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SWR2 Wort zum Tag

Kein anderes Fest im Lauf des Jahres bringt so viele Menschen in Bewegung wie Weihnachten – auch in die Kirchen zur Feier der Gottesdienste in der Heiligen Nacht und an den Festtagen. Menschen besuchen einander, Familienmitglieder, Freunde, die fern voneinander waren, gehen aufeinander zu; viele suchen Gemeinschaft, oft mit hohen Erwartungen, die enttäuscht werden, oft auch nur in Erinnerung an früheres Zusammensein. Ob äußerlich oder innerlich, ob mit Freuden oder auch mit Bitterkeit, an Weihnachten gibt es eine Bewegung unter Menschen, in der sie einander suchen. Was ist am Ursprung dieser Bewegung? Warum diese Unruhe, diese Suche? Was ist es eigentlich, was wir dabei suchen – und nicht finden? Was hat Weihnachten damit zu tun?
Es gab und gibt einzelne Menschen, die diesen Fragen in besonderer Weise Raum gegeben haben, die sie nicht verdrängten, sondern aussprachen und als Weg zum Geheimnis Gottes verstanden. Zu diesen Menschen gehört der Dominikanermönch Heinrich Seuse; er lebte im 14. Jahrhundert, meist in Konstanz am Bodensee. Er schreibt über die Suche, die sein Leben bestimmt: „Mein Gemüt hat seit Kindertagen irgendetwas mit dürstendem Verlangen gesucht. Aber was es ist, habe ich immer noch nicht begriffen. Ich habe ihm viele Jahre heftig nachgejagt; es ist mir aber bis heute nicht zuteil geworden. Ich weiß nicht, was es ist - und doch ist es etwas, das mein Herz an sich zieht, ohne dass ich jemals recht zur Ruhe komme. Ich sah es nie, ich hörte es nie, ich weiß nicht, was es ist.“ Beharrlich spricht der Mönch hier von dem, was ihn zeitlebens in Bewegung hielt, und ebenso beharrlich sagt er, dass er nicht weiß und nicht versteht, was es ist, was ihn nicht zur Ruhe kommen ließ.
Was hat es nun auf sich mit dieser Unruhe und Suche, die irgendwie zu Weihnachten gehört? Vielleicht verbirgt unsere Unruhe ein Staunen: Die Erzählungen von Jesu Geburt, die Melodien und Lieder, die Bilder, sie rühren etwas in uns an, was wir als unbestimmte Ahnung in uns tragen. Da ist das Staunen über einen Gott, der Mensch geworden ist. Da ist zugleich das Fragen und Zweifeln: Gott ist nicht der Gott unserer Phantasien, nicht der Gott nach unserem Bilde, Gott, wie wir selber gerne sein wollten, wenn wir Gott wären: groß, stark, vollkommen, unendlich? Gott wird Mensch? Das heißt: er gibt sich in die Abhängigkeit von Menschen – warum? Weil er sie liebt und ihr Leid nicht mit ansehen kann, sagen uns die heiligen Schriften.
Johannes deutet die Geburt Jesu zu Beginn seines Evangeliums in der Form eines Liedes: „Er, am Anfang bei Gott. Er, das Leben. Er, das Licht für die Menschen. Das Licht in der Nacht: nicht überwältigt von der Finsternis.“ Weihnachten ist die Botschaft, dass in Jesus von Nazareth von Gott her Licht gekommen ist in das Dunkel der Welt, in unsere Nöte, in unser Suchen und Fragen. Jesu Leben ist, von der Geburt bis zum Tod am Kreuz, wie ein Lichtstrahl. Einmal aufgeleuchtet, erlischt er nicht mehr.
Die Geschichten, die Lieder und Bilder von Weihnachten, die Figuren an der Krippe, lenken den Blick auf ein Kind. Im Gesicht dieses Kindes – so sagen sie – können wir etwas von dem finden, wonach wir suchen, das erhellend ist, eine Richtung weist, das so etwas wie Freude und inneren Frieden in uns zu wecken vermag. Nicht der Blick nach oben, über die Welt hinaus, führt uns näher zu Gott, sondern der Blick nach unten, auf die Erde, ins Gesicht der Menschen.
