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SWR2 Wort zum Tag

Alle suchen danach, aber was ist es? Vermutlich strebt jeder Mensch nach Glück, aber es fällt nicht so ganz leicht zu sagen, was Glück eigentlich ist, und vor allem, wie man es bekommt.
Manchmal bin ich schon glücklich, wenn mir nichts wehtut, manchmal braucht es eine ruhige Stunde auf dem Balkon oder in den Bergen. Es gibt das Glück mitten in einer Anstrengung, das Glück im Zusammensein mit bestimmten Menschen. Der Philosoph Sokrates soll einmal gesagt haben: Der glücklichste Mensch ist, wer die Krätze hat und sich immer kratzen kann. (vgl. Regina Ammicht Quinn, Glück – der Ernstfall des Lebens? Freiburg 2006, 23)
Eine aufschlussreiche Geschichte zum Thema Glück findet sich in der griechischen Dichtung, in Homers Odyssee. Der Held Odysseus muß nach dem Ende des Krieges in Troja eine lange gefahrvolle Heimfahrt bestehen. Er will zurück auf seine Insel Ithaka zu seiner Frau Penelope. Unterwegs wird er schiffbrüchig und strandet bei der schönen Göttin Kalypso. Sie möchte, dass er immer bei ihr bleibt und verspricht ihm dafür Unsterblichkeit. Odysseus ist durchaus angezogen von ihr. Er weiß, dass sie schöner ist, vollkommener als seine Frau, von der ihn ohnehin noch eine lange, gefährliche Reise trennt. Trotzdem bricht er wieder nach Ithaka auf. Er verlässt Kalypsos Insel der Seligen. Er wählt das Risiko, wählt die sterbliche, unvollkommene Penelope und auch die eigene Sterblichkeit. Sein Glück, er erwartet es nicht bei der Göttin, nicht in der Sicherheit und in der ewigen Jugend und unversiegbaren Lust, sondern im Leben mit Penelope, mit Schmerz, Gefahr, Verlust, Anstrengung.
So die Odyssee. Vielleicht dürfen wir in diesem Punkt ja eine Parallele sehen zur biblischen Geschichte von der Vertreibung aus dem Paradies. Das ist ja nicht nur eine negative Geschichte, sondern auch eine, die sagt: bedürfnislose Langeweile entspricht uns Menschen nicht. Kinder bekommen Adam und Eva ja auch erst außerhalb des Paradieses. Neues Leben entsteht erst, als es auch den Tod gibt.
Glück – nicht Paradies, nicht Insel der Seligen, sondern sterbliches Leben mit seinen Herausforderungen. Ich hoffe, dass für Sie heute etwas von diesem Glück wirklich wird.
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Peter und Paul. Schon seit der Mitte des 3. Jahrhunderts werden sie in der Kirche gemeinsam gefeiert, und zwar am 29. Juni. Beide haben viel dazu beigetragen, dass sich christlicher Glaube entwickelt hat und dass wir heute davon wissen können. Und sie haben beide dazu auch in ihrem eigenen Leben Entwicklungen durchgemacht. Petrus war ursprünglich Fischer, ist dann mit Jesus unterwegs gewesen und hat sich durchaus auch mit ihm auseinandergesetzt. Zum Beispiel, als Jesus sagt, dass er leiden wird. Petrus will siegen mit Jesus, aber nicht untergehen. Sie haben sich so heftig gestritten, dass im Evangelium Jesus zu ihm sagt: Weiche von mir, Satan! Trotzdem ist Petrus der, der immer wieder im Namen aller Apostel spricht. Der sich vorwagt im Glauben und auf die Nase fällt. Von ihm erzählt die Bibel, dass er sich traut, auf dem Wasser zu Jesus zu laufen. Das erste Stück schafft er gut, aber dann verlässt ihn sein Glaube. Immerhin ruft er noch um Hilfe, und Jesus rettet ihn. Und als Jesus gefangen ist, treibt Petrus sich zwar in der Nähe des Gefängnisses herum, aber auch da verlässt ihn wieder der Mut. Ich kenne diesen Jesus nicht, sagt er, als ihn ein paar Leute erkennen. Trotzdem, vielleicht auch deswegen, hat er bei den ersten Christen höchste Autorität und wirkt maßgeblich mit am Entstehen der ersten Gemeinden.
