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SWR2 Wort zum Tag

Die Diskussion um die Patientenverfügung bewegt viele Menschen. Es geht dabei ja nicht um ein abstraktes politisches Thema, sondern um eine sehr existenzielle Frage: Wie soll mein eigenes, mein ganz persönliches Ende einmal aussehen?
Der Deutsche Bundestag hat dazu vor kurzem ein Gesetz erlassen, am Ende einer des Problems würdigen Diskussion. Danach ist es unbedingt zu respektieren, wenn ein Mensch ausdrücklich erklärt hat, dass sein Leben im Angesicht des Todes nicht durch medizinische Maßnahmen verlängert werden soll. Diese Entscheidung soll Vorrang haben vor jedem Zweifel und auch dann nicht in Frage gestellt werden, wenn der betroffene Mensch selbst sich nicht mehr äußern kann. Ein Beschluss von großer Tragweite – gewiss. Er stellt das Recht auf freie Selbstbestimmung über alles andere. Er betont das Recht eines Menschen auf seinen eigenen Tod – nicht verfügt oder verhindert durch andere, nicht durch die Möglichkeiten der Medizin hinausgezögert.
Je älter ich werde, desto näher rückt mir diese Frage. Ich weiß, dass Palliativmedizin und Hospize noch viel mehr ausgebaut werden müssen. Denn was die Menschen belastet, ist wohl mehr die Angst, abhängig zu sein, einsam zu sein, Schmerzen zu haben. Es ist oft mehr die Angst vor den Umständen des Sterbens als die Angst vor dem Tod selbst. Deshalb ist dieses Thema auch eine kritische Anfrage an die Gesellschaft: Wie können wir verhindern, dass Menschen vereinsamen und mit ihrer Angst allein gelassen werden?

Unsere Gesellschaft ist sensibler geworden für die Situation sterbender Menschen. Das hat die Diskussion um die Patientenverfügung gezeigt. Vielleicht kann das neue Gesetz dazu beitragen, die Selbstbestimmung sterbender Menschen und die Möglichkeiten der Medizin besser in Einklang miteinander zu bringen.
Es bleiben aber Fragen, die ich nur persönlich beantworten kann. Kein Gesetz kann sie mir abnehmen. Wie möchte ich selber die letzten Dinge meines Lebens vorbereiten? Das Geschehen, bei dem ich auf keinerlei eigene Erfahrung zurückgreifen kann? Ist mein Sterben nicht das Ereignis meines Lebens schlechthin, wo ich gerade nicht mehr planen, berechnen und selber bestimmen kann, sondern ohnmächtig bin? Wo ich loslassen muss, loslassen darf – die Dinge, die Menschen, mich selbst; loslassen ins Unbekannte hinein? Aber kann es nicht auch sein, dass gerade dann das unbegreifliche Nicht-Mehr in ein unbegreifliches Alles umschlägt? Vielleicht ist ja gerade die Dunkelheit, die Nacht des Ungewissen, in die hinein ich mich loslasse, der tiefe Grund, in dem mein Leben geborgen ist.
Ich erinnere an ein schönes Wort von Rainer Maria Rilke: „Ich zähle mich, mein Gott, und du, du hast das Recht, mich zu verschwenden.“
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Was ist ein Mensch wert? Wir stellen diese Frage, um dem anderen Menschen gerecht zu werden. Diese Frage steht aber auch im Hintergrund, wenn Menschen berechnend miteinander umgehen. Und sie bedrängt uns, wenn wirtschaftliche Bewertungen immer mehr alle Lebensbereiche durchdringen.
Ich frage heute: Was bin ich mir wert? Was bedeutet mir mein Leben und was ist es mir wert – so wie es ist? Die Frage mag überraschen. Oft lebe ich dahin, ohne über so etwas nachzudenken. Verbringe meine Tage; gehe meinem Beruf nach; lebe mit meinen Nächsten zusammen – aufmerksam oder auch nicht; gestalte meine Freizeit – sinnvoll oder auch nicht. Aber was bin ich mir wert?
