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SWR2 Wort zum Tag

02MRZ2021
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„Der Glaube schützt die Vernunft, da er fragende und forschende Menschen braucht. [...] Er zerstört die Vernunft nicht, sondern bewahrt sie und bleibt sich dadurch selbst treu.” So sagte einst Papst Benedikt XVI., als er sein Lehrschreiben „Fides et Ratio“ vorstellte. Ihn beschäftigte zeitlebens die Frage, wie vernünftige Menschen glauben können und wie gläubige Menschen vernünftig sein können.

Letzteres treibt mich in diesen Tagen immer wieder um, wenn es um den Kampf gegen das Coronavirus geht und um Impfungen und Masken und andere Gegenmaßnahmen. Immer wieder stelle ich fest, dass religiöse Menschen mitunter eher Teil des Problems sind, als Teil der Lösung. Immer wieder gibt es Nachrichten von religiösen Gruppierungen, die sich bei Gottesdiensten nicht um Abstand und die Gefahr, sich anzustecken kümmern. Sie gehen davon aus, dass die Kraft des Heiligen Geistes bestimmt, ob jemand krank wird und nicht das Verhalten von Menschen. Oder ich begegne Anhängern esoterischer Religion, die ebenfalls glauben, dass es nicht an konkreten Maßnahmen liegt, ob wir uns mit einem Virus anstecken. Für sie gibt es vielmehr mystische Vorstellungen, wie Immunsysteme durch verschiedene Energien gestärkt werden – dadurch kommt man weit weg von dem, was Virologen und andere Wissenschaftler erforschen. Im Judentum sind es ultraorthodoxe Gläubige, die sich komplett gegen Corona-Hygienemaßnahmen stellen und in der katholischen Kirche glauben ein paar ultra-konservative Kardinäle, die Corona-Pandemie solle genutzt werden, um eine Weltregierung zu schaffen, die sich angeblich „jeder Kontrolle entzieht".

Ich bin überzeugt davon: Ohne einen Bezug zur Vernunft, wird Glaube und Religion zum Fundamentalismus. In einer schwarz-weiß gezeichneten, vereinfachten Welt, in einer eigenen Realität, die sich nicht um Wissenschaft schert, gedeiht kein Glaube, der rational verantwortet werden kann.

Und ein weiterer Punkt, der mir momentan in der Impf-Diskussion wichtig ist: Es kann und darf bei religiösen Gefühlen und Überzeugungen nicht darum gehen, sich im eigenen Glauben von der Welt abzuschotten. Eine gläubige Haltung ist nur dann für Menschen dienlich, wenn sie auch eine solidarische Haltung ist. Sonst werden Glaube und Religion egoistisch und rein ideologisch. Wenn religiöse Menschen darüber nachdenken, was der Gemeinschaft helfen kann die Pandemie zu überwinden, können sie eine andere Haltung zu Corona-Impfungen entwickeln, als wenn Sie nur auf dem beharren, wovon sie selbst so fest überzeugt sind.

https://www.kirche-im-swr.de/?m=32684
01MRZ2021
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„Und muss ich auch wandern in finsterer Schlucht, / ich fürchte kein Unheil; denn du bist bei mir, / dein Stock und dein Stab geben mir Zuversicht.“ Das sind Worte aus dem berühmten Psalm 23 – Durchhalteparolen aus der Bibel sozusagen.

Ich habe gerade Durchhalteparolen nötig, denn ich kann nicht mehr. Ich gehe, was den Lockdown betrifft, wirklich auf dem Zahnfleisch. Wie soll man das nur aushalten so lange und ohne zu wissen, wie lange es noch so weitergeht? So vieles fehlt mir vom „normalen“ Leben und Zusammenleben und dabei bin ich mit meiner Arbeit noch gesegnet, weil ich Sie weitgehend normal weitermachen kann. Ich habe nur eine vage Vorstellung, wie es sein muss als Selbständiger, Kneipenwirt, Künstler … Und die ganzen Probleme der Schülerinnen und Schüler, die so lange ohne die sozialen Kontakte ihrer Klasse sein müssen … Meine Tochter ist Erstsemester an der Uni und hockt seit Monaten in der Bude, alleine mit ihrem Computer. Sie leidet sehr darunter und mit ihr unzählige andere Studienanfänger und Studentinnen.

„Und muss ich auch wandern in finsterer Schlucht, / ich fürchte kein Unheil; denn du bist bei mir“ An dieser Stelle kann sich der Glaube derjenigen bewähren, die ihn haben. Glaube, Bibel, Kirche, wann soll sich das als beständig und hilfreich erweisen, wenn nicht in einer solchen Situation? „Resilienz“, so heißt das Schlagwort, was die Psychologen benutzen, um zu beschreiben, dass Menschen fähig sind, durch Krisen heil hindurchzukommen und dem Verzweifeln zu widerstehen. Und viele Studien haben gezeigt, dass es gläubigen Menschen leichter fällt, auf eine gute Zukunft zu vertrauen. Glaube, Vertrauen und Hoffnung sind sogenannten „Ressourcen“. Dann hätte Glaube also doch einen ganz praktischen und leicht verständlichen Sinn in einer Zeit, in der psychische Probleme überhandnehmen und Psychiater und Therapeuten sich vor einem riesigen Berg voller Aufgaben sehen. Hier sehe ich den Auftrag der Kirche in dieser Krise: Menschen stark und widerstandsfähig zu machen – das Gegenteil von abhängig und klein.

Der ZDF-Chefredakteur Peter Frey hat kürzlich kritisiert, dass die Kirche deshalb wenig Halt in der Corona-Krise bieten könne, weil sie sich selbst in einer Zeit größter Verunsicherung befinde, vor allem angesichts des Umgangs mit Missbrauchsfällen und hoher Kirchenaustrittszahlen. Da hat er sicher Recht, aber es ist dennoch lohnenswert, andere durch den Glauben stark zu machen und ihnen von dem Gott zu erzählen, der stützt und Mut gibt. Diese Botschaft hat einen wertvollen Platz im Leben vieler Menschen.

„Dein Stock und dein Stab geben mir Zuversicht.“ Ich kann mir momentan wenig vorstellen, was ich mehr brauchen würde als Glaube und Halt. Ich brauche die Hoffnung auf ein besseres morgen, in dem wir das Leben wieder gemeinsam feiern können, einander begegnen können ohne Angst vor Ansteckung und vor zu viel Nähe.

https://www.kirche-im-swr.de/?m=32683