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Anstöße SWR1 RP / Morgengruß SWR4 RP

07AUG2021
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Zwischen Menschen gelten Umgangsformen. Zu denen gehört die Einhaltung des Respektabstandes. Das machen wir in der Regel ganz von selbst, ohne dass wir dieses Wort benutzen. Der Duden erklärt das Wort so: Der Respektabstand ist ein „aus Rücksichtnahme frei gelassener Zwischenraum“. Ich lasse also nicht jeden ganz dicht an mich heran. Das galt auch schon vor den Abstandsregeln in der Pandemie. Dabei hat Abstand und Respekt nicht immer nur mit Höflichkeit zu tun, sondern auch damit, das Gegenüber nicht einzuengen. Hat jemand vielleicht etwas so Schreckliches durchgemacht, dass ich es bestenfalls ein wenig erahne? Dann werde ich mich hüten, der Person auf die Pelle zu rücken. Ich werde mich hüten vor zu vielen Worten und mich mit Erklärungen zurückhalten.

Den Menschen im Norden von Rheinland-Pfalz ist großes Unglück widerfahren. Die Pegelstände an der Ahr waren nicht mehr messbar. Menschen verloren nicht nur ihr Hab und Gut, sondern auch ihr Leben. Da ist es wichtig, den Betroffenen mit ihren Gefühlen nicht zu nahe zu treten. Die Menschen rücken zusammen und packen gemeinsam an, räumen auf und bringen die Dinge wieder ins Lot. Aber die Gefühle der Menschen in den Hochwassergebieten, verdienen respektvollen Abstand.

Und da ist noch ein zweites:  In diesem Sommer weist uns auch das Wasser nachdrücklich auf einen notwendigen und vernachlässigten Respektabstand hin. Es geht um die bleibende Distanz zwischen den Menschen und der Schöpfung. Denn die haben wir nicht unter Kontrolle, so gern wir das vielleicht hätten.

Für beides hat die Bibel Worte, für das Leid der Menschen wie für die Gefährdung durch eine Flut:
Gott, hilf mir! Denn das Wasser geht mir bis an die Kehle. Ich versinke in tiefem Schlamm, wo kein Grund ist; ich bin in tiefe Wasser geraten, und die Flut will mich ersäufen. Ich habe mich müde geschrien, mein Hals ist heiser. (Ps 69,2-4)

Für mich heißt das: Respekt vor Müdigkeit und Heiserkeit. Respekt vor der Kraft der Natur. Abstand von den tiefen Wassern.

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06AUG2021
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Ein Tag für Abel. Das ist eine Figur aus der Bibel, und heute hat Abel Namenstag – am gleichen Tag, an dem an die erste Atombombe auf Hiroshima erinnert wird. Der Vorname Abel kommt seit vielen Jahren praktisch nicht mehr vor. Denn Abel ist ein „Opfer“.  Die Geschichte in der Bibel dazu ist kurz: Adam und Eva, gerade aus dem Paradies vertrieben und im normalen Leben angekommen, bekommen einen Sohn: Kain. Für seine Mutter ist er ein Gottesgeschenk. Im Laufe seines Lebens wird er eine neue Art zu leben erfinden: er wird sesshaft und Bauer - ein wichtiger Schritt für die Entwicklung der Menschheit. Anders sein jüngerer Bruder Abel; der bleibt beim Altbewährten und wird Schäfer und zieht umher. Dennoch hat Gott etwas übrig für Abel: Beide Brüder bringen Gott Opfergaben, aber Gott freut sich mehr über die von Abel als über die von Kain. Das ärgert Kain maßlos. Natürlich ahnt er, dass dieser Ärger und sein Neid auf seinen Bruder nicht in Ordnung sind, sondern Sünde. Diese Sünde führt ihn ins Chaos und ins Unglück. Kain hört auch nicht auf die Warnung Gottes: Kain solle seine bösen Gedanken beherrschen. Kain tut das genaue Gegenteil. Er lockt seinen Bruder Abel aufs Feld hinaus und schlägt ihn tot.

Die Botschaft Gottes an Kain ist klar: Du sollst der Versuchung widerstehen, Unrecht zu tun. Sei stärker als das Böse. Die Geschichte redet Ungerechtigkeit und Unheil nicht schön. Sie ist geradezu brutal ehrlich. Sie hofft aber trotz allem, dass die Menschen zu Vernunft und Liebe finden. Gott macht nicht mit einem Fingerschnippen alles wieder gut. Er fordert Eigenverantwortung. Deshalb fragt er Kain jetzt: Wo ist dein Bruder Abel?

Kain wird an seine Verantwortung erinnert. Er antwortet geschickt mit einer Gegenfrage: Soll ich meines Bruder Hüter sein? Er will keine Verantwortung übernehmen. Aber Gottes Antwort ist seit damals immer wieder ganz eindeutig kurz und knapp: Ja. Du sollst deines Mitmenschen Hüter sein. Du trägst Verantwortung - für deine Mitmenschen und für deine Taten.