Der Verdacht drängt sich auf, als kreise ich mit solchen Fragen um mich selbst. Ich mache mich und mein Wohlergehen zum Maß aller Dinge. Ich suche voranzukommen ohne Rücksicht auf andere. Ich will mich selbst finden. Aber was finde ich da? Es gibt freilich auch das andere: Ich drohe mir selbst verlorenzugehen, weil ich aufgehe in meinen beruflichen Pflichten, in meinen alltäglichen Besorgungen und Besorgnissen, vielleicht auch in meinem Bemühen um andere. Und dann stehe ich gelegentlich überrascht vor der Frage: Wer bin ich denn selbst eigentlich?
Manchmal holen mich Zweifel ein: Wo sind meine Tage und Jahre geblieben? Ist dies das Leben, das ich mir vorgestellt und gewünscht habe? Bin ich den Menschen an meiner Seite gerecht geworden oder habe ich meine Beziehungen vergeudet? Manchmal stehe ich fassungslos vor dem, was ich falsch gemacht habe, schäme mich für meine Schwächen. Und manchmal bin ich traurig über so vieles, was an mir vorbeigegangen ist, ohne dass ich es als Chance, als Möglichkeit geglückten Lebens ergriffen habe.
Ich betrachte es als große Aufgabe, mein Leben wertzuschätzen. Ich meine nicht: es zu überschätzen, sondern: es gelassen und dankbar anzunehmen. Ich meine die Freiheit, Ja zu mir sagen zu können. Ja zu allem, was mein Leben ausmacht. Das ist oft gar nicht so einfach.
Schon immer hat mir ein Psalm viel bedeutet: „Herr, du prüfst mich und du kennst mich“, so beginnt er. Und weiter: „Ob ich sitze oder stehe, du weißt von mir. Von ferne erkennst du meine Gedanken [...] Du bist vertraut mit allen meinen Wegen.“ Auch das Dunkle in meinem Leben, so lese ich, ist vor Gott Licht. Ich kann die Gedanken, die Gott mit mir hat, nicht fassen, sagt der Psalm. Aber auch: „Ich danke dir, dass du mich so wunderbar gestaltet hast. [...] Staunenswert sind deine Werke.“
Gibt es eine größere Antwort auf die Frage nach dem Wert meines Lebens?

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Dass aus »Wer wird Millionär?« so eine Erfolgsgeschichte wird, hätte wohl niemand gedacht. Heute vor zehn Jahren, am 3. September 1999, flimmerte die Rateshow zum ersten Mal über den Bildschirm. Und bis heute fasziniert die Sendung Millionen. Großen Anteil an dem Erfolg von WWM, wie Fans zur Show sagen, hat der Moderator, Günther Jauch. Seine Witze, Gespräche mit den Kandidatinnen und Kandidaten, seine trockenen Bemerkungen beleben das immer gleiche Ritual um die 15 Fragen in Richtung Millionengewinn.
Darin besteht doch der Reiz der Sendung: dass man nie weiß, wie das Spiel ausgeht. Acht mal eroberten sich die Kandidaten eine Millionen, zwanzig mal musste sie ohne einen Cent nach Hause gehen. Und die Frage bleibt: Hätte ich’s gewusst?
»Wer wird Millionär?« ist aber mehr als nur ein Ratespiel um viel Geld. »Wer wird Millionär?« bietet eine Kurzform des Lebens an. Jeder Mensch steigt in sein Leben mit geringen Einsätzen, mit wenig Verantwortung, mit ganz elementaren Aufgaben: Essen, trinken, schlafen. Dann wird’s schwerer: laufen lernen, sprechen, aber auch das schaffen fast alle. Dann weitet sich der Horizont: Kindergarten, Schule, Ausbildung. Die Lebensfragen werden Stück für Stück schwerer. Und oft genug scheint es um alles oder nichts zu gehen. Beruf, Partnerschaft, Karriere und Kinder. So vieles drängt sich auf und ist zu regeln. Für manche wird der Job zur 1-Millionen-Euro-Frage, für andere ist ein Partner oder eine Partnerin der Hauptgewinn. Aber es geht weiter. Mit dem Alter kann man zwar vieles entspannt sehen, aber eine große, letzte Frage steht ja noch aus: Wie kann ich damit umgehen, dass ich sterben werde? Und wem das gut gelingt, der hat wirklich viel erreicht.
