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SWR2 Wort zum Tag

Bin ich eine gute Führungskraft? Nicht nur beruflich, sondern auch im täglichen Leben?
Zwei amerikanische Forscher haben versucht auf diese Frage eine Antwort zu finden. Sie haben unterschiedliche Führungskräfte in den Bereichen Musik, Sport, Wissenschaft und Wirtschaft befragt. Das Ergebnis überrascht:
Die befragten Führungskräfte waren sich in vier Punkten sehr ähnlich. Ihnen allen war es gelungen, mit einer Vision Aufmerksamkeit zu erzielen. Sie alle haben durch ihre Art und Weise, wie sie mit Menschen gesprochen haben, überzeugt. Und sie haben sich selbst und anderen ermöglicht, sich weiterzuentwickeln. Genau das war der Schlüssel zu ihrem Erfolg.
Klingt gut. Diese Antwort der Forscher überlege ich mir noch einmal auf mich hin. Ich brauche eine Vision. Von dieser Vision will ich andere begeistern und dies möglichst echt und authentisch. Und ich will mich und andere unterstützen, die eigenen Stärken und Schwächen zu leben, Talente zu entwickeln und gute Fähigkeiten zu stärken. Mir und anderen etwas zutrauen, ich glaube, das ist der Schlüssel zu einem erfüllten Leben.
Ich denke auch, das braucht Zeit, Ausdauer und Geduld.
Und dann kommt mir noch ein Gedanke.
Als Christin bin ich auch eine Art Führungskraft - für das Evangelium, für die Gute Botschaft, die Jesus uns geschenkt hat.
Das könnte bedeuten, dass ich dort Nein sage, wo Unrecht geschieht, dass ich mich für andere einsetze, wo es notwendig, dass ich mich stark mache für das Gute. Für mich ist das eine gute Vision.
Und wenn dann andere sagen, seht mal, wie die sich für andere einsetzt, wie die anderen hilft, wie die mit Menschen umgeht, dann bin ich bestimmt eine gute und überzeugende Führungskraft – beruflich und privat.
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Ich kann mich gut daran erinnern, wie meine Oma stundenlang gesucht hat, wenn sie etwas verloren hat, den Personalausweis, das Zugticket, genau das eine Buch.
Mit welcher Hingabe sie gesucht hat, mit welcher Verzweiflung auch – das Verlorene, das war im Moment immer das Wichtigste. Erstaunlicherweise hat sie meistens gefunden, was sie gesucht hat. Und wenn sie etwas nicht mehr gefunden hat, dann hat sie gesagt: „Vielleicht findet es jemand, der etwas Gutes damit anfangen kann.“
Sie hat manchmal einen Satz aus der Bibel wiederholt:
„Sucht, dann werdet ihr finden.“ (Lukas 11,9) Aus ihrem Mund klangen diese Worte sehr zuversichtlich und gelassen. Auch wenn es bestimmt nicht leicht ist, etwas Wertvolles zu verlieren.
Bei der Bundesbahn häufen sich jedes Jahr viele verlorene Gegenstände an. Ich frage mich, vermisst das niemand? Sucht niemand danach?
Der größte Fund der Bahn war eine Tüte mit 400.000 Euro. Irgendjemand hat soviel Geld einfach im Zug einfach liegen lassen und dort vergessen. Drei Jahre lang hat man den Eigentümer des Geldes gesucht, doch vergeblich. Niemand hat sich gemeldet. Dieses Jahr wurde das Geld nun gespendet für einen guten Zweck – Finderlohn inklusive.
Der gute Zweck, in den das Geld geflossen ist, ist die Bahnhofsmission. Das ist eine kirchliche Einrichtung, die meistens direkt am Bahnhofsgelände ist. Die Bahnhofsmission ist Anlaufstelle für Menschen, die etwas verloren haben. Aber nicht nur materielle Dinge. Hier engagieren sich Menschen für andere. Sie helfen weiter, wenn jemand in seinem Leben nicht mehr alleine zurechtkommt. Die Bahnhofsmission ist für Menschen da, die aus der Bahn geraten sind, die drogenabhängig geworden sind, die hungrig sind, verletzt oder verzweifelt.
So gesehen, war es eigentlich ganz gut, dass niemand die 400.000 Euro vermisst hat. Denn mit dem gefundenen Geld wird nun etwas Gutes weiter geschenkt: Hoffnung.

