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SWR2 Wort zum Tag

Im Alter Grünen und Blühen ? Es heißt in der Bibel einmal:
Auch wenn Menschen alt werden, werden sie dennoch grünen und blühen, fruchtbar und frisch sein. (nach Psalm 92,14+15)
Ist das eine Für-immer-jung Verheißung der Bibel?
Gewissermaßen die religiöse Variante einer Anti-Aging Kampagne?
Auch im Alter pausenlos grünen und frisch sein?
Was wird alles unternommen und angepriesen, damit die Spuren des Älterwerdens verborgen bleiben. Angebote zur ewigen Fitness. Der Halbmarathon für Greise.
Kost, geistige wie körperliche Beweglichkeit -soll dann dem einen Ziel dienen: Die Spuren des Vergehens verdecken.
„Die alt werden, werden grünen blühen, und fruchtbar und frisch sein. (nach Psalm 92,14+15). Ich werde alt. Ich spüre das. Und ich will mich dem nicht widersetzen. Aber was ist dann - im Alter - Grünen und Blühen - fruchtbar und frisch sein? Frische mit 30 Jahren ist wohl eine andere Frische als die mit 60 Jahren. Was blüht, was grünt mit 70? Was wird fruchtbar, wenn mein Lebenskreis einmal immer eingeschränkter sein wird?
Ich ernte Erfahrung von Älteren. Von ihrer Frische und ihren Blüten im Alter.
Wie 70 Jährige aufblühen, wenn sie dann doch noch - unverhofft - Großeltern geworden sind, wo sie schon gar nicht mehr damit gerechnet haben. Wie erfrischend 80 Jährige ihre Erfahrungen aus der Gründerzeit der Bundesrepublik Schülern weiter erzählen. Wie Bettlägerige aufblühen, wenn sie von einem Enkel aus der Ferne besucht werden und von dessen Lebenswelt etwas hören. Wie Altenheimbewohner aufblühen, wenn sie dann doch noch einmal rauskommen - mit dem Sohn im Rollstuhl - und ihm die Blumennamen erklären, die der längst vergessen hatte. Und dabei noch Dinge ansprechen - Rivalitäten unter den Geschwistern -, die sie so viele Jahre belastet haben.
Das scheint mir, ist dann ein Grünen und Blühen, ein fruchtbar und frisch Werden, wie es zu dem großen Ruhetag der Seele gehört - zum Sabbat. Für diesen Ruhetag Gottes, den Menschen jede Woche mitfeiern können, sind diese Worte aus Psalm 92 nämlich da:
„Die gepflanzt sind im Hause des HERRN, ....
werden dennoch grünen und blühen, fruchtbar und frisch sein,
auch wenn sie alt werden..." (nach Psalm 92,14+15)
Wo immer ich erlebe - wie Alte ihrem Alter gemäß aufblühen, freue ich mich auf mein Alter. Und erspare mir schon jetzt den Kampf um das Für-immer-jung-sein zu müssen.

https://www.kirche-im-swr.de/?m=11183

Vor einer Woche hat es in Norwegen die furchtbaren Anschläge gegeben. Über 70 Tote. Ermordet von einem Menschen, der anscheinend meinte: Er könne mit seiner Gewalttat das Abendland retten. Als Christ hat mich erschüttert, dass er sich selbst als fundamentalistischen Christen sieht. Es liegt nahe, ihn als „Psychopathen" zu bezeichnen und zu meinen, damit sei alles erledigt. Aber ich denke: Das wäre zu einfach.
Es gibt sie, diese Versuchung, das Heil in der Gewalt zu suchen. Auch bei religiösen Menschen. Auch in der Bibel hat diese Gewalt-Versuchung ihren Niederschlag gefunden. Ausgerechnet am kommenden Sonntag soll in den evangelischen Kirchen über einen Abschnitt der Bibel gepredigt werden, in dem Gewalt eine irritierende Rolle spielt.
„Der HERR, dein Gott... ist Gott allein", heißt es da. „Er hält den Bund und die Barmherzigkeit..denen, die ihn lieben und seine Gebote halten, und vergilt ins Angesicht denen, die ihn hassen, und bringt sie um." (5. Mose 7,9f)
Dieses Versprechen wird Mose in den Mund gelegt, um dem verängstigten Volk Mut zu machen.
Ob solche biblischen Sätze den Attentäter von Oslo in seinem Wahn bestärkt haben? Wenn, dann hat er sie völlig auf den Kopf gestellt.
Denn 1) ist Gewalt in diesem Text keine Option für Menschen. Es ist allein Gott vorbehalten, Herr über Leben und Tod zu sein. Texte wie dieser verbieten, sich fundamentalistisch zum Werkzeug Gottes zu erheben, das gegen andere Menschen vorgehen könnte.
Und 2): Es gibt Ausleger, die sagen, solche Texte haben therapeutische Absicht: Sie versprechen einem Volk und Menschen, die sich klein fühlen, ohnmächtig und umgeben von Feinden: Gott steht an eurer Seite steht und lässt euch nicht untergehen.
Trotzdem: Auch wenn die Texte so gemeint sind, bleibt für mich die Irritation: Es stehen Abschnitte in der Bibel, die sich Rettung ausmalen und sich dafür Gewalt als Heilmittel vorstellen. Auch von Gott.
Dabei gibt es doch in der Bibel den großen Strom von Geschichten, in denen Gott Böses ganz anders überwindet. Mit Liebe und Barmherzigkeit. Bei den Propheten und erst recht in Jesus hat Gott das überdeutlich gemacht.
Vielleicht wäre es darum besser, Texte wie den, der für den kommenden Sonntag vorgeschlagen ist, nicht mehr zu predigen. Sondern Geschichten, die unmissverständlich erzählen: Gottes Weg ist nicht Gewalt gegen Menschen: Er redet ins Gewissen, er lädt ein, zu vertrauen, zu lieben.
Ich meine: Wir sollten Geschichten predigen, die Menschen stärken, so dass sie keine Gewaltphantasien brauchen. Texte, die Angst nicht schüren, sondern helfen, Ohnmachtsgefühle und Angst auszuhalten und zu überwinden.

