Alle Beiträge

Die Texte unserer Radiosendungen in den Programmen des SWR können Sie nachlesen und für private Zwecke nutzen.
Klicken Sie unten die gewünschte Sendung an.


SWR2 Wort zum Tag

Ein befreundeter Pfarrer hat mir von einer Begegnung erzählt, die mir sehr ans Herz gegangen ist. Er hat mit einer Gruppe von Konfirmandinnen und Konfirmanden eine Behinderteneinrichtung besucht. Ein alter behinderter Mann kam mit schlackerndem Gang auf die Gruppe zu, er sah fast ein wenig wütend aus, und die Konfis bekamen ein bisschen Angst. Vor meinem Freund blieb der Mann stehen und brummelte etwas. Er musste genau hinhören, bis er verstand. „Lieb haben", brummelte der Mann. „Lieb haben!"  Da hat mein Freund dem alten Mann spontan einige Male über den Kopf gestreichelt. „Gut?" fragte er dann. „Ja," sagte der Mann und schlackerte zufrieden weiter.
Die Jugendlichen waren nachdenklich geworden. Der behinderte alte Mann - er braucht genauso viel Liebe wie sie, wie jeder Mensch. Nur dass wir in der Regel nicht rumlaufen und es einfach sagen. Weil wir uns davor fürchten, zurückgewiesen zu werden, lächerlich zu wirken. Dabei ist es gar nicht lächerlich, sich nach Liebe zu sehnen. Und auch nicht würdelos. Denn jeder Mensch ist würdig, geliebt zu werden. Auch im Alter.
Bei einem Gottesdienst im Altersheim habe ich gesagt, dass alte Menschen besonders schön sein können, wenn sie lächeln, wenn sie sich freuen, und habe erlebt, es war sehr bewegend, wie sich plötzlich ganz viele Gesichter öffneten, die Menschen lächelten, fast ein wenig erstaunt, auch ein bisschen stolz, es war wahrscheinlich lange her, dass sie jemand „schön" genannt hatte. Und sie waren schön, in diesem Augenblick, das habe ich gesehen, und habe für einen Moment geahnt, wie Gott uns wohl ansieht, und was er in uns entdeckt, in jedem von uns, in den ganz jungen und in den alten. Schade, wenn ich Angst davor habe, vor dem Lieben und dem Schön sein. Angst kommt von Enge, und die Welt wird eng, wenn ich mich ängstige.
Doch Gott sieht seine Menschen liebevoll an, das weitet die Enge. So dass ganz alte Gesichter schön werden können, und ganz junge strahlen dürfen wie die Sonne an einem wunderschönen Sommermorgen.
Vielleicht muss ich mich manchmal trauen, es einem Menschen zu sagen, dieses „lieb haben". Vielleicht wartet jemand schon lange darauf. Und möglicherweise könnte ich mich trauen, mehr zu lächeln. Das macht schön, ich habe es ja selbst gesehen.

https://www.kirche-im-swr.de/?m=8881
13AUG2010
DruckenAutor*in

Wenn ein Mensch nach einer schmerzhaften Trennung oder nach dem Tod des Partners wieder die Liebe entdecken darf, dann ist das wie eine Auferstehung mitten im Leben. Das Grab, in dem die eigene Sehnsucht nach Zärtlichkeit, nach einem Kuss, nach einem liebevollen Blick vergraben war, öffnet sich. Zögerlich zunächst wagt er sich hinaus, tastet vorsichtig, ob er diesem Wunder trauen darf, am Anfang noch jederzeit bereit, sich wieder in die Dunkelheit zurückzuziehen. Lieber tot bleiben als noch einmal so leiden müssen. Die Wunden schmerzen noch, selbst die Erinnerung tut weh. Darf die Haut wirklich wieder diese aufregende Nähe einer streichelnden Hand spüren? Mag ich einen anderen Menschen so nah an mich heranlassen? Nicht immer wohnt dem Anfang einer späten Liebe ein Zauber inne. Da ist zuerst auch viel Angst davor, enttäuscht zu werden, Sorge darum, was andere wohl sagen mögen, ein Misstrauen dem eigenen Herzen gegenüber, das doch schon weiß, was sich der Kopf noch nicht eingestehen will: Dieser Mensch berührt mich im Innersten meiner Seele, erkennt mich tiefer, als ich mich selbst kenne. Aber - darf ich meinem Herzen trauen? Deshalb ist die erste Zeit einer späten Liebe oft genug eine Zeit des Wartens und Zurückweichens, manchmal auch der Trauer, bis endlich der Sprung aus der Gruft riskiert wird. Diese Liebe braucht viel Geduld, auf beiden Seiten. Wie bei der Auferstehung ist es keine einfache Wiederholung dessen, was vorher war, sondern etwas unbekannt Neues. Die neue Liebe ist anders als die, die vergangen ist, muss es auch sein, und zugleich muss sie die Vergangenheit achten. Wer meint, in der neuen Liebe eine Rückkehr der alten zu finden, der sitzt noch in der Grabkammer des Vergangenen. Maria Magdalena erkannte den auferstandenen Christus, als der sie beim Namen rief, und so erkennt der Geliebte, der eben noch gefesselt war in den Leichentüchern alten Kummers, die Wahrheit der neuen Liebe an diesem Klang, der nur entsteht, wenn ein Name liebevoll gerufen wird. Und noch etwas ist neu: Die erste Liebe wähnt sich oft unsterblich, die späte weiß darum, dass ihre Zeit begrenzt ist. Das macht sie in einer einzigartigen Weise kostbar. Menschen, die sie erfahren dürfen, sind zutiefst dankbar. Jeder Kuss ist keine Selbstverständlichkeit, sondern ein Gottesgeschenk, so wie der Mensch, der mir geholfen hat, aus dem Grab verlorener Träume zu springen, um das Leben neu zu wagen, ein Geschenk Gottes ist.  Eine Kostbarkeit, ein Kleinod, funkelnd in der Sonne eines Sommermorgens: Späte Liebe.

