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Anstöße SWR1 RP / Morgengruß SWR4 RP

10JUL2021
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„Hier – für Sie!“: Ein Fünfeuroschein wird mir freundlich wedelnd entgegengestreckt, von einem fremden Menschen. Ich bin fassungslos. Es ist in meiner Lieblingsbäckerei und ich habe erst beim letzten Schritt an der Kasse gemerkt, dass meine Geldbörse fehlt. Ich krame und suche. In manchen Taschen tuen sich ja ungeahnte Möglichkeiten auf, in dieser aber leider nicht.

Nehmen oder nicht? So spontan jemand Fremden zu helfen, nicht zu zögern, einfach so. Unglaublich. Erstmal bedanke ich mich sehr.  Und schaue auf die Stückchen, die ich ausgesucht habe, auf die Verkäuferin und stammle noch einmal „vielen, vielen Dank“  - aber es anzunehmen, das schaffe ich dann doch nicht. 

Nach einem inneren Hin- und Her, da habe ich lieber einen Teil des Einkaufs zurückgehen lassen. Warum? Ich hab´s nicht genommen, weil es mir irgendwie peinlich war. Einfach so etwas anzunehmen. Das fällt nicht nur mir schwer. Ich glaube, anderen geht es auch so. Es ist einfacher, die zu sein, die verteilen kann, als die, die annimmt. Dabei hätte der Mann sich bestimmt gefreut. Ich glaube, oft ist es für den Anderen schön, wenn etwas angenommen wird. In der Bibel steht die Goldene Regel, die es in vielen Religionen gibt. Wie ihr wollt, dass euch die Leute tun sollen, so tut ihnen auch. Jesus hat das gesagt und mir ist jetzt klar: Sicherlich meint er damit, an andere zu denken, die etwas brauchen, und auch etwas abzugeben. Aber vielleicht meint er damit andererseits auch, dass man genauso etwas annehmen darf. Von Gott und von dem fremden Menschen in der Bäckerei, der mir mit einem Fünfeuroschein meine Freude am Kuchenkauf retten wollte. Ich hätte mich an seiner Stelle auch gefreut, wenn jemand etwas annimmt, was ich gerne hergebe. Wie ihr wollt, dass euch die Leute tun sollen, so tut ihnen auch! Ich will das neu beherzigen: im Geben und im Nehmen. In jeder Bäckerei denke ich jetzt daran, wie schön es doch ist, dass manche Menschen das einfach tun: Was sie für sich wollen, anderen tun.  Eine Goldene Erfahrung!

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09JUL2021
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Schau Dir mal Deine Sorgen an. Und wirf sie in Meer! Eine geistliche Begleiterin in England hatte mir das als Aufgabe gegeben. Ich sollte meine Sorgen, die ich damals hatte, anschauen. Einen Stein für jede Sorge, hatte sie gesagt, und dann weit weg ins Meer damit. Eine schöne Vorstellung. Sehr praktisch und sehr befreiend!

Ich bin damals in der Nähe vom Meer gewesen und konnte das tun. Eine heilsame Natur– die Weite, der Horizont, das Licht, der Wind, all die Wellen und ich kleiner Mensch am riesigen Meer. Und so habe ich Steine gezählt – natürlich nicht alle an diesem Steinstrand in England. Aber ich habe die gezählt, die ich ins Meer werfen wollte: Einen für jede Sorge. Und in jenem Sommer waren es einige Sorgen. So waren es auch eine ganze Menge Steine. Ich warf und warf. Mir hat das damals unglaublich gut getan. Nicht, dass nach der Zeit am Meer alle Probleme gelöst waren. Aber ich konnte neu drauf schauen. Manche Sorge fühlte sich leichter an, und ich habe etwas wiedergefunden, was ich im Steinehaufen der Sorgen fast verloren hatte: Das Vertrauen, dass ich in all den Sorgen nicht untergehe. Ein Vertrauen auf Gott, der mir beisteht, auf eine Liebe, die Sorgen erleichtern kann, und ein Vertrauen in mich selber, dass ich mich durch Glauben, Hoffnung und Liebe auch tragen lassen kann. In der Bibel heißt es von Jesus:  All Eure Sorgen werft auf ihn, denn er sorgt für Euch. Da spricht ein riesiges Vertrauen daraus. Sorgen auf ihn werfen, nicht als Steine, aber als Gedanken, Lasten, Fragen – ich kann sie Jesus anvertrauen und erfahren: meine Sorgen finden einen Ort und ich komme innerlich zur Ruhe. Manchmal wenigstens. Sorgen können viele sein wie Sand oder Steine am Meer. Aber eins kann helfen – zu erfahren: Das Meer ist größer. Gottes Liebe ist größer. Und es gibt keine Sorge, die zu groß wäre, sie Gott anzuvertrauen und als Last ins Meer zu werfen. Der Rat meiner Begleiterin damals war goldrichtig. Und ich will ihn nicht vergessen. Wer weiß, ob nicht bald auch ein Fluss oder ein See mich dazu einlädt, eine Sorge bildlich weit wegzuwerfen und Gott anzuvertrauen.