https://www.kirche-im-swr.de/?m=11196

Gut geschlafen - heute Nacht? Oder wenigstens einigermaßen? Und doch, es kann sein: Der neue Tag steht vor mir wie ein Berg. Schier unüberwindbar. „Steh ich das durch? Kann ich heute alles das erfüllen, was andere von mir erwarten?"
Ich erinnere mich sehr deutlich. Wie ich im vergangenen Frühjahr an einem Punkt war, da konnte ich nicht mehr. Da war ich komplett erschöpft.
Ganz egal wie ich dagegen angekämpft habe - mit inneren Appellen - mit allerlei Tricks noch länger wach zu sein und noch mehr Energie aus mir rauszuholen - es ging nicht mehr. Das ist mehr als unangenehm: Wenn sich der Körper Tag und Nacht kühl anfühlt, egal wie warm man sich anzieht. Wenn die Nerven blank liegen und man auf so ziemlich alles gereizt reagiert.
Wenn man nicht mehr sieht, was gelungen ist, sondern nur noch Versäumnisse und nur noch das, was man noch besser machen könnte.
Als es mir so gegangen ist, da war mein Lächeln weg, wenn ich mich im Spiegel angeschaut habe. So mochte ich mich nicht mehr. Eine Ordensschwester aus meinem Stadtteil hat gespürt, dass da etwas mit mir nicht im Lot ist. Sie kennt mich und hat mich zu einem Gespräch eingeladen.
Nicht, dass sie mir Tipps gegeben hätte, wie ich meine Arbeit optimiere, wie ich meine Kompetenzen ausbaue, oder wie ich „Techniken zum Stressabbau" einsetze.
Solche Ratgeber gibt es auch. Für manches und für manche sind sie nützlich.
Mir hat diese Frau anders geholfen. Und zwar so: 
Sie hat mir erzählt, sie betet jeden Morgen für alle Aufgaben, die der neue Tag mit sich bringt. Sie bittet Tag für Tag Gott um seinen Beistand, um seinen Heiligen Geist - für alles, was auf sie zukommt. Und am Abend - da erinnert sie sich daran: „Ich habe das vermocht, wofür mir Gott heute Kraft gegeben hat. Nicht weniger und nicht mehr. Was ich nicht kann, kann ich nicht." Eine einfache Bitte - und eine mir einleuchtende klare Bilanz. Mehr geht nicht - vor allem aber: Mehr soll gar nicht sein - und: Das ist genug. Ein Auspressen und Überziehen von Energien, die mir nicht gegeben sind, das ist von Übel.
Ihr Gebet erinnerte mich an ein ähnliches Warnsignal gegen Überforderung. Wie in der Bibel Jethro seinem überforderten Schwiegersohn Moses sagt: „Es ist nicht gut, wie du das tust. Du machst dich zu müde." (2. Mose 18,17+18)
Wenn ich mich wieder „ zu müde mache" - neudeutsch sagt man, wenn ich mich über alle Maßen „auspowere" -  dann will ich mich daran erinnern: Ich will mit den Kräften auskommen, die mir Gott gegeben hat.