Paulus hat Jesus nicht mehr persönlich gekannt. So wie alle späteren Christen, bis zu uns. Er war ein sehr frommer und engagierter Jude und beteiligte sich anfangs sogar an Christenverfolgungen. Aber seine persönliche Entwicklung ging dann hin zum christlichen Glauben; die Bibel beschreibt das als dramatisches Bekehrungserlebnis, bei dem er vor Damaskus geblendet vom Pferd fällt und dann drei Tage blind ist. Sein weiteres Lebensthema wird dann nicht von ungefähr der Zusammenhang zwischen dem jüdischen Glauben, aus dem er kommt, und dem Leben und der Botschaft dieses Jesus. Paulus trifft eine überraschende und wegweisende Entscheidung: Jesus ist nicht nur für Israel gekommen, sondern für alle Menschen. Und wer Christ werden will, muß nicht den Weg über den jüdischen Glauben gehen. Die weite Öffnung der Christen über das Judentum hinaus ist zu einem großen Teil das Verdienst des Paulus.
Peter und Paul – zwei Menschen von unzähligen, die Glauben weitergegeben haben, durch persönliche Entwicklungen und durch institutionelle Entscheidungen.
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Wie das wohl klingt, wenn sieben Jünglinge schnarchen? Nein, ich habs nicht verschlafen, ich bin eher zu früh dran! Der Siebenschläfertag ist nämlich erst am 7. Juli. Denn es gab ihn schon lange vor der Gregorianischen Kalenderreform im Jahr 1582. Bei dieser Reform hat man einmalig 10 Tage übersprungen, und so wurde der 27. Juni zum 7. Juli. Also ist in puncto Wetter für die nächsten Wochen noch längst nicht alles entschieden.
Die Siebenschläfergeschichte hat übrigens auch mit so etwas wie Zeitverschiebung zu tun. Ihren Namen verdankt sie den Sieben Schläfern von Ephesus. Nach der Legende haben sieben junge Männer um 250 nach Christus dem römischen Kaiser Decius die verlangten Opfer verweigert. Statt den Kaiser als Gott zu verehren, bekannten sie sich zum Christentum. Sterben wollten sie aber auch nicht und versteckten sich deshalb in einer Hütte. Decius ließ sie dort einmauern, und sie schliefen ein. Ca. 200 Jahre später - das Christentum war längst Staatsreligion – ließ ein Mann das Mauerwerk einreißen; die Legende betont, dass Gott ihm den Gedanken ins Herz legte, an diesem Ort Ställe für seine Hirten zu bauen. Nun erwachten die Sieben, offensichtlich mit knurrendem Magen. Denn Malchus, einer von ihnen, ging in die Stadt zum Einkaufen und wurde dort aufgegriffen, als er mit 200 Jahre alten Münzen bezahlen wollte. Große Verwirrung auf allen Seiten. Schließlich führte man Malchus dem Bischof vor. Der ging mit ihm zur Hütte und fand alle Brüder lebend vor; „und blüheten ihre Angesichter wie die Rosen“, heißt es in der Legende. Kurz darauf pilgerte auch Kaiser Theodosios II. zur Höhle. Ihm waren die Sieben ein wichtiges Zeichen für die Auferstehung der Toten. „Siehe, wir sind wahrlich auferstanden und leben“, sagen sie dem Kaiser, und danach neigen sie ihre Häupter zur Erde und entschlafen nach Gottes Willen – der endgültigen Auferstehung entgegen.
Die älteste schriftliche Überlieferung dieser Legende stammt übrigens aus dem Jahr 521. Die Stadt Ephesus zog auf diese Weise viele Pilger an, die sich in der Hoffnung auf ihre Auferstehung bei der Siebenschläferhöhle begraben ließen. Und die etwas weniger Erwartungsvollen suchen bis heute die Hilfe der Siebenschläfer, wenn sie nicht schlafen können. Es müssen dann ja nicht gleich 200 Jahre sein.
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Was hat der christliche Glaube mit einem Gabelstapler zu tun? Als ich vor kurzem diese Frage hörte, sagte ich spontan: Gar nichts natürlich. Heute allerdings weiß ich es besser. Überzeugt davon hat mich ein Projekt, das in einem Kölner Vorort Jugendliche begeistert.
