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SWR2 Wort zum Tag


Im Jahr 1963 hat der damalige Papst Johannes XXIII. ein bis heute aktuelles Rundschreiben zum Thema Frieden verfasst. Pacem in Terris – Friede auf Erden. Ein zentraler Begriff darin ist das „universale Gemeinwohl“, also dass jeder in Sicherheit und in gerechten Verhältnissen leben kann, unabhängig von der Rasse, dem Geschlecht, dem Alter. Für Papst Johannes ist universales Gemeinwohl ein Gegenbegriff zum Gleichgewicht des Schreckens. Er fordert, daß die einzelnen Staaten nicht nur ihr eigenes Gemeinwohl im Auge haben – was schon schwer genug ist – sondern daß sich das Leitbild eines universalen, eines weltweiten Gemeinwohls herausbilden muß. Dieses Leitbild drängt sich ihm auf, weil die Menschen und Völker immer mehr miteinander verflochten sind, und es ergibt sich ihm aus der Würde eines jeden Menschen, die nicht anderen Interessen aus nah oder fern geopfert werden darf. Die Menschheit darf nicht gespalten werden in Gewinner und Opfer, und dazu ist weltweites Denken nötig. Gemeint ist eine Haltung, die das abgelegenste afrikanische Dorf genauso wichtig nimmt wie eine westeuropäische Großstadt.
Johannes XXIII. betont, daß eben nicht das Wettrüsten Frieden bringen könne, sondern nur eine tiefverankerte Friedensgesinnung, die sich auch niederschlägt in den großen politischen Strukturen. In diesem Zusammenhang setzte er große Hoffnung auf die damals noch junge UNO.
Politiker und Bürger trauen auch heute, über 40 Jahre später, der Abschreckung mehr zu als dem Bemühen um Gerechtigkeit, als der Suche nach dem Wohlergehen aller. Aber bringt die Abschreckung tatsächlich soviel Frieden?
Was wäre denn, wenn die NATO-Staaten vordringlich in mehr Gerechtigkeit investieren würden? Wenn sie Geld, Personal, Forschung zuerst einsetzen würden um die Bedürfnisse aller zu erkennen und miteinander auszugleichen, und schließlich gerechtere Mechanismen des politischen und wirtschaftlichen Umgangs zu entwickeln? Was wäre, wenn die NATO investieren würde in Bildung und Gesundheitsprogramme, in die Kulturförderung und in das Lernen gewaltloser Konfliktlösung? Dies alles mit derselben Energie, mit der sie aufrüstet und militärische Strategien erarbeitet.
Frieden auf Erden – Papst Johannes hat, schon sterbenskrank, sein Rundschreiben auch dem Diplomatischen Korps vorgestellt mit eindringlichen Worten: „Laßt uns den gemeinsamen Ursprung anerkennen, der uns zu Brüdern (und Schwestern) macht, lasst uns zusammenkommen!“ (cit. Peter Hebblethwaite, Johannes XXIII. Das Leben des Angelo Roncalli. Zürich 1986, 616)
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Selig die Frieden stiften. Unter dieser Überschrift steht ein ökumenischer Gottesdienst heute abend in Baden-Baden. Er findet statt anlässlich des NATO-Gipfels. Zur selben Zeit treffen sich ganz in der Nähe im Kurhaus hochrangige Politiker und Militärs aus 26 Staaten zu einem Festbankett. Unter sich, ohne Bevölkerung. Sie feiern die Unterzeichnung des Nordatlantikpakts am 4. April 1949.
Zum Gottesdienst laden christlicher Gemeinden und Verbände ein. Sie bieten damit einen öffentlichen Raum für Menschen, die dieses Ereignis auf verschiedenste Weise bewegt. Viele werden da sein, weil sie militärische Gewalt und damit auch militärische Bündnisse ablehnen, andere auch, weil sie dankbar sind für den Schutz durch die NATO. Menschen werden kommen mit ihrer Ohnmacht und Verzweiflung, auch mit Zorn und mit Schuldgefühlen, weil Gewalt immer noch als ein Mittel der Politik gesehen wird. Alle verbindet die Sehnsucht nach Frieden, Frieden für alle Menschen.
