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SWR2 Wort zum Tag

Ich glaube, wer seinen eigenen Stil gefunden hat, ist dankbar für sein Leben.
„Der Mensch hat Stil.“ Das sage ich, wenn ich jemanden als freundlich und höflich empfinde, oder wenn sich jemand seine Wohnung geschmackvoll einrichtet, sich schick kleidet, oder wenn jemand einen Sinn für das Schöne hat.
Aber was ist Stil? Ist das nur etwas rein Äußerliches? Etwas, das mit Reichtum und Luxus zu tun hat, etwas das sich nicht jeder leisten kann?
Ich finde Menschen stilvoll, die einladend sind für andere. Ich bin gerne mit Menschen zusammen, die warmherzig sind, die durch ihre Offenheit faszinieren. Ich staune über Menschen, die Größe zeigen bei Konflikten und Schicksalsschlägen. Ich finde, es hat auch mit Stil zu tun, wenn jemand trotz Arbeitslosigkeit und Krankheit nicht aufgibt und wieder von vorne beginnt. Es ist stilvoll, wenn Menschen, die wenig haben, trotzdem teilen. Es ist großer Stil, wenn jemand unerwartet auf mich zukommt, und einen Fehler eingesteht und um Verzeihung bittet. Menschen, die zu ihrem Leben stehen, so wie es geworden ist. Die überzeugen, weil sie ehrlich und authentisch sind.
Woher kommt dieser Mut zum eigenen Lebensstil?
Ich glaube, Stil ist etwas, das in unserem Inneren verwurzelt ist.
Stil ist die innere Gewissheit und Zufriedenheit, dass mein Leben, so wie es ist, gut ist. Dieses Gefühl zu haben, angekommen zu sein, hat für mich auch mit Gott zu tun.
In der Bibel lese ich im Psalm 139: „Gott, du hast mein Inneres geschaffen, mich gewoben im Schoss meiner Mutter. Ich danke dir, dass du mich so wunderbar gestaltet hast.“
Diese Worte sagen mir, dass Gott mich, so wie ich bin, geplant hat. Ich bin gewollt, geliebt und darauf kann ich aufbauen. Das gibt mir Sicherheit. Deshalb möchte ich dankbar auf mein Leben zurückblicken und mit Zuversicht in die Zukunft schauen. Ich glaube, wer seinen eigenen Stil gefunden hat, ist dankbar für sein Leben. Es ist schön, wenn ich diese Dankbarkeit auch anderen weitergeben kann. Ich mache das am liebsten, indem ich davon erzähle. Das ist eben mein Stil.
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„Ich bete für die verletzten Frauen und ich danke für die Frauen, die ihr Leben für andere einsetzen.“
Heute ist Weltgebetstag der Frauen. Das ist kein politischer Aktionstag für Frauen, sondern ein Tag des Gebets für die Anliegen von Frauen. In vielen Ländern der Welt begegnen sich heute Frauen, um gemeinsam zu beten. Frauen aus unterschiedlichen Konfessionen und Kulturen zeigen, wie wichtig das gemeinsame Gebet und der gemeinsame Glaube sind.
Auch in den Kirchen bei uns gibt es heute viele Gebetszeiten und Gottesdienste von Frauen für Frauen. Die Texte für die Gottesdienste haben Frauen aus Kamerun gestaltet mit dem Leitwort: „Alles, was Atem hat, lobe Gott.“
Das Lob an Gott, den Schöpfer, steht als Motto über diesem Tag. „Alles was Atem hat, lobe Gott.“ Ein Satz, der für mich Lebensfreude und Zuversicht ausdrückt. Dennoch bleibt das Beten nicht beim Loben stehen. Auch die Klage hat im Gebet ihren Platz. Deshalb wird am Weltgebetstag der Frauen nicht nur gebetet, sondern auch ganz konkret geholfen, dort wo es Klagen und Leid gibt. Dieses Jahr zum Beispiel wird Geld gesammelt für Frauenprojekte in Haiti und Kamerun. Frauen, die durch Erdbeben und andere Katastrophen alles verloren haben, sollen wieder ein neues Leben beginnen können.
