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SWR2 Wort zum Tag

Die Kirche ist schlecht besucht, unansehnlich, sie soll geschlossen werden. Dann aber treffen sich durch Zufall - oder auch nicht - der Pfarrer dieser Kirche und ein Künstler - und heraus kommt eine der ungewöhnlichsten Kirchen-Innenräume unserer Tage. Die Rede ist von der Dorfkirche im südbadischen Goldscheuer. Und der Künstler, der die alte Kirche wachküsste, ist Stefan Strumbel. Er ist ein „Street-Art"-Künstler. Das ist eine Kunstrichtung, die mit der Pop-Art verwandt und sonst auf öffentlichen Straßen und Plätzen zuhause ist. Jetzt durfte er sich die Kirche vornehmen. Und heraus kam eine Erneuerung, die ich für beispielhaft halte. Der Kirchenraum ist nun geprägt von starken Farben im Stil der Streetart-Ästethik, Lichtbänder aus LED-Leuchten verbinden zentrale Punkte im Raum. Der Höhepunkt der Neugestaltung ist eine überlebensgroße Madonna mit Kind im Graffiti-Stil. Stefan Strumbel hat ihr eine lokale Tracht gesprüht, getreu dem zentralen Thema seiner Kunst: Heimat.
Heimat ist ein zentrales Stichwort für Glauben und Kirche und moderne Kirchenkunst muss darauf eine Antwort finden, wie Menschen von heute im Raum der Kirche eine Heimat finden können. Wie ihre Fragen und ihr Lebensstil Platz haben können, trotz einer Tradition von 2000 Jahren. Und das Thema „Heimat" hat auch die Gemeindemitglieder von Goldscheuer mitgenommen. Ihre anfänglich so große Skepsis verwandelte sich in Begeisterung. Pfarrer und Künstler konnten die Menschen davon überzeugen, dass es um ihre Heimat geht, ihre innere und äußere.
Diese Kunst kann den Glauben von Menschen verschiedenen Alters anregen, weil sie fasziniert und provoziert. Sogar mit Michelangelo wurde der Graffiti-Künstlers Stefan Strumbel schon verglichen, weil auch Michelangelos Kunst in der Renaissancezeit so sehr provozierte.
Anfang Juli wurde nun die neu gestaltete Kirche eingeweiht und Goldscheuers Ortsvorsteher sprach den Vertretern des Erzbistums Freiburg Komplimente für ihren Mut aus, diesem Projekt zuzustimmen. Er sagte: "Das spricht für die Zukunftsfähigkeit der Kirche."

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„Juble laut, Tochter Zion! Jauchze, Tochter Jerusalem! Sieh, dein König kommt zu dir. Er ist gerecht und hilft; er ist demütig und reitet auf einem Esel, auf einem Fohlen, dem Jungen einer Eselin." Diese Worte habe ich vergangenen Sonntag im Gottesdienst gehört. Sie stammen aus dem biblischen Buch Sacharja. Und weiter heißt es da: „Ich vernichte die Streitwagen aus Efraim und die Rosse aus Jerusalem, vernichtet wird der Kriegsbogen. Er verkündet für die Völker den Frieden; seine Herrschaft reicht von Meer zu Meer und vom Eufrat bis an die Enden der Erde."
Das gefällt mir, Gott ist hier wie ein König, der Frieden bringt. Und er gibt sich dabei so bescheiden und kommt auf einem Esel geritten - einem Zeichen für Einfachheit und Nähe zum Volk.
Der König von Saudi-Arabien kommt nicht auf einem Esel geritten. Er gibt sich auch nicht bescheiden und davon, dass das Kriegsgerät vernichtet werden soll, davon will er gleich gar nichts wissen.
Vielmehr hat er gerade eine Zusage bekommen, dass der Import von 44 deutschen Panzern des Typs »Leopard 2« gebilligt wurde. Das hat ihn sicher gefreut. Er herrscht nämlich sehr autoritär über seine Untertanen und falls die auf die Idee kommen sollten, sich der Bewegung für den arabischen Frühling anschließen zu wollen, wie ihre Brüder und Schwestern in anderen Ländern, dann wird er die neuen Waffen sicher nutzen wollen. Ebenso gefreut hat sich bestimmt die deutsche Rüstungsindustrie. Kommt der Deal zustande, kann die nämlich mit einem Milliardengeschäft rechnen.
Dass Deutschland wieder mal Exportweltmeister werden soll, mag ja erstrebenswert sein. Aber ich meine, es kann nicht sein, dass unser Land sich für Demokratie in anderen Teilen der Welt einsetzen will und gleichzeitig alle Augen schließt, wenn es von autokratischen Herrschern gutes Geld für Kriegsgerät zu verdienen gibt. Das ist mehr als unglaubwürdig.
Und ist es nicht unser viel zitiertes „christliches Abendland", das seine Werte nicht zuletzt aus der Bibel und dem Evangelium Jesu bezieht? Dann gehört dazu der Einsatz für Frieden weltweit und das Ende von Waffenexporten.

