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SWR2 Wort zum Tag

Dieses Jahr wird es bereits zum 25. Mal entzündet. Das Friedenslicht aus Betlehem. Im Jahr 1986 hat das Österreichische Fernsehen diese Aktion gestartet. In der Geburtsgrotte Jesu in Bethlehem wird seitdem jedes Jahr ein besonderes Licht entzündet - eben dieses Friedenslicht -  und dieses Licht wird mit einer Laterne in viele Länder der Welt verteilt.
Es soll ein Friedenslicht sein, ein Licht, das sagen will, wie wichtig es ist, dass es Frieden auf der Welt gibt. Und das Licht wird dort entzündet, wo die Initialzündung für die Friedensbotschaft der Welt stattgefunden hat: Dort, wo Jesus geboren ist, in Betlehem.
Es ist schön, dass so viele Menschen dieses Licht als Zeichen des Friedens annehmen und so die Botschaft des Weihnachtsfestes weitertragen. Zum Beispiel hat das Friedenslicht im Jahr 1989 zur Zeit der Wende gebrannt und wurde über die ehemalige innerdeutsche Grenze getragen. Tausende haben es auf dem Hauptplatz der tschechischen Stadt Budweis als Sinnbild der neuen Nachbarschaft begrüßt. Das Friedenslicht hat auch an der geöffneten Mauer in Berlin gebrannt, als Zeichen für die Versöhnung und für die wieder gefundene Freiheit. Dieses Jahr entzündet ein 10-jähriger Junge aus Oberösterreich das Licht in der Geburtsgrotte. Danach bringt er es nach Österreich und verteilt es von dort weiter. Ein Zeichen des Friedens geht von Hand zu Hand. Der kleine Junge weiß bestimmt, wofür das Licht steht, denn er musste mit seiner Familie aus seiner Heimat flüchten, weil dort Krieg herrschte. Er wird somit selbst zu einem Symbol für den Frieden. Das Friedenslicht kommt diesen Sonntag auch am Hauptbahnhof in Stuttgart an. Von dort wird es in die Kirchengemeinde St. Elisabeth zu einer ökumenischen Aussendungsfeier getragen. Danach verteilen es die Pfadfinder, Malteser und das Rote Kreuz in Krankenhäusern und  Caritas-Einrichtungen, in Kirchengemeinden und Altenheimen, in Kindergärten und Schulen. Ich stelle das Friedenslicht immer an meine Weihnachtskrippe, weil ich mir wünsche, dass Frieden in meiner Familie und unter den Menschen ist. Und: Das Licht aus Betlehem ist dort gut aufgehoben, ganz nah  beim Christuskind. 

