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Anstöße SWR1 RP / Morgengruß SWR4 RP

26JUN2021
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Morgen ist für mich ein ganz besonderer Tag: Ich werde Patentante. Von Mia. Acht Monate ist sie jetzt alt und morgen wird sie getauft.

Schon vor langem hatten ihre Eltern mich gefragt, ob ich das Patenamt für Mia übernehmen möchte. Ich habe mich wahnsinnig darüber gefreut und musste sogar ein paar Tränchen verdrücken. Denn das ist ja schon ein großer Vertrauensbeweis: Ich darf Verantwortung für Mia übernehmen und sie durch ihr ganzes Leben begleiten, wenn sie das möchte. Darauf freue ich mich schon. Auf Nachmittage im Zoo oder Ausflüge zum Spielplatz, auf Geburtstagsfeiern und ihre Einschulung! Bei all dem will ich an ihrer Seite sein, mit ihr feiern und mich für sie freuen.

Aber nicht nur das: Ich will auch dann für Mia da sein, wenn es ihr mal nicht gut geht, wenn sie sich Sorgen macht oder traurig ist. Dann will ich ihr zuhören, sie trösten und ihr von dem erzählen, was mich tröstet und mir neuen Mut gibt. Dann erzähle ich ihr von meinem Glauben und von Gott. Das ist wahrscheinlich sogar meine wichtigste Aufgabe als Patin, das Besondere an diesem Amt: Patinnen und Paten sollen die Eltern bei der christlichen Erziehung ihrer Kinder unterstützen, heißt es in der Kirchenordnung.

Das mache ich von Herzen gerne. Denn Mia soll wissen, dass sie zu Gott gehört. Dass sie von Gott geliebt ist und behütet, ganz egal was passiert. Dazu passend haben ihre Eltern und ich den Taufspruch ausgesucht. Er heißt:

„Nähme ich Flügel der Morgenröte und bliebe am äußersten Meer, so würde auch dort deine Hand mich führen und deine Rechte mich halten.“ (Ps 139,9).

Also: Wohin du auch gehst, was auch passiert: Gott ist bei dir und hält dich in seiner Hand. Daran glaube ich fest. Und ich werde mein Bestes tun, damit auch in Mia so ein Glauben wachsen kann. Zur Taufe morgen bekommt sie deshalb von mir eine Kinderbibel geschenkt, und eine Kerze als Zeichen, dass Gott ihr ein Licht in dunklen Zeiten ist. Vor allem aber werde ich ihr gemeinsame Zeit schenken, in der ich für sie da bin und ihr zeige, wie lieb ich sie habe. Und wie wichtig sie ist. Für mich. Und für Gott.

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25JUN2021
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Vor einigen Wochen habe ich zum ersten Mal eine Erwachsene getauft. Das war sehr besonders – auch für mich als Pfarrerin. Meistens taufe ich ja Babys oder Kinder. Das ist auch schön, denn es zeigt: Egal wie klein du bist, von Anfang an ist Gott bei dir. Dafür musst du noch gar nichts wissen oder können.

Die Frau, die ich neulich getauft habe, ist längst groß und sie weiß und kann natürlich ganz viel. Sie hat Kinder großgezogen, einen Beruf erlernt. Sie steht mit beiden Beinen fest im Leben.

Allerdings: Das war nicht immer so. Hinter ihr liegt eine schwere Zeit mit einigen Umbrüchen und Krisen. Sie musste sich da richtig durchkämpfen. Das hat Kraft gekostet und manchmal weh getan. Aber nun ist sie auf einem guten Weg und sagt: „Ich bin dadurch auch stärker geworden. Ich habe gelernt, manches loszulassen. Und jetzt will ich einen Neuanfang.“ Für diesen Neuanfang wollte sie getauft werden.

