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SWR2 Wort zum Tag

Eine unbequeme Wahrheit, unter diesem Titel lief in den letzten Wochen ein Film in den Kinos über den ehemaligen amerikanischen Vizepräsidenten Al Gore und seine Vorträge. Die unbequeme Wahrheit, über die Gore berichtet, ist schnell zusammengefasst: Die Erde ist wärmer geworden, mit heftigen Folgen, und sie wird in den nächsten Jahren noch wärmer werden – erst recht, wenn wir weiter so wenig dagegen unternehmen wie jetzt. Al Gore hat sich schon immer für die Zusammenhänge rund um das Klima interessiert. Dass er sich aber nun dafür einsetzt, gegen den Klimawandel einzuschreiten, hat mit seinem Sohn zu tun, der ebenfalls Al heißt. Al junior ist verunglückt und hat lange mit dem Tod gekämpft, Daraufhin machte der Vater sich verstärkt darüber Gedanken welche Welt er eigentlich seinen Kindern hinterlassen wollte. Seit er im Jahr 2000 die Präsidentschaftswahl verlor, reist Al Gore mit Bildern, Cartoons und Statistiken durch die Welt und hält Vorträge, um die Menschen zum Handeln gegen die globale Erwärmung anzustacheln.
Vieles in dem Film kommt einem bekannt vor, trotzdem ist die Gesamtheit der Fakten in Al Gores Vortrag erschütternd. Bei einem Diagramm, das die voraussichtliche Entwicklung des Kohlendioxidgehaltes in unserer Atmosphäre darstellen soll, muss Gore seine Leinwand nach oben erweitern, damit die steile Aufwärtskurve darauf passt – er fährt auf einer Hebebühne nach oben, um den zu erwartenden Wert aus dem Jahr 2050 noch anzeigen zu können. Sehr drastisch zeigen Bilder, wie verschiedene Gletscher 1970 ausgesehen haben, und wie wenig heute noch davon übrig ist. Mir war vor diesem Film nicht bewusst, welche Folgen der Gletscherschwund für die Wasserversorgung zum Beispiel in Asien haben wird, wo Millionen von Menschen ihren Bedarf aus Flüssen decken, die in Himalaya-Gletschern entspringen. Was da auf uns, vor allem aber auf unsere Kinder zukommt, ist schrecklich. Wir dürfen aber– und das ist die positive Botschaft des Films – nicht in Verzweiflung fallen, wie es Menschen oft geht, wenn sie zwar ein Problem erkannt haben, aber keine Kraft finden, etwas dagegen zu tun. Das können wir nämlich – macht Gore Mut – wir haben alle Mittel in der Hand. Wenn wir alle die bekannten Tipps anwenden und nur ein klein wenig CO2-Ausstoß im Straßenverkehr oder bei unserer Heizung einsparen und vielleicht auch noch etwas weniger Strom verbrauchen, können wir die steile Kurve erheblich abflachen.
Der Film hat mir bewusst gemacht, wie sehr alles auf der Welt zusammenspielt, und wie sehr auch ich in diesem Spiel gefragt bin. Und nicht zuletzt fühle ich mich als Christ durch Gore in die Pflicht genommen. Denn im Abspann des Films ist neben vielen konkreten Umweltschutztipps zu lesen: Wenn Sie an die Kraft des Gebetes glauben, dann beten Sie, dass die Menschen zur Einsicht kommen und sich für den Erhalt der Schöpfung einsetzen.
Johannes Varelmann aus Wertheim von der katholischen Kirche.