Im Mittelpunkt ein Satz aus der Bibel: Selig die Frieden stiften. Worte Jesu aus der sogenannten Bergpredigt. Einer der Höhepunkte biblischen Sprechens vom Frieden. Er führt zu der kritischen Frage: Läßt sich Frieden erreichen durch ein Bündnis, durch Waffen, durch Abschreckung? Sicher hat es in der Geschichte der NATO auf allen Ebenen Menschen gegeben, die dies angestrebt haben, als Soldaten, Politiker und Befehlshaber. Aber die Bergpredigt stellt das Konzept „Frieden schaffen durch Waffen“ grundsätzlich in Frage. „Selig, die Frieden stiften“ meint mehr und meint anderes. Krieg verhindern ist viel, es rettet Menschenleben, vermeidet unsägliches Leid, und dennoch: wo kein Krieg tobt, da herrscht noch längst nicht Frieden. Frieden entsteht und besteht nicht, indem Nationen und Menschen voreinander Angst haben, sondern Friede ist, wenn sie keine Angst mehr voreinander haben müssen. Und wenn jede und jeder genug zum Leben hat. Wenn Geld nicht ausgegeben wird für Waffen, sondern für Brot und Reis und Hirse.
Selig, die Frieden stiften. In einer Welt voller Konflikte. In einer ungerechten Welt.
Es gibt Beispiele: Schüler, die sich ausbilden lassen zu Streitschlichtern in ihrer Klasse. Blumengeschäfte und Teppichhändler, die nur Waren aus fairem Handel verkaufen. Die Menschen im Rems-Murr-Kreis und darüber hinaus, die jetzt ihre privaten Waffen abgegeben haben.
Während des NATO-Gipfels feiern Menschen Gottesdienst. Und lassen sich hoffentlich auch stärken durch die Bergpredigt, die verspricht: Selig, die Frieden stiften, denn sie werden Söhne und Töchter Gottes genannt werden.
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60 Jahre NATO. In Straßburg, Kehl und Baden-Baden wird dieses Ereignis in den kommenden Tagen gefeiert. Aber ist der Geburtstag eines Militärbündnisses ein Grund zum Feiern? Ist es nicht eher ein Grund zum Klagen und zum Protestieren?
Das ist nicht leicht zu beantworten. Aber ich will mich dem Thema gerade auch an dieser Stelle nicht entziehen. Denn die Frage, welche Rolle militärische Gewalt – angedroht und ausgeübt - im Zusammenleben der Menschen spielt, betrifft meinen christlichen Glauben. Und sie ist eine sehr persönliche Frage. Ich bin selber ungefähr gleich alt wie die NATO und gehöre sicher zu ihren Nutznießern. 60 Jahre Friedenszeit in weiten Teilen Europas. 60 Jahre in dem Gefühl, beschützt zu sein. Aber auch: 60 Jahre labiles Gleichgewicht des Schreckens. 60 Jahre Rüstungswettlauf, Milliarden, die z.B. in der Entwicklungshilfe fehlen. Ein Bündnis das immer mehr aufrüstet, auch nuklear, das inzwischen auch in Nicht-NATO-Ländern eingreift und ohne Zustimmung der UNO handelt.
Auf militärische Gewalt setzen heißt: Opfer einkalkulieren. Aber kann es nicht auch Opfer geben, wenn Menschen nicht militärisch geschützt werden? Lädt das nicht Angreifer ein? Im Neuen Testament ist Jesus genau diesen Weg gegangen. Er hat auf Gewalt verzichtet, er hat sich angreifbar gemacht und ist zum Opfer geworden. Und das ist für Christen der Maßstab.

Ich habe Mühe, das als Maßstab zu akzeptieren und erst recht, es umzusetzen. Ich möchte mich davor schützen, Opfer zu werden. Und dass Politiker vor allem Menschen ihres Landes schützen, gehört zu ihrer Verantwortung. Aber die Tatsache bleibt, dass das Neue Testament hier eine andere Position hat. Zusammenleben ohne Gewalt, auch wenn es für mich, für uns gefährlich wird. Da ist die Bibel wirklich hart und fordernd.
