Alle Beiträge

Die Texte unserer Radiosendungen in den Programmen des SWR können Sie nachlesen und für private Zwecke nutzen.
Klicken Sie unten die gewünschte Sendung an.


Anstöße SWR1 RP / Morgengruß SWR4 RP

05JUN2021
AnhörenDownload
DruckenAutor*in

„Also Iss freudig dein Brot und trink vergnügt deinen Wein.“ Ein Satz aus der Bibel. Einer, der mir in den letzten Monaten sehr geholfen hat. Immer dann, wenn mich der Coronablues überfiel. Ich leicht depressiv wurde wegen all der Einschränkungen. Sich möglichst mit niemandem treffen. Auf keinen Fall sich umarmen, selbst der freundschaftliche Klaps auf die Schulter – alles tabu. Distanz war und ist immer noch das Gebot der Stunde. Ich sehe das alles ein, habe mich auch darangehalten und werde es – soweit nötig - auch weiter tun. Aber manchmal war ich es einfach leid. Und da hat er mir geholfen, dieser einfache Satz aus der Bibel: „Also iss freudig dein Brot und trink vergnügt deinen Wein.“ Das ist so ein typischer Ratschlag aus dem Alten Testament. Genauer gesagt aus dem Buch Kohelet – wie wir Katholiken sagen – oder gut evangelisch: aus dem Buch Prediger. Dabei haben viele Sätze in diesem Buch eher einen pessimistischen Zug. „Alles ist Windhauch.“ Immer wieder wiederholt Kohelet, der Prediger, diesen Satz. Aber dann, mittendrin: „Also iss freudig dein Brot und trink vergnügt deinen Wein.“ Was er damit sagen will: Gerade weil das Leben oft sehr frustrierend ist, langweilig und grau.  Und einem vieles sinnlos vorkommt, Windhauch eben, gerade deshalb ist es wichtig, sich an den elementaren Dingen des Lebens zu erfreuen. Und dazu zählt natürlich auch Essen und Trinken. Und so war es dann auch, wenn mich der Coronablues überfallen hat. Wenn ich mich zu nichts aufraffen konnte. Und das ewige Projekt „Keller aufräumen“ mich erst recht nicht in bessere Stimmung brachte. Dann tat es gut, Kartoffel zu schälen, Gemüse zu putzen und Eier, Fisch oder Fleisch in die Pfanne zu hauen. Und anschließend diese Mahlzeit mit Genuss zu essen und dazu auch vergnügt ein Glas Wein zu trinken. Das hat die Welt nicht gerettet, aber meinen Coronablues ein wenig vertrieben. Danke für den Tipp lieber Kohelet, Prediger aus dem Alten Testament.

https://www.kirche-im-swr.de/?m=33285
04JUN2021
AnhörenDownload
DruckenAutor*in

„Schenke mir ein hörendes Herz“ (1 Kön 3,9), man glaubt es kaum, ein Politiker hat das gesagt. Ist schon ein bisschen her, der Satz steht nämlich in der Bibel. Und der Politiker war der König Salomo. Normalerweise kommen in der Bibel die Könige Israels nicht gut weg. Häufig werden sie mehr kritisiert als gelobt. Eine Ausnahme bildet Salomo. Zu Gott hat er ein gutes Verhältnis, deshalb gewährt ihm Gott am Anfang seiner Regentschaft auch einen Wunsch. Und Salomo, der sich eigentlich zu jung und unerfahren für seine Aufgabe fühlt, bittet Gott, ihm ein „hörendes Herz“ zu schenken. Nicht Macht, nicht Reichtum, nicht Kriegsglück, sondern ein hörendes Herz wünscht er sich für seine Regentschaft.

Das Herz ist im Judentum der Sitz von Verstand und Wille, nicht von Gemüt und Gefühl wie bei uns. Salomo bittet Gott also: Schenke mir die Kraft, meinen ganzen Willen und meinen Verstand dafür einzusetzen, Dir und dem andern gut zuzuhören. Zuhören können und versuchen den andern - gerade auch den politischen Gegner - zu verstehen, ist eine wichtige Tugend in der Politik.

