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SWR2 Wort zum Tag

Gäbe es eine innerbiblische Bestsellerliste, Lukas würde wohl einen der vorderen Plätze belegen. Das hat nicht nur damit zu tun, dass er der Verfasser der Weihnachtsgeschichte ist. Dieser Lukas ist generell ein großer Erzähler: Statt in theologischen Formulierungen versucht er in Geschichten und Gleichnissen zu vermitteln, worum es eigentlich geht bei diesem Jesus von Nazareth. Und er kommt dabei recht modern daher. Wie die Menschen heute waren schon seine Leser oder Zuhörer keine Jüngerinnen und Jünger der ersten Stunde. Sie waren auch keine Armen und Außenseiter mehr, die jeden Moment damit rechneten, dass Christus wiederkommt und das Reich Gottes errichtet. Deshalb musste Lukas die Botschaft Jesu alltagstauglich machen. Er musste sich beispielsweise dem Problem widmen, wie man einerseits in der Welt leben – vielleicht sogar wirtschaftlich erfolgreich –und andererseits den Ansprüchen Jesu gerecht werden kann. Dabei passt Lukas die Botschaft Jesu nicht einfach an den herrschenden Zeitgeist und den vorhandenen Wohlstand an. Im Gegenteil: er ist derjenige im Neuen Testament, der den Reichtum am heftigsten kritisiert. Immer wieder warnt er, nicht darin zu versinken, z. B. mit Worten wie: „Weh euch, die ihr reich seid; denn ihr habt keinen Trost mehr zu erwarten. Weh euch, die ihr jetzt satt seid; denn ihr werdet hungern. Weh euch, die ihr jetzt lacht; ihr werdet klagen und weinen.“ Und Lukas illustriert die Warnung mit einem Gleichnis: Ein reicher Mann lebt in Freuden und genießt seinen Reichtum, während ein armer Mann namens Lazarus vor seiner Tür liegt und hungern muss. Beide sterben irgendwann. Nun wird Lazarus von Engeln in den Himmel getragen, während der Reiche im Totenreich ausharren muss. Als der Reiche sich wünscht, Lazarus möge sein Dasein etwas erleichtern, bekommt er zu hören: „Das geht nicht. Lazarus wird für sein irdisches Leben getröstet, du hast schon zu Lebzeiten deinen Anteil am Guten erhalten und musst jetzt leiden.“
Man könnte meinen, die Reichen wären verloren, aber Lukas will vor allem mahnen und drängen: Manchmal ruft er dazu auf, ganz auf Besitz zu verzichten, manchmal fordert er wenigstens Wohltätigkeit und den Einsatz für die Armen. „Sammelt nicht Schätze hier auf der Erde “, sagt er, „sammelt Schätze im Himmel.“ Ich glaube, Lukas wollte schon damals klar machen: Ihr könnt Jesus nicht gerecht werden, wenn ihr nicht für Arme und Ausgegrenzte da seid. Und ich glaube, genau das ist heute wieder aktuell: Unsere Wirtschaft und unser Wohlstand sind nicht ungefährdet. Wenn wir darüber aber die Menschen und Völker vergessen, die noch ärmer sind, dann – so würde Lukas wahrscheinlich heute schreiben – gefährdet der Wohlstand uns.
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Die Erfahrungen mit Gott, von denen die Bibel berichtet, sind nicht eindeutig. Mal erzittern Menschen in Furcht vor Gott, mal erleben sie, dass sie Gott vertrauen dürfen, dass er sie rettet. Heute ist Angst vor Gott nicht mehr so weit verbreitet, Menschen reden eher von Schicksalsschlägen und Naturkatastrophen. Dafür setzen sie andererseits auch nicht all ihr Vertrauen in Gott und versuchen, möglichst viel selbst zu kontrollieren. Dennoch: Angst und Vertrauen gehören zum Leben dazu. Sie kommen in jeder Beziehung vor, auch in der zwischen Gott und den Menschen
Furcht und Vertrauen in Bezug auf Gott thematisiert auch der Evangelist Lukas. Anscheinend erleben seine Zuhörer bedrängende Zeiten, sie müssen vielleicht um ihr Leben fürchten. Da zitiert Lukas Jesus, der den Jüngern zuruft: „Fürchtet euch nicht vor denen, die den Leib töten, euch aber sonst nichts tun können. Fürchtet Euch vor dem, der nicht nur töten kann, sondern dessen Macht noch über den Tod hinausgeht. Ja, das sage ich euch: Ihn sollt ihr fürchten.“ Das ist beinahe schon Galgenhumor: Wenn ihr schon Angst habt, dann sucht euch wenigstens den richtigen Grund dafür. Die Macht von Menschen hört irgendwann auf, Gottes Macht dagegen ist grenzenlos. Daraus leitet Jesus ab, dass die Jünger auf Gott vertrauen können, und er vergleicht sie mit Spatzen. Fünf Spatzen sind nur ein paar Pfennig wert, und Gott vergisst keinen von ihnen. „Bei euch aber sind sogar die Haare auf dem Kopf alle gezählt. Fürchtet euch nicht! Ihr seid viel mehr wert als viele Spatzen.“
Diese Worte im Lukasevangelium sind konkret für Menschen bestimmt, die von Jesus und seiner Botschaft erzählen, und deshalb in Bedrängnis geraten. Ihnen gibt Jesus mit auf den Weg, dass Gott sie nicht im Stich lässt.
