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SWR2 Wort zum Tag

 Ich bin urlaubsreif. Ich freu mich drauf, meiner Seele eine Auszeit zu gönnen, den Alltag für eine Weile hinter mir zu lassen und woanders anzukommen. Manchmal ist eine Reise mehr als nur eine Möglichkeit, Pflichten und Orte hinter sich zu lassen, Menschen zu begegnen und Unerwartetes zu erleben. Es ist eine Kunst so Urlaub zu machen, dass es nicht wie eine Flucht aus dem Alltag wird. Ich habe oft sehr hohe Erwartungen an meine dienstfreien Wochen im Jahr. Manchmal komme ich enttäuscht aus dem Urlaub zurück. Im schlimmsten Falle brauche ich dann sogar Urlaub vom Urlaub. "Vielleicht heißt Urlaub machen, ein Gegengewicht zum Alltag zu setzen, ohne damit den Alltag zu entwerten", sagt die Schriftstellerin Andrea Schwarz. Für mich klingt das nach einem   Ausgleichsprogramm. Wenn ich im Alltag viel mit Menschen zu tun habe, dann kann ich im Urlaub versuchen, einige Zeit alleine zu sein. Wenn ich aber beruflich viel alleine bin, tut mir im Urlaub die Nähe von Menschen gut. Wenn ich immer nach dem Terminkalender lebe, brauche ich im Urlaub vielleicht mehr Spontanität. Wenn ich viel unterwegs bin, tut es mir vielleicht gut, in eine mir vertraute Landschaft heimzukommen. "Sag mir wie du Urlaub machst, und ich sage dir, wie du lebst", erklärt Andrea Schwarz. Und sie empfiehlt jedem, der einen guten Urlaub machen will, sich mit seinem Alltag auszusöhnen. Das heißt, wenn ich versuche, im Urlaub den Alltag mit seinen guten Seiten aber auch mit seinen Mühen mitzunehmen und versöhnt loszulassen - dann kann ich vielleicht neu und anders aus dem Urlaub nach Hause kommen - im besten Falle: „urlaubs-ge-reift".

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Kirche soll heute diakonisch-missionarisch sein. Das heißt für mich nicht, andere missionieren zu wollen. Ein Wort aus der Bibel bringt es auf den Punkt. Im ersten Petrusbrief steht: "Seid stets bereit, jedem Rede und Antwort zu stehen, der nach der Hoffnung fragt, die euch erfüllt, " (1 Petrus 3, 15)Das bedeutet Respekt vor dem anderen und seinem Glauben zu haben. Genau das ist es für mich, nicht missionieren, sondern missionarisch sein. Was Jesus darunter versteht, erklärt er am Beispiel der so genannten Werke der Barmherzigkeit. "Seid gastfreundlich, seid wie ein offenes Haus, wo sich Menschen eingeladen fühlen, bei euch daheim zu sein." So könnte er es vielleicht zu seinen Freundinnen und Freunden gesagt haben. Barmherzig zu sein heißt zum Beispiel auch, seinen Tisch zu decken für Hungrige, Durstigen zu trinken geben, mit Kranken und Gefangenen mit zu leiden. Für Menschen da zu sein hisst auch, die, die trauern zu trösten und mit denen zu teilen, die wenig haben. Solche „Werke der Barmherzigkeit" sind für mich wie Wegweiser hin zu einer diakonisch-missionarischen Kirche. Denn nur eine Kirche, die beziehungsfähig ist, ist für mich einladend. Menschen, die ein offenes Ohr haben für mich, zu denen komme ich gerne, und zwar ohne Aufforderung, denn sie tun mir gut. Eine Kirche, in der ich mich zu Hause fühle ist auch eine Kirche, in der ich mich frei fühle. So eine Kirche macht es mir leichter, auch schwere Zeiten mit zu tragen. Weil ich überzeugt bin, dass Krisen - wie die derzeitige meiner Kirche - auch eine Chance in sich bergen. Eine Kirche, die das vermitteln kann, die mit den Menschen so umgeht, dass ich spüre, hier ist Gott zu Hause, überzeugt auch andere. So eine Kirche lädt ein, nachzufragen, was dahinter steht. Menschen, die mit offenem Herzen auf andere zugehen, brauchen oft nicht viele Worte, um von ihrem Glauben oder von ihrer Hoffnung zu erzählen. Was zählt ist die eigene Begeisterung.

