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SWR2 Wort zum Tag

„Kameraden, hört mich. Hier spricht Pfarrer Paul Schneider. Hier wird gefoltert und gemordet. So spricht der Herr: Ich bin die Auferstehung und das Leben!“
Weiter ist er nicht gekommen. Die Prügel der Wächter haben die Stimme aus dem Arrestbunker im Konzentrationslager Buchenwald zum Schweigen gebracht. Aber Tausende von Häftlingen hatten seine Osterbotschaft beim Morgenappell gehört.

Seit April 1938 saß Paul Schneider, Dorfpfarrer aus dem Hunsrück, in Einzelhaft. Beim Fahnenappell zum Führergeburtstag hatte er den Hitlergruß verweigert. Über ein Jahr lang wurde er grausam gefoltert. Weil man ihn damit nicht endgültig zum Schweigen bringen konnte, hat man ihn heute vor 70 Jahren, am 18. Juli 1939, ermordet.

Früher als andere hat Paul Schneider erkannt, dass das NS-Regime im Widerspruch zu seinem christlichen Glauben stand. Und er hat sich nicht gescheut, sich mit den Machthabern anzulegen. Bei der Beerdigung eines Hitlerjungen widersprach er schon 1934 öffentlich dem neuheidnischen Nachruf des NS-Kreisleiters. Bei der Wahl zum Reichstag 1936 verweigerten er und seine Frau die geforderte Ja-Stimme. Nach weiteren Auseinandersetzungen mit deutschchristlichen Gemeindegliedern wurde ihm verboten, sich in seiner Gemeinde aufzuhalten. Schneider ignorierte das Verbot. Das brachte ihn im November 1937 nach Buchenwald.

Mich beschäftigt das, was ich von Paul Schneider weiß – und dabei weckt es ganz unterschiedliche Gefühle. Ich bewundere seinen festen Glauben, seine kompromisslose Haltung den Nazis gegenüber. Es macht mich betroffen, wie er dafür gequält wurde. Und dann ist da noch etwas. Eine Irritation. Paul Schneider hatte eine Familie, sechs Kinder. Hätte er das Aufenthaltsverbot für seine Gemeinde akzeptiert, wäre er jederzeit freigekommen. Er hat es nicht getan. Bis zum bitteren Ende. Und bei mir schleicht sich die Frage ein: War das nötig? Will Gott das? Und was würde ich tun?
Ich glaube, nur wenige können die Widerstandskraft eines Paul Schneider haben. Aber es ist wohl nötig, dass es immer wieder Menschen gibt, die so sind. Die ihren Glauben bis ans Äußerste leben.
Es war nötig für die Menschen, denen die Stimme des ‚Predigers von Buchenwald’ aus dem Arrestbunker einen Funken Hoffnung gegeben hat. Es war nötig für die Gestapo-Leute, die bei der Beerdigung Schneiders die Menschen nicht mehr zählen konnten und staunend bemerkten: „So werden Könige begraben.“
Und es ist nötig für mich heute, weil es mich stolpern lässt und fragen: Was ist mit mir?

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Männer sollen für ihre Kinder da sein. Haushalt und Erziehung sind Sache beider Partner. Familienarbeit ist eine wichtige Aufgabe und verdient mehr gesellschaftliche Anerkennung.
In der neusten Elternzeit-Broschüre des Familienministeriums wären mir diese Sätze nicht weiter aufgefallen. Ziemlich überrascht war ich dagegen, als ich so etwas an einer völlig anderen Stelle gelesen habe. Bei Martin Luther.
Offensichtlich hat sich an den Mühen der Säuglingspflege – und auch an ihrem gesellschaftlichen Renomée – seit der frühen Neuzeit nicht so viel geändert.

„Wenn die ... Vernunft das eheliche Leben ansieht“, so schreibt der Luther 1522, „dann rümpft sie die Nase und spricht: ‚Ach, ich sollte das Kind wiegen, die Windeln waschen, Betten machen, Gestank riechen, die Nacht wachen, beim Schreien für es sorgen, einen Ausschlag und Geschwür heilen, danach das Weib pflegen ... hier sorgen, da sorgen ...?“