Ort der Handlung: Das Untergeschoss der Kirche St. Theodor in Köln-Vingst. Hier steht ein Flurförderfahrzeug, wie es so schön in der Sprache der Verkehrsjuristen heißt. Jeder kennt es aus dem Baumarkt oder von Baustellen: ein Gabelstapler. Ein kleines, kompaktes Fahrzeug, das an seinen zwei vorstehenden Metallarmen ton-nenschwere Lasten heben und transportieren kann.
Doch im Untergeschoss von St. Theodor gibt es keinen Baumarkt und keine Bau-stelle. Mit dem Gabelstapler wird nur zu Übungszwecken gefahren. Genauer: Hier gibt’s eine Fahrschule für Gabelstaplerfahrer. Eine überaus erfolgreiche Fahrschule. Mehr als 130 Jugendliche machten im letzten Jahr hier ihren Führerschein für Flur-förderfahrzeuge.
Die Fahrschüler waren vor allem Jugendliche ohne Schulabschluss. Auf dem Markt ohne Chancen, frustriert, abgeschrieben. Jugendliche, die noch nie im Leben eine Prüfung bestanden hatten. Kein Wunder, dass die Ausbildung zum Gabelstaplerfah-rer sie mehr kostet als Geld, nämlich Anstrengung, Nerven, Durchhaltevermögen. Nicht jeder schafft die Prüfung auf Anhieb. Die praktischen und theoretischen Hür-den sind hoch. Aber wer endlich seinen ‚Lappen’, seinen Führerschein in der Hand hielt, der berichtete von einem unglaublichen Gefühl. Dem Gefühl, endlich auch etwas geschafft zu haben, auch mal Erfolg zu haben, nicht immer durch den Rost zu fallen.
Ein Gabelstapler unter der Kirche – das ist keine spektakuläre Nachricht. Und trotz-dem hat mich diese kirchliche Initiative fasziniert. Weil sie zeigt, wie wenig manchmal ausreicht, um die Welt ein bisschen zu verändern. Oft scheint es so, als könnte der Einzelne wenig ausrichten in unserer globalen Welt. Die Politik und die Wirtschaft treffen doch die weit reichende Entscheidungen. Sie haben Konsequen-zen für Millionen von Menschen. Was kann ich da tun? Mehr, als ich manchmal glaube. Denn gerade die kleinen Aktionen und Initiativen bewirken viel. Sie verän-dern einzelne Menschen, geben Mut, stärken sie. Zum Beispiel mit einem Gabel-staplerführerschein.
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Auch als er den Friedenspreis des Deutschen Buchhandelns erhielt, wollte er die versammelte Festgemeinde nicht einfach in Frieden lassen. Alexander Mitscherlich, Buchhändler, Widerständler, Mediziner, Psychologe und Essayist las auch hier öf-fentlich der Bundesrepublik und ihrer Vertretern die Leviten. 1969 war das und Mitscherlich einer der bekanntesten Kritiker der bundesrepublikanischen Wirt-schaftswundermentalität. Seinem Themen wollte damals kaum einer hören: Die Schuld der deutschen am zigmillionenfachen Menschenmord in nationalsozialisti-scher Zeit, die Frage nach dem Frieden in Zeiten des Kalten Krieges, die Bedingun-gen eines menschenwürdigen Lebens für alle.
Zu diesen Themen kam er aufgrund von Erfahrungen. So konnte als junger Mann seine Dissertation nicht fertig stellen. Denn sein Doktorvater Paul Joachimsen war Jude. Und als der 1932 starb, weigerte sich sein Nachfolger, die Arbeit Mitscher-lichs weiter zu betreuen. Die Buchhandlung, die der junge Ex-Student dann auf-macht, wird 1935 von der SA geschlossen. Er wird steckbrieflich gesucht und emig-riert in die Schweiz. Auf einer Fahrt nach Deutschland wird Mitscherlich 1937 fest-genommen und sitzt in Nürnberg für mehrere Monate in Haft.
Nach dem Krieg ist Mitscherlich als Mediziner tätig. Er beobachtet den Nürnberger Ärzteprozess und dokumentiert akribisch die unmenschlichen Experimente an Pati-enten in nationalsozialistischer Zeit. Sein Bericht bringt ihm den Ruf eines Nestbe-schmutzers und Vaterlandsverräters ein. Erst Jahre später kann er veröffentlicht werden.
