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SWR2 Wort zum Tag


Die Schwäbische Alb als Wiege der europäischen Kultur? Eine kleine Flöte, geschnitzt aus dem Flügelknochen eines Gänsegeiers, unterstützt diese Vermutung vieler Wissenschaftler. Das Instrument ist 35 000-40 000 Jahre alt und damit die älteste bekannte Flöte der Welt. In einer Höhle auf der Schwäbischen Alb wurde sie gefunden. Die Menschen der Altsteinzeit haben also musiziert, und ihre Musik dürfte dazu beigetragen haben, dass der homo sapiens größere soziale Netzwerke bilden konnte und damit dem Neandertaler entscheidend überlegen war - weswegen es uns heute noch gibt, die Neandertaler dagegen nicht.
Ich finde es sehr anrührend, dass sich Menschen vor 35000 Jahren die Zeit nahmen, eine Flöte zu schnitzen und sich von der Sorge um das tägliche Überleben zwischen gefährlichen Tieren und kalten Nächten nicht auffressen ließen, sie entwickelten ein Instrument und blickten damit, so finde ich, über den Horizont ihrer Höhle hinaus. In der selben Höhle wie die Flöte wurde übrigens auch eine Frauenfigur gefunden, die so genannte Venus vom Hohle Fels, wahrscheinlich die Statuette einer Göttin. Sie ahnten offenbar noch andere Horizonte, die Steinzeitmenschen der Schwäbischen Alb. Beten und musizieren - das sichert nicht das tägliche Überleben, und doch ist es Kultur stiftend, einfach, weil es Menschen in Beziehung bringt, miteinander und zu Gott. Beten und Musizieren hat dabei etwas wunderbar Transzendentes, es lässt uns andere Welten erahnen, es ist ein schwebendes Glück, das offenbar schon unseren Vorfahren vor für mich unvorstellbaren Zeiträumen wichtig war. Möglicherweise ist es gerade für die arbeitsamen Schwaben eine nachdenkenswerte Pointe, dass Kultur sich nicht aus der täglichen Arbeit sondern aus der Pause zwischen den Arbeitseinsätzen entwickelt. Sicherlich - die Mammuts mussten weiter erlegt und die Höhle beheizt werden, doch die Überlegenheit der Gattung sicherte nicht nur der schnellste Pfeil oder die dickste Keule, sondern ein 22 Zentimeter langes Stück aus dem Flügelknochen eines Gänsegeiers, kunstvoll mit Luftlöchern versehen, so dass sich die Tonhöhe verändern ließ. Und das erlegte Mammut, so stelle ich es mir vor, wurde mit einem Dankgebet an die Gottheit verzehrt.
Im September können wir die Flöte und die Venus vom Hohle Fels in Stuttgart bewundern, in der Ausstellung Eiszeit - Kunst und Kultur. Ich freue mich schon darauf, und ich werde - mit einer gehörigen Portion Ergriffenheit - sehen, was die Wurzel unserer Kultur sein könnte: Eine kleine Flöte und eine dralle Göttin - Musik und Religion.