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Ein Weihnachtsbrief hat mich in diesem Jahr sehr beeindruckt, der von Christine. Christine gehört zu den Kleinen Schwestern vom Evangelium. Diese Ordensgemeinschaft fühlt sich zu den Armen und an den Rand Gedrängten gerufen. Sie leben und arbeiten mit Flüchtlingen und Gefängnisinsassen, mit Indios in den Anden, Pygmäen im Urwald von Kamerun und den Menschen in den Vorstädten von Paris und Mulhouse. Ihr Prinzip ist es, das Leben so gut wie möglich mit den Menschen um sie herum zu teilen. Ein Mitglied des Männerzweiges, ein „kleiner Bruder“, hat das Leben seiner Gemeinschaft mal so beschrieben: „Unser Stadtviertel ist unser Kloster, und die belebten Straßenkreuzungen sind unser Kreuzgang. Unsere Klosterwerkstätten sind die Fabriken, und unsere Gebetszeiten werden von der Stechuhr diktiert. Unsere Fürbitten stehen in der Zeitung. Die Probleme der Nachbarn hören wir als Tischlesung, und ihre Lebensgeschichten sind unsere Bibliothek. Die Gesichter der Menschen sind die Ikonen, die wir verehren, und im leidgezeichneten Antlitz eines jeden und einer jeden schauen wir auf den Gekreuzigten.“(Andreas Knapp)
Das Leben der Kleinen Schwestern ist eine ziemlich extreme christliche Lebensform. Christine sagt selbst, dass es nicht einfach ist, der Rückhalt der Gemeinschaft sei aber eine große Hilfe. Andererseits kommt ihr unser Leben auch nicht so leicht vor, wo viele mehr oder weniger allein ein christliches Leben in der Gesellschaft versuchen.
Ich finde es gut, wenn immer wieder Menschen da sind, die mich durch ihren Lebensstil daran erinnern, nicht alles mitzumachen und hin und wieder gegen den Strom zu schwimmen.
Und es ist beruhigend, wenn diese Menschen sagen, dass es ihnen auch nicht in den Schoß fällt. Christine musste lernen, loszulassen und fühlt sich nun reich beschenkt. Sie schreibt in ihrem Brief: „Man muss arm werden, leer werden, um sich von den Armen empfangen zu lassen, um von ihnen zu lernen, von ihnen beschenkt zu werden, um ihnen irgendwann Schwester auf dem Lebensweg werden zu dürfen.“ Oft dachte sie dabei an die Menschwerdung Gottes: wie er, der reich war, der Gott war, Mensch geworden ist, in einem Stall, in einer einfachen Familie – aus Liebe zu uns Menschen. Und oft betete sie darum, von dieser Liebe immer mehr verwandelt zu werden, um Jesus auf diesem Weg der Menschwerdung zu folgen. Gott ist eben nicht nur in dem kleinen Kind Mensch geworden, das wir vor wenigen Wochen gefeiert haben, wir können ihm überall begegnen.
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Das Mädchen heißt Ashley, ist neun Jahre alt und lebt in den USA. Durch eine unheilbare Krankheit bleibt sie voraussichtlich ihr Leben lang auf dem geistigen Stand eines drei Monate alten Säuglings. Sie kann den Kopf nicht halten, nicht sitzen und nicht sprechen. Auf Zuwendung reagiert sie mit Lächeln oder durch Laute. Pillow-Angel haben US-Medien das bettlägrige Kind getauft, Kissenengel. Asley wird von ihren Eltern gepflegt, und die haben sich, um sie weiterhin möglichst gut selber pflegen zu können, zu weitreichenden medizinischen Maßnahmen entschlossen. Durch Medikamente wurde das Wachstum gestoppt, Brustgewebe und Gebärmutter chirurgisch entfernt, um das Eintreten der Pubertät zu stoppen. Eine 40köpfige Ethikkommission hat zuvor intensiv über die Wünsche der Eltern beraten.
Ashleys Schicksal hat inzwischen eine breite Diskussion ausgelöst. Die einen sprechen von Verstümmelung und Körperverletzung, andere sehen hier eine Möglichkeit, die „Lebensqualität“ des Kindes einigermaßen zu halten, so ein Gutachter. Ich selber bin schlicht entsetzt, was uns Menschen alles einfällt. Denn Ashley wird als Objekt behandelt, zurechtgestutzt und handlich gemacht für die Pflege.
Deutsche Mediziner und Juristen betonen, dass ein solches Vorgehen bei uns nicht erlaubt würde. Aber es darf auch nicht die Mentalität entstehen, die hier zugrunde liegt. Auch guter Wille, auch Opferbereitschaft erlaubt nicht, so weitgehend über einen andern Menschen zu verfügen, der selber dazu nicht befragt werden kann. Eine Politikerin hat von einem gesellschaftspolitisch falschen Signal gesprochen.