Das Kind in der Krippe öffnet uns die Augen dafür, wer Gott ist und wer wir selber sein können. Es kündet uns Gott, der nicht irgendwo, in der Ferne unerreichbar für unsere Bitten und Klagen ist. Es bringt uns in Bewegung, damit wir mit Gott, der den Menschen nahe sein will, auf andere zugehen, Gott gewissermaßen auf seinem Weg in die Menschheit und mit den Menschen begleiten und von seiner Güte, seiner Menschenfreundlichkeit und seinem Erbarmen lernen.
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„Ich steh an deiner Krippen hier“. Der evangelische Theologe Dietrich Bonhoeffer schreibt am vierten Advent 1943 aus dem Gefängnis an einen Freund, wie sehr ihn gerade dieses Weihnachtslied von Paul Gerhardt getröstet und ihm Hilfe gebracht hat. Er sagt auch, warum das so ist. Dieses Lied bringe ihm zum Bewusstsein, sagt er, dass es „eben neben dem Wir doch auch ein Ich und Christus“ gibt. „Ein Ich und Christus“ - was das meint, könne gar nicht besser zum Ausdruck gebracht werden als in diesem Lied.
Ausdruck findet der Glaube meist in der Gemeinschaft, in ihrem Feiern, Singen und Beten, im gemeinsamen Hören auf das Evangelium und in gemeinsamen Aktionen der Solidarität und der Caritas. Dies alles setzt aber das „Ich und Christus“ voraus, wie Bonhoeffer sagt. Diese persönliche Beziehung des einzelnen zu Christus ist das Fundament, darauf baut der gemeinschaftliche Glauben auf. Ohne dieses Fundament ist der Aufbau gefährdet.
Aber so wie das Fundament unsichtbar ein sichtbares Gebäude trägt, so ist es auch mit der persönlichen Beziehung eines Menschen zu Christus. Sie ist uns keineswegs immer bewusst; Eine Situation, in der wir völlig auf uns geworfen sind, abgeschnitten von den Menschen, zu denen wir uns zugehörig fühlen, kann uns daran erinnern, dass es „auch ein Ich und Christus gibt“.
So geht es Bonhoeffer: Allein im Gefängnis, abgeschnitten von den Menschen, die ihm kostbar sind, ohne Aussicht auf einen gerechten Prozess, Willkür und Gewalt unterworfen, unsicher, wie lange er auf das Urteil warten muss – in dieser Situation wird ihm unter allen Weihnachtsliedern gerade dieses Lied wichtig: „Ich steh vor deiner Krippen hier“: ‚Ich’ und ‚Du’, ‚Ich’ stehe vor ‚Dir’, Kind in der Krippe. Dein Leben und das meine stehen in einer ganz besonderen Beziehung.
„Da ich noch nicht geboren war, da bist du mir geboren. … Eh ich durch deine Hand gemacht, da hast du schon bei dir bedacht, wie du mein wolltest werden.“ So singt die zweite Strophe des Liedes. Die Beziehung zwischen Christus und dem einzelnen Menschen mit dieser persönlichen Tiefe auszudrücken – dazu fühlte sich Bonhoeffer als politisch aktiver Mensch eigentlich nicht berufen. Wie er schreibt, empfindet er das Lied „ein klein wenig mönchisch-mystisch“. In den Monaten im Gefängnis vor seiner Verurteilung und Hinrichtung, wird ihm nun gerade dieser ganz und gar persönliche Aspekt am Glauben unentbehrlich. „Ich steh an deiner Krippe – hier“. Mir gilt, heute, was Gott zusagt. Selbst über den Tod hinaus.

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Glaube an Gott, was ist das? Unter den vielen möglichen Antworten auf diese Frage lässt eine besonders aufhorchen. Der indische Dichter und Philosoph Rabindranath Tagore formuliert sie so: „Glaube ist wie der Vogel, der singt, wenn die Nacht noch dunkel ist“. Im Dunkel ein Lied anstimmen, in der Finsternis nicht stumm bleiben - aus einigen Liedern, die wir im Advent und an Weihnachten singen, spricht dieser Glaube. „Wachet auf, ruft uns die Stimme“ ist eines dieser vertrauten Lieder. Wächter rufen den Bewohnern der Stadt Jerusalem zu, sie sollen aufstehen, noch in der Nacht, und die Lampen nehmen. Zum Himmel schauen sollen sie. Von den Sternen sollen sie lernen, die noch im Dunkel der Nacht bereits das Kommen des neuen Tages ankünden.
