Alle Beiträge

Die Texte unserer Radiosendungen in den Programmen des SWR können Sie nachlesen und für private Zwecke nutzen.
Klicken Sie unten die gewünschte Sendung an.


SWR2 Wort zum Tag

Eine wissenschaftliche Untersuchung hat sich eines Phänomens angenommen, über das viele Menschen nicht gerne sprechen. Das sie aber dennoch nicht aus ihren Köpfen herausbekommen. Menschen ärgern sich, weil sie der Ansicht sind, dass sie beim Einkaufen immer an der längsten Schlange landen. Oder weil die Ampel bei ihnen immer auf Rot springt. Und sie sind sich sicher: Schmerzen treten viel häufiger am Wochenende auf, wenn der Arzt seine Praxis geschlossen hat.
Die Wahrheit ist: Dieser Zusammenhang existiert gar nicht. Vielmehr bleiben den Menschen einfach die Ereignisse besser in Erinnerung, bei denen irgendetwas nicht so glatt läuft. Und so bekommen sie den Eindruck, das sei fast jedes Mal der Fall. Und weil das kein Zufall sein kann, beziehen sie das dann gleich auch auf sich selber. Die Schlange ist immer bei mir so lang. Die Ampel springt immer bei mir auf Rot. Auf diese Weise versuchen sie, so die Wissenschaftler, die Welt zu erklären und durchschaubar zu machen.
Gerne würde ich diesen Menschen den Vorschlag machen, ausdrücklich einmal auch die Erinnerungen an das festzuhalten, was ihnen gelungen ist. Verlocken würde ich sie gerne zu einer Art Perspektivenwechsel. Dazu, das wahrzunehmen, was das Leben schön macht. Und wertvoll. Was ihnen einfach wie ein unverdientes Geschenk in den Schoß gefallen ist.
So wenig ist das nämlich gar nicht, was einem da im Leben an Guten zustößt. Zu allererst, dass ich überhaupt lebe. Dass es Menschen gibt, die mich mögen. Familienangehörige. Freundinnen und Freunde, die sich immer wieder bei mir melden. Dass ich mich freuen kann an der Schönheit der Natur um mich herum. Dass ich Hilfe erfahren habe, als es irgendwie nicht mehr weitergehen wollte.
In den Psalmen wird die Erinnerung an das Schöne im Leben, die Erfahrung des Gelingens mit Gott in Verbindung gebracht: Lobe den Herrn, meine Seele, und vergiss nicht, was er dir Gutes getan hat.
Und wie die Psalmbeter es dann immer wieder tun, können kann doch auch ich und können Sie Gott dann bei dieser Erinnerung packen. Du, Gott, hast es mir im Leben doch immer wieder gelingen lassen. Dann kann es dir doch auch nicht gleichgültig sein, wie es mir jetzt ergeht.
Aus einer positiven Erinnerung kann so ein Weg werden, der auch die Zukunft in ein neues Licht rückt. Und die Ampeln des Lebens auf Grün springen lässt.

