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SWR2 Wort zum Tag

„Wir glauben ... die eine, heilige, katholische und apostolische Kirche“. So heißt ein Satz des großen Glaubensbekenntnisses, das auf den frühen Kirchenversammlungen in Nizäa und Konstantinopel formuliert wurde, im 4.Jahrhundert nach Christus. Mir gibt dieser Satz immer wieder zu denken. Im deutschen Text heißt es normalerweise: „Wir glauben an die Kirche“. Aber der lateinische Text macht ganz klar einen Unterschied. Da heißt es: Wir glauben an Gott, an Jesus Christus, an den Heiligen Geist. Aber: „Wir glauben die Kirche“. Da ist offensichtlich ein Unterschied zwischen dem Glauben an Gott und dem Glauben bezogen auf die Kirche. Gott und seine Beziehung zu uns Menschen durch Jesus und den Heiligen Geist sind die Grundlage. Daran möchte ich mit diesem Glaubensbekenntnis mein Leben festmachen. Zur Kirche habe ich eine andere Beziehung. Sie fällt nicht mit Gott zusammen. Sie hat ihren Platz im Glaubensbekenntnis hinter dem Heiligen Geist, weil sie nur mit seiner Hilfe existieren kann. Aber wir Menschen haben auch unseren Beitrag zu leisten: Wir halten die Kirche lebendig, indem wir glauben und indem wir unseren Glauben leben, ihn in Wort und Tat bezeugen.
Eigentlich selbstverständlich, dass unser Verhältnis zu Gott anders ist als zur Kirche. Trotzdem war ich erstaunt, als ich entdeckt habe, dass dies sogar sprachlich festgehalten wurde, im Glaubensbekenntnis! Und dieser Unterschied beschäftigt mich immer wieder. Den Glauben an Gott habe ich in meiner Familie und durch andere Menschen in meiner Lebensgeschichte mitbekommen. Dieser Glaube ist damit noch nicht abgeschlossen, aber er ist irgendwie da und ich erkunde hin und wieder die verschiedenen Winkel dieses Glaubens, wenn ich zweifle oder mir Fragen stelle. Aber bei der Kirche ist das anders. Sie ist der Ort, an dem ich mit anderen Menschen über meinen Glauben reden und mit ihnen zu Gott beten kann. In der Kirche lerne ich von anderen Menschen, zu glauben. Und mit dem, was ich mir in meinem Glauben erarbeite, gestalte ich Kirche mit, trage ich selbst zum Glauben der Kirche bei. Deshalb kann die Kirche auch nie fertig sein, es kommen immer noch Menschen hinzu, die mitglauben wollen. Die Kirche, die ich glaube, ist dafür offen. Zumindest kann man das aus dem Wort katholisch herauslesen. Damit ist ja nicht römisch-katholisch gemeint. Katholisch meint vielmehr: Weltumspannend, allgemein. Wenn ich eine solche katholische Kirche glaube, dann muss ich jeden, der mitglauben will, mit offenen Armen empfangen. Doch zugegeben: In vielen Kirchen und Gemeinden gelingt das nicht immer. Diese „katholische Weltoffenheit“ müssen wir in vielen Gemeinden und Kirchen erst noch „herbeiglauben“. Mit dem Glaubensbekenntnis versprechen wir das. Und wir bezeugen: Der Geist Gottes wird uns dabei helfen.
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Wenn man etwas nicht weiß, dann muss man es halt glauben. So oder ähnlich wird eines der größten Missverständnisse zum Stichwort „Glauben“ gerne umschrieben. Doch Wissen und Glauben sind keine Gegensätze, eher unterschiedliche Zugänge. Wenn ich glaube, weiß ich etwas auf eine andere Weise. Gott ist nicht einfach mein Lückenbüßer, wenn ich anders nicht mehr weiter weiß. Im Gegenteil: Mein Vertrauen auf Gott kommt meistens vor dem Wissen, mein Glauben ist eine Grundlage in meinem Leben. Diese Grundlage ist zwar nicht unantastbar und über jeden Zweifel erhaben. Oft genug gerät der Glaube auch in den Hintergrund, wenn ich ihn nicht genug pflege und mich darin übe. Aber ich kann mir ein Leben ohne nur schwer vorstellen. Es gibt für Gott und seine Liebe zu uns Menschen keine Beweise, aber deutliche Hinweise meine ich schon zu erkennen.