In einigen Monaten ist Bundestagswahl. Die Kanzlerkandidaten stehen fest und die Parteien haben auch ihre Leute für das Parlament aufgestellt. In den politischen Talkshows im Fernsehen hat der Vorwahlkampf schon begonnen. Frauen und Männer treten dort gegeneinander an und kämpfen manchmal recht laut und rechthaberisch um meine Stimme. Ich will mal darauf achten, wer von Ihnen am besten zuhören kann und sich redlich bemüht, den politischen Gegner zu verstehen. Denn die Zeit des Salomo, des Königs mit dem hörenden Herzen, zählt zu den glücklichsten Epochen in der Geschichte Israels.

https://www.kirche-im-swr.de/?m=33284
02JUN2021
AnhörenDownload
DruckenAutor*in

„Wer von Euch ohne Sünde ist, der werfe den ersten Stein“ (Joh 8,8). Ein geflügeltes Wort, es stammt aus der Bibel. Eine Frau wurde beim Ehebruch ertappt. Steinigung war damals die vorgesehene Strafe für ein solches Vergehen. Die Schriftgelehrten und Pharisäer, die Moralisten jener Zeit, schleppen die Frau vor Jesus und wollen seine Meinung wissen. Er weigert sich aber Stellung zu beziehen, sagt nicht ja oder nein, richtig oder falsch, sondern er sagt diesen Satz: „Wer von euch ohne Sünde ist, der werfe den ersten Stein.“ Jesus macht einfach nicht mit beim Beurteilen und Verurteilen, beim berühmten Daumen-runter-Spiel.

Steinigungen gibt es bei uns schon lange nicht mehr, erst recht nicht bei Ehebruch. Aber das Daumen-runter-Spiel ist weit verbreitet. Und Dank der so genannten sozialen Netzwerke zu einem Massenphänomen geworden. Permanent wird man dort aufgefordert zu beurteilen und zu bewerten. Daumen hoch oder Daumen runter. Alles, Restaurants, Hotels, Ärztinnen, Handwerker, Politikerinnen, Sänger, Schauspielerinnen, jeder und jede wird beurteilt und das in aller Öffentlichkeit. Wehe dem, der einmal einen Fehler macht oder gar ein unbedachtes Wort loslässt. Wenn er Pech hat, wird er dann Opfer eines Shitstorms, einer Lawine von negativer Kritik – einer virtuellen Steinigung.

In der biblischen Geschichte haben die Pharisäer und Schriftgelehrten die Frau nicht gesteinigt. Nach Jesu Satz „Wer ohne Sünde ist, werfe den ersten Stein“ ging einer nach dem andern fort, zuerst die Ältesten. Sie haben ihre Lektion gelernt, es ist ihnen vielleicht nicht leichtgefallen, aber sie haben die Steine aus der Hand gelegt.

https://www.kirche-im-swr.de/?m=33283
01JUN2021
AnhörenDownload
DruckenAutor*in

„Gott der Herr nahm also den Menschen und setzte ihn in den Garten Eden, damit er ihn bebaue und hüte“ (Gen 2,15). Ein Satz aus der Bibel. Im Paradiesgarten in Koblenz kann ich ihn lesen. Er steht dort in Stein gemeißelt auf einem großen Wasserbecken. Ich gehe gerne in diesen Paradiesgarten: Schöne alte Bäume stehen dort, Blumen, Wiese, Bänke - eine kleine Oase mitten in der Stadt.