Ich finde: Das passt richtig gut. Denn bei der Taufe werden ja gewissermaßen Altlasten abgewaschen. Früher sind Täuflinge dafür sogar richtig untergetaucht worden. Heute wird in unseren Kirchen meistens nur symbolisch Wasser über die Stirn gegossen. Aber das Gefühl bleibt das gleiche: Was an mir klebt und schwer auf meiner Seele lastet, wird abgewaschen. Ich kann es loslassen und erleichtert nach vorne schauen. Denn egal was kommt: Gott ist bei mir und nichts kann daran etwas ändern.  

Mit diesem Gefühl startet die frisch getaufte Frau nun auf einer neuen Arbeitsstelle. Sie blickt hoffnungsvoll in ihre Zukunft, sagt sie.
Aber wenn es doch mal wieder schwierig wird im Leben, erinnert sie sich hoffentlich an ihre Taufe und an das damit verbundene Versprechen.

Ich finde nämlich: So eine Tauferinnerung tröstet und macht Mut. Selbst wenn jemand – wie ich – als Baby getauft wurde und sich deshalb an den Gottesdienst und das Wasser auf der Stirn nicht erinnern kann. Mir reicht es da schon zu wissen: Ich bin getauft. Denn das bedeutet: Was hinter mir liegt ist abgewaschen. Ich kann es abgeben an Gott, loslassen, wieder aufstehen und neu anfangen. Jeden Tag! Denn Gott ist bei mir. Von Anfang an. Und ganz egal was kommt.

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24JUN2021
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Heute ist Johannistag. In der Kirche denken wir an diesem Tag an Johannes den Täufer. Der ist ein ziemlich kauziger Typ gewesen. Er hat sich eigenartig gekleidet, Heuschrecken gegessen und in der Wüste gelebt. Dort hat er flammende Predigten gehalten, Jüngerinnen und Jünger um sich gesammelt und getauft. So erzählt es die Bibel.

Aber dann taucht plötzlich ein anderer Prediger auf: Jesus. Johannes kennt ihn gut: er selbst hat ihn getauft. Nun macht er ihm Konkurrenz. Immer mehr Menschen gehen zu Jesus und hören ihm zu. Johannes‘ Jüngerinnen und Jünger werden darüber wütend und fragen ihn: „Hast du das mitbekommen? Jesus, den du getauft hast, zu dem gehen jetzt alle hin! Das kann doch nicht wahr sein!“

Als Johannes das hört, bleibt er ganz ruhig und antwortet: „Das ist schon richtig so. Jetzt ist Jesus dran. Seine Bedeutung wird wachsen, aber meine muss abnehmen.“ (Joh 3,30)

Diese Haltung bewundere ich. Johannes ist so erfolgreich gewesen in dem, was er getan hat. Er hat ganz genau gewusst, was er kann und wie er auf andere wirkt. Er ist richtig berühmt gewesen.
Aber: Er wusste auch, wo seine Grenze liegt, wo er sich zurücknehmen und abgeben muss.

Viele Leute können das nicht so gut: Die Zügel aus der Hand geben und andere machen lassen. Mir geht es auch manchmal so. Aber ich merke: Das geht nicht immer. Irgendwann stoße ich an Grenzen: Dann muss ich mir eingestehen, dass andere etwas einfach besser können als ich. Das kostet Überwindung und kratzt am eigenen Ego.

Johannes kann sich von solchen Eitelkeiten freimachen. Er erklärt seinen Jüngerinnen und Jüngern weiter: „Kein Mensch kann sich was nehmen, wenn es ihm nicht vom Himmel gegeben ist.“ (Joh 3,27)

Diesen Satz merke ich mir. Denn er bedeutet für mich: Ich gebe mein Bestes bei dem, was ich kann, wozu mir Gott die Fähigkeiten und das Talent gegeben hat. Und gleichzeitig bin ich ehrlich mit mir selbst, wenn es darum geht, was mir vom Himmel nicht gegeben ist, wo andere etwas besser können. 

Ich denke: Mit dieser Haltung fällt es leichter, auch mal Verantwortung abzugeben, sich selbst zurückzunehmen, und so – wie Johannes - andere wachsen zu lassen.

