Alle Beiträge

Die Texte unserer Radiosendungen in den Programmen des SWR können Sie nachlesen und für private Zwecke nutzen.
Klicken Sie unten die gewünschte Sendung an.


SWR2 Wort zum Tag

Heute ist es auf den Tag 65 Jahre her, seit eine Bombardierungswelle der Alliierten große Teile der Stadt Dresden in Schutt und Asche gelegt hat. Mehrere Zehntausend Menschen fanden den Tod.

Welchen Sinn kann es haben, die Erinnerung an diese Bombennächte bis heute wach zu halten? Zum einen wahren solche Tage der Erinnerung die Würde der Opfer, die sinnlos und grausam vom Tod getroffen wurden. Die Erinnerung hält uns darum auch immer wieder jene Bilder von Menschen vor Augen, die ziellos durch die zum Ruinenfeld gewordenen Städte irren. Ohne Aussicht auf eine bessere Zukunft.

Rudolf Mauersberger, Kantor an der Dresdener Kreuzkirche, hat diese Bilder der Zerstörung in einer Kantate aufgenommen, die schon im August 1945 in der ausgebrannten Kreuzkirche uraufgeführt wurde. Wer die Kantate „Wie liegt die Stadt so wüst“ einmal gehört hat, den lässt sie nicht mehr los. Ganz nah ist diese Komposition noch den Ereignissen des 13. Februar 1945.

Doch bei dieser Erstarrung derer, die die Bombardierung überlebt haben, ist es nicht geblieben. Und gottseidank können wir heute auch wieder hoffnungsvollere Lieder singen! Wenn unser heutiges Erinnern einen Sinn haben soll, dann den, uns zu helfen, wie wir die Wiederholung derartiger Katastrophen verhindern können. Darum genügt die bloße Erinnerung nicht. Sie muss mit dem Anspruch einhergehen, einen Lernprozess in Gang zu setzen. Erinnerungslernen heißt dieses anspruchsvolle Programm der gegenwärtigen Pädagogik, an dem Pädagogen international zusammenarbeiten. Beispiele solchen Lernens im Blick auf die Vergangenheit gibt es schon lange. Gerade auch in Dresden, wo heute zu einer Menschenkette unter dem Motto „Erinnern und Handeln“ eingeladen wird. Als Protest gegen die Aufmärsche der Neonazis.

Doch Erinnerungslernen meint mehr. Es soll zu einem flächendeckenden Programm in Kindergärten und Schulen werden. Soll Formen der Versöhnung über Grenzen hinweg einüben. Versöhnung ist ein zentraler Begriff der Bibel. Darum können sich auch solche Kehrwendungen in der Pädagogik wie das Erinnerungslernen auf die Bibel berufen. Beim Propheten Jesaja heißt es etwa: Die Menschen werden nicht mehr lernen Krieg zu führen. Das wäre eine lohnende Lehre aus der Vergangenheit. Und die Erinnerung an die schrecklichen Bombenächte von Dresden könnte helfen, dass unsere Kinder lernen, wie sie in eine bessere, friedlichere Zukunft hinein aufwachsen können.
https://www.kirche-im-swr.de/?m=7728
Es gibt Menschen, für die sind die närrischen Tage die ernsthaftesten des Jahres. Und der Apostel Paulus, da bin ich mir fast sicher, brächte ihnen durchaus große Sympathie entgegen. Denn er schreibt in einem Brief an die Gemeinde in Korinth: Wer unter euch meint weise zu sein, der werde ein Narr, dass er weise werde. Wenn ich diesen Satz so nehme, wie er da steht, heißt das doch: Um so zu leben, dass ich Gott recht bin, habe ich es als Narr leichter als mit allen krampfhaften Versuchen, irgendwelchen Anforderungen anderer an mich zu entsprechen. Wer sich so zum Narren machen lässt, ist, nimmt man Paulus ernst, geradezu weise zu nennen .

Was findet Paulus an diesem Modell des Narren so attraktiv? Warum sagt auch bei uns ein Sprichwort: Kinder und Narren sagten die Wahrheit? In früheren Zeiten gab es an Königshöfen die sogenannten Hofnarren. Von ihnen konnten die Herrschenden hören, was die Leute wirklich dachten. Die Narren konnten sich das freimütige Wort leisten konnten. Und mussten ihren Narrenmut manchmal auch mit dem Leben bezahlen. Die Hofnarren wussten: Es ist gefährlich, ein Narr oder eine Närrin zu sein. Aber sie erfüllten eine unverzichtbare Aufgabe. Weil es ihnen um die Wahrheit ging.