Wer pflegt, kommt natürlich immer wieder in die Gefahr, die Selbstbestimmung dessen zu verletzen, den er pflegt. Aus gutem Willen, aus Überanstrengung, aus Ungeduld. Deshalb dürfen wir nicht nur, wir müssen immer wieder fragen, was eine Pflege erleichtern kann. Jedes Pflegebett, jeder Lifter, jedes denkbare Hilfsmittel sollte zur Verfügung stehen, und Pflegende brauchen auch häufig viel mehr Unterstützung und Erholungszeiten – an diesen Punkten besteht Handlungsbedarf. Die Pflegebedürftigen optimieren – das kann nicht der Weg sein.
In der griechischen Mythologie gab es einen Riesen namens Prokrustes. Der ließ Reisende bei sich übernachten. Damit sie in seine Betten passten, ließ er die Großen kürzen und die Kleinen strecken. Soll er unser Vorbild sein? https://www.kirche-im-swr.de/?m=520
„Und Gott wird alle Tränen von ihren Augen abwischen“, so lautet einer der tröstlichsten Sätze der Bibel. Er steht im letzten Buch des Neuen Testaments, der Geheimen Offenbarung des Johannes, sie wird auch Apokalypse genannt. Ein unbekannter Verfasser hat dieses Buch geschrieben, um das Jahr 100 nach Christus. Hintergrund sind wohl schwere Christenverfolgungen unter dem römischen Kaiser Domitian. Domitian verlangte, daß all seine Untertanen ihn als Gott verehrten. Viele, die sich geweigert haben, diesen Kaiserkult zu vollziehen, wurden gefoltert und umgebracht.
„Und Gott wird alle Tränen von ihren Augen abwischen“, Einem andern die Tränen abwischen, das ist eine besonders vertrauensvolle und liebevolle Geste. Gegenüber Kindern und auch unter Erwachsenen. Nah sein, teilnehmen an meinem Schmerz, mein Leid ernst nehmen, bei mir aushalten. So ist Gott, sagt der biblische Autor hier. Und wenn er meine Tränen abwischt, verliert der Schmerz seine Kraft. Ich empfinde diesen Satz heute als sehr persönlich. Damals war es auch ein politischer Satz. Er bedeutete nämlich: Nicht der Kaiser hat das letzte Wort und die größte Macht, sondern Gott. Und Gott nimmt alles wahr, was Ihr jetzt leidet, und er will und kann die geschundenen Menschen trösten.
Ob er auch die Opfer in unsern heutigen Kriegen und Bürgerkriegen trösten wird, auf der ganzen Welt? Die Opfer von Herrschern, Stammesfürsten und Wirtschaftskartellen, die Opfer all derer, die sich um ihrer eigenen Macht willen zum Schicksal anderer machen? Ich finde, dieser Satz aus der Bibel verspricht genau das. Daß Gott im massenhaften Leid das persönliche Leid sieht, die Tränen im Gesicht jedes und jeder einzelnen. Immer wieder versuchen Menschen, sich an die Stelle Gottes zu setzen. Heute nicht mehr, indem sie religiöse Verehrung für sich fordern. Aber indem sie sich zu Herren machen über das Schicksal anderer, über ihre Lebensumstände und auch über ihr Leben überhaupt. Daß die Macht von Menschen über Menschen nicht grenzenlos ist – davon spricht jener unbekannte Verfasser um 100 nach Christus. Und das meint er auch, wenn er sagt: „ Gott wird alle Tränen von ihren Augen abwischen.“

https://www.kirche-im-swr.de/?m=504
„Dein Glaube hat dir geholfen“, „dein Glaube hat dich geheilt“, „dein Glaube hat dich gerettet“, in diesen und ähnlichen Worten spricht Jesus in den Evangelien zu Menschen, die sich an ihn wenden und seine Hilfe erbitten. Er selbst ist nicht selten beeindruckt von der Kraft des Glaubens derer, die von ihm Heilung erbitten.
Was meint ‚glauben’ in diesem Zusammenhang, was ist das für ein Glaube, der hilft, heilt, rettet? Er kommt nicht von außen. Er lebt in Menschen, und Jesus erkennt ihn in denen, die sich an ihn wenden, als Lebenswille und als Lebenskraft, als Vertrauen in die Zukunft. Beim Wort Glauben sollten wir nicht in erster Linie an die Sätze denken, die wir im Credo als Glaubensbekenntnis aufsagen, sondern an ein ganz elementares Glauben, an einen Vertrauensakt, den wir – ohne es zu merken – jeden Tag von neuem setzen, wenn wir aufstehen, um zu leben.