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05AUG2021
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Seid ihr noch einig oder habt ihr schon geteilt? Ein Sprichwort, bei dem es ums Erben geht. Ein böses Sprichwort, denn es geht davon aus, dass der Krach vorprogrammiert ist, wenn mehrere etwas zusammen erben. Schließlich will doch jeder alles für sich und gönnt den anderen nicht einmal das Schwarze unter den Fingernägeln.

Dass es auch ganz anders gehen könnte, zeigt jedes Jahr die Unesco, die Kulturorganisation der Vereinten Nationen. Denn jedes Jahr erklärt sie neue Orte, Gebäude, Landschaften zum Welterbe.

Das ist ein begehrter Titel und Rheinland-Pfalz ist da ganz gut im Geschäft. Die Kurstadt Bad Ems gehört jetzt neu dazu. Und auch das jüdische Erbe in Speyer, Worms und Mainz wurde in der letzten Woche aufgenommen. Das hat für mich auch ganz viel mit der Gegenwart zu tun und ist auch ein politisches Zeichen: In unserer Mitte gibt es jüdische Orte und Traditionen, die nach weltweiten Standards bewahrenswert sind. Und die nur die ganze Gesellschaft zusammen bewahren kann. Für einen allein oder wenige ist das oft eine Nummer zu groß. Gerade, dass im Idealfall alle Menschen sich als Erben verstehen, ist der beste Schutz für das Erbe. Je mehr Menschen das Erbe teilen, desto besser! Es wäre schön blöd, wenn man so ein Erbe ausschlagen würde. Denn es ist eine starke Erbengemeinschaft, die da ihr vielfältiges und weltumspannendes Erbe antritt. Das Welterbe fördert die Weltoffenheit: Städte denken über ihren Kirchturm hinaus und haben einen gemeinsamen Antrag gestellt. Menschen aus aller Herren Länder sind willkommen, wenn sie sich ihr Erbe anschauen. Es ist so, wie es sich schon der Philosoph Immanuel Kant vorgestellt hat: alle Menschen besitzen die Erde gemeinschaftlich.

In Mainz hat man direkt nach der Anerkennung als Welterbe ein großes Transparent an den Zaun des alten jüdischen Friedhofs angebracht. Und da steht jetzt nicht „Herzlichen Glückwunsch“, „Gratulation“ oder „Alles Gute“. Sondern da steht: „Mazel tov!“ So, wie sich Jüdinnen und Juden in aller Welt gratulieren und gute Wünsche ausdrücken.

Seid ihr noch einig oder habt ihr schon geteilt? Andersherum wird ein Schuh draus: Je mehr wir miteinander teilen, desto einiger werden wir.

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04AUG2021
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What a wonderful world! Was für eine wunderbare Welt! So beginnt der weltweit populärste Song von Louis Armstrong, Jazztrompeter, Sänger, Vollblutmusiker. Noch heute Millionen von Klicks im Internet. What a wonderful world! Das Lied freut sich daran, wie schön die Schöpfung ist.  Grüne Bäume, rote Rosen, blauer Himmel. Leuchtend schöne Farben, in denen die Welt gemalt ist. Allen Katastrophen und Unwettern zum Trotz: So ist es. Die Welt ist schön. Und es tut aufgescheuchten Seelen und aufgewühlten Gemütern gut, die leuchtenden Farben zu betrachten und sich daran zu freuen. Unsere Welt ist nicht nur nützlich, nicht nur notwendig, um uns am Leben zu halten. Sie ist wunderbar. Ich darf staunen und mich in ihr wohlfühlen. Danke, Gott!

Aber das ist nicht alles. Wir sind ja ein Teil dieser bunten Welt. Auch uns hat Gott geschaffen. Deshalb erzählt das Lied auch von den Menschen. Von Freunden, die Hände schütteln. Von Kindern, die mehr lernen und wissen werden, als der Sänger in seinem ganzen Leben. Das Leben ist schön. Menschen sind Gott sei Dank gut zueinander. Leider Gottes aber nicht immer. Wer von der Liebe singt und von Menschen, die nach ihren Mitmenschen fragen, der singt immer auch von Hoffnung und er singt von der Zukunft.

Besonders aktuell wird das Lied, wenn es heißt: Die Farben des Regenbogens zeigen sich in den Gesichtern der Menschen. Den Regenbogen malen sich heute auch wieder viele auf die Backen oder tragen ihn als Armbinde. Da geht es nicht um die Betrachtung der Natur, da geht es darum, Stellung zu beziehen und allen Menschen mit Respekt zu begegnen. Niemand ist ausgenommen, auch nicht homosexuelle Menschen oder divers geprägte Menschen. Die Welt ist schön und leuchtend bunt. Das sollte sich auch im Miteinander zeigen. Alle gehören dazu, keiner soll ausgegrenzt werden.