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Besonders nachdenklich lese ich in diesen Tagen wieder den Psalm 8. 3000 Jahre alt ist dieses Gebet.
Herr, unser Herrscher, so beginnt es, wie gewaltig ist dein Name auf der ganzen Erde; über den Himmel breitest du deine Hoheit aus. Aus dem Mund der Kinder und Säuglinge schaffst du dir Lob, deinen Gegnern zum Trotz; deine Feinde und Widersacher müssen verstummen. Seh' ich den Himmel, das Werk deiner Finger, Mond und Sterne, die du befestigt: Was ist der Mensch, daß du an ihn denkst, des Menschen Kind, daß du dich seiner annimmst? Du hast ihn nur wenig geringer gemacht als Gott, hast ihn mit Herrlichkeit und Ehre gekrönt. Du hast ihn als Herrscher eingesetzt über das Werk deiner Hände, hast ihm alles zu Füßen gelegt: All die Schafe, Ziegen und Rinder und auch die wilden Tiere, die Vögel des Himmels und die Fische im Meer, alles, was auf den Pfaden der Meere dahinzieht. Herr, unser Herrscher, wie gewaltig ist dein Name auf der ganzen Erde!
Die hier beten, erleben sich als winzig gegenüber Gott und als groß im Vergleich zur übrigen Welt. Sie staunen über die Pracht und die Weite des Himmelsgewölbes, die Gott fast spielerisch geschaffen hat und erschauern fast, dass ihnen darin ein solch bedeutender Platz zugewiesen ist. Der majestätische Gott kennt jeden einzelnen Menschen und hat jedem eine große Aufgabe anvertraut. Wo es gerade noch hieß: wer ist das Menschlein, dass du seiner gedenkst? da heißt es jetzt: Du hast ihn als König eingesetzt über das Werk deiner Hände. Erwähnt werden dann vor allem Tiere, und zwar solche, die aus den drei Sphären Himmel, Erde und Wasser kommen. Bei den Wassertieren dachte man damals wohl auch an die Meeresungeheuer, welche die Mächte des Bösen symbolisierten. Im Alten Orient war es Aufgabe der Könige, wie „gute Hirten“ die ihnen Anvertrauten zu weiden und zu schützen. Der Alttestamentler Erich Zenger schreibt dazu: „Das Geheimnis des Menschen gründet darin, dass der biblische Schöpfungsgott allen(!) Menschen ..... zutraut, wie Gott und wie ein guter König zu handeln...... Dem Mond und den Sternen hat Gott einen festen Platz gegeben, dem Menschen aber eine Aufgabe....... „Alle Dinge hat Gott fertig geschaffen. Den Menschen aber schuf er auf Hoffnung hin.“

(Erich Zenger, Mit meinem Gott überspringe ich Mauern. Freiburg 1993 208)
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Zwei Namen hat der heutige Tag. Fest der heiligen drei Könige, kurz: Dreikönig – und Epiphanie: Erscheinung. Gemeint ist damit Erscheinung des Herrn, Erscheinung Gottes in Jesus vor aller Welt. Und die beiden Namen zusammen beschreiben recht gut, was es da heute zu feiern gibt.
Erscheinung des Herrn lautet der ältere Name. Und er spricht davon, was Gott tut: dass er sich zeigt, dass er da ist und sich von der Welt, von uns Menschen erkennen lässt, finden, zumindest erahnen. Und der Name Dreikönig spricht von der menschlichen Seite, davon, dass da welche einen Stern sehen, ihm folgen auf langen, weiten Wegen und schließlich in einem neugeborenen Kind Gott finden, ihm sogar Gaben bringen: Gold, Weihrauch, Myrrhe. Von den vier Evangelien erzählt nur das Matthäusevangelium von diesen Besuchern, den „Weisen aus dem Morgenland“. Nichts darüber, wie viele es sind, wie sie heißen und aus welchen Ländern sie kommen
Die Geschichte hat von Anfang an die Menschen beschäftigt und angeregt. Aus den Weisen wurden Könige, sie bekamen Namen: Caspar, Melchior und Balthasar. Einen von ihnen stellte man sich als Farbigen vor, und damit wurden die drei zu Symbolen der Weltvölker. Die ganze Welt sucht den menschgewordenen Gott, das Licht der Völker, dachte man sich, und umgekehrt: in Jesus zeigt sich Gott allen Menschen – Epiphanie, Erscheinung vor allen Völkern.