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„Tiere machen keine Fehler“ meint mein Sohn, während wir ein leeres Vogelnest betrachten, das eine Amsel in das Spalierobst vor unserem Wohnzimmerfenster gebaut hat. Wir bewundern die kunstvolle Gestaltung „Wenn man sich überlegt, dass so ein Vogel nur mit seinem Schnabel und seinen Füßchen bauen kann!“ Kleine Zweige sind sorgfältig ineinander gewunden, die Höhlung weich ausgepolstert. „Ich sag´s doch, Tiere machen keine Fehler. Sie sind perfekt.“ Mein Sohn überlegt weiter. „Wahrscheinlich machen sie keine Fehler, weil sie nicht über das nachdenken, was sie tun. Die Amsel baut einfach und denkt nicht darüber nach. Wir Menschen denken, deshalb machen wir Fehler. Manchmal wäre es schön, ein Tier zu sein.“ - „Auf der anderen Seite“ sage ich, „so als Tier ist der Horizont doch sehr begrenzt, selbst aus der Vogelperspektive. Nur weil wir Menschen uns trauen, Fehler zu machen, können wir auch unseren Horizont erweitern und - beispielsweise - neue Baustile entwickeln. Schau dich mal in Mainz um, da findest du alles vom Fachwerkhaus bis zum modernen Architektenbau. Diese Vielfalt gibt es nur, weil Menschen den Mut haben, auch einmal etwas Neues auszuprobieren. So eine Amsel baut immer das gleiche Nest. Mein Sohn runzelt die Stirn. „Das kann sie dafür aber wirklich gut. Meinst du, dass sie glücklich darüber ist?“ Ich weiß nicht, ob Amseln glücklich sein können. Vielleicht braucht es für die Empfindung von Glück über das, was mir gelingt auch die Erfahrung, dass mir etwas misslingen kann und ich dieses Misslingen reflektieren kann. Manche Philosophen meinen ja, dass Glück nur der empfinden kann, der nicht darüber nachdenkt. Ein Architekt wird aber doch sicher glücklich sein, wenn ihm ein Haus gelungen ist, dafür braucht es aber vorher viele misslungene Entwürfe. Ich schaue meinen Sohn an und bin glücklich, dass es ihn gibt, gerade so, wie er ist, mit allen Ecken und Kanten. Fehlerlos sein - das gelingt wohl nur Gott, und alle menschlichen Versuche, den perfekten Menschen zu züchten, endeten bezeichnenderweise in Diktatur und Terror. „Schön, dass Gott dich so geschaffen hat wie du bist, nämlich denkend und nicht perfekt. Mir wäre es unheimlich, wenn du ohne Fehler wärest. Ich bin gespannt darauf, welche Fehler dich in deinem Leben weiterbringen werden. Wie gut, dass du keine Amsel bist. Außerdem“ - ich betrachte das leere Nest und denke an Nachbars Kater „manchmal ist es tödlich, nicht über den eigenen Horizont blicken zu können.“
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Jetzt ist der Kampf vorbei. Unter den Augen der Öffentlichkeit, begleitet von einem Rauschen, das durch den gesamten Blätterwald von FAZ und ZEIT bis Bild und Bunte ging, im Licht der Fernsehkameras und kommentiert im Radio ging Wendelin Wiedeking schließlich geschlagen vom Platz. Es flossen sogar Tränen. Was war so faszinierend an diesem Machtkampf? Er war großes antikes Theater, zwei Helden prallen aufeinander, Achill gegen Hektor, Mann gegen Mann, auf wessen Seite stehen die Götter? Zahlen schwirren durch den Raum, die etwas Außerirdisches haben, wer kann sich schon tatsächlich unter 250 Millionen Euro etwas vorstellen, sicher nur die wenigsten. Frauen spielen selten eine Rolle bei solchen Spielen der Macht, Angela Merkel und Hillary Clinton sind - noch - Ausnahmeerscheinungen. Der weibliche Beitrag zum Thema besteht eher darin, dass die Gladiatorensandale DAS modische Accessoire dieses Sommers ist. Immer noch ist er eher Männersache, der Kampf um die Macht. Doch ist er auch Göttersache? Im griechischen Olymp gewiss. Im Christenhimmel ist die Sache nicht so einfach. Immerhin versucht der Teufel in der Wüste Jesus mit dem Angebot unbegrenzter Macht, Macht zu haben ist also eine Versuchung, eines Gottessohnes würdig. Da Jesus sich stellvertretend für alle Menschen mit den Versuchungen des Teufels beschäftigt heißt das aber auch, dass der Umgang mit Macht etwas ist, das alle Menschen betrifft - auch die Frauen. Denn der Teufel ist ja nicht dumm, sondern bietet etwas Verführerisches an: Die Herrschaft zu übernehmen, Schicksal spielen dürfen, über Wohl und Wehe anderer Menschen entscheiden, die Geschicke eines Landes, ja der Welt beeinflussen. Das ist verlockend, und nur so ist zu erklären, dass zwei Männer wie Wiedeking und Piech mit solcher Erbitterung kämpfen. Die Faszination der Macht. Die alle ergreift. Und alle Menschen müssen sich fragen, wie sie mit ihrer Faszination umgehen, ob lediglich als Zuschauer bei Kämpfen, die andere austragen, ob als Accessoire mächtiger Männer oder als Mensch, der verantwortungsvoll Macht ausübt. Denn Macht hat ihren Preis. Jesus hätte dafür den Teufel anbeten müssen. Er hat sich für eine andere Form der Machtausübung entschieden, für die Macht der Liebe und blieb dabei, nur Gott anzubeten. Es kommt also vielleicht darauf an, zu wem man betet oder was man anbetet, wenn man um die Macht kämpft oder mit der Macht umgeht. Ich fände es wirklich sehr spannend zu wissen, wie Ferdinand Piech und Wendelin Wiedeking es damit halten.
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„…Ich möcht‘ ein Clown sein / und die andern lachen machen. – So schreibt Hanns Dieter Hüsch und fährt dann fort - Ich möchte ein stillvergnügter Clown sein / und kein großer Held, / ein klitzekleiner Spaßmacher / in unsrer bitt’ren Welt. / Ich möchte Purzelbaum auf allen Straßen schlagen / und nicht zu allem Ja und Amen sagen… / Ich möchte, dass die Welt mal lächelt, / eh’s zu spät ist / Ich möchte ein Clown sein …“

