sondern anders, tiefer. Das hilft mir, achtsamer mit dieser Ressource umzugehen.
Deshalb bin ich dankbar für diesen kurzen Moment bei der Taufe, in dem das Wasser ganz im Zentrum steht. In der fließenden Bewegung, im leisen Gluckern erschließt sich mir für einen Augenblick, was Wasser so kostbar macht: Die Verheißung von Frische, von gestilltem Durst, von neuer Energie. Von Leben, ganz elementar. So wie es im wahrscheinlich berühmtesten Psalm der Bibel heißt:

Der Herr ist mein Hirte, mir wird nichts mangeln.
Er weidet mich auf einer grünen Aue
und führet mich zum frischen Wasser.
Er erquicket meine Seele. (Psalm 23,1-3a)

Lebensquelle Wasser. Der Weltwassertag mahnt mich, nachhaltig damit umzugehen. Und ermutigt mich, Momente zu suchen, in denen ich spüren kann, wie wertvoll es ist - und welches Geschenk darin liegt.

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Wenn ich jemandem begegne, der zutiefst traurig ist, dem die Tränen über die Wangen rollen - da kann ich mir nicht helfen, da werde ich auch traurig und schlucke meine eigenen Tränen runter. Wenn einer mir im Krankenhaus erzählt, dass er seit vier Wochen hier liegt, und mit der Aussicht lebt, nur noch diesen Frühling zu haben, da sacke ich in mir zusammen, schließe kurz die Augen und denke: Schrecklich! Einfach schrecklich!   
Nicht nur Lachen und Fröhlichsein ist sind ansteckend. Weinen und Traurigsein auch. „Freut euch mit den Fröhlichen und weint mit den Weinenden, " heißt es in der Bibel. Aber dazu braucht es eigentlich kein Gebot. Lachen ist ansteckend. Traurigsein leider auch. Wie ein schwerer Nebel legt sich die Stimmung des anderen auf das eigene Gemüt. Dabei war man gekommen, um aufzuheitern, um zu trösten. Doch nach ein paar Minuten ist nichts mehr davon übrig. Wie zerbröselt sitzt man da und möchte nur noch mitweinen. Und versichert auch noch dem Sterbenskranken, obwohl man es besser weiß, aus lauter Hilflosigkeit: „ Mach dir keine Sorgen! Kopf hoch! Das wird schon wieder!" Manche Kranke spüren, dass sie quasi ansteckend sind mit ihrem Traurigsein. Und sie beginnen, gerade gegenüber den Menschen, die ihnen die liebsten sind, zu schweigen.
Was wäre in so einer Situation hilfreich - für einen selbst und den anderen? „Weine mit den Weinenden" Der Ratschlag nützt nur, wenn zwischen dem Leidenden und dem Mit-Leidendem, dem Weinenden und dem Mit-Weinenden wieder ein wenig Distanz hergestellt wird. Aber wie?
Manchmal hilft es schon, einfach aufzustehen, das Fenster zu öffnen, eine kleine Besinnungspause in das Gespräch einzulegen, sich zu sammeln. In dieser Pause kann man sich selbst einmal fragen: Verstehe ich wirklich, wie dem anderen zumute ist? Mache ich mir selber nicht etwas vor, wenn ich glaube: Ich fühle das alles genauso, wie er fühlt?
Wir sind dem anderen in so einer Situation vielleicht näher, wenn wir ihm ein wenig fern bleiben. Hilfreich ist es vielleicht auch, wenn wir den Blick wechseln: fort von dem, was mit dem Leben verloren geht, hin zu dem, was im Leben gewonnen wurde. Denn „für gewöhnlich sieht der Mensch nur das Stoppelfeld der Vergänglichkeit; was er übersieht, sind die vollen Scheunen der Vergangenheit", schrieb Viktor Frankl. „Im Vergangensein ist nämlich nichts unwiederbringlich verloren, vielmehr alles unverlierbar geborgen."

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„Geh aus mein Herz, und suche Freud, in dieser lieben Sommerzeit an deines Gottes Gaben" In dieses Lied hat Paul Gerhardt ja alles reingepackt, was den Frühling und den Sommer so schön macht. Damals und heute. Die Bäume mit ihrem Laub, Narzissen und Tulpen, die bei ihm, 1653, noch auf den schönen altmodischen Namen Tulipan hören. Die Lerche und Nachtigall, Storch und Glucke, Weizen, Bächlein, Bienenschar und was weiß ich noch alles. Ja, selbst noch das „Lustgeschrei der Schaf und ihrer Hirten."
Heute ist Frühlingsanfang. Letzte Woche war es schon einmal richtig warm draußen. Die Störche reparieren schon ihre Nester. Bald wird der Rasen vorm Haus wieder grün. Zwischen den weggeworfenen Pommestüten am Straßenrand blühen Narzissen. Der Löwenzahn  sprießt überall, selbst zwischen den Lücken im Asphalt. Endlich wieder Sonne, Frühlingshauch und Sommerwind. Endlich wieder draußen sitzen und Wespen verscheuchen, wenn sie das Bier umschwirren, und die Fliegen, die sich auf die Torten setzen. Also: „Geh aus, mein Herz und suche Freud...!"