Wir tun das, weil wir darauf vertrauen, dass es sich lohnt zu leben. Wir versprechen uns etwas von diesem Tag, erhoffen uns etwas von unserem Leben an diesem Tag.
Wir wissen nicht im Voraus, ob der Tag sein Versprechen hält. Wir geben ihm also einen Vorschuss und verlassen uns darauf, dass er sich auszahlt. Dieses Vertrauen, mit dem wir jeden Tag von Neuem beginnen, ist so grundlegend, dass es uns meistens so wenig bewusst ist wie die Luft, die wir atmen. Im Verkehr vertrauen wir darauf, dass die anderen sich wie wir selbst an die Regeln halten. Unsere Beziehungen leben von dem Vertrauen, das wir investieren – und sie sterben ab in dem Maß, in dem das Vertrauen schwindet. Sogar große Unternehmen und die wirtschaftliche Stärke einer ganzen Gesellschaft hängen von dem in ihnen herrschenden Vertrauen ab. In seiner elementaren Form ist der Glaube das Vertrauen, dass es gut ist zu leben. Glauben ist so elementar, dass man sagen kann: ohne Glauben gibt es kein Leben.
Jesu Beispiel in den Evangelien macht deutlich, dass Leben - in Glaube und Vertrauen - wie eine Bewegung nach vorn ist zu mehr Leben: wenn gebeugte Menschen, sich aufrichten, wenn Menschen, die ihr Unglück stumm und blind gemacht hat, wieder sprechen und sehen, wenn innerlich gefangene und gelähmte Menschen sich staunend wieder bewegen. Bei solchen Übergängen verhilft Jesus Menschen zu mehr Leben – indem er die Kraft dazu im Innern der Menschen selber erkennt: „Dein Glaube hat dir geholfen.“

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Toleranz – übersetzt ist das Wort schnell, denn es kommt vom lateinischen tolerare, und das heißt dulden, ertragen. Aber bei der Bewertung scheiden sich die Geister. Vor allem, wenn es um Toleranz in religiösen und ethischen Fragen geht. Hier kommt schließlich das Problem ins Spiel: Was ist wahr? Was ist richtig? Muß ich auch das tolerieren, was ich für falsch halte? Bei dem Münchener Moraltheologen Konrad Hilpert habe ich einen einprägsamen Satz gefunden: Keine Toleranz für Intoleranz. Wer selber die Würde von Menschen missachtet, hat keinen Anspruch, damit geduldet zu werden, geschweige denn respektiert. Hier stößt Toleranz an ihre Grenze. Denn hier würde sie zum Handlanger von Intoleranz.
Was ist aber, wenn tatsächlich Toleranz und Wahrheit in Spannung zueinander stehen? Was ist z.B. mit Toleranz innerhalb der Kirche? Verschiedene theologische und ethische Positionen führen ja auch hier zu Konflikten. Muß man sie vermeiden? Das hätte in jedem Fall einen hohen Preis: Denn: entweder die kirchlichen Autoritäten verurteilen alles Abweichende als falsch bzw. schlecht – das geht zu Lasten der Gewissensfreiheit. Oder man verzichtet überhaupt darauf, Denken und Tun zu bewerten. Anything goes. Alles geht irgendwie. Aber damit würde die Kirche nicht mehr Position beziehen. Und nicht mehr sagen, was sie im Blick auf Jesus und die Bibel für wahr und richtig hält, und was für falsch und schlecht. Und damit würde sie einen Teil ihrer selbst aufgeben.
Wer im Bereich des Glaubens nach Gemeinsamkeit strebt, muss deshalb einen anderen Weg einschlagen. Einen Weg nämlich, der das Gewissen der Einzelnen respektiert und doch an der Frage nach dem Wahren und Richtigen festhält Auch in der Kirche zielt Toleranz nicht auf Harmonie um jeden Preis. Und ihr Ziel ist erst recht nicht, Vielfalt zu unterdrücken. Es gehört zur Toleranz, Gegensätze auszuhalten und Konflikte zu riskieren. Mit Spannungen leben gehört dazu und mit ungelösten Fragen. Und immer wieder nach vertretbaren Lösungen suchen und einmal gefundene Standpunkte neu und besser formulieren. So wird Toleranz eine Zumutung, die weiterbringt. Letztendlich ist sie eine Form des Glaubens an den Heiligen Geist. Daran, dass Glaube etwas Lebendiges ist. In der Kirche und über sie hinaus.
