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Anstöße SWR1 RP / Morgengruß SWR4 RP

24JUL2021
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Es gibt Zahlen, die haben eine besondere Bedeutung. Die 40 ist in der Bibel so eine besondere Zahl. Sie steht für eine Unterbrechung, für einen Neuanfang. Die 40 steht für eine notwendige Auszeit. 40 Tage ist Mose auf dem Berg Sinai. Dann kommt er zurück und hat die 10 Gebote dabei, Regeln für ein Leben in Freiheit. 40 Tage wandert der Prophet Elija zum Berg Horeb. Dort erfährt er Gott auf ganz neue Weise, zart und leise erscheint Gott. Jesus fastet 40 Tage in der Wüste. Dann wandert er durch die Welt und erzählt ganz neu von Gott.

40 Tage Auszeit. Menschen brauchen Auszeiten. Es geht um ein Innehalten, bevor jemand neue Erfahrungen machen kann. In der Bibel geht es um die Zeit, um mit sich selbst und mit Gott in Kontakt zu kommen. Mose sitzt auf einem Berg, Elija wandert und Jesus fastet.

40 Tage Auszeit nehme ich mir nicht. Aber ich habe diesen Sommer eine Zahl, die ich mit meiner persönlichen Auszeit verbinde. 73 ist meine Zahl des Sommers. Die Nummer meiner Dauerkarte für das Freibad. Wenn ich zum Freibad komme, zeige ich die Karte und sage meine Nummer: 73. Und dann liegt das Bad vor mir. Das Blau tut meiner Seele wohl. Ich lege mit den Kleidern meinen Tag ab, schlüpfe in den Badeanzug und tauche in das kühle Wasser. Und mit jedem Zug, mit jeder Bahn werde ich ein bisschen neu. Die ersten Bahnen schwimmen noch die Ereignisse des Tages mit, manchmal Ärger, manchmal eine Unruhe und Hektik. Mit jedem Zug fließt mehr davon ab. Und es bleibt die Bewegung, der Rhythmus. Ich schwimme und komme in Kontakt mit mir selbst. Ich spüre mich im Wasser. Und für mich ist Schwimmen mehr als Bewegung. Schwimmen sind meine 40 Tage. Hier begegne ich Gott. Denn nichts lenkt mich mehr ab. Im Wasser bin und werde ich still und neu.

Ob 40 Tage oder mit der 73 ins Freibad: es braucht Auszeiten, um sich dem Leben neu zuwenden zu können.

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23JUL2021
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Ich packe meinen Koffer und nehme mit… Auf dem Weg in den Urlaub ist das ein beliebtes Kinderspiel. Jeder legt sprachlich noch etwas in den Koffer dazu. Wer kann sich die meisten Begriffe merken? Und was passt so alles in einen Koffer. Der Badeanzug muss mit, Bücher, die sich auf dem Nachttisch stapeln, Sonnencreme, Regenjacke, Flipflops. Dann ist man gerüstet für alle Wetterlagen. Und darf die Katze mit oder das eigene Kopfkissen?

Ich selbst packe gar nicht gerne, schiebe den Zeitpunkt raus bis kurz vor dem Start und schmeiße dann wahllos alles in meine Tasche. Die Zahnbürste ist dann noch das geringste, was ich schon vergessen habe. Für mich steht dahinter die Frage:
Was brauche ich überhaupt, wenn ich mich auf den Weg mache?

Die Bibel erzählt von vielen Menschen, die sich auf den Weg machen. Als Jesus seine Jünger aussendet und sie zu den Menschen schickt, sollen sie nichts mitnehmen als das, was sie auf dem Leib tragen: keinen Stab, keine Tasche, kein Geld und kein zweites Hemd. Natürlich sind die Jünger nicht auf dem Weg in die Sommerfrische. Sie haben eine Mission: Sie ziehen los und erzählen von Gott. Von seiner Liebe und seiner Fürsorge, von seiner Größe und seiner Kraft. Zu dieser Botschaft passt kein Koffer. Damit ihre Botschaft Gehör findet, brauchen die Jünger anderes Gepäck. Sie brauchen Vertrauen in sich Selbst und in Gott. Ein offenes Ohr und ein offenes Herz für die Menschen, denen sie begegnen. Bereitschaft, sich an jedem Ort auf neue Situationen einzulassen. Und da ist es nicht sinnvoll, sich von ganz viel eigenem Gepäck ablenken zu lassen.

Das nehme ich als Anregung mit für die nächste Reise. Letztlich ist es gar nicht so wichtig, was in meiner Tasche ist, sondern es ist wichtiger, welche Haltung ich mit in den Urlaub nehme. Und da können mir die Jünger Vorbild sein.