Nur einen Unterscheid gibt’s doch, zwischen »Wer wird Millionär« und dem Leben. Bei einer falschen Antwort ist man bei der Rateshow draußen. Im Leben aber gibt’s immer wieder Neuanfänge, immer wieder die Möglichkeit zur Umkehr, zur Neuorientierung. Das betont dieser Jesus von Nazareth ja auch immer wieder. Du kannst noch mal neu anfangen. Nicht bei der Kindheit, sicher nicht . Aber in deinem Leben, bei den schwierigen Fragen lassen sich neue Antworten finden. Das ist ermutigend. Das Leben ist offen, und reicht weiter als 15 Fragen.
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»In Liebe Chris und Thomas«, »Dennis und Maike. 12.7.2009«, »A. und J. in Love«. Diese und ähnliche Kurztexte habe ich auf Vorhängeschlössern gefunden, die Liebespaare seit einiger Zeit an der Hohenzollernbrücke in Köln anbringen. Auf der Fußgänger- und Eisenbahnbrücke hängt das Gitter, das Menschen und Züge trennt, voll mit diesen Schlössern. Und es werden immer mehr. Immer wieder kann man Liebespaare beobachten, die ihr Schloss an das Gitter hängen und dann den Schlüssel in den Rhein werfen. Allerdings ist das keine kölsche Erfindung. Ähnliche Bräuche finden sich schon viel länger in Italien und Lettland.
Und ganz so unbekannt ist es ja auch bei uns nicht, seine Initialen oder seinen Namen in etwas zu ritzen: In Holzbänke, Bäume oder die Plexiglasfenster von Bushäuschen. Neu allerdings ist dieser rituelle Akt an einem Ort. Gerade über den beiden Pfeilern der Brücke hängt das Gitter voller Schlösser.
Als ich vor wenigen Tagen über die Brücke ging, hat mich das Bild angerührt. Dass Beziehungen halten, ist ja keineswegs selbstverständlich. Ich erlebe das in meinem Umfeld deutlich: Trennungen sind an der Tagesordnung; Partnerschaften, die scheinbar unverwüstlich schienen, gehen in die Brüche. Aber hier, auf der Brücke in Köln, erzählen die Schlösser vom Glauben an die Liebe, die hält. Auf der Brücke sind alle unterwegs, in Bewegung: die Fußgänger von einem Rheinufer zum anderen, die Züge, die aus ganz Europa kommen. Die Vorhängeschlösser halten dagegen, behaupten: Ihr könnt gehen und fahren, wohin ihr wollt, unsere Liebe bleibt. Sie hält so, wie das Schloss an der Brücke. Den Schlüssel mag der Rhein davontreiben, wir brauchen ihn nicht mehr.
Ich glaube aber auch, dass die Schlösser an die Rheinbrücke angebracht werden, weil jede Brücke ein Hindernis überwindet. In Köln ist das ein mächtiger Strom, anderswo eine Schlucht. Das Schloss an der Brücke sagt: Unsere Liebe kann alle Hindernisse überbrücken. Sie verbindet selbst Trennendes, so wie eine Brücke Ufer, Menschen und Landschaften verbinden kann.
Natürlich drücken die Schlösser aber vor allem eine Sehnsucht aus. Die Sehnsucht, dass Liebe bleibt, so wie das Schloss. Und ich hoffe mit allen, die sich an der Hohenzollernbrücke verewigt haben, dass das wirklich so ist, dass ihr Liebe hält.
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„Deutschland zieht in den Krieg.“ Einen Augenblick frage ich mich, wie sich das heute anhören würde. Wenn das heute morgen in Radio, Fernsehen, Zeitung und Internet zu hören und zu lesen wäre. Aber ich kann mir das nicht vorstellen. Auch wenn deutsche Soldaten in Afghanistan und überall auf der Welt im Einsatz sind. Ein Krieg mit einem Nachbarland ist doch etwas anderes.
Und doch haben viele Deutsche das noch erlebt: Heute, vor genau siebzig Jahren, begann der Zweite Weltkrieg. Deutschland überfiel Polen. Das war der Auftakt zu einem Krieg, der sich auf die ganze Welt ausdehnte. Ein Krieg, der für alle, die ihn nicht erlebt haben, bis heute eigentlich unvorstellbar bleibt.
Und doch sind die Wirren dieser Jahre und das grausame Töten bis heute präsent. Die Wunden von damals sind nicht verheilt. Zum Beispiel im Verhältnis von Polen und Deutschen. Auch wieder unvorstellbar. Ich spiele zum Beispiel Woche für Woche Fußball mit zwei Kollegen, die in Polen geboren wurden. Dass es deswegen Probleme zwischen uns gibt, kann ich mir nicht vorstellen. Doch so einfach ist das nicht.