Mehr Informationen zum Friedenslicht unter www.friedenslicht.de

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An Weihnachten schenken wir uns nichts. Meine Familie und ich haben das jetzt beschlossen. Endlich vorbei mit dem Geschenke-Marathon. 
Jedes Jahr dieselben verzweifelten Anrufe: „Was wünscht du dir denn?" „Ich brauche doch nichts." „Aber, dann nur eine Kleinigkeit." „Ja, aber ich habe doch alles." So geht das immer hin und her und am Ende kaufe ich dann alles auf den letzten Drücker und das Ergebnis ist: Unzufriedene Gesichter, endlose Rechnungen, enttäuschte Gefühle - jetzt soll Schluss damit sein.
Aber so gut geht es mir mit dieser Entscheidung dann doch nicht. Einander nichts an Weihnachten schenken? Klar, ich will keine sinnlosen Geschenke ansammeln. Aber einander etwas schenken, das gehört doch einfach zum Feiern dazu. „Wer ein Herz voller Freude hat, der teilt auch ebenso freudig aus." Das habe ich irgendwo gelesen. Ich glaube, ich sollte einfach umdenken und mich fragen: Was brauchen wir wirklich? Was brauchst du? Was brauche ich? Was brauchen die Menschen, die in Not sind. Die Caritas-Tagesstätte für obdachlose Menschen braucht warme Socken und warme Unterwäsche für die, die auf der Straße übernachten. Die Wohnungsnothilfe sucht nach brauchbaren Möbeln und Geschirr, für alleinerziehende Mütter. Die Menschen im Altenheim brauchen Menschen, die sie besuchen. Die Kinder auf der Krankenstation brauchen Menschen, die ihnen zuhören und mit ihnen spielen. Meine Nachbarin wünscht sich jemanden, der für sie Zeit hat. Es gibt Menschen, die meine Liebe und Zuneigung brauchen. 
Diesen Advent möchte ich versuchen, meine Zeit sinnvoll einzuteilen und anderen diese Zeit weiterschenken. Vielleicht kann ich damit wenigstens ein Stück weit die Botschaft weiterschenken, die Gott uns an Weihnachten schenkt. Für mich lautet diese Botschaft: Liebe und Zuneigung. Gott kommt zu uns, seine Liebe ist Mensch geworden in Jesus Christus. Liebe kann ich weiterschenken. Für mich sind die Geschenke am überzeugendsten, bei denen ich die Liebe darin spüre. Geschenke, die von tief drinnen, die von Herzen kommen. Geschenke, die anderen ans Herz gehen. Ach ja, meine Familie hat dann doch eine ganz stimmige Lösung für die weihnachtliche Bescherung gefunden. Wir gehen gemeinsam essen. Wir schenken uns damit mehr Zeit füreinander. Zeit fürs Gespräch, für Begegnung, Zeit, die wir uns sonst das Jahr über viel zu selten schenken. Und ob ich für jeden dann doch noch eine Kleinigkeit mitnehme, dass überlege ich mir noch.

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„In den Herzen ists warm, still schweigt Kummer und Harm" - das wünsche ich Ihnen heute morgen und weiß dabei, dass es für viele ganz anders ist. „Sorge des Lebens verhallt, freue dich, s'Christkind kommt bald." Nach meiner Erfahrung verhallen längst nicht alle Sorgen im Advent. Im Gegenteil, manche Schmerzen und Probleme werden sogar heftiger empfunden. Mancher verborgene Kummer meldet sich gerade in diesen Wochen. Woher kommt das? Macht der Advent, der fast unentrinnbar ans Gefühl geht, uns empfindlicher? Ist es die Zeit, in der Menschen um Kerzen und Lichter näher zusammenrücken und der Weihnachtsmarkt uns den Düften und Melodien der Kindheit aussetzt? Vielleicht entsteht da auch so ein Druck: es ist Advent, da muß ich mich doch wohl und heimisch fühlen und getröstet sein. Und dieser Druck macht alles schlimmer statt besser. „Im Advent kommt mir die Welt immer besonders erlösungsbedürftig vor" hat mir neulich ein Arzt erzählt. Er meinte vordergründig die Hektik und Unruhe, die zu mehr Unfällen und Stürzen führt. Aber es steckte wohl noch mehr dahinter.

Der Advent ist ja ursprünglich eine Zeit, in der Schmerz und Sehnsucht nach Trost besonders groß werden dürfen. In der Menschen deutlich spüren, wie bedürftig wir sind, und das auch zeigen dürfen. Das Lied „Leise rieselt der Schnee" spricht von Kummer und Harm. Harm - ein altertümliches Wort für anhaltendes Leid, für Gram. Und das soll schweigen, soll leiser werden. Manchmal ist das so, oft wünschen wir es uns. Nicht umsonst sind andere  Adventslieder so sehnsuchtsvoll. Zum Beispiel: „O komm, o komm Emmanuel, befrei dein armes Israel! In hartem Elend liegt es hier, in Tränen seufzt es auf zu dir!" Da wird geklagt, geschrien, gefleht. Und auf Gott gehofft. O komm, Emmanuel - Emmanuel heißt übersetzt „Gott mit uns". Deshalb vermerken Gestapo-Protokolle aus der Zeit des Nationalsozialismus, dass Menschen dieses Lied gesungen haben. Für die Gestapo galt das als ein Bekenntnisakt. Das zeigt auch, welche Sprengkraft Sehnsucht haben kann.