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Von einem handfesten Krach erzählt die Bibel im 2. Mosesbuch. Im Mittelpunkt Moses. Er hat sein Volk aus Ägypten herausgeführt, wo es unterdrückt wurde. Er und seine Landsleute wollen in ein Land, wo sie frei und in Wohlstand leben können, das von Milch und Honig fließt, aber jetzt sind sie noch in der Wüste, und sie haben Durst. Die Leute machen Moses Vorwürfe, und der fängt daraufhin Streit mit Gott an. „Was hast du mir da für eine Aufgabe gegeben? Da soll ich soviele Menschen anführen - du hast mir versprochen, daß ich das schaffe - und jetzt sind wir kurz vor dem Verdursten, und die Leute wollen mich umbringen."
Eine Geschichte zum Beispiel für Verantwortungsträger: Da habe ich einen Job übernommen, einen Betrieb gegründet, eine Familie, mich in ein Amt wählen lassen, habe mich redlich ins Zeug gelegt - und jetzt geht nichts mehr. Und ich habe das Gefühl: Gott, lässt mich auch noch hängen!
So ähnlich dürfte Moses sich gefühlt haben. Er schreit Gott regelrecht an: Was soll ich mit diesen Leuten anfangen?
Sein Ausbruch zeigt Wirkung. Gott führt sie alle zu einem Felsen, dort schlägt Moses vor den Augen aller mit seinem Stab an den Stein, und das Wasser strömt nur so heraus. Die Leute bekommen zu trinken, und Moses hat seine Autorität wieder.
Solche Wunder sind in meinem Leben eher selten. Aber mir scheint in dieser Geschichte etwas anderes noch viel wichtiger. Die Bibel erzählt nämlich, dass die Leute dem Ort, wo das passiert ist, einen Namen geben. Sie nennen ihn aber nicht Wunderquelle oder so ähnlich. Nein, sie nennen ihn Massa und Meriba - und das heißt übersetzt: Probe und Streit, und die Bibel schiebt auch noch gleich die Begründung hinterher: weil sie hier Streit begonnen und Gott auf die Probe gestellt haben, indem sie sagten: Ist Gott in unserer Mitte? Nicht das Wasser ist das Wichtigste hier, sondern der Streit mit Gott. Der Streit und die leidenschaftliche Frage: Ist Gott bei uns? Wir wollen es wissen. Für Moses und seine Leute hat Gott die Probe bestanden. Wie gut, dass sie nicht resigniert haben, sondern den Streit mit Gott gewagt!

