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SWR2 Wort zum Tag

Religion und Glaube können Formen annehmen, die krank machen. Das ist schon länger bekannt. In diesen Tagen werden wir immer wieder mit der schrecklichen Wahrheit konfrontiert, dass sexueller Missbrauch gerade im Raum der Kirche Menschen unendlich verletzt und krank gemacht hat.
Auch wo Menschen ihren Glauben fundamentalistisch, fanatisch leben und weitergeben, wird das krankhaft, was doch eigentlich zu unserem Wohl sein möchte.
Ja, Religion und Kirche können den Menschen un-heilig, zum Unheil werden.
Und trotzdem: Ich möchte meinen Blick heute darauf wenden, wo Glaube heilen kann. Und wo er helfen kann, nicht zu resignieren vor dem, was das Leben schwer und bitter macht.
Die Gemeinschaft des Glaubens kann Menschen Halt geben, auch in schwersten Zeiten. Dem Einzelnen kann der Glaube eine große Hilfe sein, wenn es darum geht, bei seelischer und körperlicher Krankheit nicht klein beizugeben.
Die Psychologen sprechen von „Resilienz" und meinen damit: Jemand ist fähig, Schwierigkeiten im Leben zu begegnen ohne zu verzagen, ohne sich unterkriegen zu lassen. Als kürzlich eine Bekannte von mir psychisch erkrankte, konnte ich das selbst erleben. Ihr Glaube an Gott hat ihr sehr viel Halt gegeben in dieser sehr unsicheren und bedrohlichen Situation. Wenn ich weiß, dass es letztlich nicht nur in meiner Hand und in der Hand anderer Menschen liegt, was mit mir passiert, dann kann ich den Mut entwickeln, der gegen die Resignation kämpft.
Viele wissenschaftliche Studien in Psychologie und Medizin haben sich mit der Frage nach der Resilienz beschäftigt. Sie haben festgestellt, dass gläubige Menschen sehr viel bessere Chancen haben, die Tiefen des Lebens zu bewältigen - zumindest dann, wenn Sie nicht einer Form der Religion anhängen, die selbst krank und abhängig macht.
Ich glaube, dass es genau darum in der christlichen Botschaft geht: Befreiung, mündig werden, Erlösung, Resilienz.
Glaube, der Menschen nicht befreit, kann nicht im Sinne Gottes sein. Er ist nutzlos. Glaube der befreit aber ist wertvoll - für den Einzelnen und für die Welt - trotz der Gefahr, die von falsch verstandener Religiosität ausgeht.

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Meine Bekannte ist verrückt geworden. Kürzlich erst ist es passiert, wurde schnell immer schlimmer. Eine richtige Abwärtsspirale.
Begonnen hat alles, als sie in einer Phase von Stress und Ratlosigkeit steckte. Da hat sich etwas ver-rückt bei Ihr. Sie entfernte sich immer mehr von Ihren Arbeitskollegen, von allen Menschen. Sie begann zu glauben: Mich verfolgen bestimmte Leute - obwohl diese zu diesem Zeitpunkt ganz woanders waren. Sie begann andere zu verdächtigen - und stieß sie damit völlig vor den Kopf.
Kein Einzelfall. Hundertfach passiert so etwas jeden Tag, überall in unserer Nähe. Mein Freund ist Psychiater und hat mir erklärt, was da passiert und warum es gar nicht leicht ist, Menschen zu helfen, die seelisch erkranken. Etwas ver-rückt in ihrem Leben, wie wenn wir einen großen Schrank irgendwo hinrücken, wo er nicht hingehört und danach ständig daran stoßen.
Die Wissenschaft geht zum Beispiel bei Schizophrenie davon aus, dass Menschen eine Art Veranlagung für diese Krankheit in sich tragen können, die sie geerbt haben. Durch schwierige und unerwartete Lebensumstände wird dann die seelische Störung ausgelöst, die den Kranken und ihrer Umwelt das Leben so schwer macht.
Durch die Situation meiner Bekannten wurde mir bewusst. Es fällt mir viel schwerer, mit psychischer Krankheit umzugehen, als mit körperlichen Krankheiten. Ein Beinbruch, eine Blinddarmentzündung, sogar Krebs: Es ist klar, dass es dafür Ärzte gibt und ein Krankenhaus. Aber wenn sich jemand verfolgt fühlt, aus dem Rahmen fällt, sich nicht mehr normal verhält, dann ist das mit dem Krankenhaus gar nicht so selbstverständlich. Dem psychiatrischen Krankenhaus haftet immer noch der Ruf der „Irrenanstalt" an. Man spricht ungern darüber, wenn jemand dort „eingeliefert" wird und den Kranken selbst ist es peinlich.
Ich war sehr froh, dass meine Bekannte meinen dringenden Rat annahm und sich behandeln ließ. Und ich habe festgestellt, dass der medizinische Fortschritt in diesem Bereich ein Segen ist für die Menschen, wenn sie früh genug den Schritt machen und ärztliche Hilfe suchen.
Als Christ will ich dazu beitragen, das Stigma von psychischen Krankheiten zu entfernen. Nächstenliebe heißt Gemeinschaft zu pflegen mit den Gesunden wie mit den Kranken, mit den Verletzten am Körper und mit denen, in deren Seele sich etwas verrückt hat.