Ich packe in meinen Koffer… Ich wünsche Ihnen für ihre Reise, wo auch immer sie hingeht: Vertrauen, dass Gott bei jeder Reise mit im Gepäck ist und Offenheit für die Menschen am anderen Ort.

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22JUL2021
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Am Geburtstag wird deutlich, was Gnade ist.
Glück- und Segenswünsche trudeln ein, oft gibt es Kuchen. Manchmal kommt Besuch. „Wie schön, dass du geboren bist, wir hätten dich sonst sehr vermisst…“, so haben Kolleginnen und Kollegen dieses Jahr für mich gesungen. Ich habe Geschenke bekommen. Und alles, weil ich geboren bin. Es geht nicht um meine Leistung, nicht um mein Aussehen, nicht um irgendetwas sonst, das ich getan habe. Andere feiern mit mir, weil es mich gibt. Sie feiern mit mir den Tag meiner Geburt. Sie feiern mit mir, obwohl sie mich kennen über die vielen Jahre mit meinen tollen Seiten und mit meinen Ecken und Kanten. Das rührt mich jedes Jahr neu, macht mich ganz tief innen glücklich, gibt mir Kraft für mein neues Lebensjahr.

Für mich ist das vergleichbar mit Gottes Gnade. In der Bibel wird an vielen Stellen von ihr gesprochen. Dann geht es immer darum, dass Gott sich uns zuwendet, einfach weil wir sind. Nicht fromm, nicht schön, nicht intelligent, sondern Geschöpf. Gottes Geschöpf. Paulus formuliert das in einem Brief an eine Gemeinde so: Denn aus Gnade seid ihr gerettet - durch Glauben. Das verdankt ihr nicht eurer eigenen Kraft, sondern es ist Gottes Geschenk.“ Gott macht uns ein Geschenk, nicht weil wir so toll sind. Gott feiert, weil ich bin, weil du bist. Gnade bedeutet also, dass Gott mit jedem von uns Geburtstag feiert. Nicht nur einmal im Jahr, sondern jeden Tag aufs Neue.

Sich das klar zu machen, nicht nur am eigenen Geburtstag, das berührt, macht ganz tief innen glücklich und gibt Kraft.
Und so gilt nicht nur den Geburtstagskindern heute Morgen: wie schön, dass du geboren bist, Gott hätte dich sonst sehr vermisst.

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21JUL2021
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Wenn man etwas verliert, kommt es einem gleich dreimal so kostbar vor...
So geht es mir jedenfalls. Und je verzweifelter ich suche, umso lauter wird der Gedanke: Was würde ich nicht alles dafür geben, um dieses eine wiederzufinden!

Jesus und den Leuten seinerzeit ist es genauso ergangen. Jesus hat sogar gesagt, selbst Gott kennt dieses Gefühl: Immer, wenn ihm ein Mensch verlorenen geht, gibt er alles darum, ihn wiederzufinden. Und um das zu veranschaulichen, hat Jesus die Leute gefragt:

„Was meint ihr? Wenn jemand 100 Schafe hätte, und eines ginge ihm verloren, würde er nicht alle 99 Schafe stehen lassen, um das eine zu suchen?“

„Was soll ich denn mit Schafen?“, mag sich die eine oder der andere jetzt fragen. Aber stellen Sie sich einmal vor, Ihr kostbarster Besitz - das wären nun mal Schafe. Und zu jedem dieser Schafe hätten Sie eine ganz besondere Beziehung. Sie kennen ja auch jedes einzelne von Geburt an....
Und dann geht eines Ihrer Lieblinge verloren. Würden Sie nicht auch alles stehen und liegenlassen, um das eine zu suchen?

Jesus hat gesagt: „Und genauso, wie sich der Hirte freut, wenn er das Schaf wiedergefunden hat - genauso freut sich Gott im Himmel, wenn er jemanden wiederfindet, der sich von ihm abgekehrt hat.“
Mir gefällt dieser Gedanke: Sollte ich Gott mal verloren gehen, dann lässt ihm das keine Ruhe. Ich kleines Schaf bin so kostbar in seinen Augen, dass er - wenn es darauf ankommt - alle anderen stehen lässt, nur um nach mir zu suchen. Und das finde ich tröstlich.

Vielleicht fragen Sie jetzt: und was ist mit den 99 anderen Schafen? Die lässt Gott einfach stehen. Ist das nicht unfair? Ich glaube, Jesus wollte mit der Geschichte auch sagen: Vergiss nicht:
Unter 99 anderen Schafen bist du nicht allein. Die Gemeinschaft trägt. Und jedes Schaf weiß: Der Hirte lässt uns nicht im Stich; er kommt sicher zurück.
Das verlorene Schaf hingegen macht etwas durch. Es ist ganz allein da draußen und hat Angst. Und hat sicher vergessen, wie kostbar es ist. Gönn ihm die ganze Zuwendung.