Ich bedaure, dass dieses Jubiläum nicht leiser und schlichter begangen wird. Durchaus dankbar, dass hier Länder verbündet sind, die in früheren Zeiten erbitterte Feinde waren. Aber doch auch mit ernstem Gedenken der Opfer. Und mit einem grundsätzlichen Nachdenken, wie Völker mit weniger militärischer Sicherung zusammenleben können.
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80 Lebensjahre lang hat er Theologie getrieben, ganze Generationen hat er als Lehrer geprägt, seine spirituellen Schriften sind immer noch geistliche Vollwertkost. Karl Rahner starb vor 25 Jahren. Kurz vor seinem Tod hat er sich noch einmal rückblickend Gedanken gemacht über die Frage aller Fragen: Worauf darf ich hoffen? Wo bleibe ich – nicht nur im Leben, sondern im Sterben? Welches Hoffnungsbild habe ich vom wahren, vom unendlichen, vom ewigen Leben? Sicherlich geht es nicht einfach so weiter, so seine Antwort, dazu ist dieses Leben zu einmalig, zu befristet auch, und jeder Tod ist ein endgültiger Einschnitt. Wie aber dann von der christlichen Auferstehungshoffnung reden? In einem einzigen Satz, der wie in Kaskaden poetisch herausfliesst, gibt der Theologe stotternd eine bewegende Antwort, im O-Ton hier wenigstens ein Ausschnitt:
„Wenn die Engel des Todes all den nichtigen Müll, den wir unsere Geschichte nennen, aus den Räumen unseres Geistes hinausgeschafft haben... wenn alle Sterne unserer Ideale, in denen wir selber aus eigener Anmaßung den Himmel unserer Existenz drapiert hatten, verglüht und erloschen sind, wenn der Tod eine ungeheuerlich schweigende Leere errichtet hat, und wir diese glaubend und hoffend als unser wahres Wesen schweigend angenommen haben, wenn dann unser bisheriges, noch so langes Leben, nur als eine einzige kurze Explosion unserer Freiheit erscheint, die uns wie in Zeitlupe gedehnt vorkam... und wenn sich dann in einem ungeheueren Schrecken eines unsagbaren Jubels zeigt, dass diese ungeheuere schweigende Leere, die wir als Tod empfinden, in Wahrheit erfüllt ist von dem Urgeheimnis, das wir Gott nennen, von seinem reinen Licht und seiner alles nehmenden und alles schenkenden Liebe, und wenn uns dann auch noch aus diesem weiselosen Geheimnis doch das Antlitz Jesu, des Gebenedeiten erscheint und uns anblickt...“, dann können wir stammelnd erahnen, was wir christlich erwarten: Im Untergang des Todes nämlich den Aufgang dessen, was unser Leben jetzt schon trägt und prägt, die Treue des unfassbaren Gottes, seine alles nehmende und alles schenkende Liebe.

