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SWR2 Wort zum Tag

Manchmal findet man schon merkwürdige Stellen in der Bibel, eine zum Beispiel im Markus-Evangelium. Da wird erzählt, dass Jesus viele Menschen geheilt hat, und dann ist folgendes zu lesen: Jesus geht in ein Haus und es kommen so viele Menschen zusammen, dass seine Jünger nicht mal zum Essen kommen. Die Angehörigen Jesu hören davon und wollen ihn mit Gewalt zurückholen. Sie sind der Meinung: „Er ist von Sinnen!“ Was Jesus da macht, kann sich seine Familie anscheinend nicht anders erklären. Der spinnt doch! Der ist verrückt geworden!
Das kann ich mir heute auch vorstellen. Dass einer einen Weg geht, den sich seine Umgebung nicht erklären kann; der so anders ist als gewohnt. Und wenn dann noch der eigene Ruf gefährdet ist, dann ist es vielleicht verständlich, dass der Verrückte um jeden Preis zurückgeholt werden soll. Fast alle Jugendlichen und junge Erwachsene machen Erfahrungen, die so ähnlich sind. Sie müssen ihre eigenen Wege finden, die Familie verlassen und „in ein anderes Haus gehen“, ihr eigenes Lebenshaus aufbauen. Und nicht alles, was sie machen, wird von der Familie verstanden werden.
Ich freue mich immer, wenn ich entdecke, dass Jesus ganz normale menschliche Probleme hatte! Er hat nicht von Gottes Liebe gepredigt und Menschen geheilt und alles war dann in bester Ordnung. Nein, im Gegenteil. Nicht mal seine Jünger haben immer verstanden, was Jesus ihnen erzählt hat. Seine Angehörigen sind ernsthaft besorgt. Viele sind sicher zuallererst zu Jesus gekommen, weil sie von ihm geheilt werden wollten, nicht weil seine Botschaft sie interessierte. Und doch hat er offensichtlich nicht aufgegeben: Er hat zwar viele Menschen geheilt, aber manchmal anders als erwartet. Er hat sich von seiner Familie abgenabelt und später diejenigen als seine Familie bezeichnet, die den Willen Gottes erfüllen. Und seinen Jüngern hat er immer wieder erklärt, worum es ihm geht.
Dass Jesus so menschlich daher kommt und seinen Weg geht, gibt mir das Gefühl, dass er in seinem Leben gar nicht so weit weg ist von mir. Der verrückte Jesus macht mir Mut, tatsächlich meinen Weg als Christ zu gehen, dabei auch hier und da anzuecken oder für verrückt gehalten zu werden.
Wenn ich von meinen Idealen überzeugt bin und mich als Christ für eine bessere Welt einsetze, dann möchte ich nicht, dass man mich mit Gewalt auf andere Wege zurückbringt, aber vielleicht wäre es gar nicht so schlimm, wenn es öfter mal heißen würde: „Die spinnen, die Christen.“
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„Die Liebe Christi drängt uns.“ Das steht im Zweiten Korintherbrief in der Bibel. Diesen Satz hat der heilige Vinzenz Pallotti zum Motto seines Lebens und Arbeitens gemacht. Heute vor 160 Jahren ist er gestorben. Pallotti wächst in einer Zeit voller Umbrüche in Rom auf und entscheidet sich, Priester zu werden. Er fühlt sich von Gottes Liebe ergriffen und vorangetrieben. Und er liest in der Bibel den passenden Satz: „Die Liebe Christi drängt uns“. Allen Menschen will er diese Liebe zeigen. Und alle Menschen sind für ihn Zeichen, Fingerzeige der Liebe Gottes. Er sorgt sich um Waisen, Häftlinge und Kranke. Dabei ist Pallotti davon überzeugt, dass man nicht Priester sein muss, um Glauben und Liebe weiterzutragen. Jedes Ebenbild Gottes, jeder Fingerzeig seiner Liebe, eben: jeder Mensch ist dazu fähig und beauftragt. Das zu denken und zu sagen war damals nicht selbstverständlich. So gründete Vinzenz Pallotti neben zwei Ordensgemeinschaften auch eine Vereinigung, in der Menschen mitarbeiten, die nicht im Kloster leben.
Die von Pallotti gegründeten Gemeinschaften bewahren heute noch seine Schuhe auf, ein Bild davon kann man auf ihrer Internetseite sehen. Ausgelatscht und abgelaufen sehen diese Schuhe aus. Wenn man sie anschaut, kann man sich ganz gut vorstellen, wie ein kleiner Mann durch die Straßen Roms von Mensch zu Mensch eilt.
Ein beeindruckender Mann, aber ob ich das so wollte oder könnte? Muss ich natürlich nicht, schließlich bin ich in meinen eigenen Schuhen unterwegs. Aber dass Gott jeden Menschen liebt, davon bin ich doch überzeugt. Und wie Pallotti meine ich auch, dass jeder dazu beauftragt ist, die Menschen Gottes Liebe spüren zu lassen. Aber das fällt doch sehr viel leichter, wenn ich diese Liebe vorher tatsächlich auch erlebt und selber gespürt habe, durch andere Menschen oder im Gebet. Und wenn ich es zulasse, dass Gott mich liebt. Das ist für mich das Schwierigste an der Sache, wo ich mit mir doch so unzufrieden bin. Ich traue Gott nicht so ganz zu, dass er meine Fehler und Schwächen in seine Liebe einschließt. Dann drängt mich die Liebe Gottes nicht, dann erlebe ich sie eher als bedrängend.