Wenn ich zurückschaue, habe ich manchmal das Gefühl: diese kleine oder jene große Krise habe ich nicht allein durch gestanden. Da muss Gott mir beigestanden haben. Wenn ich jetzt im Frühjahr die Natur erlebe, sehe ich eine ungeheure Vielfalt und Schönheit. Auch dafür mache ich gerne Gott verantwortlich.
Dass ich auf Gott vertrauen darf, lerne ich durch solche Erfahrungen. Aber vor allem schaue ich mir den Glauben bei anderen Menschen ab. Ich lerne nicht irgendwelche Glaubenssätze auswendig und dann habe ich es. Sondern ich erlebe, wie es Menschen hilft, wenn sie glauben, wie sehr es ihr Leben bestimmt und wie sehr sie danach handeln. Ich bekomme das „Glauben“ vorgelebt. Besonders beeindruckt mich zum Beispiel eine Frau, die in ihrem Leben schon oft um Familienangehörige trauern musste: Fast schon ein bisschen trotzig hält sie an ihrem Glauben fest, sucht Trost bei Gott und bleibt ihm treu, obwohl sie allen Grund hätte, an seiner Treue zu zweifeln. Sie hat viele Fragen, aber gleichzeitig einen festen Halt in ihrem Glauben. Oder mein früherer Schulseelsorger. Er hat das, was ihn beschäftigt hat, oft mit in sein Gebet genommen, auch wenn in seinem Leben etwas zu entscheiden war. Er hat darauf vertraut, dass Gott ihm zeigt, wo es weiter hingeht. Inzwischen ist er seit vielen Jahren in Afrika. Die entsprechende Anfrage seiner Oberen hat er so lange mit sich herumgetragen, bis ihm – wie er sagte – „warm ums Herz“ wurde. Und dann ist er dorthin gegangen.
Der Theologe Hans Küng vergleicht den Glauben mit dem Schwimmenlernen. Das geht „nicht durch Stehen am Ufer, Lesen eines Lehrbuches oder einen Trockenschwimmkurs“. Es kann sein, dass einem andere Menschen dabei helfen. Doch Glauben bleibt wie das „Wagnis, sich mit Haut und Haar auf das rätselhafte Wasser einzulassen, das nur den trägt, der sich ihm anvertraut und nicht steif verhält, sondern sich bewegt.“
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„Du führst uns hinaus ins Weite“ – das klingt ausgesprochen zuversichtlich, ja optimistisch. Mit dem „Du“ ist Gott gemeint. Da steckt eine ziemlich weitgreifende Behauptung drin. „Du führst uns hinaus ins Weite“ heißt das Leitwort für den 97. Deutschen Katholikentag in Osnabrück. Das Motto ist formuliert nach einem Vers aus dem 18. Psalm.
Nächste Woche Mittwoch wird der Katholikentag eröffnet. Fünf Tage lang soll es in Osnabrück darum gehen, wie sich Zukunft gestalten lässt - in der Gesellschaft und in der Kirche, hier in Deutschland und in der „Einen Welt“.
Der Katholikentag hat deshalb mit „Visionären für sich geworben, mit Menschen, die eine „Vision“ haben. Auf einem Plakat sieht man beispielsweise eine sympathische junge Frau, ganz ruhig, die Augen geschlossen. Sie hält einen Zettel in den Händen mit ihrer „Vision“: „Stummen eine Stimme geben“, hat sie geschrieben In ihrer Freizeit engagiert sich die Journalistin für Medienprojekte in Afrika.