Und um er Wahrheit willen, darf ich mir nicht zu schade sein, mich in diesem Sinn zum Narren machen zu lassen. Nein, ich werde künftig nicht mir der Narrenkappe durch die Welt gehen. Auch bittere Wahrheiten kommen mir meist wohlgesetzt über die Lippen. Und auf ein festes Dach über dem Kopf möchte ich schon gar nicht verzichten. So zu leben wie etwa Franz von Assisi, den seine Zeitgenossen damals einen Narren nannten, das ist kein allgemein gültiges Lebensprogramm. Die Lebensweisheit des Franziskus – sie bestand tatsächlich darin, auf all das zu verzichten, was dem Narrenstand im Wege steht. Sein Vermögen hat er dran gegeben. Und die gesellschaftliche Position, die im von seiner reichen Herkunft her eigentlich offen stand. Leben so wie Franziskus, das kann ich nicht. Aber eine gewisse Narrenfreiheit, die möchte ich mir bewahren. Oder mich zumindest um sie bemühen. Auch wenn das nicht immer ganz einfach ist. Wie das gehen könnte? Indem ich etwa das offene Wort nicht scheue, wo Menschen Unrecht geschieht. Indem ich zumindest den kleinen Aufstand zugunsten der Wahrheit riskiere. Oder mit Narrenmut das Schweigen brechen, wenn sich sonst keiner zu reden traut.

Und Gott, da bin ich mir mit Paulus sicher, hat für die Narren eine besondere Vorliebe. Daran möchte ich mich heute erinnern lassen, wenn mir der eine oder andere Narr über den Weg läuft.
https://www.kirche-im-swr.de/?m=7727
Nein, ich bin ganz bestimmt kein glühender Anhänger der närrischen Tage. Aber der schmutzige Donnerstag fasziniert mich dennoch irgendwie. Letzte Genussmöglichkeit vor der Fastenzeit – so lässt sich für mich das Motto dieses Tages beschreiben. Grund dafür die Tradition, der er sich verdankt. Schmutzig oder schmotzig - das ist ein altes Wort für fettig. Denn im Mittelalter war der Donnerstag vor dem Aschermittwoch der letzte Tag, an dem geschlachtet und gebacken werden durfte. Der Brauch des Backens an diesem Tag hat sich manchorts bis in unsere Tage fortgesetzt. Wenn ich an die in siedendem Fett gebackenen Fasnetküchlein meiner Kindheit denke, habe ich immer noch deren einmaligen und besonderen Geruch in der Nase.

Die Fastenzeit haben viele Menschen längst wieder neu entdeckt. Und an Ratgebern, worauf ich in diesen sieben Wochen alles verzichten könnte, herrscht kein Mangel. Aber wo finde ich Hilfe für das gegenteilige Programm? Gib es auch den kleinen Genussratgeber?

Der ist gänzlich unnötig, höre ich mache sagen. An den vielen kleinen Verführern, die uns zum Genuss verlocken, herrscht doch kein Mangel. Wir bemühen uns doch jeden Tag aufs Neue, nicht unter die Räder ungezügelten Genusses zu kommen.

Ich finde, unnötig ist ein kleiner Genussratgeber ganz und gar nicht. Denn nicht der übermäßige Genuss ist die Kunst. Sondern der befreiende Genuss. Der Genuss im Kleinen. Damit es überhaupt ein Genuss ist. Und nicht etwa Völlerei. Nur wer richtig genießen kann, kann am Ende auch vergnügt fasten. Der heutige schmutzige Donnerstag bietet dafür eine ideale Gelegenheit. Gelegenheit, das, was ich ab dem kommenden Mittwoch loslassen will, noch einmal mit Lust auszukosten. Es mir im wahrsten Sinne des Wortes auf der Zunge zergehen zu lassen. Ob in Gestalt von Schokolade. Einem guten Glas Wein – oder etwa einem Fastnachtsküchlein. Wichtig ist, dass ich das Programm des schmutzigen Donnerstags recht verstehe. Und genieße! Denn darauf kommt es an.