Mein Verstand weiß: Die Liebe, mit der Gott auf die Menschen zugeht, will von uns weiter getragen werden. Damit ich das leichter kann, damit die Liebe Christi mich bewegt, muss ich mir ab und zu Sätze auf der Zunge zergehen und ins Herz dringen lassen, wie Gott sie dem Volk Israel durch den Propheten Zefanja sagen lässt: „Der Herr freut sich und jubelt über dich, er erneuert seine Liebe zu dir. Er jubelt über dich und frohlockt.“
Johannes Varelmann aus Wertheim von der katholischen Kirche.

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Als Kind haben sie mich immer irritiert, merkwürdig berührt. Die Heiligendarstellungen in Kirchen und Kapellen. Denn häufig zeigen sie Gewalt. Da werden Männer und Frauen gevierteilt und erdolcht, werden aufgehängt, von Schwertern durchbohrt oder noch grausamer umgebracht. Mich haben diese Gewaltorgien in vielen Kirchen abgestoßen. Was hat das hier zu suchen? Die Frage konnte ich mir lange nicht beantworten. An Tagen wie heute kommt diese Frage wieder hoch. Denn heute erinnern sich die Kirchen an so einen grausam umgebrachten Heiligen. Einen Heiligen, der kurioserweise sogar mehrfach ums Leben kam. Die Rede ist von Sebastian.
Um Sebastian ranken sich viele Legenden. Die bekannteste: Im dritten Jahrhundert lässt der römische Kaiser Diokletian den bekennenden Christ Sebastian verhaften, an einen Baum binden und von Bogenschützen erschießen. Wundersamerweise stirbt Sebastian aber nicht, man hält ihn nur für tot. Eine Witwe pflegt ihn. Und als er gesund geworden ist, hat dieser Sebastian nichts Eiligeres zu tun, als wieder vor dem Kaiser aufzutauchen. Der ist wohl erstaunt, lässt den untoten Märtyrer aber kurzerhand totpeitschen. Und jetzt ist er wirklich tot.
In der Kunst ist Sebastian ein beliebtes Motiv. Unzählige Künstler haben den halbnackten, von Pfeilen durchbohrten Sebastian gemalt. Und wieder bin ich irritiert? Warum diese Lust an der Gewalt? An der Brutalität der Mächtigen? An der Ohnmacht der Gefolterten?
Mich überzeugt nur eine Deutung. All die Bilder sagen: Glaube ist keine harmlose Sache; beim Glauben geht’s im Grund um Leben und Tod.
Heute mutet das merkwürdig an. Glaube soll doch etwas Friedliches sein. Soll Menschen besser machen und glaubwürdiger. Das ist sicher wichtig. Aber vergessen wird dabei oft: Glaube fordert den Menschen heraus. Fordert ihn heraus, sich zu entscheiden: Wofür stehst du? Was ist dir wirklich wichtig? Und die Antwort darauf geht immer mit Konflikten einher. Denn wenn ich mich für etwas entscheide, dann entscheide ich mich immer gegen etwas anderes. Oder gegen andere. So wie Sebastian. Sein Glaube ist eine Entscheidung gegen den Kaiser. Und diese Entscheidung zieht Gewalt auf sich. Billiger ist der Glaube nicht zu haben. Heute sieht diese Gewalt anders aus. Wer glaubt, sieht sich herausgefordert: durch Konsum, Geld, Karriere, die in unserer Gesellschaft zentral sind. Wer sich aus dem Glauben heraus dagegen stellt, wird möglicherweise Unverständnis ernten. Konflikte heraufbeschwören. Aber die gehören eben zum Glauben dazu.
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Der Kalender macht mich richtig fertig. „Fehlerteufel deutsch“ heißt er. Jeden Tag gibt’s hier eine knifflige Frage zur deutschen Rechtschreibung. Bisher dachte ich: Das kann ich alles. Rechtschreibung? Kein Problem! Aber der Kalender belehrt mich fast täglich eines Besseren. Dass die Mafiosis, also mehrere Mitglieder der Mafia, in Wirklichkeit Mafiosi heißen, das weiß ich noch. Aber wird High Society auseinander oder zusammen geschrieben? Darf ich Saxophon wirklich auch mit f schreiben, obwohl das irgendwie merkwürdig aussieht? Und heißt es „Anfangs der 80er Jahre“ oder „Anfang der 80er Jahre“?