Advent, die Zeit, in der ich mich nicht verstellen muß, die Zeit, in der ich kummervoll und bedürftig sein darf. Auch leidenschaftlich angesichts all dessen, was schlimm ist. Und vielleicht allmählich vertrauen, dass all die Lieder erhört werden.

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Heute hätten sie bestimmt eine Kinderwunschpraxis aufgesucht, Anna und Joachim, die Großeltern Jesu. 20 Jahre lang haben sie probiert, Kinder zu bekommen. Und beide haben sich geschämt, dass es nicht geklappt hat. Joachim erlebt dann etwas sehr Schlimmes, Peinliches. Er ist in Jerusalem und will zusammen mit andern Männern seiner Verwandtschaft im Tempel ein Opfer darbringen. Aber der Priester dort schickt ihn weg und beschimpft ihn: Wie kannst Du als unfruchtbarer Mann hier unter den Fruchtbaren stehen, schließlich hast Du das Volk Gottes nicht vermehrt. Joachim geht weg und versteckt sich sogar, er traut sich noch nicht mal mehr nach Hause. Seine Frau Anna ist in Tränen aufgelöst - bis beiden ein Engel erscheint und ihnen die Geburt einer Tochter ankündigt, die sie Maria nennen sollen. Und so werden die beiden unfruchtbaren Leute die Eltern von Maria und die Großeltern Jesu.

Schon um das Jahr 700 hat man das in der Kirche gefeiert. Es gab zunächst ein Fest mit dem Namen „Empfängnis der heiligen Anna", daraus wurde dann das Fest Mariä Empfängnis am 8. Dezember. Neun Monate später, am 8. September steht dann „Mariä Geburt" im liturgischen Kalender. Natürlich haben wir weder einen Mutterpaß von Anna noch eine Geburtsurkunde von Maria. Und die Geschichte von Marias Geburt und Kindheit steht auch nicht in der Bibel, sondern in sehr alten christlichen Legenden. Und die drücken Glauben aus. Nämlich, dass es von Anfang an etwas Wunderbares ist, dass Jesus zur Welt kommt. Das Wunderbare betrifft sogar schon die Generationen vor ihm. Maria ist nicht geboren worden, weil Anna und Joachim ein Kind gemacht haben - wie heute manche sich ausdrücken - sondern weil sie ihren Eltern geschenkt wurde. Den beiden, die gerade daran waren, die Hoffnung aufzugeben, und die dann doch offen waren für die Worte des Engels.

Mich rührt diese Geschichte an. Sie sagt: Leben ist empfangen. Sie erzählt, dass Jesus geboren ist in eine Familiengeschichte hinein - so wie jeder Mensch; und gleichzeitig ist da etwas Wunderbares, das sogar schon vor seiner Geburt wirksam ist: gedemütigte Menschen wie Anna und Joachim kommen wieder zu Ehren; wo es nicht mehr weiterging, entsteht neues Leben.