https://www.kirche-im-swr.de/?m=10971

Vor einigen Wochen habe ich mir vor einer Reise eine Kamera gekauft. Nach Jahren ohne eine Kamera wollte ich endlich wieder einmal Bilder zeigen können, wenn es hinterher ans Erzählen geht. Die Reise mit der neuen Kamera war ganz schön anstrengend. Im Zweifelsfall habe ich lieber eine Aufnahme mehr gemacht als eine zu wenig. Die Suche nach dem richtigen Motiv hat nicht nur mein Sehen beeinflusst, sondern die ganze Art und Weise, die Welt um mich herum wahrzunehmen. Natürlich bin ich jetzt für viele Aufnahmen, die ich gemacht habe, dankbar. Aber ich habe mich manchmal schon zurückgesehnt nach der Unbeschwertheit, als ich meine Umgebung einfach mit wachem Auge und aufgeweckten Sinnen wahrnehmen konnte.
Die Möglichkeiten der modernen Technik kommen vielen Menschen sehr entgegen. Eindrücke lassen sich nicht nur für den Moment festhalten. Sie lassen sich auch auf Dauer speichern. Die Gefahr liegt darin, dass am Ende zwar die Speicherkarte im Foto voll ist, der Speicher der Einübung der direkten Wahrnehmung aber häufig leer bleibt.
Manchmal denke ich: Der Umgang mit der Kamera ist ein Beispiel dafür, wie wir leben. Und ich frage mich dann schon: Lohnt es sich überhaupt, vieles von dem in den Blick zu nehmen, was sich da vor unseren Augen alles abspielt? Ist es sinnvoll, manches davon auf Dauer festhalten zu wollen? Eine Aufforderung des  Apostels Paulus kann hier weiterhelfen. „Prüfet alles! Und das Gute behaltet!" Das bedeutet doch: Ich darf mich zur Wehr setzen gegenüber der Inflation der Angebote, die tagtäglich auf mich einströmen. Ich darf auswählen. Auf Vollständigkeit kommt es ohnedies nicht an. „Prüfet alles! Und das Gute behaltet!" Ich schaue genau hin. Und wo es sich lohnt, halte ich etwas fest. Und sei es eine Erinnerung in Form von Bildern.
„Prüfte alles. Und das Gute behaltet!" Dieser Satz gilt für unser Leben überhaupt. Er stellt im Grunde eine großartige Entlastung dar. Gerade bei der stattlichen Zahl der Möglichkeiten, zwischen denen ich mich immer wieder entscheiden muss. Ich werde nicht nach der Zahl meiner Lebensprojekte bewertet. Ich muss nicht auf jeder Hochzeit tanzen. Muss nicht über alles, was ist, Rechenschaft ablegen können. Das geht sowieso nicht. Häufig reicht es schon aus, danach zu fragen, was mir gut tut. Danach kann ich dann mutig entscheiden - manchmal auch gegen die Lust nach noch mehr.
Da hilft es dann schon, wenn ich erst mit offenen Augen und wachem Herzen durch's Leben gehe. Und dabei auch die Kamera ruhig auch einmal unbenutzt liegen lasse.

https://www.kirche-im-swr.de/?m=10970

Schaffen sie es nun die Griechen? Können sie den drohenden Staatsbankrott noch abwenden oder nicht? Ich sehe die Bilder der europäischen Staatschefs und Finanzminister vor mir, die mit ernster Miene ihre Forderungen formulieren. Und ich sehe die Demonstranten, die sich gegen die heftigen Sparmaßnahmen zur Wehr setzen.
Eines aber ist mir in all diesen Auseinandersetzungen besonders aufgefallen. Eigentlich ist es gar nicht das vorhandene oder das nicht vorhandene Geld, das die Krise verursacht hat. Schaden genommen hat das gegenseitige Vertrauen. Und das wirkt sich dann auf das Geld aus.
Wenn das Vertrauen verloren geht, dass ein Land seine Schulden abzahlen kann, steigen die Zinsen. Und am Ende bekommt es kein Geld mehr. Wenn das Vertrauen verloren geht, dass sich ein Land mit aller Kraft einsetzt, aus den Schwierigkeiten herauszukommen, nimmt die Bereitschaft der Nachbarn ab, es zu unterstützen. Wenn ein Land das Vertrauen verliert, dass die anderen es wirklich solidarisch unterstützen wollen, erlahmen seine Energien, alles dafür einzusetzen, um das Blatt zu wenden. Auf das gegenseitige Vertrauen kommt es vor allem an. Ohne Vertrauen ist das Geld nicht das Papier wert, auf den sein Wert gedruckt wird.
Ehrlich gesagt, beruhigt mich das. Mitten in der heftigsten Krise. Warum? Ich nehme wahr, dass Geld allein doch nicht die Welt regiert. Sondern dass immer noch das Vertrauen ineinander mit entscheidet. Und wenn ich dann von Rettungs-Schirmen höre, die aufgespannt werden, fällt mir auf, dass auch die Bilder, die man gebraucht, um das verloren gegangene Vertrauen zurück zu gewinnen, seit mehr als 2000 Jahren dieselben sind. Wie etwa beim Bild des Schirms. Gott ist mein Schirm und Schutz, betet ein Mensch im biblischen Buch der Psalmen. Grund zur Hoffnung hat, wer unter dem Schirm des Höchsten sitzt - das bekennt ein anderer Psalmbeter. Gott ist für Menschen, die so beten, der Schirm, der vor allem Bösen bewahrt. Die Schutzschirme der Banker und Politiker können da nicht mithalten. Weil Menschen, wie Jesus in der Bergpredigt sagt, nicht zugleich Gott dienen können und dem Geld. Das Vertrauen in unvorstellbar hohe Summen allein kann niemanden retten. Aber das Vertrauen, das Menschen ineinander setzen, kann manchmal schon' Wunder vollbringen. Und wahrhaftig nicht nur bei den Entscheidungen um Griechenland.