Auch die anderen „Visionäre“, die für den Katholikentag werben, haben irgendeine Initiative, Organisation oder ein Projekt gegründet, um Zukunft zu gestalten: ein Haus, in dem Senioren selbstständig und doch gemeinsam alt werden können, eine Initiative gegen Jugendgewalt, ein Umweltprojekt in Peru. Der Katholikentag hatte deutschlandweit nach Menschen mit Visionen gesucht: Nach Visionären des Alltags, die an ihren Auftrag, ihre Hoffnung glauben. Solche, die sich ins Weite führen lassen wollen, die Weitblick haben.Ich fand diese Werbe-Idee auch sehr mutig: In Lexika findet sich unter Vision zwar auch die „Vorstellung von der Zukunft oder der Zukunftsentwurf“; der Übergang aber zur „Halluzination“ oder zur „Erscheinung“ ist fließend. Bei einer „Rangliste“ von Management- und Marketingfloskeln wäre der „Vision“ ein ganz prominenter Platz sicher: Keine Supermarktkette, die nicht stolz ihre Vision verkündet. Keine Belegschaft, die nicht durch die gemeinsame Vision zu Höchstleistungen beflügelt werden soll.
Für vernünftige Realisten und pragmatisch Denkende stehen umgekehrt Visionäre unter Generalverdacht. Unübertroffen hat dies der frühere Bundeskanzler Helmut Schmidt formuliert: Wer Visionen hat, sollte zum Arzt gehen.
Der Katholikentag setzt mit seinen „Visionären“ also einen Gegenakzent und behauptet: Wer keine Visionen hat, dem fehlt der Weitblick, der wird Mühe haben, durchs Leben zu finden. „Visionen“ in diesem Sinne haben nichts Großspuriges und nichts Schwärmerisches. Sie stehen für ganz konkrete Projekte, die jedes für sich die Gesellschaft ein bisschen heller und weiter machen sollen. Im Buch der Sprüche heißt es dazu: „Wo es keine Vision gibt, wird das Volk wild und wüst. Wohl dem aber, der auf die Weisung achtet.“ (Spr. 29, 18) https://www.kirche-im-swr.de/?m=3731
Ich kann meine Klappe einfach nicht halten. Und setze mich deshalb immer wieder in die Brennnesseln. Bildlich gesprochen. Immer wieder passiert mir das: Da schaltet mein Mund schneller als mein Kopf – und schon ist mir eine blöde Bemerkung herausgerutscht. Zum Glück bin ich nicht der einzige. Das passiert auch anderen. Doch richtig trösten kann mich das nicht.
Im Jakobusbrief im Neuen Testament in der Bibel gibt es dazu eine ziemlich spitze Bemerkung. Da heißt es: „Jeder Mensch soll schnell bereit sein zu hören, aber zurückhaltend im Reden und nicht schnell zum Zorn bereit.“ (Jak 1,19)
Ein Satz, der es in sich hat. Zuerst einmal sagt Jakobus klipp und klar: Schnell musst du nur sein, wenn es um das Hören geht. Also: Gut zuhören ist wichtig. Aber wenn du selber große Reden schwingen willst, überleg es dir lieber zweimal. Zumal, wenn du wütend bist. Wohl wahr. Jemandem seinen Ärger oder seine Wut um die Ohren zu hauen bringt selten was. Meistens nur noch zusätzlichen Ärger. In Ruhe überlegen, was man sagen will, lautet das Gebot der Stunde. Gerade wenn ich wütend bin. Das ist ganz schön schwer. Aber alle Anstrengung wert. Ich hab das selbst vor kurzem erlebt. Da hatte ich mir per E-Mail Luft gemacht. Meinen Ärger ausgeschüttet. Das hat zwar im Augenblick gut getan. Aber nachher war es sehr schwer, die Situation wieder zu bereinigen. Zu klären, was jetzt eigentlich das Problem war. Ich hoffe, ich erinnere mich an diese Erfahrung, wenn ich mal wieder wütend bin.
„Jeder Mensch soll schnell bereit sein zu hören, aber zurückhaltend im Reden und nicht schnell zum Zorn bereit.“ Der Satz aus dem Jakobusbrief enthält aber mehr als nur einen Merksatz für zornige Zeiten. Er schlägt einen Blickwechsel für das Gespräch vor. Schnell zuhören meint ja nicht die Geschwindigkeit, sondern meint: Zuerst kommt das Hören. Zuerst kommt das: Auf den Anderen hören. Nicht andere sollen mir zuhören, sondern ich höre anderen zu. Meistens läuft das ja anders. Ich habe was zu sagen, will, dass mir andere zuhören. Jakobus sieht das anders. Er sagt: Red nicht rum, sondern lass dich auf den anderen ein. Indem du zuhörst. Erst so wächst etwas: Wächst Verständnis, wächst Einsicht. Wächst letztlich auch das gute Handeln. Ein Handeln, dass nicht vom Zorn diktiert wird. Ein Handeln, das auf den anderen eingeht und ihn ernst nimmt.