https://www.kirche-im-swr.de/?m=11182

Unser Vorrat an gelben Säcken geht zur Neige. Wir müssen bald beim Bürgerbüro vorbeigehen und neue holen. Bis vor kurzem blieb uns dieser Extraweg erspart. Das hat mit Frau Herbst - so will ich sie hier nennen - zu tun.
Frau Herbst ist vor einigen Monaten gestorben. Sie hat im Laufe ihres Lebens viel durchgemacht, hatte wohl auch nicht immer ein Dach über dem Kopf. Das setzt dem Körper zu. In den letzten Jahren hat sie in einer kleinen Wohnung in einem der Wohnblocks in der Nähe gewohnt. Sie hatte nicht viel zum Leben, und ab und an hat  sie Unterstützung gebraucht.
In den letzten Jahren war sie krebskrank. Aber trotz Schmerzen und Müdigkeit war sie dauernd auf den Beinen, meist mit ihrem Einkaufstrolley und einem Tuch über die von der Chemotherapie dünn gewordenen Haare. Denn Unterstützung hat Frau Herbst nicht angenommen, ohne sich dafür irgendwie zu revanchieren. Ihr gut geknüpftes Beziehungsnetz war dabei sehr hilfreich. Eine ihrer Bekannten hat beim Bäcker gearbeitet und konnte abends die Restware mitnehmen. Am Tag darauf stand Frau Herbst mit einer riesigen Tüte Backwaren an der Pfarrhaustür - in der Gemeinde werde dafür schon Verwendung sein. Und auch ins Bezirksrathaus hatte sie ihre Verbindungen. Bei jedem Besuch durfte sie ihren Einkaufstrolley mit gelben Säcken füllen, die sie dann großzügig weiterverteilt hat. Ein echter Service!
Jetzt ist Frau Herbst an ihrer Krebserkrankung gestorben. Erst einige Wochen später haben wir es erfahren. Einen Nachruf hat bei der Beerdigung wohl niemand gehalten. Deshalb hole ich es hier nach.
Zugegeben, ein Radioandacht ist ein ungewöhnlicher Ort für einen Nachruf auf einen gewöhnlichen Menschen. Mir ist es aber ein Anliegen. Weil ich denke, dass eigentlich jeder Mensch als Gottes Geschöpf bedeutsam genug ist, um an ihn in dieser Weise noch einmal zu erinnern. Und weil ich finde, dass es gut tut, daran zu denken, wie Frau Herbst war. Wie sie sich trotz ihrer schwierigen Lebensumstände die Würde nicht hat nehmen lassen. Und wie sie Wege gefunden hat, anderen zu helfen, auch als sie selbst hilfsbedürftig war.
Sie selbst, darauf vertraue ich, ist jetzt in Gottes Hand. Bei ihm ist sie nicht vergessen. Aber hier ist es an uns, die Erinnerung zu bewahren. Und damit zu zeigen, dass jedes Leben seine Würde und seinen eigenen Wert hat.

https://www.kirche-im-swr.de/?m=11150

Haben Sie schon mal einen Bufdi getroffen? Nein? Ich auch nicht. Schade eigentlich! Aber Bufdis, so die noch etwas gewöhnungsbedürftige Abkürzung für Freiwillige im Rahmen des Bundesfreiwilligendienstes, sind leider noch sehr selten. Können wir etwas dafür tun, dass sich das ändert?
Die Idee, dass Bufdis die Zivis ersetzen können, geht bisher nicht auf. In vielen sozialen Einrichtungen tun sich schmerzliche Lücken auf: kein Morgenspaziergang mehr mit den Senioren in der Tagespflege, keine Vorleserunde in der Kita...
Ich denke: Das kann nicht im Sinne der Erfinder sein. Die neue Regelung setzt auf Freiwilligkeit. Aber die ist offensichtlich noch nicht im erhofften Maße vorhanden. Kann ich dazu beitragen, dass sich das ändert? Auch wenn ich selbst gerade nicht in der Lage bin, einen solchen Dienst - der ja nicht nur für junge Leute gedacht ist - zu leisten? Ich glaube: Ja!
Es kommt nämlich sehr darauf an, welches Bild von einem freiwilligen Dienst in unserer Gesellschaft vorherrscht. Zum Menschenbild des Christentums - und übrigens auch der meisten anderen Religionen - gehört es grundlegend dazu, dass wir uns für andere, gerade auch Schwächere, einsetzen. Gut und gerne, so habe ich es erlebt, helfe ich aber nicht dann, wenn mir dieser Grundsatz mit erhobenem Zeigefinger nahegebracht wird, sondern nur dann, wenn ich merke, dass mein Engagement für andere mich auch selbst bereichert. Und wenn andere meinen Einsatz nicht als unnützes Gutmenschentum abtun, sondern anerkennen und respektieren.
Dass eine solches Engagement für den Einzelnen ein großer Gewinn sein kann, liegt auf der Hand. Und genauso klar muss sein: ein Freiwilligendienst ist weder Selbstausbeutung noch verbummelte Zeit, sondern eine respektable Wahl und ein ähnliches Qualitätsmerkmal wie ein schnelles Studium und ein gutes Examen.
So ein Klima zu schaffen, in dem junge Leute Lust haben, sich für eine längere Zeit freiwillig zu engagieren, das liegt bei uns allen. Manchmal nämlich reicht schon eine kleine Bemerkung der Großeltern oder des Lieblingslehrers, um die Entscheidung zu beeinflussen. „Nutze deine Zeit lieber sinnvoll", heißt es da, oder: „Bei Ihren Fähigkeiten wäre es wirklich ein Jammer, wenn Sie nicht gleich an die Uni gehen."
Ich finde das schade. Denn wichtig wären die neuen Bufdis ja nicht nur für die Senioren oder Kinder, um die sie sich kümmern. Ich denke: Auch für den Zusammenhalt in unserer Gesellschaft ist es entscheidend, dass junge Leute merken, wie sehr ihre Hilfe an vielen Stellen gebraucht wird. Denn so eine Erfahrung prägt. Und wir können dazu beitragen, dass möglichst viele Menschen sich auf diese Erfahrung einlassen.