 

https://www.kirche-im-swr.de/?m=8880
12AUG2010
DruckenAutor*in

Scham

von

Der Weg zur Hölle ist ganz einfach: ich muss mich nur schämen. Diese vernichtende Scham, die nicht das Private schützt, sondern es im Gegenteil verurteilt und preisgibt. Wie peinlich! Das kennen schon Kinder, schämst Du Dich nicht, diese schreckliche Frage, die Hölle kann früh beginnen. Sie öffnet ihre Pforten auch weit für Erwachsene. Wenn ich mich schäme, bin ich ganz allein. Die anderen Menschen rücken ab von mir, sie existieren nur als Fratzen, die mich auslachen. Ich versuche, die Reste meines Selbstbewusstseins zusammenzukratzen. Doch ich kann nur den Blick senken. Meine Seele blutet. Wer hilft aus dieser Hölle?
Jesus schien immun gegen jede Scham zu sein, die ihn klein machen wollte, die ihn zwingen wollte, den Blick zu senken. Ich glaube, das lag daran, dass er nie den Blickkontakt zu Gott aufgab. Bis zum Schluss gab es Leute, die über ihn spotteten. Und später gab es viele, die fanden seinen Weg nur lächerlich. Der Apostel Paulus wird schreiben, dass der Glaube an diesen Jesus Christus gerade den Gebildeten lachhaft war. Nicht ernst zunehmen. Peinlich, so ein Glaube. Allerdings wird sich Jesus nicht schämen. Er schlägt sich nicht die Hände vor´s Gesicht, er wird nicht schamrot. Denn nur so wird er wieder frei, der Weg aus der Hölle.
Jesus geht mitten hinein in das Reich der Scham. Lächerlicher kann niemand mehr sein. Wenn Christus sich so zum Gespött der Leute macht und sich nicht schämt, dann ist das der Weg aus der Hölle ins Paradies. Da wird die Scham von innen heraus zersetzt. Denn sie funktioniert nur, wenn man mitspielt und den Blick senkt, ihren Gesetzen gehorcht. Aber Gott hat sich in die Hölle der Scham begeben ohne ihren Gesetzen zu gehorchen. Erhobenen Hauptes.
Jesus geht diesen Weg. Jesus urteilt nicht. Er lacht nicht über uns. Für alle, die in der Hölle sitzen, weil sie sich zu Tode schämen, muss er seinen Weg gehen, damit sie ihren Heiland auf Augenhöhe erkennen können. Muss seinen Weg gehen um der Menschen willen, die sich sonst heillos in ihrer Scham verstricken würden - ohne jede Hoffnung auf Erlösung.  Er will nicht über uns lachen sondern mit uns, ein befreites Lachen, ein Lachen über die Hölle. Richtig paradiesisch.
Schämst du dich denn nicht, wenn dein Musiklehrer mit dir schimpft, fragte ich einmal mein Kind. Nein, Mama, antwortete mein Sohn, schämen bringt´s nicht, ich mach es lieber das nächste Mal besser, da hab ich mehr von! Und dann hat er so gegrinst, und da hab ich mir gut vorstellen können, dass mir mindestens ein Engel einen Tritt in den Hintern versetzt für meine dämliche Frage: Schämst du dich denn nicht. Und dass mindestens zwei Engel meinem Kind kräftig applaudieren und drei andere dem Teufel die Zunge rausstrecken. Und mein Kind grinste noch immer, und da wusste ich: wir sind gar nicht weit entfernt vom Reich Gottes.