Warum wollte Hanns Dieter Hüsch, ein poetischer Kabarettist, ein Clown sein? Vielleicht weil der Clown eine besondere Art hat, das Leben zu sehen. Weil er für mehr steht als mich zum Lachen zu bringen, mir mit lachendem und weinendem Gesicht einen anderen Blick in die Welt, ein anderes Sehen eröffnet.
Ich denke an einen großen Clown auf der Bühne: Charlie Rivell. Ich habe ihn viele Male gesehen. Tollpatschig, stolpernd, weil ihm alles im Weg steht, weil ihn die viel zu großen Schuhe am Laufen hindern, sein Kostüm viel zu lange Beine hat. Er ist zum Lachen, obwohl seine Wahrheiten zum Weinen sind. Alle Spielarten des Menschen breitet er aus: Heiterkeit und Traurigkeit, Melancholie und Verzweiflung, Humor und Empfindsamkeit. Der Clown spiegelt, was er sieht und erlebt, und findet, auch wenn er stolpert und scheinbar scheitert, eine Lösung und macht so Mut. Er weckt Gefühle, so dass ich mich mit ihm freue, im Traurigsein mit ihm weinen kann. Die Ernsthaftigkeit, die in aller Heiterkeit immer auch bei ihm aufscheint, weiß um die Ängste des Menschen, um verhindertes Leben, um Trauer und Leid.
Im Lachen liegt für mich eine Hoffnung, die stärker ist als Resignation und Trostlosigkeit. Lachen ist wie die Sonne, die wärmt und hell macht, die dem Mutlosen Hoffnung und Lebensfreude gibt und dem Traurigen die „Rose als Stütze“, wie es Hilde Domin sagt.
Wer ist der Clown in Wirklichkeit? Jeder Mensch hat etwas davon in sich. Wenn ich über den Clown lache, lache ich auch ein bisschen über mich, meine eigenen Schwächen und Verrücktheiten, Dummheiten und Verhaltensweisen. Entdecke ich den Clown in mir, dann kann ich auch über mich lachen, stelle mich in heiterer Distanz ein bisschen abseits und betrachte mein Leben als Zuschauer.
Das Tiefsinnige im Clown ist sein „Trotzdem“. Es ist das Trotzdem des Glaubens, der Hoffnung und der Liebe als ein Geschenk Gottes an jeden Menschen, aus dieser Haltung zu leben. Zur Fülle des Lebens gehören Lachen und Weinen, Glück und Trauer. Denn: Lachen hat seine Zeit, Weinen hat seine Zeit.
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„Es ist gut, wenn zwei zusammen sind, besser als allein." (Prediger 4,9)

Der das im 3. Jahrhundert vor Christus gesagt hat, war eher ein Skeptiker als ein Optimist. Er kannte das Leben, seine schönen Augenblicke und die harten Schläge, die einen treffen können, ohne dass man Antwort auf die Frage „warum" bekommt, schon gar nicht auf die Frage: warum ich?
Man nennt den Schreiber dieses biblischen Buches den „Prediger". Er steht nicht allein. Wenn es am Anfang des Alten Testaments heißt: „Es ist nicht gut, dass der Mensch allein sei" - dann meint das dasselbe.

