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SWR2 Wort zum Tag

Talentshows haben Hochkonjunktur: Popstars, Superstars und Topmodels werden da gesucht und manchmal auch gefunden.
Bei all dem fragwürdigen dabei: Wer sich so eine Casting-Show mal ansieht wird mit Erstaunen feststellen, wie viele Gesangstalente es tatsächlich gibt.
Und ihre Talente, liebe Hörerin, lieber Hörer, wo liegen die verborgen? Vielleicht sind sie gar nicht verborgen, sondern Sie haben Ihre spezielle Begabung schon freigelegt und eingesetzt.
Im Matthäusevangelium gibt es das berühmte Gleichnis von den Talenten. Talente sind dort zunächst Einheiten von Silbergeld. Und durch dieses Gleichnis ist Talent dann zu einem Wort für Begabung geworden, so wie wir es heute verwenden.
Jesus erzählt im Evangelium von drei Dienern, die von ihrem Herrn Silbergeld anvertraut bekommen, Talente. Einer bekommt 5 Talente, der nächste 2, und der dritte Diener bekommt 1 Talent. Danach verreist der Herr, und hinterher will er sehen, was die drei aus ihren Talenten gemacht haben. Zwei Diener konnten die Talente vermehren und werden von ihrem Herrn sehr gelobt, sogar befördert. Der dritte aber hatte sein Talent vergraben aus Angst, etwas davon zu verlieren. Er wird vom Herrn schwer getadelt und als schlechter und fauler Diener bezeichnet.
Mich erinnert dieses Gleichnis daran, dass ich mir vieles, was ich kann, nicht selbst angeeignet habe. Vielmehr wurde es mir geschenkt, oder, wie man auch sagt, „in die Wiege gelegt“
Und mein Glaube sagt mir, dass Gott es ist, der die Talente geschenkt hat. Mir gefällt es, in diesem Zusammenhang das aus dem Mode gekommene Wort ‚Gnade‘ zu benutzen.
Und dann ist es an uns, so lehrt das Gleichnis, die Talente einzusetzen. Und wenn ich dankbar bin für die Gnade, für die Geschenke, dann spüre ich die Verantwortung, etwas daraus zu machen. Ich selbst komme dann weiter, und meine Familie, Freunde, meine Mitmenschen sollen davon profitieren, dass ich mit meinen Talenten wuchere, dass ich meine sportliche oder musische oder sprachliche Begabung einsetze und weiterentwickle.
Welche Talente haben Sie mitbekommen? Vielleicht ein Organisationstalent? Oder eine mathematische Begabung? Einen ‚grünen Daumen‘ oder einen Blick fürs Wesentliche?
Nicht alle haben gleich viele Talente mitbekommen – auch das wird im Gleichnis wiedergegeben. Der eine Diener bekommt ein Talent, der andere zwei, der dritte fünf.
In jedem Fall geht etwas verloren, wenn wir unser Talent eingraben, wie es der dritte Diener tat. Lassen Sie uns suchen und entdecken, was in unserm Geschenkkorb so alles drinliegt.
https://www.kirche-im-swr.de/?m=4057
Adonai Adonenu, ma adir schimcha bekol haarez.
Früh am Morgen eine so fremde Sprache. Es handelt sich um die Einleitung des Psalms 8 aus der Bibel. Und in der hebräischen Sprache, in der er ursprünglich geschrieben wurde, klingt dieser Vers besonders schön, finde ich. Auf Deutsch lautet er: „Jahwe unser Herr, wie herrlich ist Dein Name auf dem ganzen Erdkreis.“
Vielleicht fragen Sie sich da, was eigentlich am Namen Gottes herrlich sein soll, wenn diese Erde, von der die Rede ist, so ist, wie sie uns jeden Tag vor Augen steht. Dass das Klima sich verändert, macht vielen Menschen mit Recht Angst. Dass die Natur mehr und mehr gestört und zerstört wird ist eines der zentralen Probleme unserer Zeit.
Wir können nicht behaupten, dass wir mit der Schöpfung Gottes im Einklang leben !!!
Dabei heißt es doch im Psalm in Vers 7: „Du hast den Menschen als Herrscher eingesetzt über das Werk deiner Hände, / hast ihm alles zu Füßen gelegt“ Soll das vielleicht heißen, dass der Mensch mit Gottes Schöpfung umgehen kann, wie es ihm passt?
Ich glaube nicht, denn die Erde gehört Ihrem Schöpfer. Der hat sie dem Menschen anvertraut - aber nicht, um sie auszubeuten. Was mir nicht gehört darf ich nicht zerstören.