Luther selbst war noch nicht verheiratet, als er das in seiner Schrift „Vom ehelichen Leben“ veröffentlicht hat. Und wie viele der Windeln seiner sechs Kinder er später tatsächlich selbst gewaschen hat, weiß ich nicht. Was er aber als Theologe zu dem Thema zu sagen hat, finde ich bemerkenswert.
Aus der Sicht des christlichen Glaubens nämlich, so schreibt der Reformator, sind diese „geringen, unangenehmen und verachteten Werke ... alle mit göttlichem Wohlgefallen wie mit kostbarstem Gold und Edelsteinen geziert.“ Denn Gott unterscheidet nicht zwischen vermeintlich bedeutsamen und unbedeutsamen Aufgaben.
Und so, meint Luther, können auch Männer einen ganz neuen Zugang zur Familienarbeit finden. Wer nämlich glaube, dass Gott ihn als Mann geschaffen hat und ein Kind hat zeugen lassen, der könne es auch als eine von Gott verliehene Würde sehen, „das Kindlein zu wiegen, seine Windeln zu waschen und für seine Mutter zu sorgen“ – und das selbst dann, wenn andere ihn verspotten und für einen, so Luther, „Maulaffen oder Frauen-Mann halten“.

Ich finde, das ist erstaunlich aktuell – und ein guter Denkanstoß: für alle, die immer noch meinen, dass Männer, die ein paar Monate Elternzeit nehmen, ihr Ansehen und ihre Karriere nachhaltig beschädigen – und erst recht für die, die ihnen im Beruf dann tatsächlich Steine in den Weg legen; auch für mich selbst, wenn ich manchmal lustlos Windeln wechsele; und ganz bestimmt auch für die gesellschaftliche Diskussion um das Ansehen von Pflege- und Erziehungsberufen! Wie sagt doch Luther: „Es sind alles ... goldene, edle Werke!“
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Ich zahle gerne Steuern. Und Sie? Viele Politiker scheinen ja den Eindruck zu haben, dass wir kaum mehr bereit sind, einen Teil unseres Geldes für die Allgemeinheit abzugeben. Steuererleichterungen zu versprechen, das kommt im Wahlkampf gut an, meinen sie.
Ich finde, Steuern sind eine sehr sinnvolle Einrichtung. Und ohne funktioniert ein Staat eben nicht.

Jesus hatte dazu eine ziemlich pragmatische Einstellung. „Gebt dem Kaiser, was des Kaisers ist, und Gott, was Gottes ist“, so ist seine Meinung zum Thema Steuern überliefert. Damit wollte er dem Staatswesen keine höheren Weihen verleihen, bestimmt nicht. Er sagt einfach: Wenn ihr sowieso mit Geld umgeht und den staatlichen Ordnungsrahmen für eure Geschäfte nutzt, dann erfüllt auch eure Steuerpflicht.
So sahen das auch die ersten Christen: Steuern wurden bezahlt – selbst an einen Staat, der ihre Religion unterdrückte und Steuergelder nach dem Belieben der Machthaber verteilte.

Dagegen sind wir heute in der komfortablen Lagen, mindestens durch unsere Wahlentscheidung darüber mitzubestimmen, wohin unsere Steuergelder fließen.
Und unser Steuersystem mag zu kompliziert und an einigen Punkten auch ungerecht sein: Ich finde, die Tendenz stimmt. Wer viel hat, zahlt viel – und umgekehrt.
Als ich als Single meine erste Stelle angetreten habe, war nach Steuern und Abgaben die Hälfte des Gehalts weg. Zum Leben war es trotzdem genug und im Vergleich zum Studentenbudget fast luxuriös.
Jetzt, als vierköpfige Familie, profitieren wir von den Steuergeldern, die wir und andere zahlen, ganz kräftig: Kindergeld, Elterngeld und Ermäßigungen, ganz abgesehen vom subventionierten Kitaplatz, den modernen, kinderwagenfreundlichen Bussen und Bahnen, dem neuen Wasserspielplatz im Park... Wenn auch Sie das durch Ihre Steuern mitfinanzieren, an dieser Stelle mal ganz herzlichen Dank!

