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SWR2 Wort zum Tag

Im biblischen Buch Genesis wird von Jakob erzählt, einem Mann, der eines Nachts etwas Ungewöhnliches erlebt. Seine Familie und seine Herden hat er am Abend schon vorausgeschickt, dann macht er sich selbst auf den Weg und überquert den Fluss Jabbok. Plötzlich wird er von einem Fremden angegriffen und in einen Ringkampf verwickelt. Der Kampf dauert und dauert und keiner kann gewinnen. Schließlich schlägt der Fremde Jakob auf die Hüfte, weil er sich sonst nicht mehr zu helfen weiß. Jakob soll ihn gehen lassen. Doch Jakob denkt gar nicht daran, er fordert eine Gegenleistung: Er will, dass der Fremde ihn segnet. Also gut, aber Jakob soll seinen Namen nennen. Und dann gibt der Fremde ihm einen neuen Namen: „Du sollst nun Israel, also Gottesstreiter heißen; denn mit Gott und Menschen hast du gestritten und hast gewonnen.“ Und er segnet Jakob. Seinen eigenen Namen will er nicht nennen, und doch weiß Jakob anscheinend, mit wem er es zu tun hat. Denn er nennt den Ort von da an Gottesgesicht, auf Hebräisch: Penuël. Seine Begründung dafür: „Ich habe Gott von Angesicht zu Angesicht gesehen und bin doch mit dem Leben davongekommen.“
Die Geschichte ist nicht einfach. Doch für mich ist sie ein guter Denkanstoß. Und zwar deshalb, weil darin etwas beschrieben wird, was sonst kaum in meinem Gottesbild vorkommt. Man kann mit Gott ringen und streiten. Im Alten Testament ist ganz oft davon zu lesen, wie Menschen Gott anklagen und ihm Vorwürfe machen. Mein Beten dagegen ist häufig braves Danken und Bitten, und viel mehr nicht. Warum eigentlich nicht? Ich habe den Verdacht, dass ich so bete, weil ich Gott gerne auf Distanz halten möchte. Wenn ich mit ihm streiten würde, wären wir in einem richtig lebendigen Beziehungsgeschehen. Und wer weiß, wie das ausgeht?
Schon im Alltag versuche ich möglichst, den Konflikten aus dem Weg zu gehen. Ich hab’s gerne harmonisch. Das ist natürlich unrealistisch. Wenn ich ernsthaft mit anderen Menschen zu tun haben will, dann muss es auch Streit geben, dann muss ich auch Konflikte aushalten können. Die Geschichte von Jakobs Kampf zeigt mir, dass es in der Beziehung zu Gott nicht anders ist. Nur glaube ich, dass dieser Kampf bei mir nicht in einer Nacht erledigt ist. Er wird wohl ein Leben lang dauern. Wenn ich Gott als Gegenüber ernst nehme, dann kann ich ihn nicht einfach aus der Kiste zaubern, wenn ich ihn brauche. Ein Leben mit Gott ist ein Leben in einer Beziehung,. Da kann es auch mal unbequem werden. In einer Beziehung muss ich arbeiten, manchmal regelrecht ackern. Und ich muss kämpfen.
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Alle eure Sorge werft auf Gott, denn er sorgt für euch. Dieser Satz aus der Bibel kommt mir manchmal in den Sinn, wenn mich Sorgen umtreiben. Auf den ersten Blick ist das auch ein tröstlicher Satz. Doch wenn ich darüber nachdenke, frage ich mich schon: Stimmt das denn? Meine Sorgen gehen nicht weg. Und die Wünsche, die damit verbunden sind, werden oft nicht erfüllt.
Aber der Satz lautet ja auch nicht: „Alle eure Sorge werft auf ihn, dann löst sie sich in Luft auf!“ Auch wenn mir das wahrscheinlich das Liebste wäre. Er sorgt für euch, er kümmert sich um euch, ihr liegt ihm am Herzen: das kann ja möglicherweise ganz anders aussehen, als ich mir das vorstelle. Das könnte bedeuten, dass ich Hilfe bekomme von Menschen, mit denen ich nicht gerechnet habe, die plötzlich da sind und mir Mut machen. Zwar nimmt das die Sorgen auch nicht weg, schafft aber Erleichterung.