Deutsch ist meine Muttersprache. Muttersprache, das heißt: Ich habe diese Sprache sozusagen mit der Muttermilch eingesogen. Als erstes gelernt. Wie Laufen, wie Lachen, wie Glauben. Der Kalender sagt mir aber fast jeden Tag: Völlig beherrsche ich diese Sprache dann doch nicht. Geht’s ums grammatikalisch richtige Schreiben oder Sprechen, komme ich hier und da ins Stolpern. Das ärgert mich gewaltig. Und ich merke: Ich muss immer wieder, immer weiter üben, mir selbst meine Muttersprache jeden Tag neu erkämpfen.
Mit dem Glauben geht’s mir ganz ähnlich. Auch mit dem bin ich groß geworden. Auch den habe ich von Kind an gelernt. Viele Formen, Lieder und Gebete sind mir bis heute vertraut. Und dann merke ich doch immer wieder, wie ich auch mit diesem scheinbar vertrauten Glauben ins Stolpern komme. Was heißt das eigentlich, wenn Gott Mensch wird – wie es an Weihnachten heißt. Wie lässt sich verstehen, dass ein Gott ganz Mensch ist? Immer wieder kämpfe ich auch mit der Kirche, in der und mit der ich meinen Glauben lebe. Was heißt das für meinen Glauben, wenn ich gute und schlechte Erfahrungen in und mit der Kirche mache? Ja, ich glaube. Aber ich merke auch, dass mir dieser Glaube oft schwer fällt. Ich suche auch hier immer wieder nach der richtigen Sprache des Glaubens, nach einer Grammatik, die stimmt.
Der Kalender „Fehlerteufel deutsch“ hilft mir da. Ich lese jeden Tag ein neues Sprachrätsel und lerne dazu. Und hoffe natürlich, dass ich dann die vielen kleinen und großen Fallen umgehen kann, die die Sprache aufstellt. Auch der Glaube stellt mich immer wieder vor Rätsel. Meist gibt’s zwar keine Lösung in einem Kalender. Aber ich erfahre: Mit anderen über den Glauben reden und über die offenen Fragen, das hilft. Gemeinsam dem Rätseln auf der Spur bleiben, die der Glaube für mich bereithält. Das bringt mich weiter.
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„Deutsche Unsitten“. Das Buch habe ich zu Weihnachten geschenkt bekommen. Und von den Unsitten gibt’s, glaubt man dem Autor, ganz schön viele. Über 160 finden sich in dem Buch. In kurzen, mehr oder minder witzigen kleinen Texte beschrieben. Ein paar Unsitten gefällig? Hochdruckreinigen, Halloween, das Einkaufen bei Aldi, Laubgebläse, Dieter Bohlen und vieles mehr. All das sollen Unsitten, sollen deutsche Unsitten sein.
Mir fallen direkt auch ein paar ein. Panikmache wegen Schweinegrippe oder einem Sturmtief, das halte ich für eine Unsitte. Oder der Schlankheitswahn, von dem wir befallen sind. Und genauso, dass viele Leute selbst die Brötchen beim Bäcker mit dem Auto holen müssen, obwohl sie genauso gut die paar Meter zu Fuß gehen könnten.
Also, Unsitten fallen mir auch einige ein. Aber trotzdem hat mich das Buch über die Unsitten der Deutschen dann doch schnell genervt. Weil im Grunde genommen alles zur Unsitte erklärt wird. Da ist es selbst eine Unsitte, dass Kinder Fahrradhelme tragen. Ich halte das für lebensnotwendig. Und Brezeln sollen auch eine Unsitte. Warum? Ich hab beim Lesen gedacht: Die größte Unsitte ist es, alles zu kritisieren, alles mit vermeintlich witzigen Bemerkungen schlecht zu machen. In Maßen finde ich das gut. Ich mag Ironie und den bissigen Ton. Aber auf Dauer erzeugt er nur Langeweile. Und zudem: Wenn alles eine Unsitte ist, dann kann man ja gar nichts mehr machen. Die Kritik an bestimmten Verhaltensweisen wird völlig beliebig. Und das heißt: wahllos und damit zahnlos. Denn wenn jemand alles kritisiert, dann nehme ich ihm auch die Kritik nicht ab, die vielleicht mal wirklich treffend ist.
Die Kritik an den Unsitten der Zeit ist übrigens genauso alt, wie die Menschheit selbst. Immer gibt’s wen, der sich über die anderen aufregt, die falsch handeln, sich schlecht benehmen. Bleibt die Frage: Wie finde ich dann noch heraus, was wirklich eine Unsitte ist - und was gut und richtig?
Ich stoße da immer wieder auf einen Spruch aus der Bibel. Der lautet: „Prüft alles, und behaltet das Gute!“ (1 Thess 5,21) Kein spektakulärer Satz. Ziemlich nüchtern kommt er daher. Wie der Glaube ja häufig genug ganz nüchtern und realistisch daherkommt. „Alles prüfen“, das heißt: Ohne Vorurteile an alles herangehen. Sich ein Urteil erst bilden. Nicht alles schlecht machen, aber auch nicht alles schönreden. „Das Gute behalten“, das heißt: mit ruhigen Kopf auswählen. Gutes und Schlechtes voneinander unterscheiden. Auf Unsitten nicht reinfallen, aber auch nicht alles zur Unsitte erklären.
Thomas Weißer, Budenheim bei Mainz, Katholische Kirche
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