https://www.kirche-im-swr.de/?m=8879

Der Mensch lebt nicht vom Brot allein. Jesus hat das gesagt und widerstand damit einer großen Versuchung. Jesus hat sich in die Wüste zurückgezogen, in die Einsamkeit und Abgeschiedenheit, zu Verzicht und Entbehrung. Er sucht seinen Weg. Vierzig Tage und vierzig Nächte fastet Jesus. Eine symbolische Zahl für eine lange Zeit. Sie kann zur Versuchung werden, das Fasten abzubrechen.
Dreimal, berichtet die Bibel, wird Jesus in der Wüste vom Teufel versucht. Eine Versuchung ist, Steine in Brot zu verwandeln. „Bist du Gottes Sohn, so sprich, dass diese Steine Brot werden."
Aber Jesus widersteht dem teuflischen Verführer.
Er sagt: „Der Mensch lebt nicht vom Brot allein." Er braucht mehr!
Brot allein gibt dem Leben keinen Sinn. Der Mensch braucht über das tägliche Brot hinaus auch Nahrung für seine Seele. Aber wer diesen Satz einem Hungernden sagt, macht sich schuldig. Und doch gilt der Satz: Brot ist mehr als physische Nahrung. Wir brauchen auch das, was das Leben reicher macht über das Nötige und Nützliche hinaus: Brot für die Seele, die Begegnung und das Gespräch mit anderen. Wir brauchen Farben, Töne, Worte. Wir brauchen zum Leben dieses Mehr. Erst so erfahre ich die Fülle des Lebens und werde empfindsamer für die Not anderer.
„Der Mensch lebt nicht vom Brot allein."
Ich brauche auch die Gewissheit, woher ich komme und wohin ich gehe. Und ich brauche zum Leben, dass ich gewollt bin, gebraucht werde, dass es jemand gibt, der für mich da ist. Aus dieser Quelle des Lebens lebe ich.
„Es gibt keine Existenz ohne die Suche nach Sinn", sagt Dorothee Sölle. Jeder Mensch braucht zum Leben etwas, was ihm ganz wichtig ist, was ihn trägt und erhält, etwas, das größer ist als er selbst. Es ist mehr als Brot allein. In dieser Suche bleiben wir angewiesen auf ein Gegenüber, auf eine gelebte Beziehung zum Leben, die wir Christen Gott nennen. Aus diesem Lebensgrund, aus dieser Quelle des Lebens erwächst Mut und Kraft.
Ich lebe von dieser Hoffnung, die mit Jesus in die Welt gekommen ist. Seit ihm und mit ihm ist der Wunsch nach Frieden und Gerechtigkeit größer geworden. Er ist das „Brot der Ermutigung" und damit die Bezweiflung aller Mächte und Gewalten, die sich als lebensrettend ausgeben. Jesu Vision einer gerechteren Welt sieht anders aus. Seine Botschaft macht Mut, miteinander am Mehr für jeden Menschen zu arbeiten, weil der Mensch nicht vom Brot allein leben kann.
Er braucht es, darauf vertrauen, glauben und hoffen zu können.