Louis Armstrong wurde heute vor 120 Jahren geboren. Aufgewachsen in ärmlichsten Verhältnissen und ausgegrenzt wegen seiner Hautfarbe, hat er die Welt mit seiner Musik reich und schöner gemacht. What a wonderful world ist eines seiner größten Geschenke. Es erinnert uns an die Pause und ans Atemholen – und daran, dass im Miteinander noch Luft nach oben ist… Danke, Louis Armstrong!

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03AUG2021
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Der erfolgreichste Sportler der Olympischen Spiele. Der König der Leichtathleten. Vier Goldmedaillen hat er in sechs Tagen Anfang August gewonnen. Die einhundert Meter in 10,3 Sekunden. Heute würde das nicht mehr reichen für Gold, aber damals, bei den Olympischen Spielen 1936 in Berlin, ist Jesse Owens der schnellste Mann der Welt. Der Nachfahre afrikanischer Sklaven mitten in einem Land, in dem Nazis von der weißen Herrenrasse schwurbeln. Sie schäumen vor Wut. Allerdings hat auch der amerikanische Präsident Jesse Owens damals nicht gratuliert.

Schon damals waren die Olympischen Spiele auch politisch. Schon damals gab es aber auch die Hoffnung, dass der Sport Grenzen überwindet. Und beim Wettbewerb im Weitsprung ist genau das geschehen: Jesse Owens hat schon eine Goldmedaille. Aber mit dem Anlauf beim Weitsprung kommt er einfach nicht zurecht. Ständig tritt er zu weit über das Brett, von dem er abspringen muss. Owens droht vorzeitig auszuscheiden. Für seinen deutschen Konkurrenten die Chance, gegen ihn zu gewinnen. Aber Luz Long ist ein fairer Sportler. Und er gibt Owens in dieser kritischen Situation den entscheidenden Tipp. Schließlich holt Owens Gold und Long Silber und die beiden liegen sich in den Armen und gehen dann untergehakt zu den Zuschauertribünen. Am Ende liegen sie auf dem Rasen und unterhalten sich. Frei nach der Bibel: Was hülfe es dem Menschen, wenn er schnell liefe und weit sprünge und hätte die Liebe nicht? Er wäre nur ein tönendes Erz und eine klingende Schelle.

Eine Umarmung. Das Schönste von der Welt, das Normalste von der Welt. Und doch alles andere als selbstverständlich. Menschlichkeit und Zuwendung gegen alle Widerstände und Konventionen. Das sind die Geschichten, die der Sport schreiben soll. Die Momente, die in Erinnerung bleiben und die heute noch strahlen wie am ersten Tag. Dagegen verblassen Medaillenspiegel und Nationenwertung.

Jesse Owens und Luz Long haben sich nach den olympischen Spielen nicht wiedergesehen. Aber was ihnen keiner nehmen konnte: sie waren zwei Menschen, im Wettkampf – vereint.

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02AUG2021
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Was ist eine Heldentat und was ein Held? Gar nicht so leicht zu beantworten. Zum Glück denken wir da nicht mehr zuerst an militärische Leistungen oder Kriegshelden. Vielleicht kann es man es so sagen: Ein Held nimmt Gefahren auf sich und tut etwas für andere. Er holt die Kohlen aus dem Feuer und achtet das eigene Leben geringer als den Einsatz für andere. Klar ist auch: er macht nicht viel Aufhebens von sich und seiner Tat. Anerkennung und Dank genießt er eher still. Genau so einer ist Magawa. Ordensgeschmückt ging dieser Held gerade in Kambodscha in den wohlverdienten Ruhestand. Das Besondere: Magawa ist eine Riesenhamsterratte, zwölfhundert Gramm schwer und siebzig Zentimeter vor der Nase bis zur Schwanzspitze.

Magawa ist Minensucher und hilft, diese heimtückischen, teuflischen, hochexplosiven Dinger aufzuspüren. Unsichtbar lauern sie flach unter dem Boden vergraben, bis ein Fuß sie auslöst. Landminen kosten jedes Jahr unzählige Menschen das Leben. Wer überlebt, verliert oft seine Beine. Sind Minen einmal verlegt, braucht es viel Zeit und Vorsicht um sie zu finden und zu entschärfen. Aber Magawa ist ein Könner in seiner gefährlichen Profession als Minensucher, gut ausgebildet, schnell und zuverlässig. Er schafft zweihundert Quadratmeter in zwanzig Minuten! Das ist einsame Spitze. Denn Magawa hat einen Vorteil: Er kann mit seiner feinen Nase den Sprengstoff in den Mienen riechen.

Heldenratten werden Magawa und seine Kolleginnen und Kollegen genannt. Zu Recht, finde ich. Zusammen mit ihren menschlichen Partnern machen sie eine wichtige Arbeit. Noch immer liegen in Kambodscha Millionen von Landminen. 71 davon hat Magawa aufgespürt, so viel wie sonst keiner. Dafür gab es den britischen Orden.

Und noch eines: Magawa wurde geboren in Tansania, ausgebildet von Belgiern, eingesetzt in Kambodscha und geehrt in England. Der Einsatz gegen Krieg kennt keine Grenzen. Auch keine Grenzen zwischen Mensch und Tier.

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