Gott hat uns, ja die ganze Schöpfung in Freiheit geschaffen und in die Freiheit gegeben. Damit sind wir verantwortlich für das, was mit der Natur und der Umwelt passiert. Wenn wir das anerkennen, dann erkennen wir, dass wir verantwortlich sind für das, was mit der Natur und der Umwelt passiert. Und dann können wir auch einen Sinn dafür entwickeln, wie herrlich Gott sich in seiner Schöpfung verwirklicht hat.
Diese Herrlichkeit ist sichtbar an vielen Orten, wo die Natur noch intakt ist. Zu allen Zeiten hat das Zusammenspiel von Farben und Formen, von Pflanzen und Tieren die Menschen fasziniert. Wenn wir etwas von dieser Faszination spüren, dann können wir uns auf die Schönheit dieses Psalms einlassen und mit dem Beter aus dem alten Testament mitbeten.
„Seh ich den Himmel“, heißt es da weiter, „das Werk deiner Finger, / Mond und Sterne, die du befestigt: Was ist da der Mensch, dass du an ihn denkst, / des Menschen Kind, dass du dich seiner annimmst?“
Mit dem Psalm 8 dürfen wir staunen und uns freuen an Gottes Schöpfung.
https://www.kirche-im-swr.de/?m=4056
Juli – Sommerzeit, für viele Menschen Ferienzeit. Der Schriftsteller Erich Kästner hat dem Monat Juli ein Gedicht gewidmet. „Still ruht die Stadt“, so beginnt es. „Es wogt die Flur. Die Menschheit geht auf Reisen oder wandert sehr oder wandelt nur. Und die Bauern vermieten die Natur zu sehenswerten Preisen. Sie vermieten den Himmel, den Sand am Meer, die Platzmusik der Ortsfeuerwehr und den Blick auf die Kuh auf der Wiese.“
Spott über den Tourismus? Ein bisschen schon; auch darüber, dass die Schönheit der Natur zum Wirtschaftsfaktor geworden ist. Aber Kästners Zeilen sind tiefsinniger. Sie sprechen von der Suche nach Lebenssinn. Die Natur kann manches in uns zum Schwingen bringen, was verstummt zu sein scheint. Sie lässt uns Geheimnisse ahnen, die uns staunen lassen, obwohl wir sonst „nicht viel von Rätseln halten“, wie Kästner sagt. Die Menschen sehnen sich nach einer – scheinbar – heilen Natur zurück, der sie fremd geworden sind und die ihnen fremd geworden ist. Sie suchen dabei nach dem eigenen, nach dem so oft entgleitenden Selbst, Die Sehnsucht nach der Natur ist Ausdruck dieser Suche nach dem eigenen Selbst. Kästner stellt aber auch ein wenig resigniert fest, dass diese Rückkehr zur Natur eine Illusion ist: Die Natur ist keine Idylle mehr, und wir nehmen unsere Unrast, unsere ungelösten Probleme mit, wohin immer wir auch reisen. „Limousinen rasen hin und her“, sagt Kästner weiter, „und finden und finden den Weg nicht mehr zum Verlorenen Paradiese.“ Wo finden wir noch Erfüllung und Sinn?
Da sagt Kästner etwas sehr Schönes: „Einen Steinwurf von hier beginnt das Märchen. Verborgen im Korn, auf zerdrücktem Mohn ruht ein zerzaustes Liebespärchen. Hier steigt kein Preis, hier sinkt kein Lohn. Hier steigen und sinken die Lerchen.“
Es ist das uralte Geheimnis: wo Menschen einander in Liebe begegnen, scheint Lebenssinn auf. Ein bisschen wenigstens vom verlorenen Paradies lässt sich ahnen. Man muss dazu gar nicht weit reisen: „Einen Steinwurf von hier beginnt das Märchen“, sagt Erich Kästner. Ich wünsche Ihnen in dieser Urlaubszeit Erfahrungen von Liebe, Begegnungen, die Sie spüren lassen, wie schön und sinnvoll das Leben sein kann. Ob Sie reisen oder hier bleiben: Es spielt keine Rolle, wo Sie sich aufhalten. Sie können es überall erfahren.
https://www.kirche-im-swr.de/?m=4129
Der französische Philosoph Michel de Montaigne war ein stolzer Mann. „Messire Michel, Herr von Montaigne, Ritter des Königlichen Ordens und königlicher Kammerherr“, so nennt er sich. Zugleich dachte er bescheiden über sich selbst. „Que sais-je? – Was weiß ich?“, so lautet sein Wahlspruch. Die Widersprüche im eigenen Lebens und im menschlichen Miteinander verbieten uns jedes eindeutige Wissen, davon ist er überzeugt. Er nimmt vor über 400 Jahren fast die Skepsis heutiger Menschen vorweg. „Alle Widersprüche finden sich in mir“, schreibt er. Und an anderer Stelle: Ich finde „ebenso viele Unterschiede zwischen uns und uns selbst wie zwischen uns den anderen“.