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Hast du dein Mathebuch eingepackt? Was nimmst du als Schulbrot mit? Wer holt heute die Kinder vom Kindergarten ab? Kannst du Vokabeln abfragen? Kommen alle pünktlich aus dem Haus? So geht es bei uns jeden Morgen zu. Nicht nur bei uns. Fragen bestimmen in vielen Familien den Morgen. Sorgen um dies oder jenes. Was ist zu tun? An was muss ich denken? Jeder Tag ist ein neues Abenteuer – und manchmal ziemlich nervenaufreibend. Die Fragen und Sorgen lassen sich nicht so einfach abstellen. Sicher, vieles ist Routine, aber immer wieder gibt es was Neues, Ungewöhnliches. Richtig Ruhe kehrt da selten ein. Der Morgen wird halt von den ganz normalen und banalen Bedürfnisse regiert, von Fragen und Problemen des Alltags eben.
Heute wird in der Katholischen Kirche ein biblischer Text gelesen, der mit den Sorgen ins Gericht geht. Im Markusevangelium wird erzählt, dass sich die Anhänger Jesu große Sorgen machen. Sie sind schon länger unterwegs, wandern von Ort zu Ort, haben jetzt aber kein Brot mehr. Nichts zu essen. Sie diskutieren: Wo kriegen wir jetzt was zu essen her? Und Jesus? Der wird offenkundig sauer, herrscht sie an: Was macht ihr euch Gedanken über das Brot? „Habt ihr denn keine Augen zu sehen und keine Ohren, um zu hören?“ (Mk 8,14ff) sagt er. Und erinnert sie an die fünf Brote und zwei Fische, mit denen schon einmal über fünftausend Menschen satt wurden. Jesus erinnert sie an dieses Essen, erinnert sie daran, wie sie mit eigenen Augen gesehen haben, dass sie sich keine Sorgen machen müssen.
Was mir gefällt: Manchmal kommt die Bibel überraschend menschlich daher. Da geht es nicht hochgestochen um Gott, sondern um die ganz banalen Bedürfnisse der Welt. Zum Beispiel um das Abendessen. Da ist mir die Bibel nahe.
Was mich ärgert: Dieser Jesus hat ziemlich leicht reden. Zur Not können erwachsene Leute ja auch mal auf das Abendessen verzichten. Zumal wenn man in Sachen Weltverbesserung unterwegs ist, wie die Jünger. In jeder normalen Familie ist das unmöglich. Da muss für das Brot am Abend irgendwie gesorgt werden.
Was ich lerne: Der Satz „Habt ihr denn keine Augen zu sehen und keine Ohren, um zu hören?“ reizt mich. Vielleicht gehen im Alltag wichtige Erfahrungen unter, weil ich Augen und Ohren nicht aufsperre. Die guten Dinge nicht sehe und höre, die passieren. Ich erfahre nämlich immer wieder, dass sich manches wie von selbst regelt. Ich erfahre, dass sich nicht alles organisieren lässt. Ich erfahre, dass vieles im Leben auch ohne Planung gelingt und gut geht. Vielleicht hilft mir diese Erfahrung, wenn ich mir mal wieder Sorgen mache. Wenn wieder mal Chaos am Frühstückstisch herrscht. Einfach nur der Gedanke: Das Leben besteht aus mehr, als aus Sorgen um den nächsten Tag.


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„Ich bin froh, wenn ich wieder zu Hause bin“, sagt mir meine Frau am Telefon. Sie ist ein paar Tage unterwegs und kommt bald zurück. Zu Hause, klar, das ist der Ort, an dem ich wohne. Manchmal allerdings ertappe ich mich: Wenn ich zu meinen Eltern fahre, fahre ich auch nach Hause. Zu Hause ist also dort, wo ich geboren bin? Wo ich aufgewachsen bin? Oder ist „zu Hause“ nur der Ort, an dem die Menschen wohnen, mit denen ich verbunden bin? Ich glaube, das reicht alles nicht aus. Zu Hause das beschreibt zweierlei: Zu Hause bin ich bei Menschen, mit denen ich verbunden bin, zu Hause ist aber auch immer ein Ort, ein konkreter Wohnort, ein Lebensort: die Heimatstadt, das Haus, in dem jemand aufgewachsen ist, die Kirche vor Ort. Menschen sind nicht nur geistig zu Hause, sondern eben auch dort, wo ganz handfest etwas von der Heimat zu sehen ist.