https://www.kirche-im-swr.de/?m=10969

Sterben und Geborenwerden sind sich ähnlicher, als es manchmal den Anschein hat.
In beiden Fällen muß ein Mensch herausgehen aus dem, was ihm vertraut ist.
Und er muß hinein in eine Welt, die er nicht kennt, die in der Regel auch nicht betreten will, weil sie als feindlich empfindet, als unbekanntes, bedrohliches Land.
Man hat festgestellt, dass Babies bei ihrer Geburt Todesängste austehen und damit im Grunde das vorwegnehmen, was ihnen dann im Sterben widerfährt. Umgekehrt ist das Sterben mit seinen Ängsten und Nöten auch einer Geburt vergleichbar. Es ist ein schwerer Weg zu bewältigen.
Man muss sich durchkämpfen durch einen engen Gang, ein finsteres Tal.
Und was wird mich am Ende dort erwarten?
Dabei weiß jeder: Wenn die Zeit da ist, muß das Kind hinaus ins Leben, ob es will oder nicht.
Es darf leben, es soll leben, das Licht der Welt erblicken.
Sonst würde es ja im Mutterleib umkommen.
Und wenn dieses Leben vorbei ist, dann gilt das auch: Du darfst leben, du sollst leben.
Dazu muss ich freilich diese Welt und das leibliche Leben verlassen.
Auch hier gilt: Ich würde zugrunde gehen, wäre ich an dieses sichtbare Leben gebunden.
Es wartet ein Leben, unvorstellbar reich und schön.
Für mich ist das kein frommer Wunschtraum, keine leere Behauptung. Bei Jesaja lese ich: Fürchte dich nicht, sagt Gott, ich habe dich erlöst, du gehörst mir. (Jes 43,1)
Fürchte dich nicht, ich werde dafür sorgen, dass du diese enge Stelle unbeschadet überstehst.
Einer ist dir schon vorausgegangen. Einer ist hindurchgekommen.
Jesus Christus hat den Tod besiegt, er lebt, er sieht dich, er kennt und versteht die ganzen Nöte.
Er will dir helfen, er wird an deiner Seite sein, wenn es eng wird, in Krankheit und Verlust.
Ich finde diese Worte sehr tröstlich.
Sie nehmen mir die Angst vor dem Sterben, vor dem neuen, unbekannten Land.
Ich stelle mir vor, wie Jesus dort auf mich wartet, am anderen Ende des Tunnels.
Wie eine Hebamme steht er da, um mich ins Licht zu ziehen.
Boah, ist das hell hier, muss erst mal meine Augen dran gewöhnen.
Auch daran, dass dieses Gefühl der Enge weg ist.
Ein Neugeborenes schreit vor Entsetzen und Verwunderung, wenn es das Licht der Welt erblickt.
Es weiß ja noch nicht, wie schön das Leben auf der Erde ist, und wie weh es manchmal tut.
In den schönen Momenten denke ich: So, und noch viel schöner wird das neue Leben sein.
In den schweren Zeiten aber weiß ich: Gott holt mich hier heraus.

https://www.kirche-im-swr.de/?m=10938

Du bist mein Augenstern - so sagt man, wenn man einen Menschen liebhat, wenn man auf ihn achtet. Mit "Augenstern" kann man das lateinische Wort pupilla übersetzen, die Pupille also, das Innerste unseres Auges. Die Pupille ist mein Fenster zur Welt. Sie ist aber auch der Spiegel, in dem ich mich selbst sehen und erkennen kann - im Auge eines anderen.
Das Wort Pupille hat eine spannende Geschichte.
Ursprünglich heißt es nämlich: kleines Mädchen oder Puppe.
Ich sehe mich selbst, wenn ich etwa meiner Frau in die Augen schaue, aber ich sehe mich nicht in Lebensgröße, sondern als kleines Wesen, in Puppengröße.
So kann ich mich in den Augen eines Menschen selber erkennen, zumindest einen Teil meiner Wirklichkeit. Nicht nur groß und stark und männlich, sondern auch klein und schwach - ein kleines Menschlein, ein Wesen, das noch im Werden begriffen ist.
In einem noch tieferen Sinne erkenne ich mich, wenn ich Gott in die Augen schaue.
Ich kann das tun, wenn ich die Bibel lese. Die Bibel ist an manchen Stellen wie ein Spiegel.
Viel mehr noch als die Augen eines Menschen sagt sie mir, wer ich in Wirklichkeit bin.
Zugleich verrät sie mir ein Stück von Gottes Wesen. Sie zeigt mir, wie liebevoll er sich den Menschen zuwendet. Wie achtsam und empfindlich er sein kann.
Er behütete sein Volk wie seinen Augenstern, heißt es da an einer Stelle. Er fand dieses Volk in der Wüste, in dürrer Einöde sah er es barmherzig an.
Gottes Augen sind so gut, so wachsam, dass sie das Ärmste und Verlorene, ja auch das dem Tod Geweihte nicht übersehen. In der Bibel ist damit in erster Linie sein erwähltes Volk Israel gemeint. Aber zu diesem Volk gehörte ja auch eine junge Frau, Maria, die Mutter Jesu.
Auf sie hatte Gott in besonderer Weise ein Auge geworfen. Er hat die Niedrigkeit seiner Magd angesehen - so singt sie in ihrem Lied.
Gottes Augenstern und Augapfel - das sind vielleicht auch die, die sich dort, inGottes Augen gar nicht vermuten würden. Ich denke an das schwer behinderte Kind, dem ich manchmal begegne.
An die alten, einsamen Menschen, auch an die Sterbenden. An alle, die ihren Glauben verloren haben, die nach Trost und Hoffnung suchen.
Ich denke auch an die Superschlauen, die Überheblichen, die nur ein müdes Lächeln für Gott übrig haben. Ja. Er achtet auch auf sie.
In Gottes Pupilla werden die Großen ganz klein und die Kleinen ganz groß.
Schon deshalb macht es für mich Sinn, mit diesen Augen zu rechnen und immer wieder einen Blick hineinzuwerfen.