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23JUN2021
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„Da komme ich echt an meine Grenzen!“ Ich finde es nicht so einfach, diesen Satz zu sagen. Denn: wer an seine Grenzen kommt und das auch zugibt, der macht sich verletzlich. Gerade im beruflichen Kontext. Da will man sich keine Blöße geben. Könnte ja sein, dass die Chefin einen für überfordert hält. Dabei ist Überforderung ein Phänomen unserer Tage. Gerade in den zurückliegenden Monaten der Pandemie.

Der Journalist Dirk von Gehlen hat einmal gesagt: Überforderung sei der neue default-modus unserer Zeit. Von Gehlen hatte dabei vor allem den Medienkonsum im Blick, aber ich finde: der Satz bringt ganz gut auf den Punkt, wie es in den letzten Monaten gewesen ist. Überforderung als neuer default-modus meint ja: Überforderung sei der neue Normalzustand. Mir hat das eingeleuchtet. Wenn ich in den vergangenen Wochen mit Freundinnen gesprochen habe, da sind wir uns meistens einig gewesen: wir waren erschöpft und angestrengt: Homeoffice, Homeschooling, plötzlich viel mehr Haushalt, weil alle immer zu Hause essen mussten, Wäscheberge, kaum Rückzugsmöglichkeiten.  Ja, wir haben uns überfordert gefühlt. Und zwar oft. Aber ich bin nicht gewillt, das als Normalzustand auf Dauer hinzunehmen.

Geholfen hat mir da ein Satz aus der Bibel. Ich weiß, die Bibel ist ein dickes, altes Buch. Aber manchmal, da fällt mir ein Satz ins Auge und durchs Auge gleich ins Herz. Und dann ist das alte Buch plötzlich ganz lebendig. Und in einem Gebet in der Bibel steht so ein Satz: „Gott schafft Deinen Grenzen Frieden (Ps 147,14).“ Als ich das gelesen habe, habe ich gedacht: ja genau: Gott weiß, dass ich begrenzt bin. Ich stoße an Grenzen, der Geduld, der Kraft. Grenzen wegen zu wenig Zeit. Aber offensichtlich ist das für Gott gar kein Problem. Es ist ok. Es ist in Ordnung, dass ich nicht alles schaffe. Es ist in Ordnung das manches liegenbleibt. Und es ist auch in Ordnung wenn Dinge nur so 80% gut sind, weil 100% gerade einfach nicht geht. Wenn Gott damit seinen Frieden machen kann, dann kann ich das vielleicht auch. Und dann lässt auch das Gefühl der Überforderung ein bisschen nach. Denn, dass wir Menschen begrenzt sind, das ist ganz sicher schon immer unser Normalzustand und damit kann ich leben. 

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22JUN2021
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Aber wie geht das eigentlich: sich selbst zu lieben? Die wichtigste Regel, die Jesus seinen Freunden und Freundinnen mit auf den Weg gegeben hat, lautet: liebe Deine Nächsten wie Dich selbst. Es scheint also wichtig zu sein, das mit der Selbstliebe. Aber nicht selbstverständlich, sonst hätte Jesus das nicht so betont. Sich selber lieben, das heißt gut zu sich zu sein. Auf sich zu achten. Zu überlegen: was brauche ich, damit ich bei Kräften bleibe.

Das ist etwas ganz Elementares. Um es zu üben, kann man auch ganz elementar beginnen. Und das Elementarste was wir Menschen tun ist zu atmen. Atmen Sie genug? Klar, sagen Sie jetzt vielleicht, das mache ich ja ganz automatisch. Aber haben Sie in letzter Zeit einmal ganz bewusst geatmet. Tief durch die Nase ein und lange durch den Mund wieder aus. Frische Luft in die Lunge und die ganze alte Luft wieder raus. Die corona Pandemie hat sehr deutlich gezeigt: Atmen können ist ein Geschenk. Und es ist furchtbar, wenn man keine Luft bekommt – nicht atmen kann.