Sündige tapfer, hat Martin Luther einmal geschrieben. Um das Sündigen geht es hier zwar nicht wirklich. Aber genieße tapfer! Das wäre sicher im Sinne Luthers. Darum will ich mir heute an einem konkreten Beispiel ganz bewusst gönnen, was sonst so selbstverständlich ist, dass ich es kaum mehr wahrnehme. Und was nach dem Aschermittwoch dann auch einmal warten kann. Diesen schmutzigen Donnerstag - diesen Festtag der Genießer – ich will ihn heute zu seinem Recht kommen lassen. https://www.kirche-im-swr.de/?m=7712

Man kann alles sagen – jederzeit und in allen Tonlagen. Kein Wort ist zu plump oder zu spontan, dass es nicht erlaubt wäre. Die Worte können Freude, Jubel, Glück, aber auch Ratlosigkeit, Sorge, Schmerz, Verzweiflung, Wut ausdrücken. Sie können Dank, Bitte und Klage sein. Es gibt vielleicht Menschen, mit denen man so reden kann. Es müssen sehr nahe Menschen sein, die einen verstehen, auch wenn Befremdliches aus einem heraus bricht. Aber selbst ihnen wird man in der Regel nicht alles zumuten können. Und gegenüber nicht so nahen Menschen ist Zurückhaltung geboten. Mit Gott kann man so reden. Beten kann man in allen Tonlagen, im Gebet wirklich jederzeit alles sagen. Es ist möglich, weil ich glaube, dass Gott mich kennt, mich versteht und mich liebt.

Und doch kann das Gebet verstummen. Manche haben es ganz aufgegeben. Persönliches Leid hat ihnen den Mund verschlossen; schreckliche Ereignisse wie vor kurzem in Haiti oder einfach das Gefühl, dass man beim Beten wie gegen eine verschlossene Tür anrennt und nicht gehört wird, haben stumm gemacht. Allerdings haben Menschen immer wieder gerade im Leid das Beten gelernt und dadurch die Hoffnung nicht verloren. Und kann das Empfinden, wie gegen eine verschlossene Tür anzurennen, nicht auch Täuschung sein? Wird bei anhaltendem Beten die Tür nicht aufgehen? Jesus hat es jedenfalls so gesehen. Er hat die Geschichte von dem Mann erzählt, der in der Nacht überraschenden Besuch erhalten, aber nichts im Haus hat, seinen Gast zu versorgen. Also klopft er um Mitternacht an die Tür seines Freundes und bittet ihn, ihm mit Brot auszuhelfen. Der will aber die Tür nicht aufwachen; seine Kinder schlafen, und er selbst liegt auch längst im Bett. Sein Freund klopft aber weiter, und es bleibt ihm gar nichts anderes übrig, als seine Tür zu öffnen. Klopft an, so wird euch aufgetan, ist Jesu Rat zum Gebet. Es ist die Aufforderung zum Vertrauen, dass man, auch wenn es nicht so aussieht, gehört wird.

Und wenn es schwer fällt, dieses Vertrauen aufzubringen und einem die Worte für ein Gebet fehlen? Dann kann man sich feste Zeiten für das Beten nehmen, z.B. am Morgen und am Abend. Man kann nach Gebeten greifen, die schon formuliert sind und sich bewährt haben, am ersten nach dem Vaterunser. Und man Orte aufsuchen, wo Andere mit beten. Luther meint: das Gebet ist nirgends so kräftig und stark, als wenn der ganze Haufe einträchtig miteinander betet. Man kann so zu der Erfahrung zurückkehren oder sie neu machen, dass man Gott wirklich alles und mit allen Worten sagen kann und kann auch gegen den Augenschein glauben, dass man gehört wird.

https://www.kirche-im-swr.de/?m=7660

Im Streit der Meinungen und Überzeugungen gelingen manchmal Worte, die auf den Punkt bringen, was den Kern einer umstrittenen Wahrheit ausmacht - und was unter-schiedliche Auffassungen miteinander verbinden kann.

So ist es auch im Streit um die Wahrheit des Glaubens. Ihn gibt es seit der Urchristenheit. Er hat in der Geschichte der Kirche zu den unterschiedlichen Konfessionen oder Gruppenbildungen in derselben Kirche geführt. Philipp Melanchthon, der Freund Luthers und Mitreformator, dessen 450. Todestag wir in diesem Jahr begehen, hat so manchen Glaubensstreit bestehen müssen - und er hat darunter gelitten. Nach seinem Tod hat man einen Zettel gefunden, auf dem er vermerkt hat, was seine Hoffnung für das Leben nach dem Tod ist: Du wirst aufhören zu sündigen, du wirst befreit werden von allen Kümmernissen und von der Wut der Theologe. Du wirst jene wunderbaren Geheimnisse erfahren, die du in diesem Leben nicht hast begreifen können.