Das Lied lässt wie der Frühling, wie der Sommer, selbst aufatmen. Weil es noch weiter sieht als bis zu den Tulpen im Vorgarten. Es sagt uns klipp und klar: Dies ist ein schöner Frühling und ein schöner Sommer mehr auf dieser unserer „armen Erde". 

Arm ist und bleibt das Leben hier unten. Denn auch im Frühling wird gelitten und gestorben. Auch im Frühling wird geweint und getrauert. Weil wir, so dichtet Paul Gerhardt, solange wir leben, des „Leibes Joch" mit uns tragen. Unser Körper ist und bleibt nicht nur die  Quelle allen Vergnügens. Er ist und bleibt genauso die Quelle von Schmerzen und Leiden. Darum brauchen wir Trost, selbst jetzt, wo alles so schön ist. Der lautet: „Welch hohe Lust, welch heller Schein, wird wohl in Christi Garten sein" und „O wär ich da, o stünd ich schon, ach süßer Gott vor deinem Thron." So redet heute niemand mehr - und doch versteht man, was der Dichter damit meint: Nach diesem Leben hier gibt es noch ein anderes. Wenn wir es hier trotz aller Einschränkungen schön fanden, wird es dort, in der anderen Welt, nahe bei Gott, noch sehr viel schöner.   
Wer darauf hofft, kann sich doppelt freuen: auf den Frühling hier unten, und auf den Frühling dort  oben: In Gottes Garten., wo mit dem Blühen der Linde kein Heuschnupfentränen fließen und das Knattern der Rasenmäher uns nicht mehr aus den Träumen reißen wird.

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Man kann Bücher unter heiße Töpfe legen und unter wackelnde Tischbeine schieben. Wer aber auf die Idee kommt, sie aufzuschlagen, sie zu lesen, der entdeckt eine neue, wunderbare Welt. So wie Sophia. Drei Jahre ist sie alt. Und ich muss sagen: Selten habe ich mit einem Geschenk soviel Erfolg erzielt wie bei ihr. Sie nahm das Päckchen aus meiner Hand, ritsch, ratsch war das bunte Kinderpapier herunter und ein großes Strahlen in ihrem kleinen Gesicht: „Oh, ein Buch! Ein Buch! Danke!"
Mit den Büchern gibt man den Kindern einen Zauberschlüssel in die Hand. Eine wunderbare Parallelwelt tut sich auf, geeignet für Flucht, Expedition, Horizonterweiterung. Ein ewiger Vorrat von Balsam für Herzenswunden, und Stoff, aus dem die Träume sind.
Ich selber war fünf Jahre alt, als ich die Welt des Gedruckten für mich entdeckte. In der Bibliothek der Kirchengemeinde, direkt neben der Kirche. Ich reichte gerade an die untersten Regalbretter und war entzückt. So viele Bücher! Dass unsere Kirchengemeinde wie viele andere auch eine eigene Bibliothek betrieb, war von heute aus gesehen der pure Luxus. Aber genau betrachtet gehört es doch zum protestantischen Programm, in den Kindern die Liebe zum Buch zu wecken, die Leselust. Denn Martin Luther hat darauf bestanden: Jungen und Mädchen müssen lesen lernen. Luthers Hoffnung: Wer selber liest, urteilt selbst. Wer selber liest, lässt sich nicht alles erzählen. Wer lesen lernt, liest auch die Bibel, das Buch der Bücher. Darum sollte die Obrigkeit, der Staat, für Schulen sorgen. Das Gedeihen einer Stadt, eines Landes liege nicht allein darin, dass man schöne Häuser und Paläste baut, wichtiger sind Schulen, in denen die Kinder schreiben und lesen lernen. Den Eltern allein könne man den Unterricht für die Kinder nicht überlassen, schrieb der Reformator. Denn allzu viele Eltern würden sich einfach nicht um ihre Kinder kümmern und hätten selbst nichts gelernt „außer den Bauch zu versorgen".
     Martin Luther pries die Erfindung des Buchdrucks seinerzeit als Gottesgabe. Luther hatte dabei nur die Bibel im Blick. Aber Bücherfreunde und -freundinnen im Alter von drei bis dreiundneunzig sagen auch für alles andere Gute, was sich zwischen zwei Buchdeckeln befindet: „Oh, danke! Ein Buch!"  

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