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In den letzten Monaten gab's täglich neue Nachrichten über den Missbrauch von Kindern und Jugendlichen in Einrichtungen der Katholischen Kirche. Die Berichte haben viele schockiert, mich auch. Alles kam auf den Tisch: Von der Ohrfeige bis hin zu sexuellem Missbrauch. Katholische Priester und Ordensmänner haben dabei oft ihre Stellung genutzt, Kinder und Jugendliche zu demütigen, zu verletzen und zu missbrauchen. Und bei vielen Menschen steigen jetzt eigene Erinnerungen an die Kindheit hoch. Ich hab mich selbst daran erinnert, dass der Pastor meiner Heimatgemeinde im Religionsunterricht regelmäßig Kopfnüsse verteilte. Heute undenkbar, damals normal.
Noch viel schlimmer ist das bei den zahlreichen Fällen sexuellen Missbrauchs, die es gegeben hat und gibt. Fälle, die mich sprachlos machen und auch beschämen. Schließlich gehöre ich selbst zu dieser Kirche. Und ich muss feststellen, dass es kirchliche Strukturen gibt, die lange Zeit den sexuellen Missbrauch und das Schweigen darüber begünstigt haben. Das finde ich umso beschämender. Sicher: In den letzten Jahren hat sich die Katholische Kirche aufgemacht, dagegen anzugehen, hat Richtlinien erlassen und sich vehement gegen Missbrauch eingesetzt. Aber die vielen Geschichten der Opfer, die wir lesen und hören können, sprechen eine deutliche Sprache: Jahrzehntelang hat die Kirche die Opfer alleine gelassen, hat ihnen nicht geglaubt oder sie abgewiesen, und sie hat sexuellen Missbrauch ignoriert, beschönigt oder verschwiegen.
Jetzt kommt, hoffentlich, die Zeit der ehrlichen Auseinandersetzung mit dem Thema „sexueller Missbrauch". Und das ist ein schmerzlicher Prozess. Für die Kirche - aber dann auch für die gesamte Gesellschaft. Weil eben sexueller Missbrauch ein Thema der gesamten Gesellschaft ist. Doch für die Kirche steht mehr auf dem Spiel. Für die Kirche steht in dieser Auseinandersetzung nämlich alles auf dem Spiel. Ihr Fundament, der christliche Glaube. Die Kirchen sind in der Gegenwart nie müde geworden, zu betonen: Das christliche Menschenbild wird getragen von der Vorstellung, dass Gott alle Menschen gleich schafft, gleichwertig und gleichrangig. Niemand erhält einen Vorzug. Und niemand darf benachteiligt und unterdrückt werden - erst recht nicht gequält und gedemütigt. Jeder Missbrauch, der geschehen ist, stellt diesen Glauben in Frage. Und  jeder Versuch, Missbrauch zu decken, die Täter zu schützen, ebenfalls. Die Kirche wird also unmissverständlich deutlich machen müssen, wie sie zu ihrem eigenen Glauben, ihrem Fundament steht. Und zwar dadurch, wie die Verantwortlichen mit Missbrauchsopfern umgehen. Wie sie ihnen zuhört und ihnen zur Seite steht.