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Ich habe schon seit Jahren einen Organspendeausweis im Portemonnaie. Und ich hab ihn seit Jahren nicht herausgezogen. Er ist einfach da und ich weiß das, und meine Familie weiß es auch.  In den letzten Tagen musste ich immer wieder an den Ausweis denken. Denn zur Zeit wird wieder viel über Organspende diskutiert. Das entsprechende Gesetz soll bis Ende des Jahres überarbeitet werden. Ein wichtiger Grund: In Deutschland warten mehr als 10.000 Menschen auf ein Organ. Und viele warten vergeblich. Deshalb soll das Gesetz verändert werden. Hin zu der so genannten Entscheidungslösung. Das heißt: Wer einen Personalausweis bestellt, seinen Führerschein macht oder eine Krankenversicherungskarte bekommt  wird bei dieser Gelegenheit gefragt, ob er nach seinem Tod Organe spenden möchte. Allerdings wird niemand zu einer Entscheidung verpflichtet. Nur gefragt werden soll er. Kein Zwang, so lautet das Credo. Die Entscheidung soll in völliger Freiheit passieren. Mir stellen sich viele Fragen. Völlige Freiheit, gibt es so etwas? Natürlich nicht. Jeder Mensch lebt in Beziehungen zu Verwandten, Freunden, Nachbarn. Und viele kennen auch Menschen, die auf Organe warten. In meiner Familie gibt es einen Fall von Nierenkrebs. Die eine Niere musste vollständig entfernt werden. Wenn jetzt auch die zweite Niere angegriffen wird, wäre ich selbstverständlich zu einer Transplantation bereit. Aber fällt diese Entscheidung in völliger Freiheit? Sicher, es ist wichtig, dass es keinen Druck gibt, weder von Ärzten noch von der Familie. Aber letztlich ist die Entscheidung zur Organspende eine Entscheidung, die mit vielen Faktoren verbunden ist: Der Angst, vielleicht doch nicht tot zu sein, der Scheu, ohne bestimmte Organe begraben zu werden, vielleicht auch der Furcht, an den eigenen Tod zu denken. All das und mehr. Mir  macht der Gedanke, Organspender zu sein, keine Angst. Ich verstehe, dass es andern Menschen da anders geht. Und ich denke, dass  die Organspende keine Christenpflicht ist. Wer seine Organe spendet, ist kein besserer Christ als andere, die das nicht wollen. Deshalb finde ich es gut, die Organspende als einen Akt der Nächstenliebe zu bezeichnen. Ich weiß: Nächstenliebe hat viele Gesichter. Organspende ist für mich eines davon.

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Jeden Tag urteile ich. Das Essen schmeckt mir. Das Hemd sieht schön aus. Ich finde dein Verhalten gut. Ich urteile aber nicht nur. Jeden Tag lasse ich mich auch durch Vorurteile leiten: Ich kann mir nicht vorstellen, dass der und der es wirklich gut gemeint hat. Ich glaube meinen computerspielenden Kindern nicht, wenn die erzählen, dass sie doch erst eine halbe Stunde an der Kiste sitzen. Ich misstraue Menschen, die mich einmal enttäuscht haben. Mit meinen Urteilen und vor allem meinen Vorurteilen bin ich nicht allein. Da ist die Frau vor wenigen Tagen im Zug. Der Schaffner kommt. Alle zücken ihre Fahrkarten, er guckt sie an, zückt sein Lesegerät, dann verabschiedet er sich freundlich und geht weiter. Während noch alle die Fahrkarten wieder verstauen, sagt die Frau: „Der ist für alles offen." Nicht nur ich gucke irritiert. Was meint sie wohl? „Ja," sagt sie und sieht in die Runde, „der hatte doch Ohrringe rechts und links." Ich habe gar nichts kapiert. Später habe ich mich schlau gemacht. Es gibt ein altes Vorurteil, dass Männer, die einen Ohrring rechts tragen, homosexuell sind. Ein wirklich altes Vorurteil, ob es wirklich galt, sei dahingestellt, heute gilt es nicht mehr. Junge Männer tragen so viele Ohrringe wie sie wollen - und egal an welchem Ohr. Mir hat die Episode deutlich gemacht, welche Macht Vorurteile haben. Obwohl ich glaube, dass das Vorurteil an sich gar kein Problem ist. Ich mache schließlich Erfahrungen, bilde mir Urteile, und so wachsen dann auch wie selbstverständlich Vorurteile. Wichtig aber ist es, wie ich mit diesen Vorurteilen umgehe. Da kann ich von Jesus lernen. Der kennt nämlich die Vorurteile seiner Zeit. Die Vorurteile gegen Kranke, die Urteile über die Zöllner und alle die, die sich am Rand der Gesellschaft aufhalten. Aber Jesus wirft diese Meinungen bewusst über Bord. Die Ehebrecherin, der Zolleintreiber, die kranke Frau, der römische Hauptmann: Jesus geht auf alle ein und auf alle zu. Er hält sich nicht auf mit den bestehenden Urteilen. Er bleibt offen für Menschen. Und das spannende ist: Diese Menschen werden dann auch offen für andere. Nicht nur für Jesus, sondern eben auch für andere Menschen.  Vorurteile sperren Menschen ein. Wie gut, wenn dieses Gefängnis zerbrochen wird.