„Gott der Herr nahm also den Menschen und setzte ihn in den Garten Eden, damit er ihn bebaue und hüte.“ Das Paradies, der gute Anfang, war also ein Garten. Ein Garten, kein Urwald. Nicht Natur pur, sondern gestaltete Natur, wo Wege angelegt werden, wo es Beete gibt und wo Bäume und Sträucher auch mal gestutzt werden. Und das ist ja dann auch der Auftrag Gottes an uns, wir sollen diesen Garten bebauen. Das haben wir jetzt auch hinlänglich Jahrtausende lang gemacht. Haben nicht nur Bäume und Sträucher gestutzt und Wege angelegt, sondern ganze Wälder abgeholzt, riesige Löcher in die Erde gebaggert und ganz schön viel Boden zugepflastert. Und viele haben sich dabei auch noch auf den Auftrag Gottes „den Garten zu bebauen“ berufen. Typisch Mensch, Gottes Gebrauchsanweisung mal wieder nur halb gelesen.  Dass da auch noch das Wort „Hüten“ steht, haben wir geflissentlich überlesen. Hüten bedeutet nämlich vorsichtig sein. Aufpassen, dass da nichts zerstört wird von der guten Schöpfung Gottes. Mit allem pfleglich umgehen, sich liebevoll um alles Lebendige in diesem wunderschönen Garten kümmern. Nach dem wir Jahrtausende lang wie wild rumgebaut haben ist jetzt mal hüten angesagt. Sonst wird es für unsere Kinder und Kindeskinder keine Paradiese mehr geben auf dieser Welt.

In unserm Paradiesgarten in Koblenz ist noch ein zweiter Spruch in Stein gemeißelt, er stammt von Erich Kästner und passt wunderbar zum Spruch aus der Bibel: „Die Erde soll früher einmal ein Paradies gewesen sein, möglich ist alles. Die Erde könnte wieder ein Paradies werden, alles ist möglich.“

https://www.kirche-im-swr.de/?m=33282
31MAI2021
AnhörenDownload
DruckenAutor*in

„Bei Euch soll es nicht so sein.“ Ein Forderung Jesu an seine Jünger. Die Szene dazu:  Jakobus und Johannes, Jünger Jesu von Anfang an, bitten Jesus um einen besonders guten Platz im Himmel. Sie wollen direkt neben ihm sitzen, rechts und links von ihm – sozusagen in der ersten Reihe. Jesus nutzt diese Bitte der beiden, um mal was Grundsätzliches loszuwerden. Originalton Jesus: Ihr wisst, dass die, die als Herrscher gelten, ihre Völker unterdrücken und die Mächtigen ihre Macht über die Menschen missbrauchen. Bei euch aber soll es nicht so sein, sondern wer bei euch groß sein will, der soll euer Diener sein“ (Mk 10,42-44). Das hat gesessen. Ich stelle mir vor, dass sich nach dieser Antwort Jesu Jakobus und Johannes ganz kleinlaut in eine Ecke verkrümelt haben, mal über sich selbst, ihr Denken und Tun, nachgedacht und für eine Zeitlang die Klappe gehalten haben.

Und das hat nicht nur damals gesessen, das sitzt auch heute noch. Als Anspruch an alle, die sich auf diesen Jesus berufen. Erst recht als Anspruch an die Kirche, die ja von sich behauptet eine Gemeinschaft von Jüngerinnen und Jünger Jesu zu sein.

Es tut mir weh festzustellen, dass auch in der Kirche Macht missbraucht wird. Genau wie bei den Mächtigen dieser Welt, von wegen „bei Euch soll es aber anders sein.“

Was ich mir in dieser Situation von meiner Kirche wünsche: Dass wir erstmal kleinlaut werden und gründlich über uns selbst nachdenken. Dass wir Täter benennen und Opfern zur Seite stehen. Dass wir alles, was Machtmissbrauch fördern kann, kritisch unter die Lupe nehmen. Unsere Strukturen, unsere Ämter, unsere Lehrsätze, unser Gehabe und Getue.  Und dass wir als Kirche – zumindest in Fragen der Sexualmoral – für eine Zeitlang einfach mal die Klappe halten.

https://www.kirche-im-swr.de/?m=33279