https://www.kirche-im-swr.de/?m=8867

„Wohin denn ich?" Diese Frage der Schriftstellerin Marie Luise Kaschnitz mag sich mancher in Zeiten der Einsamkeit und Verlassenheit stellen, wenn er sich wie in der Wüste fühlt: ausgebrannt und orientierungslos.
„Wohin denn ich?" Das ist auch die Frage Hagars. Im Alten Testament wird von ihr erzählt. Sie kommt aus Ägypten, ist Sklavin von Sara, der Frau von Abraham. Abraham und Sara sind kinderlos. Deshalb benutzt Sara ihre Sklavin Hagar, schickt sie zu Abraham, um durch sie einen Nachkommen zu bekommen. Hagar gehorcht ihrer Herrin und wird schwanger. Sie zeigt ihre Freude, ihr Glück, das über das Unglück der kinderlosen Sara triumphiert. Sara kann mit dieser Situation nicht umgehen. Sie demütigt Hagar wo und wie sie nur kann.
Und Hagar? Sie flieht, weil sie nicht mehr ein und aus weiß, bricht aus dieser unwürdigen Situation aus. Sie scheint frei, aber ihr Weg ist ein Weg in die Wüste. Statt Erniedrigung und Demütigung nun Öde und Einsamkeit.
„Wohin denn ich?" Denkt das nicht mancher, wenn sein Leben aus der Bahn gerät, wenn er nicht mehr ein und aus weiß, seine Zukunft dunkel erscheint?
Was für ein Leben, denkt auch Hagar. Warum bin ich zu diesem Volk Israel gekommen? Ich hatte von ihrem Gott gehört, der auf allen Wegen begleitet. Was für ein Gott, habe ich gedacht, einer der mit-geht. Ein solcher Gott sollte auch mein Gott sein. Aber wie sieht jetzt mein Leben aus? Leer und sinnlos. Wer bin ich denn? Eine Sklavin, ohne Zukunft, ohne eine eigene Geschichte.
In dieser Situation begegnet Hagar jemand, der sie wahrnimmt. Ein Engel. Er fragt: „Wo kommst du her, und wo gehst du hin?" „Ich weiß es nicht. Nur weg", sagt Hagar, „weg aus diesem Nichtleben." „Sieh in die Zukunft", sagt der Engel. „Gehe deinen Weg, auch wenn er mühsam ist. Kehre um. Wachse an dem, was vor dir liegt. Gott ist mit dir.
Mir sagt diese Geschichte: Fliehe nicht vor dem, was sich dir in den Weg stellt, sieh nicht nur das Schöne, sondern akzeptiere auch Leid und Schmerz als Teil des Lebens. Du hast eine Geschichte, und es gibt ein Morgen. Du bist nicht allein. Die Geschichte sagt auch, dass ich darauf angewiesen bin, dass gerade in Wüstenzeiten jemand da ist, der mich wahrnimmt, der zum Einhalten bewegt und der fragt: Wo kommst du her? wohin gehst du?  und der ermutigt, nach vorn zu sehen, um den Weg aus Einsamkeit und Verlassenheit zu finden.

https://www.kirche-im-swr.de/?m=8866

Begegnungen können ein ganzes Leben verändern. Sie können der Beginn für einen neuen Anfang sein.
Davon erzählt eine Geschichte im Johannesevangelium. Eine Samaritanerin kommt zum Jakobsbrunnen, um Wasser zu schöpfen. Sie kommt um die Mittagsstunde, zu einer Zeit, zu der sich wegen der Hitze kein Mensch aufmacht. Sie will niemand treffen, hat keinen guten Ruf in ihrem Dorf. Der Grund: Fünf gescheiterte Ehen und der sechste Mann ist nicht ihr Ehemann. So wird sie als Außenseiterin im Dorf gemieden. Sie fühlt sich unfrei, fremdbestimmt und hat es aufgegeben, in und mit ihrem Leben etwas zu wollen.
Diese Frau begegnet Jesus. Auch er ist durstig, auch er ein Außenseiter der Gesellschaft. Er bittet: Gib mir zu trinken. Das heißt für mich: Überwinde, was uns trennt. Aber die Frau weist Jesus in seine Grenzen: Wie kannst du mich um etwas zu trinken bitten! Du bist doch ein Jude und ich bin eine Samaritanerin! Aber Jesus verwickelt die Frau in ein Gespräch über die Quelle ihres Lebens. Solche Gespräche können im Leben Veränderungen auslösen, weil sie uns in ihrer Tiefe und Nachhaltigkeit bestimmen. Sie sind wie Oasen, die erquicken.
Jesus nennt es lebendiges Wasser. Die Frau begreift: da beschreibt einer meinen Durst nach etwas anderem in meinem Leben. Ahnt er, wonach ich mich sehne, woran ich leide, wovon ich immer wieder enttäuscht werde?
Gibt es das, lebendiges Wasser? Was stillt den Lebensdurst, diese Sehnsucht nach sinnerfülltem Leben? Sucht es nicht jeder von uns?
Jesus sagt es im Bild: Wenn du annimmst, was ich zu geben habe, findest du lebendiges Wasser. Du selbst kannst die Quelle in dir tragen, die Quelle, woraus du lebst. In dir entsteht Lebendiges. Erkenne, dass du selbst ein Brunnen bist, unverwechselbar. Schau in dich hinein! In dir ist Leben, das Leben geben will. In dir tief drinnen sind Träume, Wünsche, Hoffnungen, die dein Leben ausmachen. Lebe daraus! Lebe!
Gib mir zu trinken! Wie diese Frau möchte ich das auch sagen und so in meinen Brunnen, in die eigene Tiefe sehen und fragen: Was steckt in mir? Wo bin ich ich selbst? Was brauche ich, um lebendig zu sein? Auch ich lebe von solchen Begegnungen, die mich nach den Quellen in mir suchen lassen; von Begegnungen, die mir helfen, den Durst nach gelingendem, erfülltem Leben in mir wachzuhalten.

https://www.kirche-im-swr.de/?m=8865