https://www.kirche-im-swr.de/?m=10937

In der Klosterkirche zu Vézelay, in Burgund, zeigt das Kapitell einer Säule zwei Darstellungen des Judas, also des Jüngers, der Jesus verriet.
Das erste Relief stellt das Ende des Verräters dar. Judas hängt am Strick.
So hat er nach Matthäus sein Leben beendet.
Das zweite Relief auf der Rückseite lässt mir den Atem stocken.
Da steht Jesus, unverkennbar. Er hat den Strick um Judas' Hals gelöst und trägt den toten Freund auf seinen Schultern. Den, der ihn verraten hat. Dabei entspricht die Armhaltung Jesu der eines Hirten, welcher ein Schaf auf seinen Schultern trägt. Damit wollte der Steinmetz an die Worte vom guten Hirten erinnern. Er lässt bekanntlich die 99 Schafe in der Wüste, um das eine verlorene Schaf zu suchen.
Zu der Zeit, als dieses Kunstwerk entstand, war die Gestalt des Judas zum Inbegriff des Bösen geworden. Judas ist schlimmer als Kain, der seinen Bruder erschlug und schlimmer als Ödipus, der seinen Vater tötete und seine Mutter heiratete. Judas war der Schlimmste. Und ausgerechnet den, dieses verhasste Subjekt trägt Jesus auf seinen Schultern.
Seinetwegen hat Jesus seine Herde, seine Kirche, allein gelassen und sich auf die Suche gemacht.
Das war nicht nur eine Sensation, sondern eine theologische Zumutung.
Sie wäre vergleichbar mit dem Gedanken, dass Jesus die großen Massenmörder wie Hitler oder Stalin auch auf seine Schultern nimmt.
Ich frage mich bei dieser Vorstellung: ist das wahr? Hätte Jesus seinen Verräter wie ein verlorenes Schaf gesucht und gerettet? Hat er es getan?
Es muss doch eine letzte Gerechtigkeit geben! Die Bösen müssen doch bestraft werden, wenigstens die Schlimmsten?
Erst jetzt merke ich, dass ich ja selber dazugehöre.
Wie alle anderen. Oder ist nicht jeder in der Lage; Jesus für ein paar Euro zu verraten?
Ist nicht jeder irgendwann einmal von Gott so enttäuscht, dass er sich völlig verrennt und schuldig wird?
Ja: Dieses Bild erzählt Wahrheit.
Judas, dieser Inbegriff des Bösen steckt in mir, und er steckt möglicherweise in jedem Menschen: schuldig geworden, gescheitert, innerlich zerbrochen.
Und trotzdem wird er von Jesus nicht zurück gelassen, nicht vergessen oder übersehen.
Selbst der tote Judas wird von Jesus mit Respekt und Ehrerbietung nach hause geholt.
Auch für Ihn hat er sein Leben gelassen.
So ist Jesus. Er trägt mich und er trägt alle, die Glücklichen und die Zerbrochenen.
Keine Schuld kann so schlimm, kein Leben so verkorkst sein.
Das ist der Grund, warum ich an ihn glaube.

https://www.kirche-im-swr.de/?m=10936