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08JUL2021
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„Ich habe mein ganzes Leben umgekrempelt!“ Ich staune nicht schlecht, denn das sagt mir eine 81-jährige Frau. Sie erzählt weiter: „Für mich ist Autonomie alles gewesen. Ich will es immer selber schaffen. Ich habe es die ganze Zeit total abgelehnt mit diesem Ding, mit diesem Rollator. Wie alt man dann wirkt! Dann bin ich in mich gegangen. Und habe mir gedacht – warum eigentlich? Das haben doch viele… und jetzt bin ich so froh. Das ist mein Lieblingsutensil geworden. Der Rollator und ich, ich hab´s jetzt so viel einfacher und fühle mich auch nicht mehr komisch dabei!“

Kurze Zeit später treffe ich wieder jemanden mit der Botschaft: Schau mal, wie ich mich verändert habe! Das ist ein jüngerer Mann. Der hat beschlossen, vom Auto ganz aufs Fahrrad umzusteigen. Er wohnt stadtnah genug, das zu tun, und ob es jetzt der Umwelt zuliebe ist oder für das Plus an Bewegung, egal. Ich  bin fasziniert, wie so etwas gelingt – mich und mein Leben an einem entscheidenden Punkt zu verändern. Ein passionierter Autofahrer steigt um aufs Fahrrad, eine rüstige Rentnerin freundet sich mit dem Rollator an, den sie nie wollte.  Veränderung ist allerdings nicht leicht, das habe ich schon selber erlebt. Wie oft wollte ich mich verändern, meinen Kalender besser im Griff haben, ordentlicher schreiben oder jeden Morgen Gymnastik machen … Pustekuchen!  Ich bin doch nur ein Mensch, sage ich wie viele andere. Oder wie die Bibel es beschreibt: „Der Geist ist willig, aber das Fleisch ist schwach.“ Veränderung, das ist viel leichter gesagt als getan.  Was hat den beiden geholfen, es trotzdem zu schaffen?   Sie haben sich beide Gedanken darüber gemacht, was sie alles gewinnen, wenn sie die alten Gewohnheiten aufgeben. Was alles besser wird durch die Veränderung. Eine ganze Menge. Das immer wieder zu bedenken, auch mit dem Körper zu fühlen, so wie die beiden, das hilft. Spüren, wie gut manche Veränderung sein kann und auch Gott zu bitten, dass er mir Kraft schenkt für Veränderung! Dafür ist es nie zu spät, selbst mit 81  nicht. Und ich werde nicht eine ganz Andere, sondern eigentlich die, die ich sein kann. Mit kleinen Schritten, vielleicht heute schon.

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07JUL2021
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Alle Menschen sind behindert, nur manche haben keine Diagnose. Dieser Satz hat mich stutzig gemacht. In einem Interview hörte ich das, mit der Schriftstellerin Sandra Roth. Erst dachte ich, so ist es ja doch nicht ganz. Aber je mehr ich nachdenke, desto einleuchtender scheint es mir. Im Laufe des Lebens entwickelt doch jeder Mensch etwas, was man als Behinderung erleben kann.  Und wir alle sind sterblich, auch eine Art Behinderung.  Der eine braucht mal eine Brille, die andere hat Rückenschmerzen, manche haben vieles auf einmal, und ein paar von uns haben angeborene Behinderungen, so wie die Tochter Lotta von Sandra Roth. Aber selbst wenn ich mir meiner Einschränkungen bewusst bin - vielleicht muss ich mich damit nicht nur schlecht fühlen. Vielleicht ist es möglich, mehr auf einander zu achten und so miteinander zu leben, dass das Leben mit Einschränkungen leichter wird. Zum Beispiel: Wenn alle laut sprechen und nicht alle durcheinander, fühlt sich mancher Schwerhörige besser. Wenn nicht alles übertrieben kleingedruckt ist, muss ich meine Augen nicht verfluchen. Wenn ich alt bin und ich nicht alleingelassen werde mit meinen Bedürfnissen, fühlt sich Altsein weniger schlecht an. Und wenn Menschen tolerant und Türen breit und Rampen vorhanden sind, würde es manchem sogenannten Behinderten sehr viel besser gehen.  Alle Menschen sind behindert, nur manche haben keine Diagnose. Viel hat sich schon verändert, aber der Satz von Sandra Roth erinnert mich: Behinderte behindern sich nicht selber, sondern werden behindert, oft genug auch von mir. Weil ich mir oft nicht vorstelle, was mein Gegenüber gerade braucht. Aber da kann man viel voneinander lernen. Einer trage des Anderen Last. So sagt es die Bibel. Oder das Sprichwort: Geteiltes Leid ist halbes Leid. Dann ist Inklusion kein schickes Wort, sondern gelebtes Zusammenhalten.