https://www.kirche-im-swr.de/?m=503
„Hirten, die keine Hirten sind, die für sich selber sorgen, nicht für die Schafe“ (Lektionar zum Stundenbuch, I/8, 169), darüber klagen schon die Propheten Israels. „Hirte“ ist einer der ältesten Berufe, die es auf der Erde gibt. „Hirten“ sind nicht nur Tierhüter, sondern Menschen, die Verantwortung haben im Zusammenleben, gleich an welchem Ort und in welcher Zeit, in Familien, Schulen, in Heilberufen, in Vereinen, Firmen, Behörden, in den Medien, im kulturellen, im kirchlichen Leben, in politischen Parteien und staatlichen Organen. Wenn sie vor allem für sich selber sorgen, dann zerstören sie das, was sie aufbauen sollten, sie tragen Verantwortung dafür, wenn Menschen ihre Hoffnungen begraben, ihre Lebenskraft verlieren, krank werden oder blind mit Hass und Gewalt reagieren.
Im Evangelium spricht auch Jesus von Hirten, die keine sind. Dabei greift er auf Worte des Propheten Ezechiel zurück und wird konkret. „Wehe euch. … Das Schwache habt ihr nicht gestärkt, das Kranke nicht geheilt, das Verletzte nicht verbunden, das Verirrte nicht gesucht.“ Und er nimmt die Verheißung des Propheten Ezechiel auf, die lautet: ‚Gott wird seinem Volk gute Hirten erwecken’. Guter Hirte sein, das versteht Jesus als Auftrag an sich selbst - und diesen Auftrag gibt er an alle weiter, nicht nur an einige wenige in besonderen Stellungen. Niemand soll darauf warten, dass etwas von oben geschieht. Vielmehr sollen alle erkennen, wozu sie selbst in der Lage sind, um anderen aufzuhelfen. Uns alle stellt Jesus von Nazareth vor diese Herausforderung: Wir können das Unsere dazu beitragen, dass Stumme reden dürfen, Blinde sehen können, Lahme wieder gehen und Fremde und Andersgläubige unter uns leben können.
Aber wie sollten wir dazu in der Lage sein? Wenn wir den einen beizustehen versuchen, haben wir keine Zeit, keine Aufmerksamkeit für andere! Manchmal erinnern wir uns an ein Gesicht, eine Bitte, einen sehr einsamen Menschen, Kinder, die uns brauchen –und traurig erkennen wir die Armut unserer Herzen. Die Last der Menschen – unsere eigene Last – ist zu groß: Wir kommen unserer Berufung nicht nach, Hirten zu sein füreinander! Da dürfen wir um Hilfe bitten. Eine solche Bitte habe ich bei Antoine de Saint Exupéry gefunden. In Erinnerung an die Geschichte vom heiligen Martin, der seinen Mantel mit einem Bettler teilte, betet er: „Herr, mein Mantel ist zu kurz. Ich befriedige die Bedürfnisse der einen und benachteilige dabei die anderen. Leih mir ein Stück von deinem Mantel, damit ich die Menschen mit der Last ihrer großen Sehnsucht darunter berge“. (Albert Höntges, Leih mir von deinem Mantel, in Christ in der Gegenwart, 53(2001), 137)

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Thema Todesstrafe. Was lässt sich von einer biblisch begründeten Ethik her sagen? Ist es erlaubt, kann es geboten sein, einen zweifelsfrei überführten Schwerverbrecher mit dem Tod zu bestrafen?
Zuallererst fällt einem natürlich das 5. Gebot ein: Du sollst nicht töten. Hier liegt ein gewichtiges Argument gegen die Todesstrafe, allerdings keines, das die Diskussion beenden und alle Fragen beantworten würde. Denn es wird z.B. nicht gesagt, wen wir nicht töten dürfen. Keine Menschen, keine Tiere, oder überhaupt nichts Lebendiges? Das bleibt an dieser Stelle offen.
Weiter fällt auf, daß die Bibel hier für „töten“ ein spezielles Wort benutzt, das Wort rasah. Es erstreckt sich nur auf eine bestimmte Art des Tötens, die wir im Deutschen am ehesten mit ‚morden’ wiedergeben können. (vgl. E. Schockenhoff, Ethik des Lebens. Mainz 1993, 125). Für das Vollstrecken der Todesstrafe hat das Alte Testament einen anderen Begriff.