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„Sei hübsch ordentlich und fromm, bis nach Haus ich wiederkomm". Die Mutter des daumenlutschenden Konrad bringt es auf den Punkt: Moral und Religion gehören zusammen: „ordentlich und fromm". Auch wenn der Struwwelpeter inzwischen pädagogisch umstritten ist - auf die Frage nach dem Wert der christlichen Religion antworten auch heute viele noch genauso: Religion dient den Menschen, indem sie sagt, was gut und böse ist, und indem sie Kinder und Erwachsene zum Guten anhält. Religion ist wichtig, weil sie Werte liefert. So leistet sie einen Beitrag in der Erziehung und im gesamten gesellschaftlichen Leben. Sie bringt dabei auch den nötigen Ernst ein, da sie mit göttlicher Strafe droht und ewigen Lohn verspricht.
Aber liegt wirklich hierin der Sinn und der Wert der Religion? Ist Christentum Ethik? Ist die Bibel ein Moralhandbuch?
„Ich bin Jahwe, der dich aus Ägypten, aus dem Sklavenhaus herausgeführt hat", heißt es im 2. Mosesbuch. Und im Johannesevangelium: So sehr hat Gott die Welt geliebt, daß er seinen Sohn hingab, damit jeder, der an ihn glaubt, das ewige Leben hat." (Joh 3,16)
Der Kern dieser Botschaft lautet nicht: Du sollst, du darfst nicht, sondern: Du bist geliebt, du lebst nicht aus dir selbst und: Du wirst leben, über den Tod hinaus.
Natürlich nimmt Ethik in der Bibel breiten Raum ein. Der Glaube an Gott ist unlösbar verbunden mit der Frage nach dem richtigen Handeln. Denn die Bibel kennt nicht den Privatgott für mich, sondern einen Gott, der das Glück aller Menschen will, der mich an die Gemeinschaft der Menschen verweist. Gott lieben und den Nächsten lieben heißt es in einem Atemzug. Und wir finden Gebote, besser nennt man sie Weisungen, die Anhaltspunkte geben, was in welcher Situation wichtig ist. Diese Weisungen bedeuten eine enorme Leistung für die Gesellschaft.
Aber der entscheidende Wert der biblischen Religion liegt im Öffnen des menschlichen Horizonts über die Grenze der Welt und über die Grenze der Zeit.
Menschen leben nicht aus sich, Menschen sind sich nicht genug, und auch die Welt ist ihnen nicht genug. Das ist die eine Botschaft der Bibel, und die andere: Wir dürfen hoffen, dass unsere Sehnsucht nach Leben und Liebe erfüllt wird. Dies zu sagen und zu zeigen schulden Christen unserer Gesellschaft.

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Der Mailänder Kardinal Carlo Maria Martini und der Schriftsteller Umberto Eco haben Mitte der 90er Jahre einen öffentlichen Briefwechsel geführt. Eines der Themen lautete: „Gibt es einen Begriff von Hoffnung..., der Gläubigen und Nichtgläubigen gemeinsam sein könnte?" (Woran glaubt, wer nicht glaubt?  Zsolnay-Verlag,  28) Eine Frage, die mir auch heute noch nicht beantwortet scheint.
Eco gehört keiner Konfession an. Mit Kardinal Martini diskutiert er darüber, was Nichtglaubende hoffen, und was Christen hoffen und wie sich die jeweilige Hoffnung auf ihr Handeln auswirkt. Denn es ist ja nicht so, dass nichtglaubende Menschen die Hände in den Schoß legen und die Welt - da sie ja ohnehin vergehen wird - ihrem Schicksal überlassen, während gläubige Christen unermüdlich tätig sind und sich einsetzen in der Welt. Es gibt die Gleichgültigen und die Engagierten in beiden Gruppen.
Die Engagierten in beiden Gruppen - ihretwegen sieht Kardinal Martini auf der praktischen Ebene tatsächlich eine Hoffnung, die Glaubenden und Nichtglaubenden gemeinsam ist. Diese Hoffnung auf der praktischen Ebene nennt er einen Nährboden, einen „Humus, an dem Gläubige und Nichtgläubige, wenn sie verantwortlich handeln, teilhaben, ohne dass sie dafür denselben Begriff verwenden müßten." So Martini wörtlich.(33)
Eco spricht mit Hochachtung vom Christentum. Besonders würdigt er das Verhältnis der Christen zur Zeit. Er sagt: das Christentum hat den Gedanken gebracht, dass die Zeit voranschreitet, und es hat so die Geschichte erfunden. Das, was geschieht, ist also nicht ein Sammelsurium, mehr oder weniger zufällig, sondern es hat eine Richtung und einen Zusammenhang. Und Eco fährt fort: „Nur wenn man einen Sinn für die Richtung der Geschichte hat,.... kann man die irdische Wirklichkeit lieben und - mit Nächstenliebe - glauben, dass noch Platz für die Hoffnung ist." (28)
Einen Sinn haben für die Richtung der Geschichte - diesen Gedanken greift Kardinal Martini auf. Und er betont, daß für Christen die Geschichte ein Ziel hat jenseits unserer sichtbaren Welt, und dass dieses Ziel jedem einzelnen Tun Wert und Bedeutung gibt. Wenn das Ende nicht ein Ende ist, sondern ein Ziel, dann ist es wichtig und sinnvoll, was ich jetzt tue.
„Es ist also nicht Zeit", schreibt Martini zum Schluss, „uns auf das Ende wartend, vom Fernsehen betäuben zu lassen. Es gibt noch vieles gemeinsam zu tun." (35)