Aber gilt das nur, wenn ich mich als Missionar betätige? Oder kann man dieses „Hochrechnen“ von den Spatzen auf die Jünger auf alle Menschen ausdehnen? Und wie passen da die vielen Menschen hinein, die gerade nicht das Gefühl haben, dass Gott für sie sorgt?
Auf die Fragen weiß ich erst mal keine Antwort. Ich lese nur sehr häufig in der Bibel, dass ich mich nicht fürchten soll, weil Gott bei mir ist. Mir scheint, dass in der Bibel das Vertrauen ein deutliches Übergewicht hat. Und ich selber vertraue – zumindest im Moment – auf diese Zusage. Die Hoffnung und vielleicht auch die Furcht, dass bei Gott sehr viel mehr möglich ist, als ich mir vorstellen kann, weckt in mir so etwas wie ernste Zuversicht.
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„Ich würde alles für dich hergeben / mein Leben, mein Lächeln, /nur um dich glücklich zu sehen. / Ich habe nie daran geglaubt, /etwas so Wertvolles wie Dich zu finden.“ Janina hat diesen Text geschrieben. Sie ist 17 Jahre alt und lebt in einem Jugendhilfezentrum in der Nähe von Freiburg. In einem Heim, wie man sagt. Und wenn man „Heim“ sagt, dann denkt man sofort an Kinder und Jugendliche mit großen Schwierigkeiten, Opfer unglücklicher Lebensgeschichten, familiär verwahrlost und anderes mehr. „Heim“ bedeutet eine Sonderwelt.
Janina ist Mitherausgeberin und Mitautorin eines Buchs, das aus einer Schreibwerkstatt in diesem Jugendhilfezentrum entstanden ist. „Eine ganze Menge Leben“, heißt dieses Buch. Fast 70 Texte enthält es – kurze und lange Texte, aus der Feder von Achtjährigen und ebenso von jungen Erwachsenen. Diese Texte sind manchmal ruppig, widerspenstig, aggressiv, zumeist von feiner Sensibilität; manche klingen fröhlich, manche traurig. Viele der jungen Menschen mag es zunächst viel Überwindung gekostet haben, zu schreiben – über sich oder nicht über sich und dennoch von sich. „Ich kann nicht schreiben“, wird im Nachwort ein Junge zitiert, „ich kann gar nichts.“ Das ist das Wunderbare an diesem Projekt und an diesem Buch: Es zeigt die ganze Kraft, die Lebendigkeit, in jungen Menschen, die sich selbst manchmal abgeschrieben haben und oft auch von ihrer Umwelt abgeschrieben sind. Ich kann doch etwas – das zu erfahren ist vielleicht der größte Ertrag.
„Familien braucht man“, schreibt der 10-jährige Jonas. „Ohne Familie fühlt man sich einsam. Man hat niemanden, der einen liebt und bei einem ist. Familie ist eines der schönsten Dinge.“ Diese Zeilen sind in ihrer tieftraurigen Sehnsucht so erschütternd, dass man Jonas am liebsten in die Arme nehmen und trösten will. Doch diese Kinder und Jugendlichen wollen vielleicht Trost, aber kein Mitleid. Sie wollen ernst genommen werden – in ihrer Lebensgeschichte, in ihrer eigenen Gedankenwelt, in ihren Fähigkeiten, in ihrem Kleider- oder Musikgeschmack, in ihrer Kraft zu lieben oder auch zu hassen, in ihren Wünschen und Träumen. Sie wollen geachtet werden, und sie haben ein Recht darauf.
Janina, die an anderer Stelle über ihre Drogenprobleme schreibt, zitiert in einem kurzen Text den amerikanischen Schriftsteller Henry David Thoreau: „Wer Fehler sucht, findet sie auch im Paradies.“ Und Janina fügt hinzu: „Auch mit Fehlern kommt man ins Paradies.“ Sie ahnt wahrscheinlich nicht, dass diese wenigen Worten mehr sagen als manche lange Predigt. Respekt!