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„Von der Not und dem Segen des Gebetes“. So lautet die Predigtsammlung, die vor 60 Jahren erschienen ist , immer noch aktuell und ergreifend. Karl Rahner hat sie damals gehalten, der große Vorbereiter des Konzils und theologische Denker, gestern vor 25 Jahren ist er verstorben. „Worte ins Schweigen“, so hat er selbst seine Gebete genannt. Beides kommt so zum Ausdruck: Die Not, betend die Worte womöglich nur ins Leere hinein zu sprechen. Aber auch das andere :Jenes erfüllte Schweigen, in dem der Mensch zu sich kommt, und zu Gott. Karl Rahner war, wie alle überzeugenden Christen, ein kontemplativer Mensch, einer, dem das Schweigen Kraft gibt,. „Hörer des Wortes“ wollte Rahner sein, und er war es. Er wusste sich angesprochen vom lebendigen Gott. Im schweigenden Hören belebt sich der innere Raum. Je mehr die vielen Stimmen des Herzens und des Kopfes langsam verstummen, je mehr sich eine förmlich kosmische Stille ausbreitet, desto mehr tauchen die Fixsterne der Hoffnung am inneren Himmel auf, und hörbar wird jenes viel versprechende Schweigen, in dem Gott spricht. Karl Rahner war ein betender Mensch, und das ist der Kern dessen, was er Mystik des Alltags nennt. In allen Dingen Gott zu finden, in allen Situationen und durch sie hindurch Gott sprechen zu hören – das ist Not und Segen des Gebetes. Rahner war ein kluger Kopf, er wusste und dachte viel, er war ein großer Lehrer. Wohl deshalb wusste er: „ Nur ein Erfahrenes, nur ein Erlebtes und Erlittenes ist ein Wissen, das sich nicht am Ende enttäuscht in Langeweile und Vergessen, sondern das Herz erfüllt mit der wissenden Weisheit erfahrener Liebe.“ Den ganzen Alltag so ins Gebet nehmen, darauf kommt es an-, zuhörend, durchatmend, geistesgegenwärtig.
Es gehört zu den grössten Hoffnungszeichen der Gegenwart, dass immer mehr Menschen das Kontemplative Gebet entdecken und üben: jeden Morgen sitzen, atmen, schweigen, hören - und dann hinein in den Tag.


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„Der Fromme der Zukunft wird ein Mystiker sein, einer, der etwas erfahren hat, oder er wird nicht mehr sein“. Viel zitiert wird dieser Satz aus der 68er Zeit, und zutreffend ist er auch. Er stammt von Karl Rahner, der heute vor 25 Jahren verstorben ist – einer der größten Theologen des 20 Jahrhunderts, aktueller denn je mit seinem Satz und seinem Denken. Christlicher Glaube ist demnach nicht weltabgehoben, er zeigt sich im Alltag. Nicht Lehrsätze stehen im Mittelpunkt, moralische Vorschriften erst recht nicht, es geht um Erfahrung, es geht um das alltägliche Leben und seine Gestaltung im Sinne Jesu. Mystik ist für Karl Rahner nichts Abgehobenes oder gar Ausgeflipptes, es ist die Achtsamkeit für das Mysterium des Daseins, für das Geheimnis des Lebens. Überall spürt dieser katholische Priester und Jesuit jene Erfahrungen auf, in denen wir Menschen unseren Horizont überschreiten. Es geht um Situationen, in denen wir vom Größeren überwältigt werden und, wortwörtlich, ergriffen sind. Rahner sagt es z.B. so: „Wo die bruchstückhafte Erfahrung von Liebe, Schönheit, Freude als Verheißung von Liebe, Schönheit und Freude schlechthin erlebt und angenommen wird“, da berühren wir mitten im Alltäglichen das Wunder der göttlichen Gegenwart. Gewiss, Liebe kann scheitern, Schönheit ist selten, Freude hält nicht lange an, und manch einer wird dann zynisch oder resignativ. Rahner spricht vom „brennenden Schmerz der Endlichkeit“, denn in allem ist etwas zu wenig. Aber in den Fragmenten von Glück und Gelinge nist doch schon ein kräftiger Vorgeschmack zu spüren von dem, was die Fülle ist. Nochmal Rahner: „Wo der bittere, enttäuschende und zerrinnende Alltag heiter gelassen durchgestanden wird bis zum angenommenen Ende" - da sind wir dem Geheimnis des Lebens nahe, Gott selbst. Rahner redet die Verhältnisse nicht schön, er widersteht der Versuchung zu Resignation und Schwermut, und genau zwischen diesen Extremen ist seine Theologie ein einziges Loblied auf das menschliche Dasein in der Welt, wie sie ist. Sich davon ergreifen und überwältigen zu lassen, Gott also in allen Dingen zu suchen und zu finden, nein, sich von ihm finden zu lassen – das ist die Musik seiner Theologie. Das nennt er Mystik des Alltags, Mysterium des Glaubens.
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