Ich jedenfalls werde mich bei der Wahl nicht zuerst fragen: Wer verspricht mir weniger Steuern? Ich werde mir überlegen, wer die Steuergelder am ehesten sinnvoll verteilt.
Wer keine Steuern bezahlen möchte, der sollte es einfach machen wie Jesus. Der hat, so meinen die Bibelwissenschaftler, selbst sicher keine Steuern bezahlt. Allein deshalb, weil er keinen Besitz hatte.
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Wie schwer sind für mich, Gott, deine Gedanken! So seufzt ein Beter in einem Psalm. Wer könnte da nicht mitseufzen! In so vielen Lebenssituationen weiß man nicht, warum geschehen musste, was einen schwer belastet. Man vermisst Gottes Führung und Bewah-rung und leidet darunter, dass Gott so verborgen ist. Das Gebet kann verstummen, weil man den Eindruck hat, wie gegen eine Wand zu rufen und zu schreien. Es bleibt viel-leicht nur noch der verzweifelte Seufzer: Wie schwer sind für mich, Gott, deine Gedan-ken, wie unbegreiflich Deine Wege mit mir!

Wer den Psalm im Ganzen liest, entdeckt Erstaunliches: Der Beter seufzt gar nicht über die Verborgenheit Gottes, sondern über seine Allgegenwart. Er denkt sich die entferntes-ten Orte aus: den Himmel, das äußerste Meer – Gott ist da, auch noch im Tod. Man kann sich vor Gott nicht verbergen. Man muss an seiner Nähe aber auch nicht zweifeln. So kann der Beter staunend sagen: Von allen Seiten umgibst du mich und hältst deine Hand über mir. All das kann er nicht begreifen - und seufzt darüber. Kennt der Beter denn nicht die Verborgenheit Gottes? Weiß er nichts von Lasten und Leiden, die blind machen für Gottes Gegenwart und an seiner Führung zweifeln lassen? Am Ende des Psalms ist von Menschen die Rede, die der Beter wie Blutsauger erlebt, die ihm offenbar ans Leben wollen. Sie sind da – trotz der Allgegenwart Gottes. Wie sollte er da nicht fragen, warum Gott das zulässt, warum er der Bedrohung nicht ein Ende macht. Er klagt darüber – aber vor Gott, dessen Handeln er nicht versteht, der sich verbirgt und doch immer da ist. Und noch etwas macht ihm zu schaffen: Er weiß von dem Bösen, das von Gott trennt, von falschen Wegen, die vom Vertrauen auf Gott wegführen. Er weiß nicht oder nicht immer, ob er sich nicht längst, ohne es zu merken, auf einem falschen Weg befindet. Aber er bittet Gott, ihn zu prüfen und ihn auf einen guten Weg zu leiten.

Der Beter kennt Gottes Verborgenheit. Er kennt die Fragen, die keine Antwort erhalten. Er weiß auch vom Bösen in ihm selbst. Und doch bekennt er: Du umgibst mich, hältst deine Hand über mir, hältst mich fest und führst mich. Er kann es, weil er sich als Ge-schöpf Gottes weiß, das Gott nicht lassen kann und will. Er kann es, weil Gott in seiner Geschichte mit den Menschen seine Verborgenheit verlassen hat und weil es Gottes gro-ße Zusagen gibt. An sie hält sich der Beter, auch gegen viele Erfahrungen - und kann darum Gottes Gegenwart und seine Führung glauben!

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Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit – das ist das Motto der Französischen Revolution und der Wahlspruch auch der französischen Republik heute. Diese begeht an diesem Tag ih-ren Nationalfeiertag. Am 14. Juli 1789 war in Paris die Bastille, die damals Gefängnis war, gestürmt worden. Der Sturm auf die Bastille gilt als Geburtsstunde der Französi-schen Revolution. Auch in unserem Land ist die Revolution in Frankreich von Vielen be-geistert begrüßt worden. Auch bei uns gab es die Sehnsucht nach Freiheit, politischen Mitspracherechten und nach der Achtung der Menschenwürde.

Es waren die Ideen der Aufklärung, durch die die Sehnsucht nach Freiheit und die Über-zeugung von der Würde jedes Menschen geweckt wurden. Die Kirchen waren damals so-sehr an die Herrschenden gebunden, dass sie erst allmählich die Bedeutung dieser Ideen verstanden haben. Einer der Gründe dafür war allerdings auch, dass die in der Französi-schen Revolution erkämpfte Befreiung bald in Gesinnungsterror, Gewalt und Terror um-geschlagen war.

Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit und die Würde jedes Menschen können aber auch vom christlichen Glauben her verstanden werden:
Die Würde des Menschen ist für Christen darin begründet, dass jeder Mensch Gottes Ge-schöpf ist und von ihm geliebt wird. Auch das Kind. Auch der alte oder der behinderte oder der verarmte Mensch. Auch der Mensch, der Schuld auf sich geladen hat, kriminell geworden ist und dafür bestraft werden muss!
Freiheit erfahren Christen durch den Glauben, dass ihnen ihre Schuld vergeben ist und sie zu einem Leben in Verantwortung befreit wurden. Christen treten darum für soziale Bedingungen ein, die ein freies und verantwortungsvolles Leben ermöglichen.
Gleichheit hat für Christen ihren Grund darin, dass alle Menschen, so verschieden sie sein mögen, vor Gott gleich wert gehalten werden. Das führt z.B. zur Verpflichtung, für glei-che Bildungschancen einzutreten und sie zu ermöglichen. Brüderlichkeit, ein geschwister-licher Umgang miteinander, ist immer neue Aufgabe in der Kirche. Konflikte dürfen das Miteinander nicht zerstören. Dies gilt ähnlich auch für politische Auseinandersetzungen, in denen das Wissen um die gemeinsame Verantwortung für das Wohl aller nicht verloren gehen darf.
Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit sind im christlichen Glauben verwurzelt und können von ihm her verstanden werden. Sie sind zugleich vernünftige Maßstäbe für das Zusam-menleben in der Gesellschaft.
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Eine schwere Operation stand ihm bevor. Ob sie gelingen würde, war ungewiss. Er hat, bevor er ins Krankenhaus ging, aufgeschrieben, was ihm in seinem Leben wichtig war und was er für seine Bestattung wünschte. Der Gang ins Krankenhaus war dann auch ein Abschied von seinen Angehörigen – trotz der Hoffnung, dass alles gut gehen würde. Die-se Hoffnung hat sich erfüllt. Das Leben wurde ihm noch einmal geschenkt. Er hat es so empfunden und auch so gesagt.

In der Gefährdung des Lebens geht einem auf, dass es nicht selbstverständlich ist, wenn man aus der Gefahr gerettet wird und leben darf. Und oft ist es dann auch so, dass ei-nem wichtig wird, was bisher eher nebensächlich war. Man kann sich plötzlich über Dinge freuen, die man vorher selbstverständlich angesehen oder übersehen hatte. Man ent-deckt, wie viel man nicht sich selbst, sondern glücklichen Umständen und anderen Men-schen verdankt. Man meint, so etwas wie Führung sehen zu können, Spuren einer Hand, die das Leben lenkt, bewahrt und schenkt.

Es ist Geschenk. Das ist so auch mit dem Glauben, mit dem Vertrauen, dass man tat-sächlich von Gott geführt und gehalten wird. Der Brief an die Epheser sagt es so: Aus Gnade seid ihr gerettet worden durch den Glauben, und das nicht aus euch; Gott hat es geschenkt. Mit dem Wort Gnade ist die Geschichte Gottes mit den Menschen zusammen-gefasst, besonders Jesu Geschichte. Sie bedeutet, dass es Rettung auch aus der größten Gefährdung des Lebens gibt: Man kann aus den Augen verlieren, dass Gott einen führt und festhält. Es gibt ja nicht nur Rettung und Bewahrung in unserem Leben. Eine Opera-tion kann misslingen, und ein naher Mensch wird aus dem Leben gerissen. Es gibt nicht nur Heilung und Genesung, sondern auch die Krankheit oder die Behinderung, die man sein Leben lang nicht mehr loswird. Es gibt Konflikte, die einen zermürben und die nicht enden wollen. Und es gibt Versäumnisse und Versagen, die man nicht wieder gut machen kann. All dies kann sich wie eine dunkle Wolke vor Gottes haltende Hand schieben. Alles scheint dann sinnlos. Ein Abgrund tut sich auf, der Abgrund der Verzweiflung, in den man zu stürzen droht. Es ist der Glaube, der vor diesem Abgrund bewahrt. Denn der Glaube hängt nicht an den Erfahrungen, die in den Abgrund ziehen. Er hält sich fest an der Ge-schichte Gottes mit den Menschen, an den Worten, die nahe bringen, dass Jesus Christus Gottes Liebe unwiderruflich in die Welt gebracht hat. Mit einem solchen Glauben hört man nicht auf, darauf zu vertrauen, dass man geführt und gehalten wird. Diesen Glauben kann man sich nicht selbst geben. Er hängt nicht an unserem Tun oder Lassen. Er ist Geschenk.
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