Befreit auch von der Wut der Theologen: die hat ihm Zeit seines Lebens zu schaffen ge-macht. Immer wieder musste er vermitteln, wurde dabei angegriffen und war überzeugt, dass es in den umstrittenen Glaubensfragen einen gemeinsamen Weg der Erkenntnis gibt, wenn man die Grenzen der Erkenntnis akzeptiert. Im Streit zwischen Lutheranern und Reformierten über das Verständnis des Abendmahls bestand für ihn zwar kein Zweifel an der Gegenwart Christi im Abendmahl. Aber er meinte: Da disputieren sie über das Abendmahl, gleich als ob sie in den Himmel gesehen und Jesum gefragt hätten, wie er die Worte „das ist mein Leib“ verstanden habe. Sie werden es hier auf Erden doch nicht ausmachen. Für ihn genügte die Erkenntnis, dass Christus im Abendmahl gegenwärtig ist.

Um das Verständnis des Glaubens, um die Fragen, wer Gott ist, wie man Jesus und seine Worte verstehen soll, was seine Geschichte für uns bedeutet, wird man immer wieder ringen müssen. Und es wird dabei immer unterschiedliche Überzeugungen geben. Melanchthon hat aber in einem kurzen Satz auf den Punkt gebracht, was Mitte des Glaubens und der Glaubenserkenntnis ist: Christus zu erkennen, bedeutet, seine Wohltaten zu erkennen. Was Christus für uns getan hat, die Erkenntnis, dass uns Gott durch ihn seine Liebe erweist, die Befreiung von Schuld, die Kraft zum Vertrauen und zu neuen Anfängen – darin wird erkannt, was den Glauben ausmacht und was auch alle, die glauben, über unterschiedliche Meinungen miteinander verbindet.
https://www.kirche-im-swr.de/?m=7659

Es gibt Worte und Geschichten, die unmittelbar einleuchten und die alltagstaugliche Weisheiten vermitteln. Johann Peter Hebel, an dessen 250. Geburtstag wir in diesem Jahr denken, hat im Rheinischen Hausfreund, einem beliebten Kalender, viele solcher Ge-schichten und Worte veröffentlicht. Einmal setzt er sich mit dem Sprichwort Man muss mit den Wölfen heulen auseinander. Er hält nichts davon, auch unvernünftig zu handeln, wenn man mit unvernünftigen Leuten zusammenkommt, und meint: Erstlich, du sollst dich nicht unter die Wölfe mischen, sondern ihnen aus dem Weg gehen. Zweitens: Wenn du ihnen nicht entweichen kannst, so sollst du sagen: Ich bin ein Mensch und kein Wolf. Ich kann nicht so schön heulen wie ihr. Drittens: Wenn du meinst, es sei nimmer anders von ihnen loszukommen, so will dir der Hausfreund erlauben, ein oder zweimal mit zu bellen, aber du sollst nicht mit ihnen beißen und anderer Leute Schafe fressen. Sonst kommt zuletzt der Jäger, und du wirst mit ihnen erschossen.

Mit viel Humor und einleuchtend plädiert Hebel hier dafür, nicht alles mitzumachen und vor allem nichts zu tun, was Anderen schadet. Er räumt dabei ein, dass man sich manchmal dem nicht ganz entziehen kann, was in der Umgebung, in der man lebt, im Gange ist und gilt. Aber was auf Kosten Anderer geht und sie belastet, soll man lassen. Man braucht nicht viel Fantasie, um sich vorzustellen, wie die Einhaltung dieser Regel den alltäglichen Umgang mit anderen Menschen entlastet. Viel Fantasie ist nötig, wenn man gegen manche Trends in der Gesellschaft vermeiden will, was Anderen schadet. Da sind z.B. ökologische Vernunft im eigenen Handeln oder überlegtes Einkaufen gefragt. Auch da gilt es: Nicht mit den Wölfen heulen, Anderen nicht schaden. Man könnte dabei auch selbst Schaden leiden. Das leuchtet ein und ist eine alltagstaugliche weise Regel.

Andern nicht schaden, ihnen nichts antun, was man auch selbst nicht erleiden möchte! Ein weises Wort Jesu sagt es positiv: Alles, was ihr wollt, das euch die Leute tun, das tut ihnen auch. In dieser weisen Regel, sagt Jesus, seien die gesamten Gebote Gottes, alle Leitlinien für das Leben und das Zusammenleben der Menschen zusammengefasst. Wenn man daran denkt, dass an anderer Stelle der ganze Wille Gottes in das Gebot der Liebe zu Gott und zum Nächsten gefasst wird, begreift man, wie anspruchsvoll diese Regel ist. Sie geht über die weisen Worte Hebels noch hinaus. Sie meint, dass Menschen sich in ihrem Leben und Zusammenleben von Liebe, wie man sie selbst erwartet, leiten lassen sollen. Aber kann man Liebe gebieten? Man kann sie erwarten, wenn man Liebe erfährt. Das ist eine alte Weisheit. - Gott schenkt Liebe und weckt sie!
https://www.kirche-im-swr.de/?m=7658