Die Bibel erzählt auch mehrfach vom Umgang mit Mördern, und das sehr unterschiedlich. In Kapitel 9 des Buches Genesis sagt Gott: „Wer Menschenblut vergießt, dessen Blut wird durch Menschen vergossen. Denn: als Abbild Gottes hat er den Menschen gemacht.“ (5b f) Hier wird das Leben des Täters zum Preis für das Leben des Getöteten, mit einer ganz eigenen Begründung: Gott hat den Getöteten geschaffen und ihm seine, Gottes, eigene Züge aufgeprägt. Einen Menschen töten heißt also: Gott angreifen.
Ganz anders liest sich im selben Buch der Bibel die Geschichte des Kain, der seinen Bruder Abel erschlagen hat. Gott zieht den Mörder zur Rechenschaft, bestraft ihn aber nicht mit dem Tode, sondern macht ihm sogar zum besonderen Schutz ein Zeichen auf die Stirn.
Es ist also nicht möglich, die Bibel als Kronzeugin zu nehmen für die eine oder die andere Position zur Todesstrafe.
Christen denken bei diesem Thema natürlich auch an Jesus von Nazareth, der kein Verbrecher war, sondern unschuldig Opfer der Todesstrafe wurde. Geistlicher Arm, weltlicher Arm und Volksmeinung waren daran beteiligt, ihn zu verurteilen und hinzurichten. Sein Schicksal wie das vieler Unschuldiger vor und nach ihm ist eine Mahnung: welch ein Instrument nehmen fehlbare und versuchbare Menschen in die Hand, wenn sie die Möglichkeit zur Todesstrafe ergreifen.
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Beten können, beten lernen, das wünschen sich viele, auch wenn sie es so nicht sagen würden: In glücklichen und leidvollen Augenblicken aus dem Herzen heraus loben, klagen, danken, bitten. Der Freude Ausdruck geben, dem Schmerz, der Sehnsucht - im Bewusstsein, nicht ins Leere zu rufen und gehört zu werden.
Beten kann man lernen, zum Beispiel an Hand der Psalmen. Diesen Rat befolgen täglich Ordensleute und viele andere Frauen und Männer in aller Welt. Herzstück ihrer täglichen Gebete und Gesänge sind die Psalmen der Bibel. Einige dieser Psalmen lassen erkennen, wie ein Gebet sein kann, das die Hoffnung stärkt –
zum Beispiel der Psalm 43.
In einer schwierigen, ausweglosen Lage, erinnert sich hier jemand zunächst an die Geschichten seines Volkes. Geschichten von Menschen in früheren Zeiten, die trotz großer Widrigkeiten ihre Hoffnung nicht aufgaben, ihre Würde nicht verloren, ihre Freiheit bewahrten. „Unsere Vorfahren haben es erzählt“ - so beginnt dieser Psalm - „was du, Gott, getan hast in ihren Tagen, in den Tagen der Vorzeit, du mit deiner Hand. ... Nicht ihr Arm schaffte ihnen den Sieg, sondern deine Rechte und dein Arm und das Licht deines Angesichts, - weil du sie liebtest.“
Auf dem Hintergrund dieser Erfahrungen schaut der betende Mensch dann auf sich selbst und auf das, was ihn bedrückt: ‚Heute ist alles anders geworden’ – so sein Empfinden. ‚Wir sind am Ende und wir haben keine Kraft mehr, wir stehen da mit leeren Händen und können nicht mehr. Unbedeutend sind wir, wertlos. Andere schauen an uns vorbei, machen sich über uns lustig und schütteln nur noch den Kopf.’
Was dieser Mensch im Augenblick empfindet und worunter er leidet, das bringt er mit den Geschichten seines Volkes zusammen. Und so gelangt er zu einer zunächst zaghaften, dann aber inständigen Bitte an Gott: ‚Wir haben deinen Namen nicht vergessen. Du kennst doch die Abgründe unserer Herzen. Wach auf! Steh auf! Du schläfst doch nicht! Du wendest dich nicht von uns ab! Du vergisst nicht unser Unheil, das Elend, in das wir geraten sind. Komm uns zu Hilfe, errette uns – um deiner Liebe willen.’
https://www.kirche-im-swr.de/?m=2801