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„Wer hofft, ist jung.“ Dieser Satz stammt von der jüdischen Dichterin Rose Ausländer, die im Jahr 1901 im damals österreichischen Czernowitz geboren wurde und 1988 in Düsseldorf gestorben ist. Als Rose Ausländer im Alter von 76 Jahren als „große alte Dame der Lyrik“ bezeichnet wurde, hat sie diese Würdigung entschieden zurückgewiesen: „Wer hofft, ist jung“, hat sie gesagt.
Die Kraft der Hoffnung hat diese Frau wahrhaftig nötig gehabt für ihr dramatisches Leben, das sich zwischen dem alten Habsburger Reich, der Sowjetunion, den USA, Rumänien, Paris und Deutschland ereignet hat. Als Jüdin war sie in ihrer Heimatstadt Czernowitz durch die deutschen Besatzer an Leib und Leben gefährdet. In einem Kellerversteck hat sie den Krieg überlebt. Danach dichtet die später erfolgreiche Lyrikerin lange nur in englischer Sprache; sie weigert sich, auf Deutsch, in der „Sprache der Mörder“, zu schreiben. Erst im Jahr 1956 löst sich dieser Bann. Nach einem Unfall im Jahr 1972 – inzwischen lebt sie in Düsseldorf – wird sie pflegebedürftig, von 1978 bis zu ihrem Tod im Jahr 1988 kann sie das Bett nicht mehr verlassen. Die Jugend habe sie nie verloren, schreibt ihr Biograph.
Nicht dass Rose Ausländer das Alter verharmlost hätte. So schreibt sie etwa sehr bitter über die Schwierigkeiten, sich als betagter Mensch im Literaturbetrieb zu behaupten. Aber es geht ihr um anderes: Manche Menschen, sagt sie einmal, sind tot, weil sie ohne Humor durchs Leben gehen, weil sie sich mit der Enge zufrieden geben, in der sie sich behaglich eingerichtet haben, weil es ihnen gar nicht in den Sinn kommt, dass es immer ein Darüberhinaus geben kann – Loslassen und neue Freiheit zugleich. Weil ihnen die Dynamik fehlt, Begrenzungen zu sprengen und Schritte ins Offene zu wagen. „Wer hofft, ist jung“, weil er immer noch Neues vom Leben erwartet.
Aber da ist noch eine andere Dimension. „Ich bin fünftausend Jahre jung“, schreibt Rose Ausländer über sich selbst - in einem Gedicht mit dem Titel „Jerusalem“. „Wenn ich die Augen nach Osten schließe“, sagt sie weiter, „ schwingt Jerusalem auf dem Hügel fünftausend Jahre jung zu mir herüber.“ Mit dem Namen Jerusalem verbindet sich für jüdische Gläubige die uralte Hoffnung auf Erlösung und Freiheit, auf den rettenden Gott. Diese Hoffnung ist trotz aller Katastrophen auch nach 5.000 Jahren immer noch jung und aktuell. Sie ist auch in der Jüdin Rose Ausländer lebendig und lässt sie kraftvoll und jung und voller Visionen bleiben, auch als betagte und kranke Frau. „Der Traum lebt mein Leben zu Ende“, schreibt sie zuletzt.
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„Die Bedeutung der ungeschehenen Dinge im Leben“: Diese Worte stehen in einem fast 700 Seiten starken Buch des amerikanischen Historikers Fritz Stern. Stern wurde 1922 als Kind einer angesehenen jüdischen Familie in Breslau geboren und ist dort aufgewachsen. Die Sterns konnten 1938 buchstäblich im letzten Augenblick emigrieren und so der Verfolgung und Ermordung durch die Nationalsozialisten entkommen. „Fünf Deutschland und ein Leben“, so lautet der Titel des 2007 erschienenen Buchs, in dem Fritz Stern die Geschichte Deutschlands von der Kaiserzeit bis heute mit seiner eigenen Biographie verknüpft.