Im Mittelalter ging man sogar noch weiter: In einer Legende über den Apostel Thomas wird erzählt, dass der in das Land kam wo die heiligen Drei Könige wohnten und sie dann auch noch getauft hat. In der Nikolaikirche in Wismar ist das köstlich dargestellt: wie die drei - zwei weiße mit langen Bärten und ein Farbiger ohne Bart - nackt mit gefalteten Händen in einem Taufbecken knien und die Taufe empfangen, und dabei natürlich, damit man sie erkennt, ihre Kronen aufhaben. Im Hintergrund sieht man sie dann noch einmal, wie Thomas ihnen anstelle ihrer Kronen Bischofsmützen aufsetzt. Drei Königsszepter liegen schon am Boden, dafür stehen drei Bischofsstäbe bereit. Da hat man sich dann natürlich weit von der biblischen Botschaft entfernt.
Der Theologe Karl Rahner, ein Mensch des 20. Jahrhundertsist da wohl wieder näher dran. Er hat sein Leben lang Gott gesucht, als Wissenschaftler und mit seinem Herzen, und dabei offensichtlich große Sympathie empfunden für die Gottsucher aus dem Orient. Liebevoll hat er ihren Weg beschrieben:
„Siehe, die Weisen haben sich aufgemacht. Denn ihr Herz ist zu Gott gepilgert, als ihre Füße nach Betlehem liefen. Sie suchten ihn, aber er führte sie schon, da sie ihn suchten...
Sie suchen ihn, das Heil, im Himmel und im Herzen. In der Stille und bei den Menschen.... Sie sehen einen Stern seltsam am Himmel emporsteigen.... Sie gehen verschlungene Pfade, aber in Gottes Augen ist es der gerade Weg zu ihm, weil sie ihn in Treue suchen. Es wird ihnen bange, so fern der Heimatlichkeit des Gewohnten zu sein, aber sie wissen, alle müssen wandernd sich wandeln und immer wieder ausziehen, um die Heimat zu finden, die mehr ist als ein Zelt am Pilgerweg....
So wandern sie. Der Weg ist weit - die Füße oft müde – das Herz oft schwer und verdrossen... Sie wissen selbst nicht, woher der Mut und die Kraft immer wieder kommen, die nicht aus ihnen sind, die immer nur gerade reichen, die aber auch nie ausgehen......
So erzählt Karl Rahner den Weg der Drei Weisen zur Krippe. Und dann spricht er seine Zuhörer direkt an:
Laßt auch uns auf die abenteuerliche Reise des Herzens zu Gott gehen! Laßt uns laufen! Laßt uns vergessen, was hinter uns liegt. Es ist noch alles Zukunft. Es sind noch alle Möglichkeiten des Lebens offen, weil wir Gott noch finden, noch mehr finden können....
Und zu sich selbst sagt er: „Verzage nicht: Der Stern ist da und leuchtet. Sag’ selbst: Steht der Stern nicht still am Firmament deines Herzens? Er ist klein? Er ist fern? Aber er ist da....
Warum schiebst du selbst die Wolken vor den Stern? Die Wolken der Verdrossenheit, der Enttäuschung, der Bitterkeit des Versagthabens?... Gib die Wehr auf: Der Stern leuchtet!
Brich auf, mein Herz, und wandre! Es leuchtet der Stern. Viel kannst du nicht mitnehmen auf den Weg. Und viel geht dir unterwegs verloren. Laß es fahren. Gold der Liebe, Weihrauch der Sehnsucht, Myrrhe der Schmerzen hast du ja bei dir. Er wird sie annehmen.“

https://www.kirche-im-swr.de/?m=7426
Drei Wünsche für das Neue Jahr
Durchsichtige Zäune
Hartnäckige Fragen (im Nacken ein wenig Flaum)
Brücken, die bei Vormarsch brechen
Von dem Schriftsteller Reiner Kunze stammt dieses Gedicht zu Neujahr.
Der 3. Wunsch darin hat es mir besonders angetan: „Brücken, die bei Vormarsch brechen”. Das ist auf den 1. Blick ein Widerspruch: Brücken sollen nicht brechen, sondern standhalten. Denn Brücken stellen Verbindung her von Ufer zu Ufer, von Mensch zu Mensch.
Ich lasse mir zum Neuen Jahr gerne Brücken wünsche, Brücken die zu andern Menschen führen und zu neuen Ufern, die es möglich machen, dass ich auf andere zugehe und andere auf mich, und dass ich Neuland betreten kann.