https://www.kirche-im-swr.de/?m=8058

Träume begraben. Das gehört - leider - zum Leben dazu. Und es tut verdammt weh. Sich von eigenen Träumen, Wünschen und Hoffnungen verabschieden zu müssen. Zu erkennen: Ich werde kein toller Musiker mehr. Oder: Ich werde es kaum noch schaffen, Japanisch perfekt zu beherrschen. Oder: Mir fehlt die Kraft für eine lang ersehnte Reise. Träume begraben, das muss ich auch, wenn andere sagen: Lass es, das bringts nicht, du kannst das nicht. So was zu hören ist meistens ziemlich bitter und tut weh. Selbst wenn es ehrlich ist. Aber ich glaube nicht, dass damit alles aus ist. Träume begraben, das kann auch heißen: Es ist Platz für Neues, für neue Träume, für lebendige Hoffnungen.
Eine der Ostergeschichten erzählt von solchen begrabenen und neuen Träumen, von gestorbener und auferstandener Hoffnung.
Da kommen einige Frauen zum Grab Jesu. Sie haben sich mit Salben und Cremes ausgerüstet. Und dann auf den Weg gemacht, um den toten Jesus einzubalsamieren. Ihn also endgültig für tot zu erklären. Wenige Tage, nachdem dieser Jesus am Kreuz hingerichtet wurde, sagen die Frauen: Wir müssen uns damit abfinden, dass Jesus nicht mehr am Leben ist, dass er wirklich tot ist. Wir begraben also unsere Träume, die wir hatten. Begraben die Träume von einem neuen, anderen Leben. Und das tun die Frauen auch im wahrsten Sinn des Wortes. Sie steigen in das Grab hinab, eine Höhle, und suchen den toten Jesus. Doch der ist nicht zu finden. Ratlos verlassen die Frauen das Grab. Da wollten sie sich endgültig von ihren Träumen verabschieden. Und dann ist der Tote unauffindbar. Draußen treffen die Frauen dann zwei Männer. Und die fragen sie „Was sucht ist den Lebenden bei den Toten?"
Die Frage übersetze ich so: Warum hängt ihr noch den begrabenen Träumen nach? Warum richtet ihr euch im Tod ein? Macht euch auf und sucht das Leben. Und zwar nicht am Grab. Nicht bei den alten Träumen. Denn die sind tot. Was jetzt zählt sind die neuen Hoffnungen und Träume. Und da gehen den Frauen die Augen auf. Sie erkennen: Es ist etwas zu Ende gegangen. Aber das Leben lässt sich nicht bei den Toten finden.
„Was sucht ihr den Lebenden bei den Toten?" Das finde ich einen hilfreichen Leitsatz für mich selbst. Wenn ich einen Traum begraben muss. Der Satz macht mir Mut. Guck doch, was Neues und Gutes entstehen kann, selbst wenn es auf den ersten Blick anders aussieht. Es gibt Leben jenseits des Todes, jenseits der  beerdigten Hoffnungen. Vielleicht ist noch nicht klar, wie dieses Leben aussieht und was es ist, aber es kann kommen.

https://www.kirche-im-swr.de/?m=8057

Mein Handy ist nach Hamburg gereist. Leider ohne mich. Ich saß im Zug, hab gelesen, total vertieft und dann guck ich aus dem Fenster und sehe den Bahnhof, sehe das Schild: Mainz. Hier musst du raus, denke ich nur, raffe schon meine Sachen zusammen und dann spring ich aus dem Zug. Puh, geschafft! Leider ohne mein Handy. Das hatte ich auf dem Nachbarsitz vergessen. Ich hab's noch im Bahnhof gemerkt, bin zum Service und von Pontius nach Pilatus, nichts zu machen. Was blieb, war die Hoffnung, dass der Zugbegleiter oder ein freundlicher Bahnfahrer mein Handy findet und abgibt.
Ein Leben ohne Handy, ja, das ist auch im 21. Jahrhundert möglich. Ich bin kein Vieltelefonierer. So schlimm war das also nicht. Es war das erste Mal, dass ich etwas im Zug vergessen habe. Und ich habe wieder einmal gemerkt, wie sehr ich doch auf andere Menschen angewiesen bin. Am Service waren alle furchtbar nett. Haben erst mal im Zug angerufen und mit dem Zugbegleiter gesprochen, dann meine Daten aufgenommen und versprochen, sich um das Handy zu kümmern. Schnell war klar, der Zug fährt nach Hamburg, also hab ich auch die Nummer vom Fundbüro dort gekriegt. Und so ging es eigentlich weiter. Bei meinem Telefonanbieter haben sie mich freundlich beraten, ob ich jetzt mein Handy sperren lassen soll oder nicht und wie das geht und so weiter. Ich muss zugeben: Bis auf den Aufwand, den ich doch betreiben musste, hat es fast sogar Spaß gemacht, das Telefon zu verlieren.
Der schwedische Schriftsteller Lars Gustafsson berichtet in seinem Buch »Palast der Erinnerungen« von seinen Reisen. Und er schreibt, dass er ziemlich viel rumgekommen ist und viele Menschen kennen gelernt hat. Von Nordschweden bis Südaustralien, von der chinesischen Provinz bis ins amerikanische Hinterland. Sein Fazit: Gute Menschen sind in der überwältigenden Mehrheit. Überall findet Gustafsson auf seinen Reisen Menschen, die ohne viel zu fragen alles unternehmen, damit es dem anderen gut geht. Gustafsson kommt überallhin als Gast und erlebt Gastfreundschaft zu genüge. Wildfremde Menschen unterstützen ihn, wo sie können.
Als ich mein Handy wiederkriegen wollte, habe ich verstanden, was Gustafsson meint: Überall bin ich auf hilfsbereite, freundliche Menschen getroffen. Niemand hatte etwas davon, mir zu helfen. Aber alle waren dazu ohne Umstände bereit.
Übrigens: Mein Handy hab ich wieder. Der Zugbegleiter hat's  auf meinem Sitzplatz entdeckt, eingesteckt und in Hamburg abgegeben. Ein paar Tage später landete es dann wohlbehalten mit der Post in meinem Briefkasten.