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Woran glaubt, wer nicht glaubt? Über diese Frage haben vor ca. 15 Jahren die beiden Italiener Carlo Maria Martini und Umberto Eco diskutiert. Sie haben sich Offene Briefe geschrieben, daraus wurde ein Buch. Ich finde diesen Dialog heute so spannend wie damals. Martini war zu der Zeit Kardinal von Mailand, galt auch als Anwärter auf das Papstamt. Eco, Professor in Bologna, ist vor allem bekannt durch sein Buch und den Film „Der Name der Rose". Auch er wurde in seiner Kindheit und Jugend stark vom Katholizismus geprägt. Im Alter von 22 Jahren hat er mit dem Glauben an einen personalen und vorsorgenden Gott gebrochen. Er nennt diesen Bruch „das leidvoll erkämpfte Ergebnis einer langen und langsamen inneren Wandlung". Eco hat nicht das Bekenntnis gewechselt vom Glauben an Gott zu der Überzeugung: Es gibt keinen Gott. Er ist nicht Atheist geworden, sondern jemand, der sagt, dass wir nicht erkennen können, ob es Gott gibt, und dass wir mit dieser offenen Frage leben müssen.
Mir zeigt der Briefwechsel von Eco und Martini, dass Glaubende und sogenannte Nichtglaubende in derselben Situation sind. In der Situation, sich für eine Welt-Anschauung zu entscheiden, mit Gründen, aber ohne Beweise. Dass es Gott gibt, kann ich nur glauben. Dass es Gott nicht gibt, kann ich ebenfalls nur glauben. Und auch die Frage offenzuhalten, wie es Umberto Eco tut, setzt eine Glaubens - Entscheidung voraus.
Martini und Eco treffen sich auf dem Gebiet der Ethik, in der Beobachtung, daß Glaubende und Nichtglaubende Nächstenliebe praktizieren, und zwar die einen nicht geringer als die anderen. Martini fragt immer wieder: „Woher leuchtet (denn) das Licht des Guten?" (Woran glaubt, wer nicht glaubt?  Zsolnay-Verlag, 74) Wie lassen sich Maßstäbe finden, wie lässt sich Nächstenliebe auch um den Preis eigener Nachteile durchhalten ohne Glauben an einen transzendenten personalen Gott?
Eco verweist demgegenüber ganz und gar auf natürliche Ethik. Für ihn sind Menschen, die Gutes tun wollen und gut sein wollen, religiöse Menschen. Wir wissen „instinktiv", sagt er, „dass wir nur durch die Gegenwart anderer eine Seele haben..... (90)
Martini und Eco kommen in ihrem Briefwechsel immer wieder auf die große ethische Kraft zu sprechen, die sich bei Menschen verschiedener Weltanschauung findet. Wer Kraft aufbringt, gut zu handeln - sogar wenn es persönliche Nachteile bringt, der glaubt an einen Sinn.

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