„Wachet auf, ruft uns die Stimme“, Text und Melodie dieses Liedes stammen von Philipp Nicolai, damals, im Jahr 1597, Pfarrer in der Stadt Unna in Westfalen. “Die Pest wütet furchtbar“ – so schreibt er an seinen Bruder – „täglich werden 14 bis 20 Menschen beerdigt“. Der Pfarrer begleitet die Menschen, er bestattet die Toten. Und, für uns kaum nachvollziehbar: Er dichtet und komponiert dieses Lied. Die Menschen, die er in den Schrecken dieser Tage begleitet, und er selbst auch, sollten in der Finsternis nach einem Lichtstrahl Ausschau halten, sie sollten ihren Lebenswillen nicht aufgeben, ihre Hoffnung, die in jenen Tagen damals sonst keinen Halt mehr finden konnte.
Sterben und Vergehen sind nicht die ganze Wirklichkeit; es gibt ein Davor und es wird ein Danach geben, daran ließ sich Philipp Nikolai durch das Zeugnis der Christen erinnern, die vor ihm in den Widersprüchen des Lebens standhielten, ohne die Hoffnung auf Gottes Zusagen aufzugeben. „Ihr tut gut daran“ - sagt im Neuen Testament der Autor des 2. Petrusbriefes – „Ihr tut gut daran, das Wort der Verkündigung vor Augen zu haben wie eine Leuchte, die an dunklem Ort scheint, bis der Tag anbricht und das Morgenlicht aufgeht in euren Herzen.“
Der Pfarrer und Dichter Philipp Nikolai war wach für die Spannung von Not und Jubel, von Finsternis und Licht, von Nacht und Morgendämmerung, und so entstand sein Lied „Wachet auf, ruft uns die Stimme“. Offene Augen zu haben für die Wirklichkeit, auch dort, wo sie schrecklich ist und offen zu sein für die Wirklichkeit Gottes – das zeigt sein Beispiel. „Glaube ist wie der Vogel, der singt, wenn die Nacht noch dunkel ist“ – dieser Glaube kann vielleicht nur singend zum Ausdruck gebracht werden - und so den Trost schenken, der nicht vertröstet.
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Was macht den christlichen Glauben aus? Auf was kommt es dabei an? Bisweilen erkennen das gerade diejenigen, die nicht im Umfeld der Kirchen aufgewachsen sind, die den christlichen Glauben, von außen kommend, erst selber entdeckt haben. Oft haben gerade sie ein besonders waches Gespür. Am Anfang und am Ende des christlichen Glaubensweges steht das Staunen und die Freude darüber, dass Gott von sich aus auf den Menschen zukommt, dass er selbst sich zu erkennen gibt, dass er sich zeigt, einen Menschen spüren lässt, wer er für ihn ist.
Mir wird das an der Französin Simone Weil sehr deutlich. Sie lebte von 1909 bis 1943, sie war Mathematiklehrerin, Philosophin, Fabrikarbeiterin, aktiv im französischen Widerstand. Diese mitten im realen Leben stehende Frau bekennt, dass sie ergriffen und überwältigt wurde von der Erkenntnis: Gott muss nicht gesucht werden, er gibt sich selbst zu erkennen. Was sie erfahren hat, das schildert Simone Weil in einem anschaulichen Bild. „Es gibt Menschen“ – sagt sie – „die Gott näher zu kommen versuchen, wie jemand, der aus dem Stand möglichst hoch zu springen versucht, in der Hoffnung, dass er eines Tages, nachdem er jedes Mal ein wenig höher springt, endlich nicht mehr zurückfallen, sondern zum Himmel aufsteigen wird. Wir wissen, wie vergeblich das ist. Wir können auch nicht einen einzigen Schritt gegen den Himmel hinauf tun. Die Menschen, die mit beiden Beinen in den Himmel zu springen versuchen, sind von dieser Anstrengung ihrer Kräfte so sehr in Anspruch genommen, dass sie ihren Blick gar nicht mehr zum Himmel richten. Dabei ist es aber allein der Blick, der in dieser Sache etwas bewirken kann. Wenn wir lange Zeit den Himmel betrachten, steigt Gott hernieder und hebt uns empor. Er hebt uns mit Leichtigkeit empor. Das Göttliche ist mühelos. Es liegt im Heil eine Leichtigkeit, die für uns schwieriger ist als alle unsere Anstrengungen.“

Eine „Leichtigkeit, schwieriger als alle unsere Anstrengungen“. Es geschieht: Gott steigt vom Himmel hernieder. Er hebt Menschen, die ihn suchen, empor, ohne Anstrengung, mühelos. Vielleicht denken Sie an dieses Bild, wenn Sie in einigen Tagen Weihnachten feiern und sich fragen, wie seine Botschaft zu verstehen ist. Suchen wird nicht beendet, Fragen nicht einfach beantwortet. Doch wer nach Gott Ausschau hält, kann sich unvermutet von ihm angesehen, angesprochen wissen, in einer Weise, die er - die sie - nicht erwartet hatte.