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In Rheinland-Pfalz sind bereits Schulferien, in Baden-Württemberg stehen sie noch aus. Und selbst wer jetzt nicht in Ferien geht, wer vielleicht krank oder auf Pflege angewiesen ist oder wer kein Geld hat, kennt solche Ferienzeiten. Ferien, das ist oft genug eine herrliche Sache - für nicht wenige aber auch eine schwierige Zeit. Vor allem in Sachen Beziehung sind Ferien oft eine ungeheure Bewährungsprobe. Jede dritte Scheidung wird nach gemeinsamen Ferien eingereicht. Ein Grund: Paare sind jetzt so intensiv wie sonst nie zusammen. Mit Kindern ist das ganz ähnlich. Ich erinnere mich gerne an die Ferien mit der Familie. Wir haben viel gemacht, aber es war auch eine Zeit, wo es dauernd Streit gab. Kein Wunder, wir hockten schließlich den ganzen Tag aufeinander. Ich frage mich: Brauchen Menschen Abstand, um miteinander leben zu können? Sicher. Immer nur auf andere hören müssen, immer nur mit anderen etwas tun müssen, das kann anstrengend sein, kann zu Streit führen. Eine gute Beziehung, ein gutes Familienleben lebt auch davon, dass alle ihre Freiheit haben und sie auch nutzen dürfen. Da ist es nicht schlimm, wenn eben nicht alle alles gemeinsam machen - auch und gerade in den Ferien nicht. Da ist es gut, wenn eben jeder auch seine Wege gehen kann. Aber umgekehrt leben Beziehungen, leben Familien auch davon, dass man etwas miteinander macht. Zusammen ein Museum besichtigt oder eben die Piratenfestung, zusammen auf den Berg steigt oder ins Freibad geht. Ich finde immer wieder beeindruckend, wie Jesus Nähe und Distanz lebt und vorgelebt hat. Da kommen eines Tages seine Mutter und seine Brüder vorbei, wollen mit ihm reden. Und Jesus grenzt sich ganz klar ab. Er sagt: Meine Mutter und meine Brüder, das sind alle Menschen, die auf der Suche nach Gott sind (Mt 12,46-50). Ein Schlag ins Gesicht für seine Mutter, für seine Brüder. Das, kann ich mir vorstellen, hatte noch ein Nachspiel, hat für Zoff gesorgt. Aber dann ist dieser Jesus auch einer, der ganz in der Nähe vor allem seiner Mutter steht. Die begleitet ihn bis unters Kreuz. Vielleicht liegt genau darin die Kunst von Beziehungen: Sich Freiheit zu geben und zu nehmen. Und immer wieder die Nähe zueinander zu suchen. Auch und gerade in den Ferien.

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Sie sind jetzt sicher noch im siebten Himmel. Die Frauen, die gestern Fußballweltmeisterinnen wurden. Ich bin sicher, die Siegerinnen haben durchgefeiert, wenig geschlafen und werden noch einige Tage oder sogar Wochen ein himmlisches Gefühl haben.  Und mit ihnen viele Menschen, die ihnen die Daumen gedrückt, die mitgefiebert haben. Sie alle fühlen sich, zumindest für einige Zeit, wie im siebten Himmel. Und die Verliererinnen? Ihnen geht es wahrscheinlich anders. Kurz vor dem Ziel waren sie - und dann hat ihnen doch die andere Mannschaft den Triumph weggeschnappt. Kein himmlisches, eher ein deprimierendes, enttäuschtes Gefühl. Aber eigentlich haben auch diese Spielerinnen Grund genug, stolz zu sein, sich wie im Himmel zu fühlen. Ich erinnere mich an die Weltmeisterschaft der Männer letztes Jahr. Unsere Mannschaft hatte nicht den ganz großen Erfolg. Und trotzdem waren ganz viele hier in Deutschland total begeistert von dieser Mannschaft. Begeistert sein, auch mit den Verlierern fühlen, stolz sein, auch in der Niederlage, das kommt dem Himmel schon ganz nahe, den sich das Christentum vorstellt. Denn im Himmel ist Platz für alle - auch und gerade für die Verlierer. In den Seligpreisungen, diesem wunderbaren Gedicht, sagt Jesus: „Selig, die arm sind vor Gott; denn ihnen gehört das Himmelreich." Und: „Selig sind die, die um der Gerechtigkeit willen verfolgt werden; denn ihnen gehört das Himmelreich." Das sind also nicht die Siegertypen, die als erstes genannt werden, sondern typische Verlierer. Die Armen, die Erfolglosen, die Randfiguren dieser Welt. Und dann noch die, die sich für Gerechtigkeit einsetzen, die Unrecht nicht einfach hinnehmen und deswegen an den Rand gedrängt werden. Knapper lässt sich nicht ausdrücken, wie der Gott des Jesus von Nazareth ist: Ein Gott, der sich zu allen Menschen hingezogen fühlt - und besonders zu denen, die zu kurz kommen und im Leben nur wenig Erfolg haben. Das bewegt mich immer wieder, vor allem, wenn es in diesem Leben hier um Sieg und Niederlage, um Gewinnen und Verlieren geht. Bei Gott geht niemand verloren, bei Gott zählt jeder. Das ist ein himmlisches Gefühl - und gilt auch für den Fußball.

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