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Meine 12-jährige Tochter macht sich gerne ihre eigenen Gedanken über Gott
und den Glauben. So fragte sie mich neulich: "Mama, warum ist denn die Bibel
schon fertig? Gibt es heute keine Geschichten mehr, wo die Menschen etwas mit
Gott erleben? Ich finde, es sollte wenigstens ein paar leere Notizseiten geben,
worin jeder eine eigenen Sachen aufschreiben kann..."
Die Frage ist mir nachgegangen. Als Theologin weiß ich natürlich, dass die Entstehung der Bibel ein langer geschichtlicher Prozess war, und dass das Neue Testament erst im 2. Jhd. nach Chr. zu der Form gefunden hat, die wir heute kennen. Ein Prozess, in dem es ein Ringen und auch heftige Auseinandersetzungen darum gab, was zur Heiligen Schrift gehört, die die verbindliche Grundlage unseres Glaubens ist. Aber worum geht es letztlich im Glauben? Nur um die Anerkennung und das Für-wahr-Halten dessen, was in der Bibel steht? Es ist ja gerade eine wertvolle Erkenntnis biblischer Forschung, dass etwa die Geschichten und Worte Jesu gesammelt und aufgeschrieben wurden, weil die ersten christlichen Gemeinden sich selbst darin wiederfanden. Indem sie sich daran erinnerten, wie Jesus Menschen heilte und von Gott erzählte, spürten sie, dass sein Geist immer noch unter ihnen lebendig war und auch sie von ihren Blindheiten und Taubheiten befreite, die sie daran hinderten, Gottes barmherzige Liebe zu erfahren. Biblische Geschichten wurden gegenwärtig. 
Und heute? Es fällt vielen Menschen schwer, sich in der Bibel wiederzufinden. Sie ist ein Buch mit sieben Siegeln, von deren Entstehung uns fast 2000 Jahre trennen, scheinbar nur für Experten zu verstehen ... Wenigstens ein paar leere Notizseiten sollte sie haben, meint meine Tochter. Diese Idee gefällt mir. Meinen eigenen Erfahrungen und Gedanken Raum zu geben, um so in einen Dialog mit der Bibel hineinzufinden. Denn in der Bibel sind Erfahrungen, die Menschen mit "Gott" gemacht haben, aufgewahrt. Gott ist da und er ist für uns da  - nicht nur damals, sondern auch heute noch. Seine Geschichte mit uns dauert an.

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Heute ist Nikolaustag. Für viele Kinder ist es da ein beliebter Brauch, am Abend zuvor ihre leeren Stiefel vor die Türe zu stellen und sich morgens über das zu freuen, was ihnen heimlich hineingesteckt wurde. Beschenkt werden und schenken - das gehört zum Nikolaustag, und das passt auch gut zum Heiligen Nikolaus, der ein großes Herz für die Menschen hatte.  Er lebte im 2. Jhd. als Bischof von Myra, das in der heutigen Türkei liegt.
Eine Legende erzählt, dass er einmal von einem verarmten Adligen erfuhr, der drei Töchter im heiratsfähigen Alter hatte. Der Vater war in seiner Verzweiflung kurz davor, seine Töchter heimlich zur Prostitution zu schicken, denn er konnte ihnen keine Aussteuer bezahlen und sie also nicht standesgemäß verheiraten. Da geht Nikolaus eines Abends zum Haus dieses Mannes und legt heimlich drei goldene Äpfel aufs Fensterbrett. Als die Mädchen sie am nächsten Morgen finden, kennt ihre Freude keine Grenzen. Endlich können sie heiraten.
Nikolaus erkennt die Not des Vaters, der nicht mehr fähig ist, für seine Töchter standesgemäß zu sorgen und nur noch die Fassade aufrecht hält. Nikolaus möchte ihn jedoch nicht beschämen und mit seiner Not und seinem Ansinnen konfrontieren. Und doch findet er einen Zugang zu dieser Familie. Ein Fenster. Eine Öffnung im ansonsten verschlossenen Haus. Dieses Haus steht für die Mauern und Fassaden, die wir manchmal errichten, um unser Inneres zu verbergen. Aber es gibt Fenster, kleine Öffnungen, die andeuten, wie es innen drin aussieht. „Unsere Augen sind die Fenster unserer Seele" - so sagt man. Der Gesichtsausdruck und der Tonfall unserer Stimme kann auch in kleinen Begegnungen viel mitteilen, wenn wir offen und sensibel dafür sind. So legt Nikolaus goldene Äpfel auf das Fensterbrett, die er einst selbst geschenkt bekommen hat. Er kann schenken, weil er sich beschenkt weiß. Und so macht sein Geschenk den Vater auch nicht klein. 
Diese Äpfel - rund und golden - sind ein Symbol für ein Leben, das glückt. Doch wir erfahren allzu oft, dass das Leben brüchig ist und scheitert. Eine Erfahrung, die einsam macht und sich wie ein Eisenring um die Seele legt. Doch die Äpfel erinnern an die verschüttete Sehnsucht und sie geben dem Vater das Vertrauen und die Selbstachtung wieder, dass auch sein Leben glücken kann. Das ist vielleicht das größte Geschenk, das Nikolaus ihm machen konnte.

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