Der Weltgebetstag ist für mich ein Tag der Hoffnung. Ich glaube daran, dass Gebete etwas verändern können. Ich bete, weil ich weiß, dass sich nicht alles von alleine zum Guten bessern kann. Ich habe das Vertrauen und ich hoffe darauf, dass Gott mithilft. Im Gebet kann ich alles vor Gott hinbringen, was mich bedrückt, aber auch alles, wofür ich dankbar bin. Ich glaube, dieses Vertrauen haben auch all die Frauen, die sich heute zum gemeinsamen Gebet treffen. Ich bin überzeugt, dass aus dem Gebet auch viele neue Impulse entstehen können.
Dass sich auch Männer für Frauen einsetzen wollen, sich für ihre Themen interessieren. Dass sie offen werden und wachsam, wenn Frauen Unrecht geschieht.
Der Weltgebetstag der Frauen ist für mich Anlass, für alle Frauen zu beten, denen es nicht so gut geht, auch hier bei uns:
„Ich bete für die verletzten Frauen. Ich bete für die ausgegrenzten Frauen, ich bete für die verstorbenen Frauen. Ich bete für die Frauen, die Hilfe brauchen. Gott ich danke dir für die Frauen, die mein Leben bereichern, ich danke dir für die Frauen, die ihr Leben für andere einsetzen. Alles, was Atem hat, lobe dich, Gott.“

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Fastenzeit. Woche drei. Und wie sieht’s mit den Vorsätzen aus? Nach Aschermittwoch war ich guter Dinge. Ich hatte in den letzten Monaten viel zu viele Süßigkeiten gegessen. Aus Stress, aus Appetit, um mich zu belohnen für dies und das. Schokolade, Lakritz, Plätzchen, ich mag alles, was süß ist. Oft genug war ich dann so voll, dass ich bei den normalen Mahlzeiten keinen richtigen Hunger mehr hatte. Das war einfach kein Zustand mehr. Also hab ich mir gedacht: ab Aschermittwoch soll es sieben Wochen ohne gehen. Und ich wollte in der Zeit rauskriegen, wie ich besser mit meiner Lust auf Süßes umgehen kann. Die ersten paar Tage waren kein Problem. Ich hab endlich mal wieder Äpfel zwischendurch gegessen. Mich besser gefühlt. Aber dann ging’s los. Beim Einkaufen. Mann, ist das schwer, an den Regalen vorbeizukommen, aus denen alles, was Zucker hat, herausquillt. Die Süßigkeiten betteln ja förmlich darum, gekauft zu werden. Flehen: Nimm mich mit.
Ich hab’s aber bis heute geschafft, nichts davon zu essen. Nach der Methode: Nur heute. Die Methode geht ganz einfach. Da geht es nicht darum, zehn Kilo abzunehmen oder sieben Wochen zu fasten. Es geht nur darum den Tag heute zu bestehen. Heute, an diesem Tag, keine Schokolade zu essen, keine Zigarette zu rauchen, kein Auto zu fahren. Nur heute. Was morgen ist, ist eben morgen. Es geht nur um Jetzt, diesen Augenblick, diesen Tag. Und den versuche ich, so gut es geht, zu bestehen.
Ich versuche zugleich, nicht nur auf mein Fasten acht zu geben. Ich versuche insgesamt aufmerksamer zu sein. Ich glaube, das ist der tiefe Grund für Fasten überhaupt. Und das ist auch der Grund, warum der christliche Glaube das Fasten kennt. Wer nämlich fastet, kann aufmerksamer werden. Aufmerksamer auch für den eigenen Appetit, für bisweilen übermäßigen Appetit. Denn vom Mehr-Essen-Wollen zum Mehr-Haben-Wollen ist es oft nur ein kleiner Schritt. Und im Fasten liegt die Chance, sich immer wieder vom Mehr-Haben-Wollen zu verabschieden. Fasten betrifft also nicht nur das Essen. Ich kann nämlich auch Appetit auf Macht haben, auf Ansehen und Geltung, auf Geld. Heute zu fasten, das heißt: Ich nehme Abstand von meinem Appetit. Und bekomme so vielleicht offene Augen für Menschen, denen der ungesunde Appetit schadet. Menschen, die ungerecht behandelt werden, weil jemand anderes Hunger auf Macht hat. Menschen, die ausgebeutet werden, weil jemand Hunger auf Geld hat. Mein Fasten wird das nicht ändern. Aber wenn ich mir heute darüber bewusst bin, kann ich selbst anders handeln.