Erleichterung verschafft mir vielleicht auch die Art und Weise, wie ich meine Sorgen auf ihn werfe. Wenn ich etwas werfe, dann will ich es ja ein gutes Stück von mir wegbekommen. Das erfordert bei manchen Sorgen ein gehöriges Maß an Energie. Möglicherweise reicht es nicht aus, wenn ich meine Sorgen im Gebet ganz harmlos benenne. Vielleicht muss ich sie hinausschreien, oder Gott mein Leid damit wirklich klagen. Die Psalmen in der Bibel zeigen uns, wie Menschen Gott angeschrien und angeklagt haben. Manchmal überhäufen sie ihn mit Vorwürfen. Aber Gott hält das aus.
Wenn ich meine Sorgen auf Gott werfe, dann heißt das auch, dass ich sie loslassen muss. Das klingt einfacher als es ist. Manchmal will ich meine Sorgen gar nicht loslassen. Vielleicht, weil ich lieber alles selbst in der Hand behalten will, sogar das, was mich belastet. Dabei helfe ich mir und anderen, wenn ich mir mal Luft verschaffe und meine Sorgen auf Abstand halte. Das ist so besonders an uns Menschen, dass wir auf Distanz gehen können zu unseren Problemen, dass wir „von außen“ darauf blicken können. Und dieser neue Blick, diese neue Sicht auf meine Situation hilft mir, neu damit umzugehen.
Alle eure Sorge werft auf Gott, denn er sorgt für euch. Diesen Satz kann man auch anders formulieren. Von einer gläubigen Frau zum Beispiel kenne ich ihn so: „Alles in Gottes Hände legen und alles in Gottes Händen lassen!“

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Heute wäre er hundert Jahre alt geworden: Claus Graf Schenk von Stauffenberg, die Symbolfigur des militärischen Widerstandes gegen Hitler. 1944 hatte der Offizier versucht, mit einem Bombenattentat auf Hitler das nationalsozialistische Regime zu stürzen. Noch am Abend des gescheiterten Attentats wurde er standrechtlich erschossen.
Erst vor kurzem hat Stauffenberg Schlagzeilen gemacht. In einer neuen Filmproduktion über das Attentat sollte er von Hollywoodstar Tom Cruise dargestellt werden, einem bekennenden Mitglied der selbsternannten Scientology-Kirche. Die Geister schieden sich: Stauffenberg, der zu seiner Tat durch den christlichen Glauben bewegt war, gespielt vom Anhänger einer totalitären Sekte? Andere hofften, gerade der beliebte Star könne den nicht leicht zu verstehenden Widerständler etwas populärer machen.
Vor wenigen Tagen stand in unserem Nachbarland Österreich ein anderer konsequenter Gegner des NS-Regimes im Mittelpunkt. Man feierte die Seligsprechung des Kriegsdienstverweigerers Franz Jägerstätter. Aus Gewissensgründen hatte er den Dienst in Hitlers Wehrmacht verweigert und dafür mit dem Leben bezahlt. Am 9. August 1943 ist er hingerichtet worden. Dass Jägerstätter „als Märtyrer des Gewissens“ jetzt selig gesprochen wurde, ist dabei alles andere als selbstverständlich: Lange wurde er totgeschwiegen, als Feigling, Verräter von Familie und Vaterland geschmäht – auch in seiner Kirche.
Gleicher Jahrgang wie Stauffenberg könnte der Unterschied nicht größer sein: Hier der adlige Offizier, Mann des Militärs, Patriot, ein Jünger des Dichters Stefan George. Dort Franz Jägerstätter, der bibelfeste, tief fromme Bauer, Mesner seiner Heimatpfarrei. Sein Glaube verbot ihm, an dem verbrecherischen Krieg teilzunehmen, für dieses gottlose Regime zu kämpfen. Christentum und Nationalsozialismus waren für ihn unvereinbar.

Beiden war die Konsequenz ihres Handelns wohl bewusst. Und dennoch stellten sie sich kompromisslos dem Anspruch ihres Gewissens. Er werde wohl als Verräter in die deutsche Geschichte eingehen, hat Stauffenberg kurz vor dem Attentat seinen Weggefährten geklagt. „Würde ich die Tat jedoch unterlassen, wäre ich ein Verräter vor meinem eigenen Gewissen“.
Beide, der Bauer und der Offizier, haben Zeugnis abgelegt. Sie ermutigen uns, auch in ganz anderen Situationen und Lebenslagen das Gewissen am Evangelium zu schärfen. https://www.kirche-im-swr.de/?m=2563
Ich wollte ein neues Mobiltelefon – nur zum Telefonieren. Da hat mich die Verkäuferin angelächelt und gesagt: „Aber ein Fotoapparat muss schon dabei sein!“ Merke: Ohne Bilder geht nichts.