Eine kaum fassbare Fülle von Ereignissen wird in dem Buch ausgebreitet und macht die Dramatik der vergangenen 100 Jahre deutlich. Ebenso wird eine persönliche Lebensgeschichte vor dem Leser lebendig, die so reichhaltig ist, dass sie für mehr als ein Menschenleben reichen würde. So vieles hat sich ereignet. Und doch bleibe ich an diesen sieben Worten hängen: „die Bedeutung der ungeschehenen Dinge im Leben“. Das ist natürlich zuerst einmal grundsätzlich gemeint: Wie wäre die Geschichte verlaufen, wenn dieses oder jenes geschehen oder nicht geschehen oder anders geschehen wäre? Aber es ist auch eine ganz persönliche Frage, die sich wahrscheinlich jeder Mensch immer wieder einmal stellt: Wie sähe mein Leben heute aus, was wäre ich für ein Mensch, wenn ich in ein anderes Elternhaus hineingeboren worden wäre, wenn ich einen anderen Beruf ergriffen hätte, wenn ich mich in dieser oder jener wichtigen Frage anders entschieden hätte oder vielleicht nicht gescheitert wäre? Wenn ich in mancher Situation weniger oder auch mehr Glück gehabt hätte? Leben ist Entscheiden – bewusst oder unbewusst. Und immer, wenn ich mich für etwas entscheide, schließe ich anderes aus, endgültig. Auch die ungeschehenen Dinge gehören so zu mir. Und sie werden immer mehr, je länger ich lebe. Wenn ich zurückblicke, dann erscheint mir mein Leben als Fülle von Ereignissen, Begegnungen, Weichenstellungen – an vieles kann ich mich gar nicht mehr erinnern. Aber dieses Leben ist auch nicht denkbar ohne all das, was nicht geschehen ist, was ausgeschlossen, versäumt oder verfehlt wurde – und wovor ich bewahrt wurde. In den ungeschehenen Dingen liegen die offenen Fragen.
Von Rainer Maria Rilke stammen die Worte: „Habe Geduld gegen alles Ungelöste in deinem Herzen und versuche, die Fragen selbst lieb zu haben, wie verschlossene Stuben und wie Bücher, die in einer fremden Sprache geschrieben sind.“

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Vor einiger Zeit bin ich auf folgenden Satz gestoßen: „Das Leben wird vorwärts gelebt und rückwärts verstanden.“ Vorwärts leben, rückwärts verstehen – für mich hat das etwas mit dem Erntedank zu tun, den Christen und viele andere in diesem Monat feiern. Beim Erntedank muss es ja nicht nur um landwirtschaftliche Produkte gehen. Es geht zum Beispiel auch darum, dass ich im steten Vorantreiben des Lebens innehalte und mich nach dem Ertrag, nach der Ernte frage. Dass ich versuche zu verstehen. Und vielleicht auch darüber nachdenke, dass so vieles gar nicht selbstverständlich ist, sondern Grund zum Danken. Vielleicht sind Sie jetzt verwundert: So etwas überlegt man doch nur an wichtigen Schnittpunkten im Leben, etwa wenn man umzieht oder pensioniert wird. Gegenfrage: Ist nicht jeder Augenblick des Lebens ein Schnittpunkt, in dem die Zukunft übergeht in die Vergangenheit? In dem das, was auf mich zukommt, übergeht in das, was hinter mir liegt – mit allem, was geschehen ist? Schnittpunkte, an denen ich Ertrag und Sinn zu verstehen suche – gibt es die nicht ständig?
„Das Leben wird vorwärts gelebt und rückwärts verstanden.“ Vorwärts und rückwärts – beides überschaue ich oft nicht. Was auf mich zukommt, habe ich nicht im Griff, auch wenn ich es häufig meine. Es ist offen - offen für viele Chancen, für große Hoffnungen, offen auch für manches, was ängstigt. Und was hinter mir liegt, ist unwiderruflich, es gehört zu mir. Trotzdem könnte ich auch nicht sagen, dass ich alles durchschaue und verstehe, was bereits geschehen ist, was ich getan habe, was ich unterlassen und versäumt habe. Manches liegt klar vor Augen, und es ist sicher viel Gutes dabei, Liebe, Erfolg, geschenktes Glück. Für manches schäme ich mich, anderes macht mich bitter. Und manches bleibt zwiespältig. So sieht der Ertrag, die Ernte aus. Man könnte dies auch Erfahrung nennen – Lebenserfahrung. Lebenserfahrung bedeutet auch, dass ich mit vielen offenen Fragen leben muss. Vorwärts und rückwärts.
Schlägt jetzt also der Dank in Skepsis um? Nein, das glaube ich nicht. Wer sich ehrlich mit offenen Fragen begnügt, versteht vielleicht mehr und ist auch dankbarer als jemand, der angeblich genau Bescheid weiß.. Unser Leben ist ein Geheimnis; dies ist das Größte und Dankenswerteste, was wir darüber sagen können. „Lebe jetzt die Fragen“, sagt Rainer Maria Rilke einmal, „vielleicht lebst du dann allmählich ohne es zu merken eines fernen Tages in die Antwort hinein.“ Ob er damit den Tag meint, an dem der Sinn unseres Lebens vor Gott offen liegt? Den großen Erntedank, der uns verheißen ist?
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