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Heute morgen gibt’s bei uns Brot. Wie jeden Morgen. Wie auf vielen anderen Frühstückstischen auch. Brot: ein gewöhnliches Lebensmittel, überall zu kriegen und in tausend Sorten zu haben. Doch obwohl Brot selbstverständlich ist, ist es doch mehr als nur ein Nahrungsmittel. Meine Eltern haben auf jedes Brot mit dem Finger ein Kreuz gezeichnet. Und dann erst angeschnitten. Brot, das sagt mir diese Geste, ist mehr als nur Nahrung. Brot ist ein Lebensmittel. Ein Mittel zum Leben. In einer Geschichte wird davon packend erzählt.
Als ihr Vater, ein bekannter Arzt, stirbt, lösen die Kinder seinen Haushalt auf. Im Arbeitszimmer findet sich in einem Schrank ein steinhartes, vertrocknetes Brot. Die Kinder können sich keinen Reim darauf machen. Aber die alte Haushälterin kennt die Geschichte des Brotes. Kurz nach dem Krieg wurde der Vater richtig krank. Alle rechneten mit seinem Tod. Da brachte ihm ein Freund ein halbes Brot. „Ich sterbe sowieso“, sagte der Vater und verschenkte das Brot an die Nachbarsfamilie. Aber die wollte das wertvolle Brot auch nicht für sich behalten. Da war doch die alte Frau, oben im Dachgeschoss. Die hatte Hunger. Die sollte das Brot haben. Doch auch die alte Frau reichte das Brot weiter – an ihre Tochter. Die lebte mit ihren Kindern in der Nähe und auch sie hatten in der Nachkriegszeit nichts zu essen. Aber die Tochter kannte den sterbenskranken Arzt. Er hatte ihrem Kind geholfen, als es selbst todkrank war. Der, da war sie sich sicher, brauchte das Brot am dringendsten. Und so trug sie das Brot wieder zurück zum Ausgangspunkt. Die Haushälterin erinnert sich: „Es war unser Brot. Unten drunter klebte noch das Schild vom Bäcker.“ Seitdem hat der Vater das Brot aufbewahrt. Ein ganz normales halbes Brot. Das aber durch viele Hände gegangen war, das viele satt gemacht hatte, ohne dass es angeschnitten wurde. Ein Brot, das viele gesund gemacht hat, geheilt hat, ohne gegessen zu werden. Und die Haushälterin erzählt den Kindern: „Für euren Vater war das Brot heilig, kostbar. Weil es von der Hoffnung erzählt. Der Hoffnung, dass es Menschen gibt, die füreinander da sind. Es war für euren Vater ein Brot voller Hoffnung. Deswegen hat er es nie angerührt.“
Morgen für Morgen esse ich Brot. Meistens beim Zeitungslesen oder während ich mit meiner Frau und den Kinder den Tag bespreche. Dass Brot aber mehr sein kann, als nur Nahrungsmittel, fällt mir selten ein. Heute morgen will ich es als ein Brot essen, das von Hoffnung erzählen kann.
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Was war das für ein Theologe. Fridolin Stier (* 20. Januar 1902 im Allgäu; + 2. März 1981 in Tübingen). Keiner, der sich von der alten theologischen Sprache abspeisen ließ. Einer, der bis zu seinem Tod auf der Suche nach Gott war. Und sich nie sicher war über diesen Gott. Ob’s Gott gibt. Wie er ist. Was er sagt. Friedolin Stier war jemand, der mit Gott gerungen hat. Der nicht loskam von ihm. Das Fragen und die Suche nach Gott hat Stier nie aufgegeben. Heute, vor 29 Jahren, starb er in Tübingen.
Vor allem sein Tagebuch »Vielleicht ist irgendwo Tag« fasziniert mich bis heute. Weil es einen unglaublich wachen Menschen zeigt. Einen Menschen, der mit der Welt und mit dem Glauben nie zu Rande und nie an ein Ende kommt. Stiers Glaube ist ein Kampf mit dem Zweifel. Und er steht zu diesem Zweifel. Geht produktiv damit um. Er klopft die biblischen Texte und die frommen theologischen Traktate immer wieder und immer neu ab. Was sagen sie mir? Passen sie überhaupt zu meinem Alltag? Wie lässt sich angesichts der modernen Welt Gott überhaupt verstehen? Stier buchstabiert den Glauben nicht von ungefähr als Unterwegs-sein aus. Er schreibt: „…ich bin nämlich nirgendwo zu Hause, ich bin unterwegs … ich gehöre zum wandernden Volk, mein Land ist die Wüste, die Schakale der Wissenschaft heulen in der Nacht um mein Lager, … die Eulen der Absurdität huschen über mich hin und künden den Tod und das Nichts in die Nacht.“ (135)
Das wandernde Volk. Ein starkes Bild. Stier vergleicht sich, sein Leben, seine Frage nach dem Glauben mit den Israeliten, die aus Ägypten ziehen. Und die dann vierzig Jahre in der Wüste unterwegs sind. Und sich immer wieder fragen: Ist Gott überhaupt noch da? Hält er zu uns? Begleitet er uns?
