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SWR2 Wort zum Tag

22OKT2021
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Wer oder was ist Gott? Für manche ist er die Antwort auf alle Fragen. In der Bibel wird er geheimnisvoll „das Wort“ genannt. Aber vielleicht ist er für viele auch eine große Frage. Antwort. Wort. Frage. Der Schweizer Pfarrer Kurt Marti hat diese drei Möglichkeiten benannt, und ich kann sie selbst sehr gut nachvollziehen:

Als Jugendliche war ich davon überzeugt, dass Gott die Antwort auf alle großen und kleinen Probleme des Lebens ist. Dann kam die Zeit, in der ich als Studentin die Bibel erforscht habe. Alte Sprachen gelernt. Texte Wort für Wort durchbuchstabiert. Und schließlich habe ich mich als Pfarrerin mit vielen Menschen und ihren ganz unterschiedlichen Erfahrungen in viele Suchbewegungen begeben. Vergleichbar hat Marti das im folgenden Gedicht beschrieben:

„Gott, so denkt man oft, so verkünden Eiferer lauthals, sei Antwort. Spröder sagt die Bibel, dass er Wort sei. Und wer weiß, vielleicht ist er meistens Frage: die Frage, die niemand sonst stellt.“
Einer, der die Frage nach Gott immer wieder gestellt hat, ist der Theologe Eberhard Jüngel. Bei ihm habe ich in Tübingen studiert. Nun ist er vor kurzem gestorben.

Die Antwort, die er auf die Gottesfrage gegeben hat, steht im Titel seines bekanntesten Werkes. Das heißt „Gott als Geheimnis der Welt.“ Und warum das eine Antwort ist, aber eine, die die Frage nach Gott niemals überflüssig macht, erklärt er so: „Das Geheimnis wird oft mit einem Rätsel verwechselt. Wenn ich das Rätsel gelöst habe, dann hat es seine Rätselhaftigkeit verloren. Je mehr ich aber von einem Geheimnis verstehe, desto geheimnisvoller wird es. Das gilt erst recht für Gott. Er ist ein öffentliches Geheimnis, das man ergreifen soll, vielmehr: von dem man sich ergreifen lassen sollte.“

Dieser Gedanke gefällt mir. Denn er lässt zu, dass in meinem Leben tatsächlich viele Fragen offenbleiben. Manche tun richtig weh. An diesem Schmerz muss ich aber nicht verzweifeln. Ich darf mich aufgehoben wissen „in einer Liebe, die alles umfängt“. Das könnte dann so klingen:

„Gott, so denkt man oft, so verkünden Eiferer lauthals, sei Antwort.
Spröder sagt die Bibel, dass er Wort sei.
Und wer weiß, vielleicht ist er ein großes Geheimnis,
das Geheimnis, in dem ich lebe, webe und bin.“

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21OKT2021
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Zurzeit verbringe ich viel Zeit auf der Autobahn. Seit viele Leute aus dem Homeoffice zurück auf den Straßen sind, ist der Verkehr wieder dichter. Meistens kalkuliere ich genug Zeit ein, um auch mit Verzögerungen noch rechtzeitig anzukommen. Trotzdem stecke ich oft im Stau und gerate in Stress. Manchmal folge ich dann der Stimme meines Navis und lasse mich auf abenteuerlichen Umwegen durch die 30er-Zonen der umliegenden Ortschaften leiten. Zur Entspannung trägt das allerdings nur selten bei, denn die Frage, ob sich der Umweg wohl lohnt, zerrt auch gewaltig am Nervenkostüm. Neulich habe ich deshalb etwas Verrücktes gemacht. Ich habe angehalten. Und zwar an einer Autobahnkirche. An dem Schild mit der weißen Kirche auf blauem Grund bin ich schon oft vorbeigefahren. An diesem Tag bin ich ihm spontan gefolgt. Runter von der Autobahn. Runter vom Gas. Raus aus dem Auto.

Die Architektur der Kirche hat mich sofort in ihren Bann geschlagen. Sie sieht ein bisschen aus wie ein großes Zelt. Oder wie eine kleine Pyramide. Vier Obelisken verstärken den orientalischen Eindruck. Im Innern hat mich dann eine große Stille empfangen. Und erst in diesem Moment ist mir bewusst geworden, wie laut der Verkehr draußen ständig brummt. Außer mir war niemand da. So viel Platz nur für mich. Ich habe mich auf eine Bank gesetzt und gemerkt, wie sich mein Atem langsam der Umgebung angepasst und entschleunigt hat. Dann habe ich in dem Buch geblättert, in dem für jeden Tag die Namen der Verkehrstoten festgehalten sind, die in der Nähe verunglückt sind. Die Seite mit dem aktuellen Datum war leer. Da habe ich ein kurzes Dankgebet in den Himmel geschickt. 