Genesene haben erzählt, wie sehr Ihnen das Angst gemacht hat. Aber auch die, die nicht erkrankt sind, haben gespürt, wie wertvoll es ist frei Atmen zu können. Weil sie aus Vorsicht und Rücksicht immer Maske getragen haben, wenn sie mit anderen Menschen zusammen gewesen sind. Ich bin eine von Ihnen. Und besonders in dem Moment, wenn ich die Maske vom Gesicht nehmen kann, spüre ich, wie wohl das tut tief durchzuatmen. Ich spüre meinen Körper. Und wenn ich ganz besonders achtsam bin, dann spüre ich wohin der Atem in meinem Körper geht. Im Schöpfungsbericht der Bibel heißt es: Gott hat den Menschen den Atem gegeben. Gott pustet Leben in seine Menschen. Und nicht nur in uns. Alle Lebenswesen teilen die selbe Luft. Und alle brauchen diese Luft zum Leben. Es ist Gottes göttlicher Hauch, der uns alle lebendig macht. Mir gefällt der Gedanke. Weil er mir vor Augen führt: wir sind Teil der Schöpfung – wie alle Lebewesen. Wir teilen einen Atem. Zwischendurch ganz bewusst diesem Hauch nachzuspüren, das ist wie ein Gebet. Und ganz nebenbei tut man sich selbst etwas Gutes. Das ist ein erster Schritt zur Selbstliebe. Liebe Deinen Nächsten wie Dich selbst hat Jesus gesagt. Ich bin überzeugt, wer gut zu sich selbst sein kann, dem fällt es leichter auch gut zu andern sein.

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21JUN2021
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„Wenn Du Gott nicht findest, dann schau tiefer!“ Den Satz habe ich auf der Homepage einer amerikanischen Sängerin gelesen. Nightbirde nennt sie sich – Nachtvogel. Eigentlich heißt Sie Jane Marczewski. Sie steht gerade besonders in der Öffentlichkeit, weil sie in der amerikanischen casting show: america got talent aufgetreten ist. Da hat sie ihre Geschichte erzählt. Jane ist schwer krebskrank. Ihre Überlebenschancen sind minimal. Seit der Diagnose hat sie nicht nur die anstrengenden Therapien überstehen müssen, sondern auch die Trennung von ihrem Mann. Jetzt, mit Anfang dreißig, sagt sie: In der dunkelsten Zeit, als ich auf dem Badezimmerfußboden lag und nicht mehr hochkam – da, ganz unten – da war Gott da.

Ich glaube, das ist bis heute häufig das Problem: wer Gott sucht, der sucht in der falschen Blickrichtung. Vielleicht liegt das daran, dass sich hartnäckig das Gerücht hält Gott sei im Himmel. Also irgendwie oben. Und Menschen, die das sagen, meinen damit oft: Gott ist weit weg. Aber ich glaube: Gott ist gar nicht so auf Abstand aus. Gott sucht Nähe. Und immer wieder machen Menschen die Erfahrung: Gott ist besonders dann nah, wenn das Leben schwer ist und dunkel. Wenn man am Boden liegt. Ganz unten. Und diese Erfahrung machen ja die meisten Menschen einmal in ihrem Leben: In dem Lied, das Nightbirde in der castingshow gesungen hat, heißt es: „Es ist ok, wenn Du Dich verloren fühlst, wir sind alle ein wenig verloren und es ist in Ordnung.“

Ich würde sagen: Es ist in Ordnung, weil Du nicht alleine bist. Weil andere Menschen das auch kennen und weil Gott an Deiner Seite bleibt. Die Sängerin hat aus dieser Erfahrung Kraft geschöpft. Sie ist wieder aufgestanden. Und lebt ihr Leben. Solange es möglich ist. Und sie macht mir Mut mit Ihrer Geschichte. Und auch mit ihren Texten. Auf Ihrer homepage lese ich: „Ihr könnt mich bitter nennen, das ist fair. Ihr könnt mich zu den Wütenden rechnen, zu den Zynikern, den Gekränkten und Verhärteten. Aber zählt mich auch zu den Freundinnen Gottes.“ So eine Freundin Gottes möchte ich auch sein. Und Gott immer weiter suchen – wenn nötig auch ganz unten.

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