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20JUL2021
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In der Bibel wird sie großgeschrieben – die Gastfreundschaft! „Übt Gastfreundschaft“, heißt es da, oder „vergesst die Gastfreundschaft nicht“. Wozu? Ich denke, in biblischen Zeiten war das schlicht überlebensnotwendig; da konnte man ja nicht - nach langer Reise - mal eben in den Supermarkt oder in die Pizzeria. Herbergen gab es auch nicht an jeder Ecke. In der Fremde ist man also ziemlich oft auf Gastfreundschaft angewiesen gewesen. 

Ich finde die biblische Weisung aber immer noch klug. Denn andere umsorgen - das macht nicht nur satt - es macht glücklich. Und manchmal können daraus sogar internationale Beziehungen entstehen. So habe ich das erlebt:

Über unserem Gartenzaun hängt eine fette Weinrebe. Letzten Sommer ist eine Frau davor stehengeblieben. Sie hat höflich gefragt, ob sie sich wohl ein paar Weinblätter abschneiden darf, zum Kochen.
„Klar“, habe ich gesagt, „so viel Sie wollen.“
Und jetzt, ein Jahr später, haben plötzlich zwei Kinder vor unserer Haustür gestanden; der Vater ist eher so im Hintergrund geblieben. Sie haben gefragt: „Dürfen wir uns von den Weinblättern nehmen? Unsere Mama hat auch schon mal gefragt, letztes Jahr.“

„Nur zu!“ habe ich gesagt. „Nehmt euch, soviel ihr wollt.“ Und dann bin ich neugierig geworden. Ich bin zu ihnen rausgegangen und hab gefragt, was sie denn genau damit machen.
„Das ist ein kurdisches Gericht“, hat der Mann gesagt. „Ich werde ihnen später etwas davon vorbeibringen. Meine Frau wird darauf bestehen.“

Und wirklich, ein paar Stunden später klingelt es an der Tür und der Mann übereicht mir ein herrlich duftendes Gericht: Die besten gefüllten Weinblätter meines Lebens!

Als die Kinder die Platte abholen, sage ich „Das war so lecker! Ich wünschte, eure Mutter würde mir mal zeigen, wie das geht.“
„Oh, bestimmt!“, sagen die Kinder wie aus einem Munde.
Und ich denke: Vielleicht ist das  ja der Beginn einer wunderbaren inter-nationalen Gastfreundschaft…?

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19JUL2021
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„Du jetzt auch?“ Die Freundin verdreht die Augen, als sie mein Hoch-Beet sieht. Ja, ich weiß: Es ist gerade sehr in, so ein Hoch-Beet. So wie das Gärtnern überhaupt grad schwer angesagt ist. Und manche machen sich schon drüber lustig: Sie rechnen einem vor, dass man sich für den Preis eines Hoch-Beetes jahrelang von Gemüse ernähren könnte, ganz ohne auch nur den Finger zu rühren... - Also, was macht das für einen Sinn?

Nun, es gibt doch auch so was wie ein Grundrecht auf Sinnlosigkeit, finden Sie nicht? – Einfach Spaß an der Freud haben... Aber freilich geht es noch um mehr. Es geht um Hingabe. Und Liebe. Ich spreche da aus eigener Erfahrung: Schließlich bin ich seit dem Frühjahr stolze Hoch-Beet-Besitzerin. Und aus Liebe kann man bekanntlich die verrücktesten Dinge machen: Manche versuchen, Pflanzen zu züchten, die es hier eigentlich gar nicht gibt. Andere sind seit 20 Jahren auf der Suche nach der perfekten Tomate. Und ich habe mein Herz an die Wildbienen verloren. Da steht schon eine ganze Reihenhaussiedlung an Bienenhotels bei uns rum...

Nebenbei ist Gärtnern für mich aber auch ein wundervoller Akt des Größenwahns: Weil ich mir wie der Schöpfer höchst selbst vorkomme, wenn ich den Samen in die Erde lege; und beobachte, was daraus wird.

Und gleichzeitig werde ich auch ganz demütig: Weil ich immer wieder erfahre - es liegt überhaupt nicht in meiner Macht, ob der Samen aufgeht und Früchte trägt. Aber wenn es gelingt: was für eine Freude, als ich am Ende tatsächlich die erste rote Beete in den Händen gehalten habe, aus eigener Ernte.

Und wenn all das nicht fruchtet, dann macht im Garten selbst die Sinnlosigkeit noch einen Sinn. Weil sie etwas deutlich macht: Eine kluge Frau hat es so beschrieben: „Was immer man in den Garten senkt, man pflanzt das Morgen.“ Denn die Zukunft ist im Garten immer gegenwärtig. Alles, was wir pflanzen, tun wir in der Hoffnung auf ein künftiges Gelingen. Und das ist, glaube ich, ganz allgemein ein guter Blick auf diese Welt.

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