Mitscherlichs Themen in den folgenden Jahren: Die Aufarbeitung der Vergangenheit und die Frage, wie Frieden möglich ist. Themen, die das Nachkriegsdeutschland aufrütteln und heftige Diskussionen auslösen. Es sind aber auch Themen, die heute noch auf der Tagesordnung stehen. Denn Mitscherlichs Überlegungen zwingen uns damals wie heute zu einem genauen Blick auf die Welt: Auf die Gründe für Krieg und Terror, auf die Blockaden, die Frieden verhindern, auf die Vergangenheit, die niemanden ruhen lässt, aber oft genug verschwiegen wird.
Heute, vor fünfundzwanzig Jahren, am 16. Juni 1982 starb Alexander Mitscherlich in Frankfurt am Main. Von ihm können wir alle noch lernen – Christen, Humanis-ten, Atheisten, Menschen aller Religionen und Bekenntnisse. Denn wir haben alle nur dieses eine Leben, wir haben nur diese eine Welt.
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Kein geringerer als der Nobelpreisträger Günther Grass hat ihr ein Denkmal ge-setzt. In seinem Roman »Der Butt« spielt Dorothea von Montau eine zentrale Rolle. Keine x-beliebige Frau – eine Heilige. Die Katholische Kirche feiert heute ihr Fest. Vor genau 660 Jahren wurde Dorothea in Montau, dem heutigen Matowy Wielkie in Polen, geboren.
Günther Grass allerdings erzählt das Leben der Dorothea ganz anders, als es in frommen Heiligenbüchern zu finden ist. Er bürstet ihr heiliges Leben gegen den Strich. Dafür lässt Grass vor allen den Ehemann der Dorothea zu Wort kommen: Den Schwertmacher Adalbert Schlichting. Bei der Hochzeit ist er 36, seine Doro-thea erst 16. Und Schlichting hat es nicht leicht mit ihr: Seine Frau bringt Emotio-nen fast nur für ihren Herren Jesus auf und treibt mit ihrer Großzügigkeit andern gegenüber den Handwerker fast in den Ruin. Dorotheas fromme Visionen schließ-lich machen die Familie zum Gespött der Leute.
Doch Grass gibt nicht nur Dorotheas Mann eine Stimme. Er entstaubt zugleich das überlieferte Bild der Heiligen. Historisch verbürgt ist nämlich, dass sich Dorothea von ihrem Mann trennen wollte. Ihr Argument: Sie wolle ins Kloster gehen, frei sein für Gott. Für Grass ist Dorothea damit die erste Frau, die gegen die Zwangs-heiraten des Mittelalters öffentlich revoltiert. Mehr noch: Ihr ganzes Verhalten, ihre religiösen Visionen, ihre Freigiebigkeit deuten zeigen: Dorothea wollte sich auch vom Frauenbild des Mittelalters verabschieden. Wollte nicht die willige Ehefrau, die patente Hausfrau, die zuvorkommende Gastgeberin sein. Sie wollte vor allem eins sein: frei. Frei von Geld, Ehezwang und Schwangerschaft, frei für Gott und für sich selbst. Grass liest das Leben der Dorothea als Leben einer modernen Frau.
Doch Freiheit bekam eine Frau des Mittelalters nicht einfach so. Dorothea bekam sie erst nach dem Tod ihres Mannes. Da zog sie sich in ihre eigene, innere Freiheit zurück: eingemauert in eine kleine Zelle am Dom in Marienwerder. Hier lebte sie, zurückgezogen von der Welt, aber frei von allen sozialen Zwängen des Mittelalters.
Mich verwundert es nicht, dass Dorothea den Männern und Mächtigen nicht geheu-er war. Das zeigt auch ihr Heiligsprechungsprozess. Der wurde zwar bald nach ih-rem Tod in Gang gesetzt. Aber schon zehn Jahre nach ihrem Tod wurde er wieder auf Eis gelegt. Kein Wunder: Kritische, freiheitsliebende Frauen standen bei der Kirche noch nie hoch im Kurs. Aber es gibt eine spannende Wende dieser Frauen-geschichte. Denn vor vierzig Jahren sprach der Papst Dorothea doch noch heilig. 500 Jahre nach ihrem Tod war endlich doch die Zeit reif für diese ungewöhnliche Frau.
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