Das kann ich mit vielen eigenen Erfahrungen füllen: die Spannung etwa zwischen dem, der ich sein will und dem, als den ich mich tatsächlich erlebe; die Sehnsucht nach Liebe und die Bereitschaft zu lieben und die Brüche und Entfremdungen, die dies immer wieder trüben. Auch die Diskrepanz zwischen den öffentlichen Rollen, die wir spielen, und unserem wirklichen Selbst. Zu Letzterem sagt Montaigne, der ja durchaus in öffentlichen Ehren stand: „Die ganze Welt spielt Possen.“ Und er ist so nüchtern hinzuzufügen: „Wir müssen unsere Rolle anständig spielen, aber eben als die Rolle einer Theaterfigur.“ Es geht Montaigne nicht darum, zu verspotten oder gar zu verurteilen, nein, wir müssen die Dinge so sehen und annehmen wie sie sind. Wir werden dadurch menschlich, dass wir uns selbst gelassen in unseren Widersprüchen annehmen und dass wir auch den anderen Menschen annehmen und wahrhaftig mit ihm kommunizieren. Aber alle Erkenntnisse führen uns nicht weiter als bis zu der Frage: „Was weiß ich?“
Das gilt auch dafür was wir von Gott wissen und erkennen. Montaigne zitiert den Apostel Paulus mit den Worten: „Da die Menschen sich für weise hielten, sind sie zu Narren geworden. Und sie haben die Herrlichkeit des unvergänglichen Gottes in ein Bild des vergänglichen Menschen verwandelt.“ (Röm 1, 22f) Aber als gläubiger Mensch ist er auch gewiss, dass wir auf eine „göttliche und wunderbare Verwandlung“ zugehen. Dies erinnert mich an ein anderes Pauluswort: „Jetzt erkennen wir nur in Bruchstücken, wie in einem Spiegel, dann aber schauen wir von Angesicht zu Angesicht. Jetzt erkenne ich unvollkommen, dann aber werde ich ganz erkennen, so wie auch ich ganz erkannt bin.“ (1. Kor 13, 12)
Montaignes gesamtes Bemühen gilt der ehrlichen Selbsterkenntnis. Und das Ziel dieser Erkenntnis, so sagt er, ist für ihn nichts weniger als „recht zu leben und recht zu sterben“. Ein bescheidenes Wort. Und zugleich ein großes Wort.


https://www.kirche-im-swr.de/?m=4128
Michel de Montaigne, ein französischer Denker des 16. Jahrhunderts, hat einen Satz geschrieben, über den ich nachdenken möchte. Er steht im letzten Kapitel seiner „Essais“, seiner „Erprobungen“, wie er sie selber nennt, und lautet: „Das Wort gehört halb dem, der spricht, und halb dem, der angesprochen ist.“ Das bedeutet doch: Jeder Satz, den ich sage, ist Teil eines Gesprächs. Und zu einem wirklichen Gespräch gehört, , dass mein Gesprächspartner „mitgehen“ kann. Dessen muß ich mich vergewissern. Nicht nur das, was ich meine und sagen will, gehört zu einem Gespräch, sondern auch der Respekt davor, dass der andere Mensch es auf seine Weise aufnimmt und deutet. Denn es trifft bei ihm auf andere Erfahrungen, auf andere seelische Stimmungen, auf andere Fragen, auf eine andere Lebenssituation als die meine. In einem solchen Gespräch setze ich mich, mein Denken und Wissen einem lebendigen Prozess aus, der nach vorne offen ist. Die Wahrheit ist kein Besitz; sie will sich im Dialog suchen und finden lassen.
„Das Wort gehört halb dem, der spricht, und halb dem, der angesprochen ist.“ Dieser Satz muss auch vor dem geschichtlichen Hintergrund von Montaignes Zeit gesehen werden. Sein Heimatland Frankreich war nach der Reformation durch jahrzehntelange Religionskriege zerrissen. Diese fanden ihren Höhepunkt in der so genannten Bartholomäusnacht, in der Tausende Protestanten ermordet wurden. Anschließend hat man die protestantischen Hugenotten aus Frankreich vertrieben. In dieser Zeit ragt der gläubige Katholik Montaigne heraus als einer der wenigen Besonnenen unter Fanatikern; er stellt Verstehen und Respekt über alle mit Gewalt durchgesetzten Interessen.