Wärme und Geborgenheit kann man sich nicht selbst schenken. Man kann sich weder selbst küssen noch selbst gute Nacht sagen. Wir brauchen den anderen zum Leben. Der Satz „Ich brauche dich" ist das größte Vertrauen, das sich zwei Menschen schenken können. Solche Nähe, die wir schenken, um zu leben, entsteht in der Liebe ebenso wie in der Freundschaft. Ich glaube, das ist wichtig. Zum Alltag gehört, dass die, die einander lieben, auch Freunde sind. Und: dass die, die einander lieben, auch Freunde brauchen, die das Leben reicher machen.
Weil die Aussage des Predigers zur Gemeinschaft so wahr und so elementar ist, spiegelt sie sich in ungezählten Gedichten bis in die Moderne. So viel Nähe kann aber auch einengend sein. Ich denke dabei an die Gefahr der Liebe, den Partner nach dem eigenen Bild zu formen, ihn so zu sehen, wie er nicht ist, sondern wie man ihn sehen möchte. Dann gilt nur eins: das uralte biblische Bilderverbot „Du sollst dir kein Bildnis machen." Der Schweizer Schriftsteller Max Frisch hat dieses Gebot von seinem biblischen Bezug auf Gott auf den Menschen ausgeweitet. Seine schon klassische Aussage dazu kann man in seinem Tagebuch nachlesen:
„Eben darin besteht ja die Liebe, das Wunderbare an der Liebe, dass sie uns in der Schwebe des Lebendigen hält, in der Bereitschaft, einem Menschen zu folgen in allen seinen möglichen Entfaltungen... Das ist das Erregende, das Abenteuerliche, das eigentlich Spannende, dass wir mit den Menschen, die wir lieben, nicht fertig werden: weil wir sie lieben; solange wir sie lieben..."

Das ist die Freiheit vom Zwang des Bildermachens. Es ist die Freude, Nichtbekanntes, Unerwartetes im anderen zu sehen und zu entdecken. Denn: Der Mensch, den ich liebe, ist immer mehr, immer auch noch anders, als ich ihn sehe.

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„Nicht müde werden…“
Das ist der Beginn eines Gedichtes von Hilde Domin, der deutschen Lyrikerin jüdischer Herkunft, an deren 100. Geburtstag ich heute erinnern möchte. Ich sehe sie vor mir, bei Lesungen, bei Diskussionen, sehe ihren wachen Blick, ihre Zugewandtheit, Spontaneität und Lebendigkeit. In ihrem Elternhaus hat sie das Urvertrauen erfahren, das sie lebenslang getragen hat. Aus ihm nahm sie die Kraft und den Mut zum „Dennoch“.
Hilde Domin lebte 22 Jahre im Exil, in Italien, England und in der Dominikanischen Republik. Dort fand sie zu ihrer Sprache, die ihr Heimat geworden ist. Sie sagt: „Wie ich, Hilde Domin, die Augen öffnete, die verweinten, in jenem Hause am Rande der Welt, wo der Pfeffer wächst und der Zucker und die Mangobäume, aber die Rose nur schwer, und Äpfel, Weizen, Birken gar nicht, ich verwaist und vertrieben, da stand ich auf und ging heim, in das Wort. Von wo ich unvertreibbar bin.“
Viele Gedichte thematisieren das Heimatlose, das Ungeschütztsein und Fremdsein, andere wieder Vertrauen, Hoffnung und Zuversicht.
In ihrem Band „Ich will dich“ steht das Gedicht, das sie selbst für ihr wichtigstes hielt: „Abel steh auf“: „Abel steh auf / es muss neu gespielt werden / täglich muss es neu gespielt werden / täglich muss die Antwort noch vor uns sein / die Antwort muss ja sein können / wenn du nicht aufstehst Abel / wie soll die Antwort / diese einzig wichtige Antwort / sich je verändern /…/ steh auf / damit Kain sagt / damit er sagen kann / Ich bin dein Hüter / Bruder / wie sollte ich nicht dein Hüter sein /…/ Abel steh auf / damit es anders anfängt / zwischen uns allen…“
Auch hier gilt: „Nicht müde werden.“ Das heißt, immer wieder neu anfangen.
Warum ist mir dieses Gedicht so wichtig?
In der Erzählung von Kain und Abel in der Bibel – Kain erschlägt seinen Bruder Abel – soll Gewalt nicht das letzte Wort sein. Die Geschichte ermahnt mich zu begreifen: wer tötet, tötet seinen Bruder, tötet seine Schwester. Dieser Aufruf, es anders zu machen als Kain ist Hilde Domins eigene Erfahrung: „Abel steh auf / es muss neu gespielt werden.“ Das heißt: Verlier den Glauben an den Mitmenschen nicht, sei du deines Bruders Hüter, sei du nicht sein Täter. Leb keine Gewalt, sondern brüderliches und schwesterliches Miteinander. Nur dann besteht die Hoffnung, dass „es anders anfängt zwischen uns allen“. „Nicht müde werden“ heißt immer wieder neu damit anzufangen.
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