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Auf den Weihnachtskarten, die wir in diesen Tagen schicken oder bekommen, sind oft Gesichter zu sehen, Gesichter, die mit großer Aufmerksamkeit auf das neugeborene Kind in der Krippe schauen: Maria, Josef, die Hirten, die drei Weisen. Sie sind ergriffen, und vieles malt sich ab in ihrem Blick. Sie schauen: zögernd, erstaunt, nachdenklich, mit vielen Fragen, aber auch voller Freude.
Die Bilder zeigen nicht nur, was damals geschehen ist: eine Frau, die ein Kind zur Welt gebracht hat – unter ärmlichen Verhältnissen. Die Bilder lenken den Blick so, dass er sich mit den Blicken derer verbindet, die das Kind betrachten. Die Menschen auf den Bildern laden ein, ihren Blicken zu folgen und sich zu versenken in das Antlitz des Kindes, so wie sie es tun: Maria, Josef, diejenigen die hinzukommen. Sie nehmen den Betrachter mit und lenken seinen Blick, damit er weitergeht und in dem kleinen Kind das Leben des erwachsenen Menschen Jesus von Nazareth ahnt. Er wiederum weist über sich hinaus als Bild des unsichtbaren Gottes. Die Gesichter derer, die auf das Kind in der Krippe schauen, laden ein, auf der Suche zu bleiben nach dem, was nicht gezeigt werden kann: sie laden ein, im Kind von Bethlehem den zu erkennen, der von oben kam, vom Himmel, uns geschenkt von Gott her.
Paulus hat die Botschaft von der Menschwerdung Gottes in Jesus von Nazareth in so kurze Formeln gefasst wie: Gott hat uns „zur Kenntnis gebracht“, wer er ist (1 Tim 3,16), er wird „ins Licht gerückt“ durch seinen Sohn. (Eph 1,9;3,9). Etwas ausführlicher ist seine Weihnachtspredigt im Brief an die Galater, es ist die wohl älteste, die wir kennen, aus den 50er Jahren des ersten Jahrhunderts: „Als aber die Fülle der Zeit gekommen war, sandte Gott seinen Sohn, geboren von einer Frau, und dem Gesetz unterstellt, damit er die frei kaufe, die unter dem Gesetz stehen, und damit wir als Söhne und Töchter angenommen würden. Weil ihr nun Söhne und Töchter seid, hat Gott den Geist seines Sohnes in unsere Herzen gesandt, den Geist, der ruft: Abba, Vater. (Gal 4, 4-7)

Der Text ist knapp und dicht, er hält sich an die Fakten: Eine Frau, Maria, hat ein Kind geboren, Jesus von Nazareth. Gleichzeitig betrachtet Paulus dieses Ereignis mit den Augen des Glaubens: Gott hat seinen Sohn gesandt, damit wir erkennen, wer wir in Wirklichkeit sind. Das Wunder hört ja nicht damit auf, dass Gott Mensch wird. Es beginnt erst. Denn es ist ein Wunder, wenn Menschen sich an Jesus orientieren und sich als Töchter und Söhne erkennen und damit auch untereinander als Geschwister. Damit fängt das Wunder erst richtig an.

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