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SWR2 Wort zum Tag

Warum lesen so viele Menschen so viele Bücher? Die Frage klingt naiv und überflüssig. Weil sie etwas wissen wollen, mehr als sie bisher wussten. Viele lesen von Berufs wegen, Fachliteratur, die sie auf den neuesten Stand des Wissens bringt. Andere lesen in der Freizeit. Sie suchen Anregungen und Unterhaltung, sie wollen auf andere, auf neue Gedanken kommen.
Überrascht hat mich, was eine Frau darüber sagt, die von Berufs wegen Bücher liest, um sie kritisch zu beurteilen. Menschen lesen, so ihre Meinung, weil sie geliebt sein möchten und weil sie selber lieben wollen. „Als ungeteilte Aufmerksamkeit für einen Anderen – so ihre Beobachtung - haben Lesen und Liebe vieles gemeinsam... Ich lese, um berührt zu werden... Was da zwischen einem Buch und seinem Leser, seiner Leserin, passiert, lässt sich nicht planen und nicht vorhersagen. Alles ist möglich. Der göttliche Funke, der alle Literatur beseelt, kann überspringen und die Banalität unserer Existenz aufheben, und sei es nur für kurze Zeit....“ (Felicitas von Lovenberg, FAZ, 8.4.2006, S. 35)
Auf diesem Hintergrund lässt sich tatsächlich besser verstehen, warum so viele Menschen gerne und häufig die Bibel in die Hand nehmen und ihre Texte lesen. Natürlich wollen sie dabei etwas erfahren, was sie noch nicht kennen, sie wollen wissen, was sich in den Zeiten Israels und später zur Zeit Jesu und der frühen Kirche ereignet hat, wie der Glaube von Juden und Christen entstanden ist, sich entwickelt und verändert hat; es interessiert sie, welche Inhalte dieser Glaube hat und wie er in unterschiedlichen Epochen der Geschichte gedeutet wurde – und wie er so auch in der heutigen Zeit besser verstanden werden kann. Das allein aber erklärt nicht die Liebe so vieler zur Bibel, die erstaunliche Faszination und Anziehungskraft, die dieses Buch bis heute auf die unterschiedlichsten Menschen ausübt. ‚Ich lese, um berührt zu werden’, so die Literaturwissenschaftlerin. Was zwischen der Bibel und dem Leser, der Leserin passiert, lässt sich also nicht planen, nicht vorhersagen... Der göttliche Funke, der alle Literatur beseelt, kann überspringen. Er kann die Banalität unserer Existenz aufheben, und sei es nur für kurze Zeit.’ Lesen, um berührt zu werden? Lese ich die Bibel, weil ich lieben, weil ich geliebt werden möchte? Ein neuer – aber ein schöner, und keineswegs abwegiger Gedanke! Denn der Grundton der biblischen Schriften ist Gottes Liebe, die allen Menschen gilt, bedingungslos. Sie kann nicht verdient werden und sie kann nicht verloren gehen. Menschen, die die Bibel lesen, vergewissern sich dieser Liebe, immer neu, in den verschiedenen Zeiten und Situationen ihres Lebens. https://www.kirche-im-swr.de/?m=4