Das alte Bilderverbot der Bibel liest sich da seltsam altmodisch. Es verbietet nämlich ganz umfassend bildliche Darstellungen. Im Wortlaut: „Du sollst dir kein Gottesbild anfertigen. Mach dir kein Abbild von irgendetwas im Himmel, auf der Erde oder im Meer.“ (Deuteronomium 5,8)
Alle drei großen monotheistischen Religionen kennen ein Bilderverbot: Das Judentum, das Christentum und der Islam. Was aber sind die Wurzeln dieses Verbotes? Offensicht-lich unterstreicht das Bilderverbot vor allem das Verbot, fremde Götter anzubeten. So erzählt das Alte Testament häufig von den Götterstatuen fremder Götter. Und vom Kampf etwa der Propheten dagegen. Warum aber darf auch von Jahwe, dem einzigen Gott Israels, kein Bild gemacht werden? Du sollst dir kein Gottesbild machen, heißt: Achte die Unvergleichbarkeit Gottes. Denn jedes Bild legt fest, zeigt eine bestimmte Blickweise. Gott aber ist der Andere, der, der mehr ist als ein Bild sagen kann.
Das Bilderverbot schützt allerdings nicht Gott, sondern den Menschen. Es schützt den Menschen davor, nur ein Bild Gottes zu haben. Das Bilderverbot sagt: Fixiere dich nicht in deiner Gottesvorstellung auf bestimmte Bilder, auf Eigenschaften oder Fähigkeiten Gottes. Denn Gott ist mehr, als Menschen sich ausdenken können. Im Christentum ist das Bilderverbot allerdings nicht mehr absolut. Der Grund: Christen glauben, dass Gott in Jesus Christus sozusagen sichtbar wurde. Doch der Grundgedanke des Bilderverbotes blieb auch im Christentum lebendig: Die Idee, dass die Vorstellung von Gott offen gehal-ten werden muss.
Auf der gleichen Linie liegt die totale Bilderskepsis der Bibel: „Mach dir kein Abbild von irgendetwas im Himmel, auf der Erde oder im Meer,“ heißt es in den Zehn Geboten. Die Idee dahinter: Alle Bilder schränken ein, engen ein, legen fest. Aber Menschen, die Na-tur, die Welt verändern sich. Und Bilder fangen diese Veränderung nicht ein. Fangen auch nicht ein, dass jeder Mensch mehr ist als die Summe seiner Bilder.
Das Bilderverbot ist ein starkes Verbot. Nicht, weil es etwas verbietet, sondern weil es eine Chance eröffnet. Es will den Blick auf Gott und die Welt offen halten, will dazu er-muntern, die Bilder zu überwinden. Es lädt ein, zum Kern des Gesehenen vorzustoßen. Sich nicht an der Außenseite, dem Sichtbaren festzuhalten. Das Bilderverbot legt so eine gesunde Skepsis vor den Bildern nahe, die uns Tag für Tag begegnen.
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Die Zeitung steckt im Briefkasten. Morgen für Morgen. Und wenn ich sie aufschlage, erwarte ich Nachrichten aus aller Welt. Verlässliche Nachrichten, wahre Nachrichten. Wenn ich aber einen Roman aufschlage, ist das anders. Dann erwarte ich eine Geschich-te, die mich in eine andere Welt entführt. Auch diese Geschichte ist wahr. Aber sie ist anders wahr als die Wahrheit der Nachricht.
Ganz ähnlich verhält es sich mit der Bibel. Sie enthält keine wissenschaftlichen Hypothe-sen und keine Zeitungsnachrichten. Sie ist ein Text voller Sehnsucht, voller Erfahrungen mit Gott und den Menschen.
Dieser Unterschied zeigt sich in der Schöpfungsgeschichte deutlich. Die Bibelwissen-schaft arbeitete überzeugend heraus, dass die Schöpfungsgeschichten am Anfang der Bibel keine Berichte sind, sondern eher ein lyrischer Text, ein großes Schöpfungsgedicht. Ein Gedicht, das zu Recht Weltliteratur geworden ist. Und das heißt: Es ist ganz offen-sichtlich komponiert, es ist auf raffinierte Weise strukturiert.
Das Schöpfungsgedicht entsteht im so genannten babylonischen Exil. Im Laufe eines langen Krieges deportieren die Babylonier die Oberschicht des jüdischen Volkes. Das Leben in Babylon ist kein Zuckerschlecken. Die Deportation nagt schwer am Selbstbe-wusstsein der Juden.
Das Schöpfungsgedicht greift diese Situation auf. Es setzt mit dunkler Finsternis ein, mit der Erfahrung von Wüste und Tod. Ihnen setzt das Schöpfungslied die erste und wich-tigste Schöpfungstat Gottes entgegen: Das Licht, das insgesamt für Leben steht.