Manchmal trennen uns ja Abgründe voneinander, selbst wenn wir räumlich nahe zusammen sind. Allein schaffe ich dann vielleicht den Brückenschlag hinüber, doch wenn auf der andern Seite nicht mindestens Fundamente errichtet werden, geht der kühne Brückenbogen ins Leere.
Da will einer keine Brücke vor seiner Tür. Vielleicht ist er sich selbst genug, ist nicht neugierig auf Fremdes. Vielleicht ist er auch nur vorsichtig oder hat sogar Angst. Schließlich werden nicht nur im Krieg Brücken mißbraucht, um das andere Ufer einzunehmen, zu besetzen, gar zu vernichten.
Reiner Kunzes Neujahrswunsch trifft mitten ins Leben: Er wünscht uns Brücken, die bei Vormarsch brechen. Vormarsch meint hier sicher stampfende Stiefel, die in feindlicher Absicht die Brücke betreten. Die Brücken sollen von selbst zusammenbrechen, wenn Waffen und Panzer darüber rollen.
Waffen und Panzer gibt es nicht nur aus Metall und nicht nur im Krieg. Es gibt sie auch zwischen Menschen in Worten, in Gesten, im Schweigen, in Blicken. Und die stampfen und schleichen über die Brücke bis vor die Tür des andern, wenn nicht, ja, wenn nicht die Brücke ihren Dienst versagt, da sie sich so in ihr Gegenteil verkehrt sieht.
An einer breiten, einladenden Brücke wohnen dürfen ohne Angst - das lasse ich mir gern wünschen. Doch ich kann nicht sicher sein, daß sich dieser Wunsch erfüllt. Ich kann nur mir selbst vornehmen: Mißbrauche nie eine Brücke! Betritt sie stets in ehrlicher Absicht! Doch ein Risiko bleibt - für mich und für die anderen.

https://www.kirche-im-swr.de/?m=7425
Von dem Dichter Reiner Kunze gibt es ein Neujahrsgedicht. Es lautet:
Drei Wünsche für das Neue Jahr
Durchsichtige Zäune
Hartnäckige Fragen (im Nacken ein wenig Flaum)
Brücken, die bei Vormarsch brechen
Mir gefällt besonders der zweite Wunsch: „Hartnäckige Fragen” wünscht Reiner Kunze für das Neue Jahr. Ein schöner Wunsch! Mir wären ein paar gute Antworten lieber als die vielen ungelösten Fragen.
Wäre da nicht dieser Zusatz: Hartnäckige Fragen – „im Nacken ein wenig Flaum“, steht da noch. Flaum in Nacken haben junge Lebewesen, Vögel und vor allem auch kleine Kinder. Hartnäckige Fragen mit Flaum - vielleicht meint der Dichter die grundsätzlichen Fragen wie Kinder sie stellen. Friert die Oma nicht, wenn sie auf dem Friedhof liegt und es schneit? Was tut der Mond, wenn er nicht scheint? Kriegt ein Hund Flügel, wenn er in den Himmel kommt? Warum sind mache Menschen so böse? Frag nicht so dumm! Die Oma spürt doch nichts mehr. Der Mond scheint eben nur nachts. Der Hund ist doch nur ein Tier. Und warum manche Menschen so böse sind, weiß ich auch nicht. Frag nicht so dumm.
Kinder fragen nie dumm. Sie fragen respektlos, neugierig, also begierig, Neues zu sehen und zu erfahren. Bei ihnen ist leben fragen. Das tun sie mit einem untrüglichen Gespür für Lüge und Wahrheit. So treffen sie oft den Punkt, wo Erwachsene sich irgendwie zufriedengegeben haben. Tot ist tot. Wenn der Mond nicht da ist, ist er halt weg. Wenn Menschen böse sind - ich kann´s auch nicht ändern.
Hartnäckige Fragen wünscht der Dichter für das Neue Jahr. Fragen mit einem harten Nacken, unbeugsam, unnachgiebig. Als in der DDR lebender Schriftsteller, der schließlich zum Dissidenten wurde, hat Reiner Kunze dabei sicher nicht zuletzt an politische Fragen gedacht. Auch da: Sich nicht beschwichtigen lassen, sich nicht zu rasch zufriedengeben.
Ich finde das einen guten Wunsch, einen guten Vorsatz für das neue Jahr:

https://www.kirche-im-swr.de/?m=7424