45 Autobahnkirchen gibt es in Deutschland. Keine ist mehr als einen Kilometer von einer Ausfahrt entfernt. Alte Dorfkirchen haben eine neue Bestimmung gefunden und sind jetzt ein Rastplatz für die Seele. Und es gibt viele Neubauten, kühne Architekturgebilde, die keiner breiten Mehrheit gefallen müssen, sondern ganz der Idee verpflichtet sind, Menschen unterwegs für einen Augenblick zu beherbergen.

Wie lange meine Pause an der A 5 schließlich gedauert hat, kann ich nicht sagen. Wieder zurück im Verkehr, hatte sich der Stau leider noch nicht aufgelöst. Aber ich selbst war ruhiger. Geduldiger. Dankbarer. Und bin wohl behalten zuhause angekommen.  

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20OKT2021
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Wie ist das – eine Beerdigung ganz ohne Angehörige? Wenn sich keine Familienangehörigen melden, oder ausfindig gemacht werden können. Oder Verwandte ausdrücklich erklären: „Von uns kommt niemand.“ Ich komme gelegentlich in so eine Situation. Dann stehe ich allein mit einem Friedhofsangestellten am Grab. Oder zu dritt – wenn noch ein von der Gemeinde bestimmter Bestatter dazu kommt?

Wenn andere davon erfahren haben, werde ich als Pfarrer oft bemitleidet: „Das ist ja schrecklich für Sie!“ Ist es aber nicht. Nein, es sind oft sehr intensive Abschiede, die mir selber Trost geben. Allein, zu zweit oder zu dritt am Grab - wir haben dann – so gut es geht – das Leben des Verstorbenen bruchstückhaft vergegenwärtigt – ein Vaterunser gesprochen. Und einen Segen. In der Hoffnung, dass Gott dem Tod nicht das letzte Wort lässt.

Manchmal kommen unerwartet Trauernde. Weil sie es irgendwie - ohne jede öffentliche Ankündigung - mündlich mitbekommen haben. Und das passiert häufiger als man denkt.

Mich beeindruckt, wenn der Freund aus Jugendtagen oder die ehemalige Nachbarin dann am Grab offen und ehrlich davon erzählen, wie sehr sie das Leben der Verstorbenen berührt hat – wo es Spuren in ihrem Leben hinterlassen hat – wo es ein Licht für sie war – wo es schwer war – wo noch Schmerzen da sind und was sie jetzt bitter vermissen.

Das können ganz alltägliche Dinge sein:
wie sie zusammen gesungen haben, wie sie sich beim Motorradreparieren geholfen haben – oder wie sehr die Unterstützung beim Einkaufen geholfen hat.

In all dem Miterlebten leuchtet ein Segen auf, den Gott in dieses Leben gelegt hat. SEIN Segen in den noch so verschlungenen und geknickten Lebensläufen.
Ein Wort aus der Bibel tröstet mich dann besonders. Es steht im Buch Jesaja und heißt: „Das geknickte Rohr wird Gott nicht zerbrechen und den glimmenden Docht wird Gott nicht auslöschen. (Jesaja 42,2)

Genau dafür haben die Weggefährten, die Freundinnen und Freunde, die zum Grab kommen, einen Draht. Sie achten das verletzte und geknickte Leben. Auf diese Weise werden sie zu echten Brüdern und Schwestern. Wo Familien zerbrochen sind, kann für den Moment des Abschieds so etwas wie eine neue Lebensgemeinschaft entstehen - eine neue Familienbande aufleuchten.

Wenn ich das miterlebe – stärkt das mein Gottvertrauen. Wo Menschen da sind, getragen von dem Vertrauen, - „wir alle sind in Gottes Händen geborgen“, - ist keiner allein und vergessen.

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19OKT2021
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Was bringt die Zukunft? Ich meine nicht für mich – sondern für Andere. Für Kinder und Kindeskinder. Für die Generationen nach uns. Das bewegt viele. Eltern, Erzieher, Lehrerinnen.

Bei Taufen spüre ich das intensiv. Ich sehe in frohe und glückliche Gesichter. Eltern und Großeltern strahlen, jung und alt. Wie schön, dass Kinder da sind. Und doch stehen da immer auch zugleich nachdenkliche Fragen im Raum. Wie das einmal sein wird, wenn diese Kleinen erwachsen sind? Wie das alles weitergeht mit der Umwelt und der Gesundheit und der Ernährung?

Das oberste Gericht in unserem Land, das Bundesverfassungsgericht, hat in diesem Zusammenhang Ende April (29.4.) eine bemerkenswerte Entscheidung getroffen:
Die Regierung muss das verabschiedete Klimaschutzgesetz nachbessern, damit Lasten nicht späteren Generationen aufgebürdet werden. Die derzeitigen Pläne reichen nicht aus. Es muss entschlossener gehandelt werden. Jetzt.