Ich lese Montaignes Satz heute vor dem Hintergrund einer Zeit, in der allüberall Konferenzen, Runde Tische und Diskussionen stattfinden. Doch ist dabei so wenig Einfühlung zu spüren, dass andere mit Fug und Recht anders denken und leben. Ich lese ihn vor dem Hintergrund eines Widerstreits zwischen den monotheistischen Religionen, den man sogar als „Kampf der Kulturen“ bezeichnet hat. Und doch wird es keinen Frieden geben, wenn die großen Religionen nicht miteinander sprechen und sich nicht in ihren tiefsten Anliegen zu verstehen suchen. Ich denke bei Montaignes Worten auch an die Ökumene unter Christen. Hier geht es oft mehr darum, sich zu profilieren, statt sich in aller Verschiedenheit zu versöhnen. Schließlich lese ich den Satz von Montaigne im Bewusstsein unserer alltäglichen Rechthaberei.
„Das Wort gehört halb dem, der spricht, und halb dem, der angesprochen ist.“ Nur im Dialog nähern wir uns der Wahrheit. Michel de Montaigne, der Denker des 16. Jahrhunderts, kann uns dazu ermutigen.

1 Hans Peter Balmer, Montaigne und die Kunst der Frage. Grundzüge der Essais, Tübingen 2008.
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Durch das Büchlein eines Freundes bin ich jüngst auf Michel de Montaigne gestoßen, einen französischen Politiker und Denker aus dem 16. Jahrhundert. Mich hat sofort gefesselt, wie aktuell sein Denken und seine Fragen sind.
Als Montaigne 38 Jahre alt ist, gibt er seine politischen Ämter in Bordeaux auf und zieht sich in den Eckturm seines Schlosses zurück. Dort entstehen in den folgenden 20 Jahren – bis zu seinem Tod im Jahr 1592 – seine „Essais“, übersetzt: „Versuche“, „Erprobungen“. Montaigne selber hat seinem umfangreichen Werk diesen schlichten Titel „gegeben, „Ihn leitet darin die Frage: „Que sais-je? – Was weiß ich?“ Er hat diese Frage sogar als Lebensmotto in eine Medaille prägen lassen.
„Was weiß ich?“ Montaigne ist ehrlich und realistisch, und er ist bescheiden. Dabei war seine Zeit in doppelter Weise vom Drang nach Wissen geprägt. Die beginnenden Naturwissenschaften versuchten systematisch die Welt zu enträtseln und zu erklären. Verheerende Religionskriege ließen die zerstrittenen Christen nach etwas Beständigem, Gewissem in ihrem Glauben suchen. In dieser Situation geht Montaigne der schlichten Frage nach: „Was weiß ich?“ „Nicht belehrend will er sein, sondern belehrbar“. Die Wissenschaften und auch die Theologie versuchten, ihren Wahrheitsanspruch mit mathematischen Methoden durchzusetzen, die Religionsführer mit militärischer Gewalt. Dagegen „erprobt“ Montaigne sein Denken, indem er sich mit den vielfältigen und oft widersprüchlichen Erfahrungen des eigenen Lebens auseinandersetzt, ebenso auch mit den Erfahrungen und dem Denken anderer. Die Vielfalt menschlichen Lebens macht ihm deutlich, dass es Geheimnisse gibt, vor denen alle Bescheid wissenden Antworten versagen. Und er gibt zu, dass sich seine eigene Persönlichkeit durch das Denken und Schreiben immer weiter formen muss.
Was weiß ich? Diese Frage tut wohl und entlastet. Auch heute suchen die modernen Wissenschaften die letzten Rätsel der Welt zu entschlüsseln und Mensch und Natur nach ihrem Bild zu formen. Auch heute tritt die Religion immer wieder mit dem Anspruch auf, die Wahrheit zu besitzen. Auch heute konfrontieren wir uns gegenseitig mit unserem exakten Wissen. V on Montaigne kann ich lernen: ich muss und darf mich mit der Vielfalt meiner Lebenserfahrungen auseinandersetzen; ich muß und darf meinen Glauben stets suchen. So forme ich mich selbst, ein Leben lang. Und es werden immer mehr Fragen bleiben als Antworten.

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