https://www.kirche-im-swr.de/?m=11149

„Bringt mich das eigentlich weiter?" Wer sich für eine Sache engagiert, fragt heute meist auch nach dem persönlichen Gewinn. „Was habe ich davon?"
Neu ist diese Frage nicht. Auch der Jünger Jakobus - berühmt geworden als Heiliger Jakob und Namensgeber der Pilgerwege - auch Jakobus hat sich das schon überlegt.  „Was bekomme ich für meine treue Freundschaft, mein entbehrungsreiches Leben im Freundeskreis Jesu?" hat der Apostel, dessen Gedenktag übrigens heute ist, gefragt - und von Jesus eine unbequeme Antwort bekommen.
In der Bibel kommt Jakobus, der Fischerssohn vom See Genezareth, nicht immer gut weg: als ehrgeizigen Hitzkopf mit klaren Interessen stellen ihn die Evangelisten vor. Gemeinsam mit seinem Bruder Johannes ist er einer der ersten, der dem Ruf Jesu folgt und sein altes Leben hinter sich lässt. Nach Jesu Tod hält er sich in Jerusalem auf. Die Apostelgeschichte berichtet von seinem gewaltsamen Tod um das Jahr 43. Die Missionsreise nach Spanien und die Überführung seiner Gebeine dorthin, von denen die Jakobslegende erzählt, werden in der Bibel dagegen nicht erwähnt.
Jakobus und sein Bruder haben, so beschreiben es die Evangelien, ein sehr vertrautes Verhältnis zu Jesus - aber keineswegs ein spannungsfreies. Donnersöhne nennt Jesus sie und tut sich mit ihrem aufbrausenden Temperament schwer (Lukas 9,54). Und genauso mit ihrem persönlichen Ehrgeiz.
 „Was haben wir von unserem Engagement für Jesus?", fragen sich die Brüder. Irgendeine langfristige Rendite müsste es doch geben, denken sie sich, und schlagen Jesus gleich selbst eine ziemlich unbescheidene Gratifikation vor: Wir geben alles für dich - selbst unser Leben. Könntest du uns dafür den Platz zu deiner Rechten und deiner Linken reservieren, wenn du später in Herrlichkeit herrschen wirst? (Markus 10,35ff)
Die Antwort Jesu ist so hart wie klar. Ja, ich weiß, ihr werdet alles geben müssen, sogar euer Leben. Und nein, ich entscheide nicht über die Platzvergabe im himmlischen Herrschaftsbereich. Bei mir geht es um etwas anderes. Was ihr für mich und in meinem Namen für andere tut, das muss seinen Sinn in sich selbst tragen, nicht in der Rendite, die es nachher abwirft.
Das ist eine unbequeme Antwort. Aber für mich ist es das, was ich mit Jakobus lernen möchte: Mich zu engagieren und etwas zu investieren - einfach so, ohne darauf zu schielen, ob es sich für mich auszahlt oder ob es mich für die Zukunft weiterbringt. Ich möchte lernen, das zu tun, was mir einleuchtet und am Herzen liegt. Und darauf zu vertrauen, dass es seinen Sinn in sich selbst trägt.

https://www.kirche-im-swr.de/?m=11148