Mehr noch: Die Schöpfungserzählung, diese große Ouvertüre der Bibel, wird in einem durchkomponierten, gegliederten Aufbau erzählt. Dieser zeigt, welche Ordnung Gott der Welt gegeben hat. Eine Ordnung, die gegen das Chaos von Krieg, Exil und Ver-schleppung gesetzt wird.
Diese Ordnung zeigt sich etwa in der Abfolge der Tage. Aber auch darin, dass wichtige Formeln wiederholt werden. Etwa: „Gott sprach ...“ oder „Gott sah, wie gut es war.“ Die Welt erscheint in dem Schöpfungslied als ein geordnetes Lebenshaus: Alles Lebendige findet darin einen Platz, alles Chaos wird zurückgedrängt.
Wer die Texte der Bibel also mit modernen Aussagen zur Entstehung des Kosmos ver-gleicht, wird ihnen nicht gerecht. Denn die Fragen und Aussageabsichten der biblischen Texte liegen auf einer anderen Sinnebene als naturwissenschaftliche Modelle, die erklä-ren, wie der Kosmos entstanden ist. Wer die Schöpfungsgeschichte naturwissenschaft-lich liest, verpasst einen großartigen Text der Weltliteratur. Einen Text, der einen die Welt mit anderen Augen betrachten hilft, als Welt, die gut war.
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Wer hat jetzt nun recht? Darwin oder die Bibel? Der Streit darüber schwelt schon 200 Jahre. Und ist derzeit hochaktuell. Im Zentrum der Debatte steht die Frage, ob die Bibel ein Gegenmodell zur Evolutionslehre bietet.
Die Antwort ist einfach. Sie lautet: Nein. Die Begründung: Biblische Schöpfungsge-schichten und die Evolutionstheorie haben nicht den gleichen sachlichen Gegenstand. Das heißt?
Evolution ist eine naturwissenschaftliche Kategorie. Die Evolutionstheorie erklärt relativ plausibel, wie Leben entsteht und sich verändert. Sie beschreibt also die faktischen Ent-wicklungen im Lebensprozess. Daraus leitet sie eine Hypothese ab. Diese lautet: Das Zusammenspiel von Selektion und Anpassung treibt die Entwicklung des Lebens und der Vielfalt der Arten an.
Die Schöpfungserzählungen der Bibel fragen ganz anders nach dem Ursprung des Le-bens. Ihnen geht es um den Sinn, der hinter dem Leben steht, um den Grund, der das Leben trägt, um die Sinnursache des Lebens.
Die Schöpfungsgeschichten der Bibel sind keine naturwissenschaftlichen Berichte – und wollen auch gar keine sein. Umgekehrt ist festzuhalten: Die Evolutionslehre basiert auf naturwissenschaftlichen Theorien. Aber sie sagt nichts über den Sinn der Welt, des Men-schen und der Geschichte.
Die Evolutionstheorie kann deshalb auch nicht die zentralen Fragen des Menschen be-antworten. Sinnfragen wie: Warum gibt es überhaupt etwas und nicht nichts? Warum gibt es einen Anfang? Was ist sein Grund? Fragen wie: Was soll eigentlich das Ganze? Das Universum, die Welt, der Mensch? Und was soll ich darin? Und: Welchen Sinn hat das Ganze? All diese Fragen lassen sich nicht mit naturwissenschaftlichen Modellen und Theorien beantworten. Das heißt: Evolutionslehre und Schöpfungserzählung können überhaupt keine konkurrierenden Modelle einer Weltdeutung sein.
Was aber erzählt die Schöpfungsgeschichten der Bibel? Sie erzählen von den guten An-fängen der Welt. Sie beschreiben, welchen Grund das Leben hat. Anders formuliert: Der Schöpfungsmythos hält fest, was das menschliche Leben begründet, welcher Grund für Welt und Mensch im Ganzen und immer schon gilt.
Die Schöpfungsgeschichten machen das ganz praktisch. Indem sie von Gott und den Menschen erzählen – und vom Anfang, der keineswegs ein zeitlicher Anfang ist. Er ist ein Anfang im Sinne eines beispielhaften Ur-Geschehens. Die biblischen Schöpfungsge-schichten erklären also nicht den Beginn des Lebens. Sondern sie zeigen, wie diese Welt „eigentlich“ gedacht ist, wie der Mensch sie sehen soll, wie er sich verstehen soll. Und er soll erkennen, dass Gott zu dieser Welt steht, dass er sie hält und schützt.
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