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06JUL2021
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Er kam aus armen Hause und hat gerne Schach gespielt. Jan Hus stammte von einem Bauernhof in Böhmen, wurde Priester, aber war ein eher unbequemer Kirchenmann. Er endete auf dem Scheiterhaufen, genau heute, am 6. Juli vor 606 Jahren. Allerdings nicht, ohne uns für heute etwas zu hinterlassen: Die Aufforderung, mutig die Wahrheit zu vertreten - mit viel Zivilcourage. Die Wahrheit bringt Freiheit, hat Jan Hus gesagt. Und für ihn war klar. Die Wahrheit heißt, dass jeder Mann und jede Frau Zugang zur Bibel haben soll und dass die Kirche Jesu Christi nicht machtvoll, sondern bescheiden und sozial sein soll. Ein Jahrhundert vor Martin Luther hat er deswegen die Bibel in seine Muttersprache übersetzt. Ihm war Gott im Leben wichtig, aber nicht um Recht zu haben, sondern weil er sich durch Gott mutig genug fühlte, eine unbequeme Wahrheit zu vertreten. Auch wenn es ihm Kopf und Kragen kostete.

Jan Hus hatte jedenfalls jede Menge Mut, damals in Konstanz, wo er verurteilt wurde. Wenn ich an ihn denke, dann bin ich berührt, aber auch dankbar, dass bei uns keiner mehr wegen seines Glaubens mit so einem Schicksal rechnen muss. Das ist nicht überall so, auch heute. Und es war nicht immer so. Es gab Zeiten, da brauchte es so viel mehr Zivilcourage, um die Wahrheit zu vertreten.  Aber auch heute: Wahrheit, Zivilcourage, Demut und Reformwille sind unverzichtbar für Gemeinschaften, die sich auf Jesus Christus berufen. Obwohl Jan Hus verfolgt wurde, sagt er:  Wahrheit macht frei. Erst wenn ich mich frei mache von meiner Angst vor den Mächtigen, kann ich Jesus nachfolgen. Dann kann ich ein Mensch unter Menschen sein, die die Wahrheit suchen und das Gute in der Welt unterstützen. Heute, 606 Jahre nach dem Tod von Jan Hus, kann er neu Mut machen: Dass es für Reformen, für Wahrheit und Verständigung immer wieder neu Menschen braucht, die sich auf den Weg machen – egal in welcher Religion.

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05JUL2021
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Was erzähle ich wohl mal meinen Enkeln? Wenn ich welche hätte. Das frage ich mich manchmal. Ich denke an meine Oma. Die hatte drei Arten von Geschichten auf Lager. Zum einen als Zeitzeugin. Da hat sie vom Krieg erzählt und der Nachkriegszeit, über Bedrohung und Entbehrung. Als Witwe damals alleinerziehend und arm. Subjektiv - aber erlebte Geschichte. Dann gab es auch noch ganz persönliche Geschichten. Die auch zu anderen Zeiten hätten spielen können. Und das dritte waren Bibelgeschichten. Die erzählte sie besonders gerne und mit leuchtenden Augen. So habe ich diese Geschichten kennengelernt – und weil meine Oma gut erzählen konnte, wurden die Geschichten ganz lebendig. Eine Geschichte aus der Bibel hat sie besonders gerne erzählt. Das war die Geschichte vom verlorenen Schaf. Und die geht so: Da ist ein Hirte mit 100 Schafen, genau 100. Er gibt den Schafen Gras und Wasser und kennt und liebt jedes einzelne Schaf. Er zählt sie jeden Tag. Aber eines Tages, da waren nur noch 99 Schafe da. Ein Schaf ist verloren! Er ist untröstlich, wo ist es? Und dann verlässt er die 99 Schafe, macht sich auf ins Ungewissen, um das eine verlorene zu suchen. Er findet es – und ist überglücklich! Der Hirte steht für Gott, dem jeder Mensch wichtig ist und der jeden liebt und sucht.

Im Nachhinein habe ich oft gedacht: eigentlich hat meine Oma da eine Geschichte von sich selber erzählt. Denn ich glaube: sie kannte das Gefühl sehr gut. Das Gefühl, ganz verloren zu sein. Allein mit allen Aufgaben und Fragen. Aber sie kannte auch das Gefühl, wiedergefunden zu werden von Gott. Von ihr habe ich gelernt: Gott gibt nicht auf, uns zu suchen, zu ermutigen. Und wie meine Oma will ich auch nicht aufgeben, ihm zu vertrauen. Auch da, wo ich mal auf mich gestellt, überfordert oder traurig bin. Von meiner Oma weiß ich: Ich muss mich dabei nicht mal besser anstellen als ein Schaf: eigensinnig vielleicht und oft genug auf Irrwegen unterwegs, aber doch ganz gut aufgehoben bei dem, den ich den guten Hirten nenne. Kein alter Hut, diese Omageschichte, sondern lebendig und wahr.

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