Freilich: Die meisten unserer Gesetze sollen Jung und Alt eine gute Zukunft eröffnen. Und doch ist diese Entscheidung in der Rechtsgeschichte unseres Landes eine Neuheit. Das Urteil mahnt an, Verantwortung für die noch Kommenden zu übernehmen, Fürsorge für die nach uns.

Und zwar nicht nur mit einem moralischen Apell. Sondern: Hier und heute soll per Gesetz politisches Handeln die Bedrohung der Lebensgrundlagen durch die Erderwärmung eindämmen.

Das erfordert gemeinsame Anstrengungen, der Alten und der Jungen. Doch immer wieder höre ich auch, wie Ältere verdächtigt werden: „Die verschwenden Rohstoffe und verpesten die Luft. Die machen damit skrupellos weiter, weil es die ja nichts mehr angeht.“ Mich ärgert das. Denn solche Polemik ermutigt nicht zu einem gemeinsamen Aufbruch.

Vom Geist Gottes bewegt, etwas gemeinsam für die Erhaltung der Schöpfung bewegen, über Generationen hinweg – darum geht es. Und jede Generation kann ihren Beitrag leisten. Dazu motoviert eine Verheißung aus dem Propheten Joel. Da heißt es: Vom Geist Gottes erfüllt „sollen eure Söhne und Töchter weissagen, eure Jünglinge sollen Visionen haben und eure Alten sollen Träume haben.“ (Joel Apg 2,17)  So kann ein produktives Miteinander der Generationen entstehen.

Die visionären Jungen und die Träume der Alten. Doppelte Energie. Ein gutes Klima zwischen den Generationen sorgt auch für einen besseren Klimaschutz.

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18OKT2021
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Mein erster Weg geht morgens zum Briefkasten. Ich hole die Zeitung heraus und lese die Schlagzeilen - und noch vor dem Frühstück einzelne Artikel. Das ist bei mir wie ein Ritual – schon seit vielen Jahren.

Ich kenne Menschen, die diesen Blick in die Welt der Nachrichten am Morgen bewusst rauszögern. Sie sagen mir: „Das regt mich zu sehr auf. Das beunruhigt und betrübt mich. Das schafft in mir eine miese Stimmung - erzeugt manchmal auch Bitterkeit.“

Kritischer Journalismus sorgt für eine kritische Berichterstattung. Gut so, recht so. Es geht darum, Missstände, Kritik und Krisen zu benennen. Verbrechen sollen nicht verheimlicht werden, Katastrophen müssen erwähnt werden. Auch wegen der Empathie mit Betroffenen. Die Frage ist nur: Wann soll mich das erreichen? Soll das meinen Tag eröffnen? Soll das ganz am Anfang stehen? In einem Morgenlied von Christian Fürchtegott Gellert heißt es:
„Mein erst Gefühl sei Preis und Dank – erheb IHN meine Seele!“ (EG Nr. 451)
Gellert beginnt seinen Tag mit dieser Haltung:
„Lob und Dank dem Ewigen, dass ich wieder im Leben dabei sein darf.“

Das ist sein Fundament. Und von da aus bekommen alle anderen Eindrücke und Gefühle ein anderes Gewicht und Gesicht – einen anderen Rahmen. Auf den Spuren dieses Liedes will ich meinen Tagesbeginn umgestalten und den Nachrichten etwas vorschalten.

Zum Beispiel Worte aus Psalm 36:
„HERR, deine Güte reicht so weit der Himmel ist
und deine Wahrheit so weit die Wolken gehen.
In dir ist die Quelle des Lebens – und in deinem Lichte sehen wir das Licht.“

Wenn ich diese Worte bete, spüre ich: Das weitet meine Seele und bereitet mich vor für alles, was kommt. Mit dem Glanz Gottes will ich in den Tag gehen. Und dann erst die Zeitungslektüre und beunruhigende Nachrichten auf mich wirken lassen.
Es geht ja nicht darum, das Dunkle zu beschönigen oder zu verdrängen. Aber dabei nicht zu verharren oder zu verbittern. Das will auch der nicht, der mir Leben schenkt. Gott will vielmehr, dass sein Licht in meinem Leben leuchtet und nicht verlischt.

Ich denke dabei auch an Worte von Wolf Biermann, in denen er das einmal so ausgedrückt hat: „Du lass dich nicht verbittern – in dieser bittren Zeit...“ – „wir brauchen ... grad Deine Heiterkeit.“

Sich nicht verbittern lassen! Den Tag nicht mit Bitterkeiten beginnen – und übrigens: auch nicht damit beschließen. Ein Schriftstellerfreund rät mir: „Lies gute Literatur vorm Einschlafen!“ Die Zeitung ist dann Morgen wieder dran. Nach Lob und Dank.

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