https://www.kirche-im-swr.de/?m=8056

Heute haben viele Kommunionkinder frei. Gestern sind Sie zur Erstkommunion gegangen, haben zum ersten Mal an der Eucharistiefeier teilgenommen, zum ersten Mal eine Hostie gegessen, und haben dann bis in den Abend hinein mit vielen Gästen gefeiert. Für viele ist es sicher ein toller, ein unvergesslicher Tag gewesen - und für viele Gäste auch. Da gönne ich allen einen freien Tag danach.
Aber wenn man sich dieses Fest genauer ansieht, dann können doch Fragen aufkommen. Wofür eigentlich dieser Aufwand? Und ist der wirklich gerechtfertigt, wenn es doch nur um ein kleines Stück Brot geht? Berechtigte Fragen. Bei der Erstkommunion wird tatsächlich viel Aufhebens um so etwas unbedeutendes, wie eine Hostie, eine dünne Oblate gemacht. Aber für mich steckt genau in diesem scheinbaren Widerspruch eines der Geheimnisse dieser Feier. Es gibt sicher wenig alltäglicheres, als ein Stück Brot. Ein Brot im Bäckerladen kostet vielleicht 2 Euro 15. Breche ich ein Stück davon ab, halte ich Brot für nicht mal einen halben Cent in der Hand. Wenn aber das Brot so  geringen materiellen Wert hat, wie kann es dann im Mittelpunkt einer Feier stehen, die gestern anfing und bis heute dauert?
»Kommunion« heißt nicht mehr und nicht weniger als »Gemeinschaft«. Gefeiert wird nicht das Brot, die Oblate, die Hostie, sondern die Gemeinschaft, die damit verbunden ist.
Und wie lässt sich Gemeinschaft besser erfahren, als in einem Fest?
Allerdings ist Brot, so billig und verfügbar es ist, auch ein Lebensmittel. Mittel zum Leben. Eine Art Ursubstanz. Brot ist notwendig zu unserem Leben, es ist genießbar, macht satt. Brot zu essen, gerade in einem Gottesdienst, heißt also auch: Ganz bewusst mit dieser Ursubstanz in Beziehung zu treten. Sich darauf zu besinnen, was Leben eigentlich ausmacht. Es sind ganz wenige Zutaten, aus denen Brot gemacht wird. Und so sind auch nur wenige Zutaten für unser Leben wirklich notwendig. Eines davon ist eben Gemeinschaft. Und wie lässt sich Gemeinschaft besser erfahren, als wenn Menschen miteinander essen, feiern, lachen und singen.
Jesus bricht Brot kurz bevor er stirbt, und verteilt es an seine Freunde. Mit dieser ganz einfachen Geste macht er deutlich, dass Gemeinschaft für das Leben zentral ist. Gemeinsam essen führt uns zu dem, was Menschsein ausmacht: Freundschaft, Gemeinschaft, und Zusammenhalt, selbst wenn der Tod das Leben bedroht. Da muss man gar keine großen Worte machen. Das Bild eines gemeinsamen Essens leuchtet jedem sofort ein. Und wenn dann nicht das mehrgängige Menü aufgefahren wird, sondern nur ein Stück Brot und ein Schluck Wein, dann ist klar: Es geht nicht ums schlemmen und satt werden, sondern es geht um den Hunger auf Gemeinschaft und Zusammengehörigkeit. Diesen Hunger mit einem Fest zu feiern halte ich für keine schlechte Idee.

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