Ich habe das lange anders gesehen. Habe gedacht, dass Heimat ein rückwärtsgewandter Begriff ist. Habe mich als freier und ungebundener erlebt. Zu Hause sein, habe ich gedacht, macht sich doch nicht an ein paar alten Steinen fest. Heute denke ich anders. Vor allem, weil ich mich intensiv mit der Geschichte Israels beschäftigt habe. Denn das zentrale Thema vor allem der ersten biblischen Bücher ist: Wo bin ich zu Hause? Drei Szenen machen das deutlich:
Erste Szene: Abraham wandert aus. Abraham ist eine wichtige biblische Figur. Mehr noch: Er gilt als Stammvater dreier großer Religionen – der Juden, der Christen und der Muslime. In der Bibel tritt dieser Abraham auf und Gott fordert ihn sofort auf, aus seinem Land auszuwandern. Wegzuziehen. Abraham hat offensichtlich keine große Lust dazu. Denn Gott muss ihn locken: Er verspricht Abraham ein großes Land, verspricht ihm Nachkommen und gibt ihm seinen Segen. Und dann macht sich dieser Abraham auf. Er zieht in ein völlig anderes Land. Und findet dort langsam seine Heimat, den Ort, an dem er zu Hause ist.
Zweite Szene: Mose flieht mit seinen Landsleuten aus Ägypten. Die Ägypter brauchen Arbeiter für ihre gewaltigen Monumente, Pyramiden, Häuser. Einige der Arbeiter werden unterdrückt, gedemütigt. Sie wollen fliehen. Anführer der Gruppe ist Mose. Er organisiert den Exodus, den Auszug aus Ägypten. In der Bibel schließt die Geschichte allerdings nicht mit der Flucht. Sondern die kleine Gruppe der Israeliten irrt vierzig lange Jahr durch die Wüste. Immer auf der Suche nach einem Ort, einem Land, in dem sie heimisch werden können. Die Geschichte der Flucht aus Ägypten erzählt beides: Die glückliche Flucht aus einem fremden Land – und die verzweifelte Suche nach Heimat.
Dritte Szene: Das heutige Israel ist immer ein Spielball großer Mächte gewesen. Vor über zweieinhalbtausend Jahren fallen die Babylonier in das Land ein, verwüsten es, verschleppen die jüdische Elite. Im Exil, in der Verbannung denken die Verschleppten viel über ihr Land, ihre Heimat nach. Und kommen doch erst Jahre später wieder nach Hause. In ihr Land.
Menschen, so lese ich diese biblischen Texte, sind an Orte gebunden, brauchen Orte, die sie zu Hause sein lassen. Nicht immer endet diese Suche mit einem Happy End. Mose zum Beispiel kommt nicht ins gelobte Land. Er steigt zwar noch auf den Gipfel eines Berges, kann das versprochene Land schon sehen, stirbt dann aber.
Entscheidend bei allen drei Geschichten ist aber, dass die Menschen nicht blind nach einem Ort suchen. Sie begreifen ihre Suche als Teil ihres Weges mit Gott. Nicht, dass sie Gott immer gespürt hätten. Im Exil zum Beispiel erfahren die Juden ihren Gott als abwesend. Sie streiten mit Gott, sie klagen ihn an, fordern ihn heraus. Von Gott erhoffen sie sich Trost – und Land, eine Heimat, die leben lässt. So bleibt ihre Suche nach Heimat mit Gott verbunden.
Die drei Geschichten von Abraham, von Mose und vom Exil erzählen etwas Wesentliches vom jüdisch-christlichen Glauben. Sie machen deutlich, dass das Unterwegs-Sein zum Glauben, zum Leben gehört. Und dass die Suche nach einem Zu-Hause ebenfalls dazugehört.

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