Stiers Wüste ist die Gegenwart. Sind die Fragen der Naturwissenschaft. Sind die vielen absurden, tragischen Lebensmomente, die das moderne Leben prägen. Er nimmt die Frage ernst, ob es überhaupt sinnvoll ist, an einen Gott zu glauben, wenn Menschen sterben müssen, wenn das Universum immer mehr entzaubert wird. „Theologie im Vorhof“ (347) hat Stier dieses Ringen mit Gott und dem Glauben genannt. Zu Recht. Seine Theologie findet nicht drinnen im Tempel, im Heiligtum, in der Kirche statt, sondern davor. In der Welt, diesem Vorhof des Glaubens. Kein gemütlicher Ort: Da zieht es, da geht nicht immer alles glatt auf, da gibt es mehr Fragen als Antworten. Kein Ort also zum Wohlfühlen. Aber vielleicht der einzig glaubwürdige Ort für den Glauben heute.

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Heute, am 1. März, machten sich bis ins 19. Jahrhundert hinein vor allem Frauen auf den Weg. Sie suchten nach Märzwasser. Das ist Wasser aus Märzschnee oder auch Wasser aus einem Fluss, der Anfang März noch den geschmolzenen Winterschnee mit sich führt. Das Wasser des ersten Märztages galt als besonderes Wasser: Es macht angeblich gesund und soll etwa gegen Würmer helfen. Außerdem ist es ein Schönheitsmittel. Märzwasser, so der Glaube, ist gut gegen Sommersprossen, lässt Flechten und Schuppen verschwinden und macht die Haut rein. Heilkraft besitzt dieses Wasser angeblich auch bei Augenkrankheiten. Nicht genug damit. Märzwasser vertreibt sogar Ungeziefer. Man muss nur mit diesem besonderen Wasser die Wohnung putzen oder Schnee vom ersten März unter das Bett werfen. Schon ist man das Ungeziefer quitt. Wasser für fast alle Fälle also.
Doch schon die Lexika des 19. Jahrhunderts sind da skeptisch. Der Glaube ans Märzwasser passt nicht so recht ins Zeitalter der Aufklärung. So hält die »Oekonomische Encyklopädie« den Glauben an das Märzwasser für „lächerlich“.
Ich gebe zu: Auch ich bin skeptisch. Zumal ich Sommersprossen schön finde und Ungeziefer gibt’s bei uns zu Hause auch nicht. Trotzdem finde ich die Bräuche rund ums Märzwasser spannend. Denn Wasser verbindet sich ja grundsätzlich mit Leben. Das lässt sich jeden Morgen feststellen. Die Dusche oder ein Schwall Wasser ins Gesicht machen lebendig, erfrischen. Wasser ist wirklich elementar fürs Leben: Wenn ich etwa faste, kann ich aufs Essen verzichten, aber nicht aufs Trinken. Wasser muss sein, damit der Körper auch in der Fastenzeit nicht verrückt spielt. Aber Wasser ist mehr als nur biologisch wesentlich. In vielen Religionen steht Wasser für Reinheit, für einen Neuanfang. So kennen die Juden das rituelle Bad, den Hindus dient der große indische Fluss Ganges zur materiellen und spirituellen Reinigung. Und Christen taufen bis heute mit Wasser. Denn Wasser macht nicht nur von außen sauber, sondern steht für eine Erneuerung und Erfrischung überhaupt.
Das alles weiß ich – und denke doch meistens gar nicht daran. Wasser ist einfach da. Ich benutze es, trinke es, wasche mich damit. Und mache mir keine Gedanken dabei. Das Märzwasser hingegen lenkt den Blick auf alle Dimensionen des Wassers. Macht darauf aufmerksam, dass Wasser mehr ist als H20, dass Wasser ein Lebensmittel ist. Notwendig für das Leben in all seinen Dimensionen.
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