Da haben etwa polnische und deutsche Katholiken sehr viel für die Versöhnung der beiden Völker getan, haben sich eingesetzt für ein neues Miteinander nach dem Krieg. Aber als jetzt deutsche und polnische Bischöfe an den Kriegsbeginn, an die Schuld der Menschen und an den Weg zur Versöhnung erinnern wollten, da zeigt sich: Es ist schwierig, eine gemeinsame Sprache für all das zu finden. Krieg, Vertreibung und Umsiedlung sind immer noch nicht passé. Sicher: die Bischöfe betonen, dass das alles Unrecht war und ist. Dass sich nicht rückgängig machen lässt, was geschehen ist. Und dass es doch schwierig ist, über den Krieg und seine Folgen so zu sprechen, dass niemand verletzt wird.
Aber es ist wohl so, dass jeder Konflikt auch sprachlos macht. Schweigen gehört dazu, der Versuche, die richtigen Worte zu finden. Wenn die deutschen und polnischen Bischöfe anlässlich des 1. Septembers einen gemeinsamen Gottesdienst feiern, setzen sie genau hier an. Denn in jedem Gottesdienst gibt’s es auch die Stille, das Schweigen, den Versuch, auf Worte zu hören, die noch gefunden werden müssen. Das ist für mich der erste Schritt zu einem wirklichen Verständnis füreinander – dass um Worte gerungen wird.
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Ich geb’s zu: Morgens fällt mir nicht immer das Lächeln leicht. Der Wecker klingelt früh, die Kinder rennen durchs Haus, der neue Tag klopft unerbittlich an die Haustür. Gute Laune hab ich da wirklich nicht immer. Und es gibt viele gute Gründe, schlechte Laune zu haben, im Morgen mehr Dunkelheit als Helle zu sehen, schon früh am Tag traurig und niedergeschlagen zu sein.
Wenn es mir nicht gut geht, muss ich oft an einen Satz von Friedrich Nietzsche denken. Der Philosoph ätzte einmal: „Die Christen müssten eigentlich erlöster aussehen.“ Ein Satz wie ein Stachel. Ein Satz, der jedem Christen weh tun muss. Denn er meint ja: Wer behauptet, Christ zu sein, dem muss man das auch ansehen. Man muss spüren: Da ist jemand wirklich von einer frohen Botschaft erfüllt. Vom Glauben an einen menschfreundlichen Gott getragen – und geht genau so durchs Leben: befreit, gelöst, erlöst.
Das fällt mir oft genug schwer. Und außerdem, könnte man sagen: Nietzsche macht es sich viel zu leicht mit seiner Behauptung. Auch wenn ich glaube, wenn ich Jesus, dem Mann aus Nazareth, nachfolge, bleiben doch die Sorgen. Sie verschwinden nicht einfach, die bedrückende Angst um die Zukunft, der ungelöste Konflikt mit dem Partner oder der Partnerin, die Sorge um die Kinder, die Krankheit eines Angehörigen. Wer da fröhlich pfeifend durch die Gegend läuft, der ist doch eher ein Unmensch als ein Mensch.
Trotzdem verfolgt mich dieser Satz. „Die Christen müssten eigentlich erlöster aussehen.“ Weil er Fragen aufwirft: Habe ich wirklich guten Grund missmutig, verzweifelt, schlecht gelaunt zu sein? Gibt’s nicht bei allem Stress und aller Angst auch gute Gründe dankbar, froh, erlöst zu sein? Und der Verdacht drängt sich auf: Vielleicht sehen Christen deshalb oft nicht erlöst aus, weil ihnen der Mut fehlt, das Leben zu nehmen, wie es kommt, es voller Vertrauen anzunehmen. Sicher: Das Leben voller Vertrauen und Fröhlichkeit anzunehmen, ist keine leichte Aufgabe. Gerade in dunklen Zeiten. Gerade weil es vieles gibt, was im Argen liegt. Gerade weil die Welt eben nicht erlöst aussieht. Und vielleicht liegt die Lebenskunst darin, gerade hier auf Gott und auf sich selbst zu vertrauen. Menschen, denen das gelingt, die sehen dann erlöster aus.
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